Anna Muzychuk ist Schnellschach-Europameisterin

Weltmeisterin war sie bereits – ob sie auch in Europa das Double (Schnell- und Blitzschach) schafft wird sich herausstellen. Emil Sutovsky schrieb mir Freitag (in einer email zu einem anderen Thema) „I am currently in Monaco where we co-organize an important event.“ – we(wir) ist die ACP, gemeint ist die Frauen-EM im Schnell- und danach Blitzschach, er selbst hat das Ganze kommentiert. Teils bekam er dabei Damenbesuch – nicht nur am Ende die glückliche Siegerin. ‚Glücklich‘ bedeutet dabei vor allem auf Englisch ‚happy‘ – wobei sie im Turnierverlauf jedenfalls einmal Glück hatte, ohne geht es (vor allem im Schnellschach) nicht. Und zuvor „stand eine andere bereits als Siegerin fest“ und wurde zum Schluss Dreizehnte.

Herrenbesuch bekam er auch – vor allem andere an der Turnierorganisation beteiligte, einmal auch ein Organisator der analogen Veranstaltung für Herren bzw. alle im Dezember im polnischen Kattowitz. Dieses Foto stammt von Emil Sutovskys Facebook-Seite – der oder die Fotograf(in) ist da nicht namentlich erwähnt. Andere Fotos später im Bericht von der European Chess Union – entweder Homepage oder via Twitter.

Zunächst der Endstand im Turnier: Anna Muzychuk 9/11, Lagno 8.5, Goryachkina, Guichard, Kosteniuk 8, Socko, Pogonina, Savina, Girya, Paehtz, Kulon, WFM Gvanceladze 7.5, usw. . Bei den ersten elf habe ich der Einfachheit halber den Schachtitel (WGM, IM oder GM) weggelassen – die an 31 gesetzte Russin Anna Gvanceladze wurde durch einen starken Schlusspurt die zweite Überraschung des Turniers neben der Französin Pauline Guichard, Nummer 24 der Setzliste. Die Entscheidung über Bronze und Blech zwischen Goryachkina und Guichard war denkbar knapp – erst der zweite Buchholz-Tiebreak (der dritte TPR wäre zugunsten von Guichard) und Goryachkina brauchte in der entscheidenden letzten Runde gegnerische Hilfe. Alexandra (Kosteniuk) hatte dagegen einen deutlich schlechteren Tiebreak als Aleksandra (Goryachkina) und Pauline (Guichard) – warum siehe später im Artikel.

Die beste Wertung von zehn Spielerinnen mit 7/11 hatte Valentina Gunina – dabei die klar beste Buchholz-Wertung von allen im Turnier, aber „erster Tiebreak“ ist nun einmal Anzahl erzielter Punkte. Sie wird im Bericht zunächst im Mittelpunkt stehen. Direkt dahinter mit Skripchenko, Dzagnidze und Stefanova weitere Favoritinnen.

Bevor ich das Turniergeschehen streife, noch ein bisschen Statistik. 91 Teilnehmerinnen war, in der Liveübertragung stolz erwähnt, Rekord für eine Damen-EM im Schnellschach. Dazu zwei Anmerkungen: 1) Fast die Hälfte aller Spielerinnen (42 von 91) hatte Elo unter 2000, bzw. zwölf hatten vor dem Turnier gar keine Schnellschach-Elo. Neben Quantität hatte das Turnier dabei durchaus Qualität – fast alle Spitzenspielerinnen waren in Monaco dabei. 2) Knapp 40% aller Teilnehmerinnen kamen aus Frankreich (24) oder dem kleinen Monaco (12) – aus Frankreich die Hälfte, aus Monaco elf von zwölf mit Elo Null bis Zweitausend. Russland (16) war auch zahlreich vertreten, Georgien dagegen nur durch Dzagnidze, Italien (obwohl wie Frankreich nahe bei Monaco) gar nicht. Deutschland mit zwei Spielerinnen – neben Elisabeth Paehtz auch Annmarie Mütsch, die vor allem Gegnerinnen mit Elo unter 2000 bekam und da, relativ zur eigenen Elo 2118, nicht genug punktete.

Noch eine Statistik: Im Turnier gab es insgesamt 219 Weissiege, 203 Schwarzsiege und 66 Remisen. Der Weissvorteil war in allen Runden relativ – nicht nur zu Beginn, wo Favoritinnen generell mit beiden Farben gewinnen. An den vorderen Brettern dominierte dabei in einigen der entscheidenden Runden Weiss. Die Remisquote stieg in der letzten Runde etwas – 13 von 44 Partien, darunter auch einige Kurzremisen da Spielerinnen vielleicht erschöpft waren, keine Lust mehr hatten und/oder das Erreichte konsolidieren wollten. Ob Jaskuniene-Jaskunaite 1/2 ausgekämpft war ist übrigens nicht überliefert – dieses Litauen-Duell Elo 1512 gegen 1722 war an Brett 39 ausserhalb der Liveübertragung (Brett 1-12).

Austragungsort war, hatte ich bereits, Monaco:

Genauer gesagt das dortige Hotel Novotel:

Valentina Gunina begann mit 6,5/7 – bis dahin spielte sie schnell und gut. Oft hatte sie lange noch mehr als 15 Minuten (15 gab es zu Beginn, plus 10 Sekunden Inkrement pro Zug) und auch am Ende noch über zehn Minuten vs. Sekunden für die Gegnerin. Dann allerdings 0/3, zum Schluss noch ein Remis und das war dann der undankbare dreizehnte Platz. Ursachenforschung? Zwei Gründe: 1) Zunächst spielte sie vor allem gegen Russinnen, die liegen ihr offenbar, und dann nicht mehr. Nach zu Beginn zwei „Pflichtsiegen“ gewann sie dann gegen Girya, Pogonina und Goryachkina (alle Russland), remisierte gegen Dzagnidze (Georgien) und besiegte Lagno (Russland). Da Kosteniuk das Feld etwas von hinten aufrollte, bekam Gunina dann zunächst nicht-russische Gegnerinnen.

2) Gunina „erinnerte“ sich plötzlich daran, dass sie neben Schach mitunter auch Schrott spielen kann – drastisch ausgedrückt, aber so waren ihre drei Niederlagen gegen Guichard, Muzychuk und Kulon. Gegen Guichard hatte sie nach 20 Zügen eine Qualität weniger für an sich unzureichende Kompensation. Die bekam sie dann doch (zwei Bauern), und dann nach nur drei Sekunden 25.-Sxa3?? – ein dritter Bauer auf Kosten einer zweiten Qualität und einer hoffnungslosen Stellung. Am Ende spielte Guichard 36.h4 was Sutovsky mit „gefällt mir nicht“ kommentierte – dabei war es der beste Computerzug und Gunina gab auf. Das passierte öfters: Sutovsky sagte „gefällt mir nicht“, Engines sagten dagegen „das ist der beste Zug“ – kein Vorwurf an Sutovsky, der ohne Engines kommentierte, nur eine Beobachtung. Guichard anschliessend zu Gast beim Livekommentar, u.a. sagte sie „ich bin kein Schachprofi und habe diesbezüglich keine Ambitionen, nächste Woche beende ich mein Medizinstudium“.

Etwas unfair Gunina gegenüber, dass ich auch ihre weiteren Niederlagen bespreche, ihre Siege dagegen nicht. In Runde 9 schnappte sie sich gegen Muzychuk im Grünfeld-Inder einen Bauern – theoretisch bekannt und spielbar, aber nicht vorteilhaft (laut Datenbanken danach meistens remis). Muzychuk bekam den Bauern zurück – im Prinzip mit Ausgleich, aber vom 15.-17. Zug kippte die Partie komplett: Gunina spielte diesmal zwar nicht schnell, aber mehrfach schlecht während Muzychuk die besten Züge fand – so bekam sie eine „stabile“ Mehrfigur, Gunina spielte zwar ‚tapfer‘ weiter aber es war hoffnungslos. In Runde 10 gegen die Polin Klaudia Kulon, die insgesamt ein gutes Turnier erwischte (Ausnahme die letzte Runde, s.u.), der entscheidende Fehler im 16. Zug, obwohl Gunina für diesen 3m45sec investierte. Dass Schwarz in der für Computer besten „Staubsauger-Variante“ am Ende ausreichende Kompensation für eine Qualität hat, war dabei wohl schwer einzuschätzen – im höheren Sinne vorentscheidend bereits das thematische, impulsive und hier nicht besonders gute (15.g4) 15.-e5 [nach drei Sekunden]?

Zum Schluss spielte Gunina gegen Savina, wieder eine Russin, und das wurde remis. Mit deutlichem Zeitvorteil konnte sie eventuell weiterspielen statt gegnerisches Dauerschach zu erlauben, aber es reichte ihr vielleicht und ein eventueller Sieg hätte nur noch Platz sechs eingebracht.

Zum Turnier insgesamt und damit zu den am Ende erfolgreichen Spielerinnen: In Runde 1 gewannen die Favoritinnen fast durchgehend – 1-0 0-1 1-0 0-1 usw. in der Paarungstabelle. In Runde 2 gab es bereits Ausnahmen, z.B. ganz vorne Guichard-Kosteniuk 1/2 – der erste Hinweis, dass die Französin gut drauf war und die Russin anfangs nicht unbedingt. Ein Ausrufezeichen setzte auch die junge Estin WIM Mai Narva (Elo 2155) mit Sieg gegen die Schottin (mit georgischen Wurzeln) Ketevan Arakhamia-Grant (Elo 2437).

In Runde 3 hatte Anna Muzychuk am Spitzenbrett das bereits erwähnte Glück gegen Almira Skripchenko. Hier fotografiert: 28.-Lxh3 mit Angriff auf die weisse Df4 war (in schlechter Stellung) ein inkorrekter Desperado, da nach 29.Dh4 der schwarze Lh3 angegriffen ist und ausserdem Te7 droht. Die Figur bekam Muzychuk zurück, musste aus weisser Sicht nicht sein, und später überlebte sie auch im Turmendspiel (s.u.). Hinter Muzychuk auf dem Foto die Polin Monika Socko – blonde Locken und T-Shirt von LOTTO, Sponsor des polnischen Schachverbands.

An Tisch 10 wurde Mai Narva heruntergelost und hatte Schwarz gegen eine starke Gegnerin – kein Problem: Kosteniuk-Mai 0-1, und zwar im Oktober.

Runde 4:

Im Sinne von „Fotos gleichmässig über den Artikel verteilen“ hätte ich Muzychuk lieber erst später nochmals gezeigt, aber dieses Foto stammt nun einmal aus Runde 4 – Sturmsieg gegen Kashlinskayas Franzosen. Dann folgten bei ihr drei Remisen gegen Sebag, Socko und Girya – alle relativ korrekt, wobei gegen Girya sowohl mehr als auch weniger möglich war. Danach vier Siege – gegen Dornbusch, Gunina (hatten wir bereits), Goryachkina und Guichard – und schon war sie Europameisterin. Die Monegassin Tatiana Dornbusch hatte insgesamt ein Fahrstuhl-Turnier: 0,5/5 gegen Spielerinnen aus der top10 (zum Remis s.u.) dank 6/6 gegen schwächere Gegnerinnen – sonst hätte sie nicht so viele starke bekommen.

Die blonden Locken auf diesem Foto gehören wohl Antoaneta Stefanova – in dieser Runde Niederlage gegen Savina und insgesamt kein gutes Turnier. In Schwarz mit Dreadlocks (keine Überraschung, hatte sie ja bereits beim Europacup für Vereinsteams) Elisabeth Paehtz, zu ihr komme ich noch.

Ich überspringe mal einige Runden und komme zur entscheidenden Turnierphase, in der Gunina durchdrehte und andere aufdrehten. Bis einschliesslich Runde 7 lief es nach Wunsch für Gunina, Stand danach: Gunina 6.5/7, Pogonina 6, Goryachkina, Skripchenko, Guichard 5.5, zehn Spielerinnen 5 (darunter Elisabeth Paehtz), Kosteniuk zu diesem Zeitpunkt 4.5/7. Pogoninas Finish (1.5/4) reichte dann nicht für einen Platz ganz vorne.

In Runde acht dann an den ersten vierzehn Tischen (Spielerinnen mit 4.5/7 oder mehr) nur ein Remis sowie zehn Weiss- und zwei Schwarzsiege, darunter – bereits erwähnt – Guichard-Gunina 1-0 und auch Paehtz-Skripchenko 1-0, aber das Turnier von Frau Paehtz bespreche ich separat. Neue Situation: Führung für die G-Stars Gunina, Goryachkina und Guichard mit 6.5/8, dahinter sieben Spielerinnen (u.a. Paehtz) mit 6/8.

In Runde neun vorne gemischte Ergebnisse – mal gewann Weiss, mal Schwarz, mal wurde es remis. Ganz vorne war Goryachkina-Guichard 1/2 allenfalls milde ausgekämpft, ab dem 20. Zug wiederholte die favorisierte Weisspielerin. Savina-Paehtz 1-0 war das aus deutscher Sicht falsche Ergebnis. Neuer Stand: Muzychuk (nach Sieg gegen Gunina), Lagno, Guichard, Goryachkina, Savina 7/9, Gunina, Skripchenko, Socko, Kosteniuk (da ist sie!), Kulon 6.5, usw. .

In Runde zehn entschied vorne der Weissvorteil, teils zusammen mit dem Elovorteil, teils nicht (Guichard-Socko 1-0, Kulon-Gunina 1-0). Muzychuk zerlegte auch Goryachkinas Franzosen, wobei es diesmal etwas länger dauerte. Dzagnidze war die Erste, die mit Weiss nicht gewann sondern stattdessen gegen Girya nach zu kreativem Spiel verlor. Dann kommt Paehtz, und die kommt später. Stand nun: Lagno, Guichard und Muzychuk 8/10, Kosteniuk und Kulon 7.5, Goryachkina, Pogonina, Savina, Girya 7, usw. – insgesamt sechs Russinnen und je eine aus Frankreich, Ukraine und Polen.

Zu Runde elf zunächst Anzahl Züge der medaillenrelevanten Partien: 28, 19, 111, 28 und 25 – darunter je ein Sieg mit Weiss und mit Schwarz und drei Remisen. An Tisch zwei einigten Lagno und Kosteniuk sich nach 19 Zügen auf Remis – das bedeutete voraussichtlich eine Medaille für Lagno, und angesichts schlechter Wertung wohl keine für Kosteniuk. Die Stellung war bereits stark vereinfacht – mein Eindruck: beide wollten nicht allzu viel riskieren, Kosteniuk ohnehin nicht denn die Russin (war sie im Gegensatz zu Lagno schon immer) spielte Russisch.

Bei Guichard-Muzychuk 0-1 (Tisch eins) wollte Weiss vielleicht auch nichts riskieren – spielte dabei allerdings zu passiv-abwartend und kam übel unter die Räder. Finish in Moll für Guichard – vielleicht war der Akku leer? – und Triumph für Muzychuk.

Pogonina-Girya (Tisch 4) endete mit einer halb-plausiblen (jedenfalls nicht erzwungenen) Zugwiederholung, Tisch 5 Gunina-Savina hatte ich bereits. Goryachkina und Kulon machten dagegen Überstunden – gut, „Stunden“ ist übertrieben, es war ja Schnellschach! In der Eröffnung – schottisches Vierspringerspiel – war Goryachkina nicht allzu ehrgeizig, später bekam sie dann Oberwasser – vorübergehend, es verflachte zu einem ausgeglichenen Schwerfigurenendspiel. Wenn Kulon den Desperado 58.Txc4 mit dem Gegen-Desperado 58.-Txg3+ beantwortet hätte, müsste Goryachkina sich sicher von Medaillenhoffnungen verabschieden – Bronze dann für Pauline Guichard, denn Dame und g-Bauer gegen Dame und g-Bauer ist absolut remis. So behielt Weiss dazu ihren f-Bauern und konnte plausibel weiterspielen, der entscheidende schwarze Fehler dann im 105. Zug.

Noch zu Elisabeth Paehtz – „Archivfoto“ vom Europacup für Vereinsteams. Insgesamt ein Ergebnis im Rahmen der Eloerwartung, in einzelnen Partien war teils mehr und teils weniger möglich – das ist Schnellschach (und generell Damenschach?). Der Schwarzsieg zu Beginn gegen Nino Kordzadze (Elo 1926) locker-leicht nachdem die Gegnerin einmal fehlgriff – ihr Name täuscht übrigens, sie kommt aus Österreich (ich schrieb ja zu Beginn, dass Dzagnidze einzige Georgierin war). In Runde 2 hatte Paehtz mit Weiss gegen WIM Boric aus Bosnien (Elo 2226) die Eröffnung (Holländisch) „eigentlich“ grob misshandelt und gewann später doch – zum Schluss mit sauberer Technik mit Läufer und Springer gegen König. Das kann Paehtz also, Ushenina kann es vielleicht inzwischen auch.

Ab hier weitgehend etwa gleichwertige Gegnerinnen. In Runde 3-5 hatte Paehtz ein entspanntes Verhältnis zum Material: gegen Sophie Milliet gab sie zwei Leichtfiguren für einen Turm, dann gegen Inna Gaponenko und Nino Maisuradze jeweils eine Figur für einige Bauern. Alles wurde dann remis. Laut Computerurteil war es gegen Gaponenko korrekt bis vorteilhaft, da war es auch offensichtlich absichtlich. In den beiden anderen Partien war es inkorrekt oder jedenfalls riskant – da hatte Paehtz vielleicht auch taktisch etwas übersehen und es war demnach keine Absicht. Maisuradze konnte nach 21.-Txc3 von Paehtz (objektiv wohl „?!“) auch 22.Dxc3 spielen – nach 22.-Sf3+ 23.Lxf3 Lxc3 24.Tfc1 bekäme sie (Schwarz hat noch nicht rochiert und daher Grundreihenprobleme) insgesamt Turm und zwei Leichtfiguren für Dame und Bauer.

In Runde 6 ein lockerer Sieg gegen die nach oben gespülte Finnin FM Paasikangas-Tella (Elo klassisch 2243) – zuvor hatte diese zwei Siege gegen 2400+ auf ihrem Konto, verlor dann gegen Dzagnidze, Paehtz und später Kosteniuk und hatte am Ende nach zwei Niederlagen gegen ihr nominell unterlegene Spielerinnen ein Ergebnis im Rahmen ihrer Eloerwartung. Danach war Paehtz zu Gast beim Livekommentar, dazu später.

Danach ein Plusremis mit Schwarz gegen Socko, und Sieg mit Weiss gegen Skripchenko – die eigentlich das Gröbste überstanden hatte und dann (ohne Zeitnot) einen Turm einstellte.

Nun hatte Paehtz einen halben Punkt Rückstand auf die Medaillenränge, Runde 9 entscheid wohin die Reise gehen würde. Savina-Paehtz 1-0 war eine turbulent-gehaltvolle Partie. Anastasia Savina meinte hinterher, zu Gast beim Livekommentar, „wir wussten wohl beide nicht, wer eigentlich besser steht“ – laut Computerurteil durchgehend Weiss. Sutovsky fragte Savina auch: „Wer Dich kennt, weiss dass Du oft von Bonussekunden lebst. Was ist das? Selbstvertrauen – ‚ich finde auch in starker Zeitnot gute Züge‘ – oder mangelndes Selbstvertrauen – zuvor zu lange nachdenken, da Du Dich nicht entscheiden kannst?“ Savina lachend: „Eindeutig mangelndes Selbstvertrauen! Glaub‘ mir, permanente Zeitnot macht keinen Spass, und ich habe so auch schon viele Partien verloren. Wenn ich wüsste, wie ich das ändern kann, würde ich es ändern!“

In Runde 10 Weiss gegen (die bereits erwähnte) Tatiana Dornbusch, und Paehtzs Beitrag zu meiner wachsenden Sammlung TbTb – Tablebase Turmendspiel-Böcke. Wir trainieren vereinsintern Turmendspiele, und es ist „didaktisch wertvoll“ dass auch Profis da manchmal fehlgreifen. So stand es nach 70.-h6?!:

Ich bin mir nicht sicher, ob 70.-Ta8 hier remis hält – noch ist es keine Tablebase-Stellung (bzw. nur eine nicht allgemein zugängliche mit sieben Figuren und Bauern). Nun geschah 71.Te8+ Kh7 72.Te7+ Kh8 73.Kg6 Txg4+ 74.Kxh6 und das wurde Tablebase-konform remis – im Turm- und später im Bauernendspiel. Der Leser darf selbst herausfinden, wie Weiss stattdessen gewinnen konnte.

Gesellschaft hat Paehtz in meiner Sammlung übrigens von u.a. Magnus Carlsen (bevor er Weltmeister wurde), Maxime Vachier-Lagrave, Loek van Wely, Maxim Matlakov, Jan Michael Sprenger, usw. – alles Schnell- oder Blitzschach oder die „Schnellschach-Phase“ einer Partie mit klassischer Bedenkzeit. Ich weiss nicht, ob Sprenger Doppelkopf spielt und/oder Doppelbock trinkt; einmal spielte er beim Europacup Doppelbock mit Matlakov, der Russe hatte angefangen. Ich erwähne ihn aus einem anderen Grund: „Jana Michaela Sprenger“ wäre mit seit Jahren Elo ca. 2500 (mal etwas mehr, mal etwas weniger) bei den Damen zumindest erweiterte Weltspitze, ein Dasein als Schachprofi wäre realistisch – als Mann dagegen (abgesehen davon, dass er seinen Beruf als Philosophie-Professor wohl gerne ausübt) nicht. Eines hat Sprenger dabei nun Paehtz voraus: er erzielte beim Europacup seine dritte und letzte GM-Norm, darauf wartet Paehtz noch. Das relativiert für mich Paehtzs Bemerkungen – einige Runden zuvor und bei anderen Gelegenheiten – betrifft schlechte Bedingungen im Damenschach: sie sind zumindest viel besser als für Männer vergleichbaren (Elo-)Niveaus.

Noch zwei Turmendspiele aus diesem Turnier:

Stefanova-Kashlinskaya vor 54.Ka4? – danach war es remis, warum? Und wie konnte Weiss stattdessen gewinnen? Neben dieser Ex-Weltmeisterin und vor Jahren der damals zukünftige Weltmeister Carlsen hat am Wochenende auch Ex-Weltmeister Anand (Bundesliga gegen Li Chao) ein Turmendspiel misshandelt, wenn auch keine Tablebase-Stellung.

Und ein späterer Moment (im Vergleich zum Mittelspiel-Foto oben) aus der bereits erwähnten Partie Skripchenko-Muzychuk:

Natürlich keine Tablebase-Stellung, aber warum verzichtete Weiss hier auf 45.Tc5 +- (45.-Kd6 46.c7 Kxc5 47.c8D) zugunsten von 45.c7 Tc2 46.Txa5 Txc7 47.Kxh4 ? Mehrbauer für Weiss, aber es bleibt bzw. ist wieder in der Remisbreite und wurde dann remis.

Zurück zu Elisabeth Paehtz: in der letzten Runde ein Schwarzsieg gegen die junge Französin Cecile Haussernot – Ende gut, alles im normalen Bereich, Platz acht für die Nummer acht der Setzliste. Da war natürlich nicht mehr drin, aber phasenweise weniger. Haussernot hatte die Drohung 20.-Lxd4 wohl nicht übersehen, aber dachte sie mit 20.Tab1 zu entschärfen. Im weiteren Verlauf war dann die Gretchenfrage (oder Lieschenfrage?) „Hat Schwarz genug, mehr als genug oder nicht genug Kompensation für die (nach 20.-Lxd4! 21.DxTb8 22.LxLe5) investierte Qualität?“. Das sehen Engines fast Zug für Zug unterschiedlich. In der Partie gewann Schwarz – natürlich erst recht, nachdem sie die Qualität zurück bekam bzw. eine Figur mehr hatte. So erzielte Paehtz insgesamt 3/4 gegen Frankreich – 0/1 gegen Russland und 0.5/1 gegen Monaco verhinderten eine bessere Plazierung in der Abschlusstabelle.

Inzwischen gibt es auch einen eher kurzen und knappen Abschlussbericht der European Chess Union – daraus verwende ich abschliessend noch einige Fotos:

Goryachkina und Kosteniuk jeweils in Runde 1 – gegen die junge Sofie Pribylova (CZE) und die nicht so junge Tatiana Ivanova (RUS). Im Hintergrund auch Paehtz gegen die Austro-Georgierin Nino Kordzadze bzw. Gunina gegen die Ukrainerin Anastasia Kolba. Beim letzten Foto bin ich mir nicht 100% sicher, aber vermute dass es die 10-jährige Monegassin Fiona Berezovsky zeigt.

„Wie geht es weiter?“ entfällt eigentlich, da im Blitzturnier bereits die entscheidende Phase anbricht. Derzeit führt Kosteniuk mit 7,5/9 vor Haussernot, Lagno und Muzychuk mit 7/9, Gunina, Dzagnidze und Paehtz mit 6.5/9, usw. . Das habe ich – da mit diesem Artikel beschäftigt – nicht live mitbekommen, vier Runden werden noch gespielt.

 

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