Endrunden der Schweizer Nationalliga A

SMM: Winterthur, Zürich und Genf gehen Kopf an Kopf in die NLA-Schlussrunde vom 14./15. Oktober in Regensdorf – Hochspannung auch im Kampf gegen den Abstieg – Live-Übertragung der beiden Spitzenkämpfe im Internet

Der 21-jährige IM Nikita Petrow (Genf) ist mit 6½ Punkten aus 7 Runden erfolgreichster NLA-Spieler, hat aber keine Chance mehr auf eine GM-Norm

Von Markus Angst – Erstmals seit 2007 – damals standen Sorab Basel, Reichenstein und Mendrisio gemeinsam an der Tabellenspitze – gehen am kommenden Wochenende im Hotel «Mövenpick» in Regensorf (Zuschauer sind bei freien Eintritt herzlich willkommen!) drei Teams punktgleich in die Doppel-Schlussrunde der Nationalliga A in der Schweizerischen Mannschaftsmeisterschaft (SMM). Winterthur, Zürich und Genf haben je 12 Punkte aus sieben Runden auf dem Konto und sind durch 3½ bzw. 6½ Einzelpunkte getrennt. In der letzten Runde am Sonntag kommt es zum Showdown zwischen Vizemeister Winterthur und Titelverteidiger Zürich.

Winterthur, das in der 3. Runde bei der 3½:4½-Niederlage gegen Genf seine einzigen Punkte abgegeben hat, reist zwar als Leader nach Regensdorf. Der Vizemeister hat aber mit dem unerwartet in den Abstiegsstrudel geratenen Vorjahresvierten Luzern (Samstag) und Zürich (Sonntag) noch ein happiges Schlussrunden-Programm.

Entsprechend vorsichtig beurteilt Captain Roman Freuler die Chancen seiner Equipe: «Wir sind mit unserer Saison sehr zufrieden und freuen uns, als Tabellenführer und Titelkandidat in die Schlussrunde gehen zu können. Wir werden alles versuchen, auch unsere beiden letzten Wettkämpfe zu gewinnen und die Tabellenspitze zu verteidigen.» Roman Freuler ist sich aber bewusst, dass das ein schwieriges Unterfangen ist: «Wir sind zwar aktuell Leader und können mit zwei Siegen den Titel aus eigener Kraft holen, sehen die Titelchancen zwischen den drei Titelanwärtern aber als relativ ausgeglichen. Der Gewinn der Meisterschaft wäre für uns natürlich absolut historisch, geht unser letzter SMM-Titel doch ins Jahr 1981 zurück. Dies wird uns in den letzten beiden Runden zusätzlich beflügeln.»

Gedämpft optimistisch gibt sich auch Christian Issler, Captain von Titelverteidiger SG Zürich, die ebenfalls 3. Runde bei der überraschenden 2½:5½-Niederlage im Derby gegen Réti ihre einzige Saisonniederlage erlitt. Dem Rekordmeister, der neben Winterthur noch auf den in der 6. und 7. Runde aus dem Titelrennen gefallenen Vorjahresdritten Riehen trifft, winkt in Regensdorf der 26. Titel. «Eine Prognose ist fast unmöglich. Alles ist möglich, und die Tagesform wird wohl entscheiden.» Klar ist für Christian Issler, «dass Winterthur oder Zürich den Titel wahrscheinlich nur holen, wenn sie beide Matches gewinnen. Winterthur genügen dazu zwei knappe Siege. Wir hingegen dürften nebst den zwei schwer zu erzielenden Siegen gegen Riehen und Winterthur höchstens 2½ Einzelpunkte weniger als Genf machen. Gut möglich, dass es sogar zum erstmals zu einem Stichkampf um den Titel kommt.»

Lachender Dritter im Titelrennen könnte Genf sein – wie vor zehn Jahren Mendrisio, als die nach sieben Runden ebenfalls auf Rang 3 liegenden Tessiner als Einzige des Spitzen-Trios beide Matches gewannen und ihren bis heute einzigen Meistertitel holten. Als Fünfter der letzten Saison treffen die 6½ Einzelpunkte hinter Winterthur liegenden Genfer, die ihre einzige Saisonniederlage in der 2. Runde gegen Zürich erlitten (2:6), in Regensdorf auf keine Spitzenmannschaft mehr. Denn die Top 4 des Vorjahres spielen in der Doppelschlussrunde jeweils gegeneinander.

Doch trotz des auf dem Papier einfachen Schlussprogramms – am Samstag gegen den Vorletzten Mendrisio, am Sonntag gegen das achtplatzierte Bodan Kreuzlingen – will Vereinspräsident Patrice Delpin nichts verschreien. «Wir haben es nicht in unserer Hand, aus eigener Kraft Meister zu werden – nur Vizemeister.» Trotzdem bleiben die Genfer natürlich ein heisser Titelkandidat. Da zu erwarten ist, dass sie ihre beiden letzten Matches gewinnen, stehen Winterthur und Zürich unter Siegesdruck.

Wer steigt ab?

Ebenso spannend wie das Titelrennen ist der Kampf gegen den Abstieg – erst recht, seit das zu Saisonbeginn zu den Meisterschafts-Mitfavoriten zählende Luzern, das auf eine pitoyable Saison zurückschaut, in der 6. Runde völlig überraschend gegen das punktelose Schlusslicht Neuenburg verloren hat. Mit Luzern und Bodan (je 4 Punkte) sowie den beiden Aufsteigern Mendrisio (3) und Neuenburg (2) sind noch vier Teams gefährdet. Luzern trifft noch auf die beiden Spitzenteams Winterthur und Riehen, Mendrisio auf Genf und Neuenburg, Bodan auf Réti und Genf, Neuenburg auf Wollishofen und Mendrisio.

Wer hat noch Normen-Chancen?

Der für Winterthur spielende Internationale Meister Gabriel Gähwiler hat mit 6 Punkten aus sieben Runden eine Chance auf seine erste Grossmeister-Norm. Dafür braucht der 23-Jährige noch einen Grossmeister als Gegner (was bei Luzern und Zürich nicht unmöglich erscheint), einen Gegnerschnitt von mindestens 2380 ELO (+11 gegenüber den ersten sieben Runden) und einen Punkt aus den beiden letzten Partien.

De facto aussichtslos ist hingegen die Ausgangslage für Gabriel Gähwilers Teamkollegen Richard Forster (4½ aus 7) auf seine dritte GM-Norm nach dem Open Genf 1997 und dem Herren-Titelturnier an der SEM 2010. Der 42-Jährige müsste gegen zwei Grossmeister deutlich jenseits der 2600-ELO-Grenze spielen und beide Partien gewinnen. Doch selbst wenn er noch auf Robert Hübner und Christian Bauer träfe, hätten die beiden derzeit zusammen 130 ELO zu wenig, um Forster den nötigen Schnitt zu ermöglichen. Da es nahezu unmöglich ist, dass Hübner und Bauer auf die Oktober-Liste der FIDE so viele ELO gewinnen, hat Forster realistisch gesehen keine Chancen auf eine Norm.

Definitiv keine Chance auf eine GM-Norm mehr hat der mit 6½ Punkten aus 7 Runden erfolgreichste NLA-Spieler, Nikita Petrow (Genf). Der 21-jährige IM bräuchte lediglich noch zwei Grossmeister als Gegner in den beiden letzten Runden und könnte gar beide Partien verlieren – Pech nur, dass Genfs Schlussrunden-Gegner Bodan keinen GM auf seiner Spielerliste hat…

Auch für die zu den erfolgreichsten NLA-Spielern zählenden IM Dennis Kaczmarcyk (Winterthur/6 aus 7), IM Martin Ballmann (Winterthur/5½ aus 7) und IM Ilja Mutschnik (Zürich/5 aus 7) liegt keine GM-Norm mehr drin. Grund: zu wenige Grossmeister als Gegner.

Eine reelle Chance auf seine dritte IM-Norm in der SMM nach 2013 und 2016 (seine vierte insgesamt) hat der für Wollishofen spielende FM Marco Gähler (4 aus 7). Der 28-jährige Zürcher hat aus den bisherigen sieben Runden bereits genügend Titelträger zusammen – nun kommt es nur noch auf den Gegnerschnitt an. Mit dem aktuellen Schnitt braucht er 1 aus 2 aus den beiden letzten Partien. Fällt sein Gegnerschnitt um 8 oder mehr Punkte, benötigt er 1½ aus 2. Rein theoretisch wäre für Marco Gähler gar noch seine erste GM-Norm möglich (gewesen). Doch dafür bräuchte Gähler, der in der laufenden Saison im Überfluss gegen GM gespielt hat, zwei Siege gegen Spieler weit über 2600 ELO – und einen solchen hat Neuenburg als Wollishofens Gegner in der 8. Runde nicht im Kader.

Live-Übertragung im Internet

Von der NLA-Doppelschlussrunde in Regensdorf, die gemeinsam von der SG Zürich und dem SV Wollishofen organisiert wird und an der rund 50 Grossmeister und Internationale Meister zu sehen sein werden, wird jeweils ein kompletter Match an allen acht Brettern live im Internet übertragen – am Samstag ab 13 Uhr Riehen gegen Zürich, am Sonntag ab 11 Uhr Zürich gegen Winterthur. Zu sehen sind die Partien auf http://screti.ch/reti-live.html.

Nationalliga-A-Rangliste nach 7 Runden

1. Winterthur 12 (40½). 2. Zürich 12 (37). 3. Genf 12 (34). 4. Riehen 9 (33). 5. Réti Zürich 7 (27½). 6. Wollishofen 5 (22½). 7. Luzern 4 (26). 8. Bodan Kreuzlingen 4 (22). 9. Mendrisio 3 (19½). 10. Neuenburg 2 (18).

Partien der Doppel-Schlussrunde vom 14./15. Oktober in Regensdorf (Hotel «Mövenpick», Im Zentrum 2)

8. Runde (Samstag, 13 Uhr): Winterthur – Luzern, Riehen – Zürich, Mendrisio – Genf, Bodan – Réti, Wollishofen – Neuenburg.

9. Runde (Sonntag, 11 Uhr): Zürich – Winterthur, Genf – Bodan, Luzern – Riehen, Réti – Wollishofen, Neuenburg – Mendrisio.

Die erfolgreichsten Punktesammler in der Nationalliga A

IM Nikita Petrow (Genf) 6½ Punkte aus 7 Partien, GM Sebastian Bogner (Réti), IM Gabriel Gähwiler und IM Dennis Kaczmarcyk (beide Winterthur) je 6/7, IM Martin Ballmann (Winterthur) 5½/7, GM Gilles Mirallès (Genf) 5/5, GM Florian Jenni (Winterthur) und IM Ilja Mutschnik (Zürich) je 5/7, IM Nicolas Brunner (Riehen) 4½/5, GM Noël Studer (Zürich) GM Robert Fontaine (Genf) und GM Alexei Tschernuschewitsch je 4½/6, GM Robert Hübner (Luzern), FM Jörg Grünenwald (Zürich), FM Benedict Hasenohr (Winterthur) und FM Quentin Burri (Genf) je 4/5.

Einzelbilanz der 10 NLA-Teams

Winterthur (13 Spieler eingesetzt): IM Gabriel Gähwiler 6 Punkte aus 7 Partien, IM Dennis Kaczmarczyk 6/7, IM Martin Ballmann 5½/7, GM Florian Jenni 5/7, IM Richard Forster 4½/7, GM Nico Georgiadis 3/6, FM Benedict Hasenohr 4/5, GM Artur Jussupow 2½/4, FM Walter Bichsel 1½/2, Philipp Balcerak 1/1, Erich Lang 1/1, FM Emanuel Schiendorfer ½/1, FM Kambez Nuri 0/1.

Zürich (12): IM Ilja Mutschnik 5/7, GM Christian Bauer 4½/7, GM Lothar Vogt 4½/7, GM Yannick Pelletier 3½/7, IM Werner Hug 3½/7, GM Noël Studer 4½/6, FM Jörg Grünenwald 4/5, GM Lucas Brunner 3/4, FM Filip Goldstern 1½/2, FM Jonathan Rosenthal 1/2, GM Alexandra Kosteniuk 1/1, WGM Monika Müller-Seps 1/1.

Genf (12): IM Nikita Petrow 6½/7, GM Andrei Sokolow 3/7, GM Robert Fontaine 4½/6, GM Jean-Noël Riff 3½/6, IM Clovis Vernay 2/6, GM Gilles Mirallès 5/5, FM Quentin Burri 4/5, IM Alexandre Vuilleumier 2½/5, GM Juri Kryworuschko 1½/3, IM Hung Fioramonti 1/2, IM Claude Landenbergue ½/2, IM Richard Gerber 0/2.

Riehen (11): GM Jörg Hickl 4½/7, GM Andreas Heimann 4½/7, IM Ioannis Georgiadis 4/7, GM Ognjen Cvitan 3½/7, GM Olivier Renet 3½/6, IM Ralph Buss 3/6, IM Nicolas Brunner 4½/5, FM Christian Flückiger 2½/5, Sebastian Schmidt-Schäffer 2/2, Gregor Haag 1/2, FM Patrik Grandadam 0/2.

Réti Zürich (16): GM Sebastian Bogner 6/7, GM Mihajlo Stojanovic 3½/7, IM Christian Maier 3/6, Francesco Antognini 2½/5, FM Jonas Wyss 1½/5, IM Jewgeni Degtjarew 1/5, FM Kaspar Kappeler 2½/4, Michael Hofmann 1/4, Rubén Porras Campo 2/2, Sharif Mansoor 1½/2, Roland Levrand 1/2, Carmi Haas 1/2, Karl-Iversen Lapp ½/2, Lorenz Wüthrich ½/1, Christian Wagner 0/1, Peter Pfister 0/1.

Wollishofen (12): GM Michael Prusikin 4/7, FM Marco Gähler 4/7, Jürgen Fend 1½/7, IM Olivier Moor 2½/6, FM Fabian Mäser 2/6, IM Michael Hochstrasser 2½/5, FM Luca Kessler 1½/5, Andreas Umbach ½/4, IM Roger Moor 2/3, Martin Albisetti 1/3, Daniel Good 1/1, Markus Regez 0/1.

Luzern (15): IM Valery Atlas 3½/7, IM Roland Lötscher 2½/7, FM Fabian Bänziger 2/6, GM Robert Hübner 4/5, IM Oliver Kurmann 3/5, FM Roger Gloor 2/5, GM Martin Krämer 2/4, IM Beat Züger 1½/4, FM Vincent Riff 1½/3, IM Georg Fröwis 1½/2, FM Aleksandar Rusev 1/2, FM Gernod Beckhuis ½/2, Pirmin Lötscher ½/1, Lubomir Kovac ½/1, FM Dmitry Atlas 0/1.

Bodan Kreuzlingen (14): IM Peter Kühn 2½/7, FM Dieter Knödler 1/7, IM Alfred Weindl 3½/6, FM Marcel Wildi 2½/6, IM Theo Hommeles 1½/6, IM Dennis Breder 3½/5, Michael Schmid 1½/4, Peter Plüss 1/4, IM Frank Zeller 1½/3, Andreas Modler 2/2, Stefan Egle 1/2, Marcel Marentini ½/1, Dietmar Panek 0/1, Michael Norgauer 0/1.

Mendrisio (13): IM Emiliano Aranovitch 4/7, IM Renzo Mantovani 2/7, WGM/IM Yelena Sedina 1½/7, FM Fabrizio Patuzzo 1½/7, Alfredo Cacciola 3½/6, Oleg Zujew 3/6, FM Alec Salvetti 1½/6, Vladimir Paleologu 2/3, IM Fabio Bellini 0/2, FM Hans Karl 0/2, GM Michele Godena ½/1, David Camponovo 0/1, Nordal Cavadini 0/1.

Neuenburg (12): Hassan Roger Sadéghi 1/7, GM Alexei Tschernuschewitsch 4½/6, IM Guillaume Sermier 2½/6, Quentin Poignot 2/6, Christian Terraz 2/5, Roland Hauser 1½/5, Antonin Robert 1/5, FM Avni Ermeni ½/5, Pierre-Alain Bex 2½/4, Abderrahim Berrada 0/2, Jerôme Holveck 0/2, Philippe Berset ½/1.

Die Meister der letzten 10 Jahre

2016 SG Zürich

2015 Genf

2014 Réti Zürich

2013 Réti Zürich

2012 Genf

2011 Réti Zürich

2010 SG Zürich

2009 SG Zürich

2008 SG Zürich

2007 Mendrisio

Meistertitel seit der Einführung der SMM 1951

SG Zürich: 25

Allschwil: 8

Biel: 7

Nimzowitsch Zürich: 6

Genf: 4

Bern (Zytglogge): 3

Birseck: 3

Réti Zürich: 3

Basel: 2

Winterthur: 2

Luzern: 1

Reichenstein: 1

Mendrisio: 1

Partien:

Print Friendly, PDF & Email