„European Club Cup light“

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(Das ist die „aufgewärmte“ Vorschau, unten kurz zum Stand nach fünf von sieben Runden in beiden Turnieren) Diesen Titel muss ich wohl erklären: In welcher Hinsicht ist der Europacup für Vereinsteams dieses Jahr weniger stark, und ausserdem weniger „deutsch“ besetzt als die letzten Jahre? Dazu ein paar Daten:

2017 36 Teams, 79 GMs, 29 IMs, 19 Spieler mit Elo >2700 (verteilt über 5 Teams), 4 deutsche Spieler.

2016 62 Teams, 145 GMs, 74 IMs, 25-mal >2700 (in 8 Teams), 33 Deutsche.

2015 50 Teams, 111 GMs, 60 IMs, 33-mal >2700 (in 10 Teams), 26 Deutsche.

2014 52 Teams, 118 GMs, 60 IMs, 24-mal >2700 (in 7 Teams), 49 Deutsche.

2013 53 Teams, 92 GMs, 73 IMs, 21-mal >2700 (in 7 Teams), 40 Deutsche.

Am Austragungsort, dem Avantgarde Resort Hotel – Titelfoto und später noch eines von der Hotelseite – in Antalya bzw. dem nahegelegenen Tourismuszentrum Göynük/Kemer, liegt es nicht – oder vielleicht doch? Chessbase schreibt „Schach ist zwar im Großen und Ganzen eher unpolitisch und die Schachwelt versteht sich als eine große Familie, aber die politischen Spannungen zwischen den Regierungen Deutschlands und der Türkei könnten beim Verzicht einiger Mannschaften oder deren Spieler schon eine Rolle gespielt haben.“ Ein Kommentar dort erwähnt auch die relativ hohen Kosten – Organisationsgebühr 100 Euro pro Teilnehmer und Begleitperson, Übernachtung im Einzelzimmer ab 110 Euro pro Nacht (Doppelzimmer 73 Euro pro Person, Dreibettzimmer 65 Euro pro Person). Nicht alle Vereine bzw. Spieler können oder wollen das bezahlen?

Frauen

Deutsche sind diesmal kaum vertreten, da gar keine deutsche Mannschaft mitspielt – Baden-Baden boykottiert den Europacup ohnehin, zu anderen Vereinen siehe eventuell oben. Die vier deutschen Spieler sind Liviu-Dieter Nisipeanu (mal wieder Rumäne, spielt für Baia Mare am Spitzenbrett), Dennis Wagner für Nice Alekhine aus Frankreich, Jan Michael Sprenger (wohnt ohnehin in den Niederlanden) für LSG Leiden und weit unten in der nach Elo sortierten Spielerliste Constantin Vogel (Elo 1963) für Benildus Chess Club aus Irland. Bei den Damen ist Elisabeth Paehtz Gelegenheits-Rumänin für Timisoara.

Grossmeister sind noch relativ zahlreich vertreten, wohl da Teams mit Ambitionen und Geld auf sie nicht verzichten wollen – auch da wollen oder müssen einige allerdings im Vergleich zu den letzten Jahren offenbar sparen. Die 2700er-Statistik ist zwar ein bisschen relativ – z.B. war Kryvoruchko die letzten Jahre Mitglied im Club und diesmal nicht – aber diesmal verteilen sich diese Spieler über weniger Teams im Verhältnis 6-5-4-3-1. Schon sind wir bei den Mannschaftsaufstellungen, jeweils mit ein bisschen neuerer Europacup-Geschichte dazu:

Globus ist recht klarer Favorit: Kramnik, Mamedyarov, Grischuk, Karjakin, Giri, Nepomniachtchi, Korobov, Khismatullin. Früher hiess dieses Team „Siberia“, daher kommt der Sponsor. Globus (Weltauswahl) stimmt nicht wirklich, Mannschaftssprache ist wohl jedenfalls Russisch. Letztes Jahr wurde Siberia nur Sechster – schlechteste Wertung von fünf Teams mit 11-3 Mannschaftspunkten. 2015 gewannen sie, davor gab es Sibirien (als Team mit Weltklasse-Grossmeistern) noch nicht. Kramnik hat nach eigener Aussage die Hoffnung, sich über Elo für das Kandidatenturnier zu qualifizieren, noch nicht (ganz) aufgegeben. Wenn er beim Europacup gut abschneidet, will er eventuell danach – obwohl momentan nicht im russischen Aufgebot – auch bei der Mannschafts-EM für Nationalteams mitspielen. Wenn nicht, dann wird er nach eigener Aussage ein zwei Monate pausieren.

Alkaloid aus Mazedonien (jedenfalls der Sponsor und zwei Spieler) ist Titelverteidiger. Sie spielen mit Ding Liren, Yu Yangyi, Eljanov, Jakovenko, Andreikin, Kryvoruchko, Pancevski und Nedev. Dieselben Spieler wie letztes Jahr, nur die Brettreihenfolge ist anders. Die beiden Mazedonier Pancevski und Nedev spielten 2016 je zwei Partien von sieben. 2015 landeten sie (mit Ivanchuk und Tomashevsky, ohne Ding Liren und Eljanov) auf Platz 6, davor gab es dieses Team noch nicht.

Mednyi Vsadnik gibt es dagegen schon länger, wobei sie sich früher passend zum Spitzenbrett St. Petersburg nannten: Svidler, Fedoseev, Matlakov, Vitiugov, Rodshtein, Khairullin, Goganov. Fedoseev spielte zuvor an den hinteren Brettern, nun ist er aufgerückt – wohl auch aber nicht nur, da Dominguez und Bu Xiangzhi diesmal fehlen. Relativ weit vorne dabei waren sie immer, gewonnen haben sie nur 2011. Mednyi Vsadnik bedeutet übrigens Goldener Reiter und bezieht sich auf ein Standbild Peter des Grossen (gemeint ist nicht Svidler).

AVE Novy Bor gibt es auch schon einige Jahre, traditionell als tschechisch-polnisch-indisches Team, nun auch mit einem Österreicher: Wojtaszek, Harikrishna, Navara, Sasikiran, Ragger, Laznicka, Bartel. Markus Ragger spielte zuvor zweimal für Maria Saal aus Österreich, und 2014 für Solingen – damals immerhin Fünfter. Novy Bor war mehrfach Geheimfavorit, 2013 klappte es mit der Geheimhaltung nicht – sie gewannen vor höher einzuschätzenden Teams.

Legacy Square Capital aus Moskau spielt traditionell mit Russen der zweiten Garnitur, immer noch respektable GMs: Najer, Inarkiev, Malakhov, Grachev, Zvjaginsev, Popov, Zlochevskij. Zlochevskij (Elo 2489) ist nicht so respektabel und wird vermutlich kaum eingesetzt.

Odlar Yurdu erwähne ich noch, da immerhin das Spitzenbrett aktuell Elo knapp über 2700 hat: Naiditsch, Mamedov, Guseinov, Safarli, Abasov, Mirzoev. Sie kommen alle aus Aserbaidschan und sind nun einziger Vertreter dieser Schachnation – SOCAR als zusammengekaufte Startruppe, das war einmal (bis 2015).

Zwischen den Partien werden die Spieler (bei Temperaturen bis 25ºC) vielleicht auch einige Zeit hier verbringen, oder im bereits gezeigten Pool.

Nur noch zu einigen anderen Teams: Obiettivo Risarcimento Padova ist diesmal nur Nummer 10 der Setzliste, da sie diesmal sechs Italiener im Aufgebot haben. Einerseits logisch für ein Team aus Italien, andererseits: 2016 spielten sie mit Vachier-Lagrave, Aronian, Gelfand, Leko und Bacrot. 2015 hatten sie ebenfalls Leko, Vachier-Lagrave und Bacrot, ausserdem Karjakin und Nakamura. 2014 hatten sie Caruana (damals noch Italiener), Nakamura, MVL, Bacrot und Fressinet, und 2013 als Guido Cortuso Padova immerhin Nakamura und Harikrishna. Offenbar hat der Sponsor nun die Geduld verloren, da es nie für eine Medaille reichte.

LSG Leiden ist das erste Team ohne Grossmeister, wobei einige – neben Spitzenbrett Jan Michael Sprenger vielleicht auch Brett 2 Arthur Pijpers und eventuell der 15-jährige Casper Schoppen – wohl auf GM-Normen hoffen. Riga Technical University hat mit WGM Laura Rogule und WIM Anna Kantane zwei Damen im Herrenteam – nicht dabei Shirov, der im Laufe der Jahre für diverse Vereine spielte und diesmal gar nicht.

Ebenfalls diverse Damen bzw. Mädchen hat der Allerletzte der Setzliste Hatay Büyükşehir Belediyesi Spor Kulübü (zum Glück gibt es Copy-Paste): diese türkische Truppe hat Elo 0-1765 und Baujahr 1996-2005. Copy-Paste bemühe ich nun auch für die anderen türkischen Teams: Karaman Belediyesi Spor Kulübü, Genç Akademisyenler Eğitim Kültür ve Ara, Beşiktaş Jimnastik Kulübü sowie (einfach und doch auch kompliziert) Elektroprivreda. Kann jemand aus dem Leserkreis Türkisch? Den kürzesten Vereinsnamen hat 3CS aus England – das bedeutet „Children’s Chess Club“. Beim Europacup spielen sie allerdings mit Erwachsenen, der jüngste Spieler ist Jahrgang 1999. Laut Vereinshomepage sind das Spielertrainer, Eltern bzw. (den Verein gibt es seit 1978) Kinder die eben erwachsen wurden.

Noch kurz zum Damenturnier – 12 Teams, die türkischen mit einfachen Namen: Anatolia, Marmara, Aegean und Mediterranean. Auch da viele, die das letzte Jahrtausend nur vom Hörensagen kennen – Marmara hat dennoch einen Eloschnitt von immerhin 2137. Favoriten sind allerdings andere: an eins gesetzt Batumi Chess Club NONA mit Harika und fünf Georgierinnen (Dzagnidze, Khotenashvili, Batsiashvili, Melia und die recht unbekannte WFM Japaridze), daneben UGRA Chess Clup (Girya, Pogonina, Ushenina usw.), Legacy Square (Kashlinskaya, Kovalevskaya usw.), vielleicht auch noch Odlar Yurdu – die Damen aus Aserbaidschan haben ja auch Team Deutschland schwer geärgert. Noch zwei Teams mit bekannten Namen am Spitzenbrett: Bossa Nova aus Weissrussland mit vorne Zhukova, und Cs Studentesc Medicina Timisoara mit vorne Elisabeth Paehtz.

Gespielt wird ohne allgemeinen Ruhetag vom 8.-14.10. jeweils ab 15:00 Ortszeit – eine Stunde früher in Mitteleuropa. Sieben Runden Schweizer System – auch bei den Damen, kuriose Paarungen gegen Ende sind vorprogrammiert. Bedenkzeit ist 90 Minuten für 40 Züge plus 30 Minuten für den Rest plus 30 Sekunden Inkrement ab dem ersten Zug. Und das ist die Turnierseite

Stand momentan im offenen Turnier: Globus und Odlar Yurdu 9 Mannschaftspunkte, Alkaloid, Novy Bor, Mednyi Vsadnik, Baia Mare 8, Legacy Square Capital und Beer Sheva 7, usw. . Die Kramnik-Truppe Globus (bisher hat er zweimal mitgespielt) hat die recht klar bessere Wertung, war allerdings in Runde 5 mit einem 3-3 gegen die Naiditsch-Truppe Odlar Yurdu gut bedient. Alkaloid verlor bereits in Runde zwei gegen Legacy Square, bekam danach drei Aufbaugegner (6-0, 5-1 und 5.5-0.5) und hat nun wieder Chancen auf die Titelverteidigung. Novy Bor verlor knapp gegen Globus und gewann knapp gegen Legacy Square und Beer Sheva. Mednyi Vsadnik (St. Petersburg) hat bisher zweimal 3-3 gespielt – etwa auf Elo-Augenhöhe gegen Legacy Square sowie leicht überraschend (da an allen sechs Brettern ca. 100 Elopunkte besser) gegen Beer Sheva. Die Nisipeanu-Truppe Baia Mare verlor glatt gegen Globus und gewann hoch gegen die anderen nominell unterlegenen Gegner. Die Match-Verlustpunkte von Legacy Square (Moskau) sind bereits genannt, das gilt auch für Beer Sheva aus Israel (mit am Spitzenbrett dem Ukrainer Efimenko).

An den vordersten Tischen heute (Freitag): Alkaloid-Globus, Odlar Yurdu-Mednyi Vsadnik, Baia Mare-Novy Bor und Legacy Square-Beer Sheva. Novy Bor und Legacy Square sind recht klar favorisiert, wobei Beer Sheva in ihren beiden bisherigen Topmatches elf von zwölf Partien remis halten konnte und demnach auch heute voraussichtlich zumindest nicht hoch verlieren wird. Die Entscheidung fällt dann wohl erst in der letzten Runde.

Stand bei den Damen: Batumi und Odlar Yurdu 8, Ugra 7, Legacy Square, Bossa Nova und Anatolia 6. Odlar Yurdu, quasi die azerische Damen-Nationalmannschaft, kann also nicht nur in Baku Schach spielen – da hatten sie bei der Olympiade zu Hause einige und später im Freundschaftskampf die deutschen Damen ordentlich geärgert. Nun besiegten sie zwei nominell bessere Teams – in Runde zwei „Georgien plus“ (mit Dronavalli Harikashvili), in Runde fünf Legacy Square, verstolperten allerdings ihren Bossa Nova gegen das so benannte „sowjetische“ (halb weissrussische) Team. Batumi (diesmal Elofavorit, da CE Monte Carlo nicht mitspielt) gewann ihre anderen Matches und liegt nach Wertung ganz knapp vorne. Ugra remisierte gegen Mit-Russinnen (Legacy Square) und verlor gegen Batumi. Legacy Square leicht im Plus. Bossa Nova kam nach drei Siegen zu Beginn etwas aus dem Tritt. Anatolia aus (wer hätte das gedacht) der Türkei konnte zu Beginn Batumi fast Paroli bieten (1,5-2,5), verlor gegen Odlar Yurdu ebenfalls knapp und gewann ansonsten dreimal.

Aus deutscher Sicht: Was machte Timisoara mit am Spitzenbrett Elisabeth Grandelius Paehtz?

(Foto David Llada, Turnierseite)

Zwei klare Siege gegen nominell schwächere Teams, zwei knappe Niederlagen gegen stärkere und ein respektables 2-2 gegen Legacy Square. Elisabeth Paehtz mit 3,5/5 ziemlich genau im Elosoll, das gilt kumulativ (nicht individuell) auch für ihre drei rumänischen Teamkolleginnen.

Paarungen der sechsten Runde, bei 12 Teams nenne ich alle: Ugra-Odlar Yurdu, Legacy Square-Batumi, Bossa Nova-Anatolia, Timisoara-Aegean, Mulhouse-Beer Sheva, Marmara-Mediterranean. In der Schlussrunde dann eventuell teilweise „krumme“ Paarungen, da die Spitzenteams bereits weitgehend aufeinander trafen – so ist es bei 12 Teams und 7 Runden Schweizer System.

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