Matches (und Open) in Hoogeveen

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Deutschland (und zum Teil auch die internationale Schachwelt?) schaut am Wochenende vielleicht vor allem nach Mülheim, Baden Baden, Solingen und Dresden – Spielorte des ersten Bundesliga-Wochenendes. Einige Spieler werden da allerdings fehlen, da sie parallel im niederländischen Hoogeveen Schach spielen – besonders betroffen ist DJK Aufwärts Aachen, die es dabei gegen die beiden Abstiegskandidaten aus München wohl verkraften können.

In Hoogeveen stehen vier Spieler im Mittelpunkt – das war da schon immer so, und auch dass sie sechs Partien spielen. Bis 2013 war es ein doppelrundiges Turnier mit vier Teilnehmern, seither stehen zwei Matches über jeweils sechs Partien auf dem Programm. Turnierdirektor Loek van Wely will Spektakel und „Blut“ sehen – das könnte klappen angesichts der Paarungen Ivanchuk – Wei Yi und van Foreest – Adhiban. Ich kann nur einem das Titelbild geben und habe mich für „Chucky“ entschieden. Alle Fotos Lennart Ootes, Turnierseite– wann dieses und andere entstanden ist nicht angegeben.

Zu allen vier Spielern könnte ich selbst einiges schreiben, verwende aber diesmal auszugsweise die Spielerporträts von Peter Boel (FM, New in Chess Mitarbeiter, freier Journalist, Pressechef des Turniers, usw.). Zu Vasily Ivanchuk schreibt Boel anfangs „ein Genie, unvergleichlich, extrem populär … seit 1988 Weltklasse [da waren die drei anderen noch nicht geboren]. Seine brillianten Entdeckungen auf dem Brett fallen zusammen mit seinem unvorhersehbaren, dabei nie unsympathischem Verhalten. Die Liste seiner Turniersiege ist endlos.“ Am Ende wird auch sein Sieg bei der WM im Schnellschach 2016 in Doha erwähnt, einschliesslich der Tatsache, dass er – in eine Dame-Partie gegen Jobava vertieft – beinahe seine eigene Siegerehrung verpasste (nachdem er das doch hinter sich brachte, gewann er – im Video dokumentiert – auch seine ‚Hängepartie‘ gegen Jobava).

Bei Ivanchuk kann man mit einigem rechnen – wohl nicht damit, was letztes Jahr am Ende des Matches Short – Hou Yifan passierte und diesmal laut Regelwerk ausgeschlossen ist.

Zu Wei Yi (irgendwo-irgendwann in China abgelichtet, da war Lennart Ootes also auch mal) schreibt Boel: „Derselbe Jahrgang wie Jorden van Foreest [1999], dabei seit einiger Zeit stolzer Erster der Junioren-Weltrangliste und seit einigen Jahren als möglicher Nachfolger von Magnus Carlsen bezeichnet [das kann man öfters lesen, ich sage „abwarten“]. Sein Sieg in der B-Gruppe in Wijk aan Zee 2015 wird erwähnt, ebenso dass er seither da auf höchstem Niveau mitspielt. Dieses Jahr belegte er da den geteilten dritten Platz, wobei er neben Karjakin drei formschwache Spieler vom Tabellenende besiegte – Ivanchuks Form in Hoogeveen ist noch unbekannt.

Adhiban Baskaran (oder umgekehrt, selbst will er laut Boel Adhiban genannt werden): ehemaliger Juniorenweltmeister, erfolgreich vor allem in Opens, 2016 Sieger der B-Gruppe in Wijk aan Zee – mit Safarli und Dreev, aber nur Adhiban durfte dieses Jahr auf höchstem Niveau mitspielen und überraschte „Freund und Feind“ mit dem geteilten dritten Platz. „Der 25-jährige Inder ist populär nicht nur durch seine mutig-taktische Spielweise, sondern auch durch die enorme Freude am Schach (und am Leben!) die er ausstrahlt.“ – kann ich aus eigener Erfahrung (Wijk aan Zee 2016 und 2017) bestätigen.

Zu Jorden van Foreest schreibt Boel „nach wie vor das Aushängeschild der bekannten niederländischen Schachfamilie van Foreest, wobei er inzwischen den heissen Atem seines jüngeren Bruders Lucas fühlt“ [Auch auf diesem Foto? Nein, es stammt wohl vom Reykjavik Open, und da war Lucas nicht mit dabei.] NL-Meister 2016 (dieses Jahr konnte er seinen Titel nicht verteidigen), Zweiter hinter Giri beim Reykjavik Open 2017, aktuell Achter der Junioren-Weltrangliste. „Den letzten Sprung in die Elite muss er noch machen, vielleicht mit Rückenwind aus Hoogeveen dieses Jahr?“ (das habe ich etwas frei übersetzt).

Erwähnt werden seine bisherigen Ergebnisse in Hoogeveen – 2010-2013 spielte er im Open mit, das erste Mal titellos mit Elo 1954; später verlor er zwei Matches knapp 2,5-3,5 (2015 gegen Timman, 2016 gegen Sokolov) – diesmal bekommt er einen relativ jungen Gegner. Nicht erwähnt sein Ergebnis dieses Jahr im B-Turnier in Wijk aan Zee, auch über Lebende nur Gutes … . Er brauchte fast das ganze Jahr, um die da verlorenen 28 Elopunkte zurück zu erobern. So darf er nun gegen Adhiban spielen, aber voraussichtlich – es sei denn er bekommt den dreizehnten noch vakanten Platz im Teilnehmerfeld – (noch) nicht in der A-Gruppe in Wijk aan Zee 2018. Zum Vergleich: der zwei Jahre und zwölf Tage ältere Matthias Bluebaum hat etwa 30-40 Elopunkte mehr auf seinem Konto als JvF und durfte bereits bei deutschen Superturnieren mitspielen.

Nochmal alle vier zusammen in unterschiedlichen Posen.

Das Open ist dieses Jahr relativ schwach besetzt, dafür mag es diverse Gründe geben: die Terminüberschneidung mit der deutschen Bundesliga, am Ende auch ein bisschen mit der Europameisterschaft für Länderteams, sowie vielleicht auch die Tatsache, dass diesmal einige Zeit verging zwischen Isle of Man Open und Hoogeveen Open – letztes Jahr machten diverse Inder auf der Durch/Rückreise von der Isle of Man noch einen Zwischenstop in Hoogeveen. Diesmal sind die bekanntesten Inder die IMs Rakesh Kumar Jena und Tania Sachdev, u.a. GM Abhijeet Gupta (Sieger 2015 und 2016) ist nicht dabei.

Die Setzliste wird angeführt von GM Kuljasevic aus Kroatien und dem Chinesen IM Xu Xiangyu – beide Elo 2549, das wäre letztes Jahr Platz 6 gewesen. Dann kommen Niederländer, die nicht für die Nationalmannschaft nominiert wurden – GMs Ernst und Pruijssers, dann (mit anderen zwischendrin) IMs van Foreest (das ist nun Lucas), Schoppen, Beerdsen und Kuipers sowie GM Jonkman, usw. – ganz unten in der Setzliste nochmal van Foreest, die 10-jährige Machteld mit Elo 1829. Elo 2000+ war offiziell Voraussetzung für Teilnahme im Open mit Profis, wurde aber nicht konsequent angewendet – 15 von derzeit 79 Spielern haben weniger. Es gibt den Passus „Ausnahmen für talentierte Jugendliche“ – gilt für alle mit Elo unter 2000, auch David Knight (*1981, Elo 1926).

Aus Deutschland dabei unter anderem IM* Kollars, IM Carlstedt, Bardhyl Uksini, Luis Engels und FM Valentin Buckels – hier definiere ich Elo 2300 als Untergrenze, um namentlich genannt zu werden. * Ja, Kollars ist inzwischen GM, zum Zeitpunkt der Anmeldung war er es offenbar noch nicht. Sein Schachpapa Jonathan Carlstedt passt nicht ganz in diese Liste, da deutlich älter – sonst hat nur Dmitrij Kollars(*1999) als Baby das neueste Jahrtausend schreiend begrüsst, die drei anderen sind Baujahr 2000, 2002 und 2001.

Ein relativ bekannter Name noch IM Saduakassova aus Kasachstan, nach Elo Nummer 8 und damit vor einigen bereits genannten Spielern – gilt auch für den eher unbekannten Ukrainer GM Gritsak, Nummer 7 der Setzliste. Alle spielen neun Runden Schweizer System, bzw. fast alle – nach sieben Runden ermitteln die dann ersten vier den Open-Sieger im KO-Verfahren. Zwischendurch noch der Austragungsort, das Rathaus Hoogeveen:

Foto Falcongj/Wikipedia, grösser nicht verfügbar

Es gibt auch noch zwei Amateurturniere mit Elo-Obergrenze 2100 – eines mittags parallel zum Hauptopen, eines morgens. Da spielen fast nur Niederländer, Ausnahmen sind nur Henk Van Dijk aus Frankreich (dessen Name da wohl, da niederländisch, oft falsch ausgesprochen wird), Amelia und Sophia Jonkman aus Peru (aber der Papa ist Niederländer) und Pippa O’Gorman – klingt und ist irisch. Da auch nochmal van Foreest, und zwar Nanne (wie Machteld *2007), nur Pieter fehlt diesmal offenbar.

Ein paar Details aus dem Regelwerk: Es gibt strenge Anti-Cheating Regeln. Wer ein Handy oder vergleichbares auf die Toilette mitnimmt (und erwischt wird), verliert die Partie. Schiedsrichter können Spieler eventuell durchsuchen. Ausserdem werden die Partien auf Chessbase übertragen mit Computeranalysen – und wer zu gut spielt, macht sich jedenfalls verdächtig (das gilt nur für die Hauptgruppe, Amateurgruppen werden nicht live übertragen. In der Hauptgruppe testet DGT neue elektronische Bretter, hoffentlich geht das gut.). Chessbase spendiert den Teilnehmern aller offenen Turniere auch einen dreimonatigen Premium-Account und 10 Euro Rabatt auf Chessbase-Produkte. Zurück zum Regelwerk: Ganz unten steht, dass in Matches alle Partien gespielt und Elo-ausgewertet werden, auch wenn das Match bereits entschieden ist – ist das mit FIDE abgesprochen und möglich? Wenn es nach 6 Partien 3-3 steht, gibt es einen Blitz-Stichkampf.

Und noch die nackten Daten: Die Matches werden vom 21.-26. Oktober gespielt, jeweils ab 14:00 – Stichkampf wenn nötig offenbar auch am 26.10. . Das Open (Hauptgruppe) vom 21.-30.10. auch ab 14:00 – Ausnahme die letzte Runde ab 12:00 und am 23.10. eine Doppelrunde um 9:00 und 15:00. Bedenkzeit 90 Minuten für 40 Züge, 30 Minuten für den Rest und 30 Sekunden pro Zug von Anfang an. Preisgeld im Open (Hauptturnier) insgesamt 8000€, erster Preis 2500€.

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