Europacup der Damen: Batumi gewinnt, aber nur knapp

Nun, wie versprochen und etwas später als geplant, zum Europacup der Damen: Dass die Favoritinnen aus Georgien (verstärkt durch Dronavalli Harika, auf dem Titelfoto auch im georgischen Trikot) Gold gewannen, kam nicht überraschend, zwei andere Dinge durchaus: 1) Es war knapp – nur nach Wertung, und die Schlussrunde wurde noch spannend. 2) Die anderen Medaillen gingen nicht an die beiden russischen Teams, sondern an – in der Setzliste noch dahinter – Aserbaidschan und „Weissrussland plus“.

Endstand: Batumi 11(126.5), Odlar Yurdu 11(117.5), Bossa Nova 10(116), Ugra 10(107.5), Legacy Square Capital (Moskau) 8(114.5), Timisoara 8(93.5), Anatolia 8(79), usw. – dahinter drei weitere türkische Teams sowie mit Beer Sheva und Mulhouse noch zwei Aussenseiter.

Fotos wieder von David Llada, Quelle Turnierseite wobei das gezeigte und andere Siegerfotos nur auf Twitter veröffentlicht wurden.

Eher im Schnelldurchlauf durch die sieben Runden, mit nur hier und da kurzen Bemerkungen zu einigen turbulenten Partien:

Runde 1 wie oft im Schweizer System Favoritinnen gegen Underdogs, also klare Ergebnisse. Batumi gewann dabei nur 2,5-1,5 gegen Anatolia aus der Türkei, das war allerdings bereits ein relativ starker Gegner: die Nummer 1 der Setzliste spielte gegen die Nummer 7, und die grösste Eloschnitt-Lücke war zwischen Nummer 7 und Nummer 8. WFM Arda – IM Melia 1/2 war kurios: die junge Türkin übersah ein simpel-bekanntes taktisches Motiv, hatte dann Turm gegen Dame und doch wurde es remis – Schwarz musste zum Schluss Dauerschach geben, da Weiss neben zwei Türmen auf der siebten Reihe auch noch einen einzugsbereiten g-Freibauern hatte.

Cagil Irmak Arda (*2001, Elo vor dem Turnier 2040) erzielte insgesamt 5,5/7 an Brett 4, bei gegnerischem Eloschnitt 2104 war das TPR 2334 und brachte (mit K-Faktor 40) satte 99 Elopunkte. Remis spielte sie im weiteren Turnierverlauf nur gegen zwei Landsfrauen.

In Runde 2 gab es bereits fast durchgehend knappe Ergebnisse. Timisoara – Bossa Nova 1,5-2,5 war Elo-konform – den Matchpunkt erzielte die 15-jährige WIM Olga Badelka, auch sie wird „fotografiert“:

5/7 war am Ende der zweite Brettpreis an Brett 2. Ugra – Legacy Square 2-2 – insgesamt kein Sieger im russischen Duell sowie ein erster Hinweis darauf, dass bei Ugra Anna Ushenina (Niederlage vorne gegen Kashlinskaya) nicht gut drauf war, im Gegensatz zu Brett 3 Marina Nechaeva (heute Sieg gegen Daria Voit, insgesamt 5,5/6).

Odlar Yurdu – Batumi 2,5-1,5! – das Turnier wurde also kein Spaziergang oder Start-Ziel-Sieg für die Georgierinnen, die hier und heute an allen vier Brettern nach Elo klar besser waren. An Brett 1 verpasste Dzagnidze gegen Mamedjarova zunächst zweimal einen taktischen Gewinn und verlor dann noch. An Brett 2 hatte Harika gegen Fataliyeva kurz mal klaren Endspielvorteil, aber das wurde remis (Harika spielte in diesem Turnier immer remis). Nur Mammadova-Batsiashvili 0-1 entsprach der Papierform – die zuletzt sehr erfolgreiche Schwarzspielerin verpasste zwar ein dreizügiges Matt, aber gewann dann im Endspiel. Melia-Balajayeva 0-1 war eine klare Angelegenheit für Elo 2319 mit Schwarz gegen Elo 2412 mit Weiss.

Runde 3 vergleichbar mit Runde 2 – an den vorderen Tischen 2.5-1.5, 2-2 und 2.5-1.5, dabei gewannen bzw. verloren teilweise andere Teams. Die Matches an den Tischen dahinter ignoriere ich generell, da nicht turnierrelevant.

Bossa Nova – Odlar Yurdu 2,5-1,5 – ein Dämpfer für die Damen aus Aserbaidschan (auf dem Foto rechts). Turnier-insgesamt etwas verkehrte Welt: an Brett 1 verlor Mamedjarova ihre einzige Partie im Turnier – Zhukova war nicht nur nach Elo besser, sondern auch am bzw. auf dem Brett. „Nach Elo besser“ galt für sechs der sieben Gegnerinnen der Shak-Schwester. An Brett 2 verlor dafür Olga Badelka ihre einzige Partie im Turnier – die nach Elo ziemlich gleichwertige Ulviyya Fataliyeva wurde ihr fatal. An Brett 3 gewann Zaiatz gegen Mammadova, insgesamt Schwachpunkt im Odlar Yurdu – Team. Und an Brett 4 verpasste Balajayeva gegen Stetsko den möglichen Sieg – Remis in dieser Partie, damit Matchsieg und zu diesem Zeitpunkt alleinige Führung im Turnier für Bossa Nova.

Legacy Square – Timisoara 2-2 (Kashlinskaya-Paehtz 0-1, Sandu-Kovalevskaya 0-1 und zweimal Remis).

Batumi – Ugra 2,5-1,5 – die Aufholjagd der Georgierinnen begann. Brett 1 bespreche ich etwas später, erst was dahinter geschah: Harika remisierte – machte sie immer, heute gegen Pogonina. Batsiashvili übersah gegen Girya ein dreizügiges Matt und gewann dann doch. Nechaeva gewann – machte sie fast immer, heute gegen Khotenashvili.

Bei Dzagnidze-Ushenina 1-0 hatte Weiss ab dem 20. Zug eine Qualität weniger, mit einem (später zwei) Bauern als ausreichender Kompensation. Ausgeglichen war es bis um den 40. Zug, dann bekam Weiss im Endspiel Oberwasser – Spiel, Satz und Sieg für Batumi.

Runde 4: Legacy Square – Bossa Nova 3-1 war souverän und beendete den Lauf von „Weissrussland plus“.

Odlar Yurdu – Anatolia 2,5-1,5 war dagegen Glück für Aserbaidschan und (wenn es im Schach Pech gibt) Pech für die Türkei: Mamedjarova entwischte gegen Atalik aus total verlorenem Endspiel mit Dauerschach. Fataliyeva hatte mit Schwarz gegen Betul Cemre Yildiz zunächst nicht genug Kompensation für eine geopferte Qualität, dann war es ausgeglichen und dann glaubte die Gegnerin ihr aufs Wort: Wenn Weiss das Figurenopfer 35.-Lxh3+ annimmt, hat Schwarz Dauerschach – nicht mehr und nicht weniger. Wenn Weiss das Opfer ablehnt, hat Schwarz plötzlich mehr als ausreichende Kompensation für die Qualität. Dahinter gewannen beide Teams einmal, an Brett 4 Arda(2040)-Hojjatova(2341) 1-0.

Marmara-Batumi 0,5-3,5 muss ich nicht fett drucken, ein Aufbaugegner für die Georgierinnen. Timisoara-Ugra 1,5-2,5 war hochkarätiger – die Russinnen konnten an einem der drei hinteren Bretter ihren Elovorteil verwerten und profitierten auch davon, dass ihre Ukrainerin Anna Ushenina heute gegen Elisabeth Paehtz nicht verlor.

Damit im Turnier wieder alles offen: Legacy Square, Batumi, Odlar Yurdu und Bossa Nova alle mit 6-2 Mannschaftspunkten (so nach Wertung sortiert), dahinter lauerte Ugra mit 5-3.

Runde 5:

Odlar Yurdu – Legacy Square 2,5-1,5 – die Azeri-Damen nahmen die nächste Hürde. Mammadova verlor zwar „wie üblich“, aber Mamedjarova und Balajeyeva konnten das überkompensieren. Batsiashvili gewann nicht und übersah auch kein dreizügiges Matt – nein, heute pausierte sie. Fataliyeva remisierte.

Batumi – Bossa Nova 2,5-1,5 – Dzagnidze hatte am Spitzenbrett gegen Zhukova weniger Elovorteil als ihre Kolleginnen, aber sie gewann. Batsiashvili übersah gegen Zaiatz kein dreizügiges Matt, aber vergab offenbar im ungewöhnlichen Endspiel Läuferpaar plus zwei starke verbundene Freibauern gegen Dame den möglichen Sieg – Remis wie auch die beiden anderen Partien. Batsiashvili bekam zwar eine neue Dame, aber die gegnerische Dame (die auf und die neben dem Brett) konnte Dauerschach geben.

Von den anderen Matches erwähne ich nur, dass Ushenina mit Weiss gegen WFM Okuyaz (Elo 2233) verlor.

Runde 6 – nochmals Spitzenduelle: Ugra – Odlar Yurdu 2-2. Am Spitzenbrett wiederholte Ushenina mit Weiss gegen Mamedjarova sicherheitshalber ab dem 15. Zug – remis, wie auch Brett 2 Fataliyeva-Pogonina. Girya zerlegte Balajayeva, aber Kovanova patzte gegen Hojjatova – also ein Mannschaftsremis.

Legacy Square – Batumi 1-3: Dzagnidze gewann – ihr vierter Sieg in Serie, wenn sie auch die zwischenzeitliche Gewinnstellung in Runde zwei gegen Mamedjarova gewonnen hätte, könnte Team Batumi wohl nun bereits den Titel feiern. Harika remisierte, ihr sechstes von sieben. Batsiashvili gewann, diesmal ohne ein dreizügiges Matt zu übersehen. Khotenashvili remisierte wiederum.

Nana Dzagnidze bekommt nun ihr individuelles Foto.

Die anderen Matches eher Formsache – Arda (2040) gewann auch gegen Stetsko (2254), aber das war nur der Ehrentreffer für Anatolia gegen Bossa Nova. Stand vor der letzten Runde: Batumi 10, Odlar Yurdu 9, Ugra und Bossa Nova 8, usw. . Im Nachhinein erwies es sich als taktisch unklug oder riskant, dass Batumi zu diesem Zeitpunkt die alleinige Führung übernahm. Sowohl sie als auch Odlar Yurdu hatten noch nicht gegen das „mittelstarke“ Timisoara gespielt. Da von oben nach unten gepaart bzw. ausgelost wird, traf Batumi auf Timisoara und Odlar Yurdu bekam das deutlich schwächere Team Marmara. Elisabeth Paehtz konnte sich so auch nicht für die deutsche Niederlage im Freundschaftsmatch gegen Aserbaidschan revanchieren, bzw. selbiges zumindest versuchen. Ansonsten fehlte im Turnierverlauf nur die Spitzenpaarung Bossa Nova – Ugra – beide wurden stattdessen weit heruntergelost, vermutlich da sonst eine komplette Paarung für Runde 7 nicht möglich wäre (kann passieren, wenn 12 Teams sieben Runden Schweizer System spielen).

Zu Runde 7 beginne ich mit Tisch zwei: Odlar Yurdu gewann 2,5-1,5 gegen Marmara, wenn auch mühsam bis glücklich – Mamedjarova hatte am Spitzenbrett gegen nominell stärkere Gegnerinnen insgesamt überzeugt, gegen die 65 Elopunkte schlechtere WFM Dutu Okuyaz entwischte sie mit Weiss aus verlorener Stellung mit Remis. Matchsiegerin war Balajayeva, an Brett 4 reichten 300 Punkte Elovorteil für den vollen Punkt.

Die erwarteten hohen Siege in den Matches dahinter, auch Ushenina gewann – zum ersten Mal im Turnier, gegen Ece Ozbay (Elo 1998).

Batumi-Timisoara 2-2!? Dzagnidze gewann am Spitzenbrett nicht gegen Elisabeth Paehtz – die beiden beharkten sich, bis das Remis unvermeidlich war. Hinten gewann zwar Khotenashvili glatt gegen Dragomirescu, aber Batsiashvili übersah gegen Cosma eine kleine und relativ elementare Taktik – aus 4,5/5 für sie wurde 4,5/6, und der Turniersieg für Batumi hing plötzlich am seidenen Faden. Zumal Harika gegen Sandu jedenfalls verdächtig stand – aber Harika remisierte ja immer, auch heute und heute war es wichtig.

Dronavalli Harika, in diesem Turnier Drawnavalli Harikashvili, zeige ich auch – sie bekam mehrere Fotos und auch Interviews, vielleicht auch als womöglich glamouröseste Teilnehmerin. Nach eigener Aussage ist sie mit den Georgierinnen gut befreundet und spielte deshalb bei der Europameisterschaft mit – als einzige Nicht-Europäerin. Die komplette Türkei und auch Israel fallen ja in diesem Rahmen unter Europa, Hou Yifan spielte nicht mit – sie will nicht mehr gegen Frauen spielen, und Monte Carlo war diesmal nicht mit dabei.

Team Odlar Yurdu nochmal komplett, mit auch anderen auf dem Foto.

Aus Deutschland war nur Elisabeth Paehtz (Spitzenbrett von Timisoara) dabei, auch sie wurde fotografiert. 5/7 war ein gutes Ergebnis, dabei nur leicht oberhalb der Eloerwartung – Timisoara spielte auch gegen drei Teams vom Tabellenende, so bekam Paehtz neben Elo 2400+ auch 2001, 2086 und 1960 vorgesetzt. Das erklärt wohl auch die Wertungs-Reihenfolge der drei Teams mit 8-6 Mannschaftspunkten: Legacy Square spielte fast gar nicht gegen Teams vom Tabellenende, Timisoara hatte drei der letzten vier und Anatolia alle vier.

„Einzelkritik“ hatte ich ansonsten bereits hier und da im Artikel, zum Schluss noch das: Bei Odlar Yurdu erzielten Mamedjarova und Fataliyeva „männliche“ IM-Normen, Balajayeva hatte eine entsprechende Turnierleistung aber nur zwei Gegnerinnen mit IM ohne W davor. Nechaevas TPR 2657 ist angesichts zu schwacher Gegnerinnen und zu wenigen mit „männlichen“ Titeln auch weder GM- noch IM-Norm.

 

 

Print Friendly, PDF & Email