Europacup Nachlese und Bildergalerien

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Sinn und Zweck einer derartigen Nachlese ist oft, Bilder zu zeigen, für die im Hauptartikel kein “Platz” mehr war – ausserdem auch bei “Redaktionsschluss” noch nicht verfügbare Bilder der Siegerehrung. Zu Team Globus eine kleine Sequenz – zum Zeitpunkt des ersten Fotos wussten sie vielleicht noch nicht, was kommen würde. Fotos wieder von der Turnierseite; fotografiert hat vor allem David Llada, ausserdem – dann angegeben – Anastasia Karlovich, Basak Goktas und Gurkan Egun.

Diesmal auch ein paar Bemerkungen/Gedanken zu “Europacup light” – im Vorbericht hatte ich bereits angedeutet, dass einige Vereine oder Spieler aus ein bis zwei Gründen dieses Jahr auf eine Teilnahme verzichteten: 1) die relativ hohen Kosten für Hotel einschliesslich (auch wenn man es nicht braucht oder will) Vollpension und “all inclusive”, 2) eventuell auch politische Gründe. Zwei Spieler, deren Vereine in der Vergangenheit am Europacup teilnahmen und nun nicht, haben das bestätigt (ich nenne weder Spieler- noch Vereinsnamen): Es wäre nur mit erheblicher finanzieller Eigenleistung der Spieler möglich gewesen; einer schrieb auch, dass er auch dann nicht zur Verfügung stand wenn er statt Eigenbeteiligung ein Honorar bekäme: “Ich war in den letzten Jahren (zuletzt 2015) dreimal im Herbst in der Türkei (klimatisch wirklich empfehlenswert), aber solange Recep T.E. dort was zu sagen hat, werde ich das Land nicht mehr betreten – also vermutlich noch ziemlich lange nicht.”

Beides ist – so sehe ich es – Ansichtssache. Sowohl, ob man als Spieler (oder Verein oder eventuell Sponsor) bereit und in der Lage ist, Reise- und Aufenthaltskosten in erheblicher Höhe (eine meiner Quellen sagte ca. 1000 Euro pro Person) zu übernehmen, als auch ob man ein Schachturnier aus politischen Gründen boykottiert. Dazu später eine dritte, ausdrücklich namentlich zitierfähige Stellungnahme eines Insiders, nun zunächst weitere Siegerfotos:

Wer nimmt den sperrigen Pokal entgegen?

Korobov, der sich im Turnier nicht allzu sehr verausgabt hatte (er spielte nur drei Partien), war dazu bereit.

Platz zwei für Team Alkaloid aus (nominell) Mazedonien

Platz drei für Odlar Yurdu aus Aserbaidschan, nur einen Spieler haben sie (dabei nicht nur für dieses Turnier) importiert. Die beiden zuletzt gezeigten Teams mit nationaler Flagge, sie und andere später am Abend bzw. in der Nacht dann vielleicht mit alkoholischer Fahne.

Original-Berichterstattung vor Ort gab es, im Hauptartikel bereits erwähnt, von der LSG Leiden – nach Redaktionsschluss erschien noch der Abschlussbericht “Ende gut, alles gut”. Darin bezeichnet Jan Michael Sprenger sein Weissremis zum Schluss gegen den türkischen GM Sanal als “Antischach” – er brauchte nun einmal noch einen halben Punkt für seine dritte GM-Norm, und “Verhandlungen” mit dem Gegner im Vorfeld scheiterten offenbar. Nijat Abasov von Odlar Yurdu hatte dafür (für Antischach) volles Verständnis bis Lob in der gegebenen Situation. Schon Samstag (also vor der letzten Runde) erschien der ‘sublime’ Sieg von Sprenger gegen IM Sadhikov in der Zeitungskolumne von Gert Ligterink. Zuvor schrieb Ligterink etwas voreilig, dass Leiden “einen deutschen Grossmeister am Spitzenbrett” hat – aber nun isses soweit (Sprenger bekam das erwünschte und noch nötige Weissremis).

Ich habe danach noch etwas recherchiert – Berichterstattung sonst (in Sprachen, die ich beherrsche) offenbar nur von Benildus Chess Club (aus oder nahe Dublin, eines der drei irischen Teams). Vor allem zu den Partien, ein bisschen auch zum Drumherum mit Fotos. Im Vorbericht schreibt Kevin Burke: “Besiktas [ihr erster Gegner] ist eine Abteilung des gleichnamigen riesigen Fussballclubs. Ich würde das gerne mit Wikipedia-Fakten belegen, aber Wikipedia ist hier blockiert. Die grosse Frage ist momentan, wie lange ein Hotel überleben kann, das irischen Teams gratis Getränke anbietet. Am Ende der Woche wissen wir dazu mehr.” Wirklich gratis waren die Getränke ja nicht, eben im Pauschalpreis inbegriffen.

Benildus Chess Club hatte, auf ihrem Niveau, bereits in Runde eins ein Erfolgserlebnis: die erste Gewinnpartie im achtzehnten Mannschaftskampf der “Champion’s League”! Besiktas verzichtete in Runde eins auf einen FM, stattdessen spielte an Brett sechs ein 13-jähriges Mädel mit Elo 1467 – sie verlor gegen Mariusz Lokasto (Ire, vielleicht nicht gebürtiger, Elo 1857). Noch besser lief es dann in Runde 5, wieder dank eines stark ersatzgeschwächten türkischen Vereins: In der türkischen Superliga qualifizierte sich Hatay Büyükşehir Belediyesi Spor Kulübü als Dritter für den Europacup, da spielten sie mit einem Eloschnitt von 2506 (neben den türkischen GMs Yilmaz und Esen auch die Ausländer Ivanchuk, Krasenkow und Anna Muzychuk). Beim Europacup verzichteten sie auf Titelträger und hatten im Schnitt Elo 1420 – schlecht genug für Benildus: fünf Siege in diesem Match, dann gar noch vier weitere in den beiden letzten Runden. Der Deutsch-Ire Constantin Vogel erzielte übrigens insgesamt 2,5/5 – nicht schlecht bei gegnerischem Eloschnitt 2142 und eigener Elo 1963. Laut den Rundenberichten des Vereins war dabei deutlich mehr drin, wenn er seine Chancen genutzt hätte.

Der 34. der Setzliste Benildus belegte am Ende Platz 35 von 36 Teams, Nummer 35 (die im Hauptartikel erwähnte Chania Chess Academy aus Griechenland) war wohl Elo-unterbewertet. Noch ganz kurz zu anderen deutschen Spielern im Turnier: Nisipeanu am Spitzenbrett von Baia Mare erzielte 3,5/7 – etwas unter der Eloerwartung, lag nicht unbedingt oder nicht nur an 0,5/3 gegen Weltklassespieler (Mamedyarov, Wojtaszek und Ding Liren). Dennis Wagner an Brett 3 von Nice Alekhine mit 4/7 auch etwas im Elosoll – auf der Habenseite ein Remis gegen Vitiugov, zum Schluss im Soll durch Niederlage gegen den etwa gleichwertigen GM Brunello und Remis gegen den Litauer Germanavicius (Elo 2326).

Noch ein nächtliches Foto der Hotelanlage als Einleitung zum Atmosphärischen. Im zweiten Rundenbericht schrieb Jan Michael Sprenger nach Positivem (Sonne, Temperaturen um 25 Grad, Unterkunft und Spielsaal prima, Wasserball in einem der vielen Schwimmbecken, ausgezeichnetes Büffetessen mit türkischen und Mittelmeer-Spezialitäten) auch etwas kritischer “Einiges ist allerdings gewöhnungsbedürftig: man kann zum Beispiel nicht entlang der Strandpromenade laufen. Sobald man das Terrain des Nachbarhotels betritt, kommen freundliche und weniger freundliche Security-Menschen. Wikipedia und nos.nl (NL-Fernsehen) sind blockiert, deutsche Medien dabei nicht. Es gibt keinen Analyseraum. Natürlich Platz genug, aber niemand hat daran gedacht. Auf meine Bitte bringen sie dann Bretter an die Hotelbar. Insgesamt ist mein Eindruck, dass die Organisation professioneller und auf höherem Niveau ist als Skopje 2015 en Novi Sad 2016, aber damals war es etwas persönlicher.”

Im Abschlussbericht dann: “der beste Europacup jemals: Ort, Organisation und auch Abschlusszeremonie. Komplimente an den türkischen Schachverband!” Die Abschlusszeremonie war im Garten des Hotels nahe am Strand – grosses Podium mit DJ und Livemusik, Personal das Getränke anbietet, “was will man mehr?”. Dazu ein Foto von der Vereinsseite:

Etwas enttäuschend für sie nur, dass Leiden zwar für Platz sechs 1250 Euro Preisgeld bekam, aber dass nur die Medaillengewinner auf dem Podium geehrt wurden. Was die Summen betrifft (andere siehe Fotos oben, jeweils muss man sie ja mindestens durch sechs teilen): für Weltklasse-Profis ist es wohl eher Taschengeld, für die Amateure der LSG Leiden ist 200 Euro pro Person dagegen etwa vergleichbar mit Preisgeld anderswo – mal vielleicht mehr (bis vierstellig?), oft auch nichts, und Antrittsgelder bekommen sie vermutlich selten bis nie.

Dann das was ich bereits angedeutet hatte: nach dem offiziellen Teil ging es weiter an der Hotelbar, vom Leidener Team offenbar nur Jan (Sprenger) und Arthur (Pijpers), daneben erwähnt Nice Alekhine sowie Mamedyarov, Mamedov, Grischuk und Nepomniachtchi. Und noch einer: “Mit einem melancholisch gestimmten Nijat Abasov blicken wir zurück auf die entscheidenden Momente im Wettkampf Odlar Yurdu tegen Globus. Sie waren so nahe dran … . Dann ist es vier Uhr und die Bar leert sich. Zeit um schlafen zu gehen.”

Ich habe bei Jan Sprenger nochmal nachgefragt und bekam diese email, die ich komplett zitiere:

Lieber Thomas (wenn Sie erlauben, in den Niederlanden ist das ja gebräuchlich),

ich denke, es war eine Mischung aus politischen und finanziellen Gründen. Man muss allerdings dazu sagen, dass die Kosten all-inclusive waren, auch in Bezug auf (alkoholische) Getränke zu jeder Tages- und Nachtzeit. Und das Essen (Frühstücks-, Mittags- und Abendbuffet) war wirklich gut. Also sehr vernünftige Preis-Leistung, und sicher mehr als das, was die letzten Jahre hergaben. Gerade in Novi Sad und in Skopje lagen die offziellen Hotelpreise zum Teil deutlich über dem, was man auf dem “freien Markt” bekommen würde.  So einen gut organisierten ECC habe ich noch nicht gesehen!

Der Service im Hotel war allerdings gemischt. Manche sehr freundlich, andere ineffizient oder nahezu gleichgültig. Das war in Skopje und Novi Sad ganz anders. Von der Rezeption bis zum Zimmermädchen alle sehr freundlich und bemüht ohne servil zu wirken. Große Klasse. Zum Beispiel konnten wir in beiden Spielhotels den Flügel in der Lobby nutzen. Das hätte in Antalya erst einmal ein halbstündiges Palaver des Barpersonals ausgelöst. Außerdem hat es natürlich etwas, in einer Stadt zu spielen: sowohl in Skopje als auch in Novi Sad gibt es das eine oder andere zu sehen, Möglichkeiten abends weg zu gehen, etc.

Alles in allem finde ich die Kombi Schach + Strand aber unschlagbar!

Zum Thema Politik: es dürfte bekannt sein, dass diese Art von Boykott niemand etwas bringt. Ist m.E. auch unfair gegenüber dem türkischen Schachbund und seinen Spielern, die man keinesfalls mit Erdogan gleichsetzen sollte. Die Türkei ist ein gespaltenes Land, das manchmal sehr europäisch/westlich und manchmal sehr orientalisch wirkt. (Es gibt Viertel in Istanbul, da sieht man niemanden mit Kopftuch.) Zudem spielt man ein Schachturnier und nimmt nicht an einem politischen Kongress teil.

Aber in Deutschland und den umliegenden Ländern ist man in diesen Dingen gerne prinzipiell. Die Türkei hat leider ein schlechtes Image und die Leute sind nicht hinreichend offen um sich selbst ein Bild zu machen.

Auch wir hatten zum ersten Mal seit vielen Jahren Probleme sechs Leute zu finden; unser sechstes Brett spielt eigentlich in der zweiten Mannschaft. Finanzen waren bei uns übrigens kein Problem, weil die Spieler immer alles selber zahlen. 😉

Das ist alles zitierfähig.

Einen Flügel will Jan Michael Sprenger als bekennender (aktiver und passiver) Liebhaber klassischer Musik, das ist für andere wohl nicht so wichtig. Generell ist es natürlich eine Meinung. “Probleme sechs Leute zu finden” hatte auch politische Gründe, das sagte auch Mannschaftsführer IM Van Haastert im Interview mit dem Leidener Lokalfernsehen (ab 22:36 im Video): “dieses Jahr ist es in der Türkei, das ist etwas problematisch (gevoelig)“.

Genug zu diesem Thema, nun noch reihenweise Fotos – Spieler(innen), bekannte und weniger bekannte, alleine oder auch mal zu zweit, dann auch noch ein paar Mannschaftskämpfe an mittleren/hinteren Tischen und ein paar Turniersaal-Impressionen:

Jan Michael Sprenger diesmal in Denkerpose bei der Arbeit – direkt neben ihm Toms Kantans, der mit seiner riskant-naiven Partieanlage als Schwarzer im Najdorf-Sizilianer den vorentscheidenden Beitrag zu Sprengers GM-Norm lieferte. Auch gegen IM Sadhikov spielte Sprenger mit Weiss attraktiv, konstruktiv und erfolgreich. Zwei der abgebildeten Damen – Anna Kantane und Sarah Longson – spielten bei den Männern mit, deshalb heisst es “offenes Turnier”. Für die 12-jährige Isil Can lief es mit 0,5/7 nicht nach Wunsch – das war bei erfahreneren und elobesseren Gegnerinnen allerdings wohl einkalkuliert.

Auch Safiye Oyke Ince ist Baujahr 2005, und 0/7 ist ein ausbaufähiges Resultat. Petenyi wurde bei einer Marathonpartie fotografiert – nach 141 Zügen hatte Gegner Vocaturo dann eine Mehrqualität verwertet.

Bleibt noch “Wie geht es weiter?”. Was Mannschaftskämpfe betrifft, am Wochenende mit der deutschen Bundesliga und ab Ende Oktober die nächste Europameisterschaft – für Länderteams, auch am Mittelmeer, dann auf Kreta. Griechenland, dann die Insel Rhodos, ist auch Ausrichter des Europacups für Vereinsteams 2018.

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