Isle of Man Open

Noch läuft der Weltcup, wobei die wichtigste Entscheidung bereits gefallen ist: Wer erreicht das Finale und qualifiziert sich sich damit für das Kandidatenturnier? Das nächste Turnier ist quasi auch “Teil des WM-Zyklus” – allerdings können nur zwei von insgesamt derzeit 161 Teilnehmern ihre Chancen, im April 2018 in Berlin mitzuspielen, verbessern oder auch verschlechtern. Gemeint ist das Isle of Man Open, offiziell “Chess.com Isle of Man International”. Chess.com ist da letztes Jahr eingestiegen, prompt haben ihre Lieblinge Caruana, So und Nakamura mitgespielt. Dieses Jahr gibt es noch mehr Preisgeld und wohl auch ein höheres Budget für Startgelder, daher ein noch stärkeres Teilnehmerfeld.

Ich nenne zunächst die ersten 20 der Setzliste: Carlsen, Kramnik, Caruana, Anand, Nakamura, Adams, Gelfand, Eljanov, Vallejo, Almasi, Vidit, Naiditsch, Howell (soweit, Stand 1.9.2017, Elo über 2700), Short, Rodshtein, Sutovsky, Leko, Kasimdzhanov, Rapport, Movsesian. Bei einigen dieser Spieler, und auch bei anderen stand in der Teilnehmerliste anfangs “subject to progress in World Cup” – zwei (So und Vachier-Lagrave) haben sich kurzfristig abgemeldet: im Prinzip konnten sie heute (Freitag) anreisen und morgen (Samstag) auf der Isle of Man mitspielen, aber das wollten sie dann doch nicht. Ein anderer, Nummer eins der Setzliste, hat sich nach seinem Ausscheiden beim Weltcup spontan angemeldet, und für ihn war noch Platz.

Unkonventionell wie ich bin gebe ich das Titelfoto allerdings nicht dem (sehr oft abgebildeten) Magnus Carlsen, sondern Vorjahressieger Pavel Eljanov (Archivquelle die damalige Turnierseite). Damals bestätigte er sein Ergebnis beim Weltcup 2015 – mit der diesmal beim Weltcup gezeigten Form wird er nicht in den Kampf um den Turniersieg eingreifen.

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Von den nächsten Seiten der Teilnehmerliste nenne ich nicht alle, sondern jeweils einige aus den Rubriken Damen, Jungstars, ehemalige Weltklassespieler und deutsche Teilnehmer(innen): Seite 2 (Nummer 21-40) Hou Yifan, Jeffery Xiong, Alexei Shirov, ab Nummer 37 auch deutschsprachige Teilnehmer: Bogner ist Schach-Schweizer, Bindrich, Huschenbeth und Svane sind total deutsch (Dänemark ist bei Rasmus Svane anderer Meinung, aber das nur nebenbei). Dann kann ich hier auch noch die drei Niederländer Bok, l’Ami und Sokolov erwähnen – zuvor alle drei in unterschiedlichen Rollen beim Weltcup in Tiflis.

Seite 3 nun nicht strikt nach Elo sortiert sondern nach Schublade: Damen Ju Wenjun, Kosteniuk und Harika, Jungstar Bogdan Daniel Deac, Altmeister Jan Timman, aus Deutschland Dennis Wagner, Alexander Donchenko, Nikolas Lubbe und Jonas Lampert. Ab hier nicht mehr alle deutschen Teilnehmer. Seite 4 Altmeister Helgi Olafsson, Jungstars Praggnanandhaa (klappt es diesmal mit einer GM-Norm?) und Nihal Sarin, bei den Damen Batsiashvili, Paehtz und Ushenina. Ab hier nur noch ein paar Namen: IM Dietmar Kolbus als elobester “Isle of Man resident”, Anna Rudolf, Alina l’Ami und Filiz Osmanodja als weitere Damen, Claus Seyfried teilt vielleicht seine Eindrücke vom Turnier, der Letzte der Setzliste Kevin Mike Hopson kommt (da täuscht der Name etwas) aus Deutschland und hat Elo 1929.

Ein paar Punkte aus den News-Berichten auf der Turnierseite vorab: 3. April unter anderem “the first round draw to determine pairings will be fully random, i.e. any player can be paired against any other player in round 1” – nicht wie üblich obere gegen untere Hälfte der Setzliste, d.h. Carlsen könnte bereits in Runde eins gegen z.B. Kramnik spielen, oder auch gegen Kevin Mike Hopson. Hou Yifan könnte in Runde eins – wenn die Paarungen wirklich rein zufällig sind und nicht gegebenenfalls korrigiert werden – gegen eine Dame spielen. 12. Mai unter anderem “das Turnier ist ausgebucht” sowie der erneute Hinweis an Spieler mit Schachtitel, dass Anfragen betrifft Konditionen sinnlos sind (das Budget ist erschöpft) – “es sei denn, ihre Initialen sind MC”. Malte Colpe, demnächst IM, hatte das offenbar nicht mitbekommen, ein Norweger fühlte sich dagegen später angesprochen – und das war dann ein “STOP PRESS”-Newsbericht.

Das Preisgeld ist durchaus attraktiv, auch im Vergleich zum Vorjahr: damals war es insgesamt 50.000£ (erster Preis 12.000£), diesmal ist der erste Preis 50.000£ und dann noch neun weitere Preise (25.000/12.500/6.250 usw.) – das heisst, dass einige aus der top20 wohl leer ausgehen werden, aber es gibt ja auch Konditionen. Für die Damen gibt es immerhin 6.000/3.000/1.500/1.250/1.000/500£. Platz drei bei den Damen ist damit genauso viel wert wie Platz zehn insgesamt, und mehr als die Ratingpreise (500-1250£ in diversen Elozonen). Im Regelwerk steht unter anderem: Konditionen nur auf Einladungen, niemand kann sich selbst einladen. Und auch “Participants are expected to maintain acceptable standards of dress and behaviour.” – das ist etwas vage, Shorts dabei angesichts der Wettervorhersage (Höchsttemperaturen um 15ºC) ohnehin nicht empfehlenswert.

Gespielt wird vom 23.9.-1.10. ab 13:30 Ortszeit (Schlussrunde um 12:00), in Mitteleuropa ist es jeweils eine Stunde später. Die Bedenkzeit ist relativ grosszügig: 100 Minuten für 40 Züge, dann 50 Minuten für die nächsten 20 Züge, dann nochmals 15 Minuten für den Rest mit 30 Sekunden Inkrement von Anfang an. Das heisst auch, dass Partien bis zu sieben Stunden dauern können.

Und warum ist das Turnier “Teil des WM-Zyklus”? Nachdem Wesley So im Weltcup-Halbfinale ausschied, streiten sich nach wie vor drei Spieler (neben So Caruana und Kramnik) um zwei Eloplätze für das Kandidatenturnier – und das Rennen bleibt knapp. Die Erfahrung zeigt, dass Weltklassespieler in offenen Turnieren bis zu 10 Elopunkte gewinnen aber auch verlieren können – verlieren kann man dabei noch mehr, z.B. musste Anand sich nach Gibraltar 2016 von 22 Elopunkten verabschieden. Nach Elo haben So, Nakamura und Caruana bei der US-Meisterschaft alle verloren (auch Stichkampfsieger So) – auf der Isle of Man bekommen sie wohl elomässig etwa vergleichbare Gegner. Caruana hatte 2016 auf der Isle of Man 10 Elopunkte zugelegt, die landeten später im Mittelmeer – Gibraltar 2017 Elo minus zehn (u.a. Niederlage gegen Nigel Short). Kramnik hat seine Teilnahme in Katar 2014 und 2015 nicht bereut – aber was nicht war kann eventuell noch werden. Carlsen schafft eventuell das, was beim Weltcup nicht funktionierte: das Teilnehmerfeld des Kandidatenturniers beeinflussen, z.B. wenn er gegen Caruana gewinnt und gegen Kramnik verliert oder umgekehrt.

Übrigens ist es für Kramnik nicht das letzte Turnier im Elorennen – mittlerweile ist wohl definitiv, dass er danach (8.-14. Oktober) beim Europacup für Vereinsteams mitspielt. Das sind die Aufstellungen mit einigen Überraschungen: sein Team Sibiria-Sirius ist klarer Favorit, Konkurrenz nur von Alkaloid aus (nominell) Mazedonien. Nur ein zweiter russischer Verein (Legacy Square Capital mit sieben sub-2700 Russen), OR Padova nur mit Italienern (früher hatten sie Ausländer mit Elo 2700+), offenbar gar kein deutscher Verein, usw. . Nach wie vor ist offenbar nicht öffentlich bekannt, wer bei der EM für Nationalmannschaften (European Team Chess Championship) spielt – Meldeschluss war 28. August, aber die Turnierseite sagt derzeit eigentlich nur, dass es am Ruhetag eine Exkursion gibt.

P.S.: Durch die “freie” Auslosung gibt es bereits in Runde eins hochkarätige GM-Duelle, u.a. Caruana-Kramnik(!), Adhiban-Gelfand, Timman-Rapport und Kosteniuk-Hou Yifan. Einige deutsche Teilnehmer(innen) haben auch bereits starke Gegner: Vidit-Svane, Short-Osmanodja, Wagner-Riazantsev, Sargissian-Huschenbeth, Sethuraman-Donchenko.

TurnierseiteErgebnisse
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