Kosteniuk Blitz-Europameisterin, Russland dominiert, Paehtz auf Platz fünf

Dieser Artikel wird eher kurz und knapp – ich kann unmöglich auf alle Blitz-Turbulenzen im ansonsten weiterhin sonnigen Monaco eingehen. Neben Können, Kondition und Nerven brauchten die Spielerinnen auch Glück, um weit bis ganz vorne zu landen – entscheidend waren wie immer die letzten der insgesamt dreizehn Runden.

Das kam dabei heraus: Kosteniuk 10.5/13, Lagno 10, Gunina 9.5, Haussernot und Paehtz 9, Dzagnidze, Stefanova, Gaponenko, Sebag, Kulon, Kashlinskaya, Turova, Goryachkina, Srebrnic 8.5, usw. . Klare Sache was Gold, Silber und Bronze betrifft, und auch danach weitgehend bekannte Namen – Ausnahmen am ehesten die Französin Cecile Haussernot, die ein Traumturnier erwischt, und die Slowenin Ana Srebrnic, die am Ende recht weit vorne landete (bei klar schlechterer Wertung als alle anderen mit 8.5/13). Alle anderen bereits genannten jedenfalls unter den ersten 20 der Setzliste (Haussernot war Nummer 37, Srebrnic Nummer 38).

Die Nummer eins der Setzliste Anna Muzychuk landete dagegen, als Wertungsbeste mit 8/13, auf Platz 15 – 1/4 in den letzten Runden war zu wenig. Das Titelbild (natürlich Alexandra Kosteniuk) stammt vom russischen Schachverband, die Turnierseite bietet da wenig – daher auch in diesem Bericht keine weiteren Fotos.

Nun Spielerin für Spielerin: Kosteniuk begann, wie zuvor im Schnellschach, langsam und drehte dann auf – diesmal reichte es für Platz eins. Nur 2,5/4 in den ersten vier Runden, aber dann sechs Siege, zwei Remisen und noch ein Sieg – ab Runde 8 spielte sie dabei am ersten bzw. in der letzten Runde am zweiten Brett. Punktverluste zu Beginn ein Remis gegen die Finnin Johanna Paasikangas-Tella und eine Niederlage gegen Cecile Haussernot. Die Finnin (Elo 2243) hatte im weiteren Verlauf ein schlechtes Turnier – Niederlagen nicht nur gegen Girya und Pogonina, sondern auch gegen drei Spielerinnen mit Elo unter 2100. Die Französin war dagegen durchgehend ganz vorne mit dabei.

Wie zuvor Gunina im Schnellturnier war Kosteniuk gegen Mit-Russinnen sehr erfolgreich, bekam allerdings nur drei vorgesetzt: Siege in Runde 7-9 gegen Savina, Lagno und Gunina. Alle Partien waren „durchwachsen“: Gegen Savina stand sie mit Weiss zeitweise klar schlechter und bekam erst kurz vor Schluss – da hatten beide wohl nur noch Sekunden auf der Uhr – Oberwasser. 53.-Tb2? mit Angriff auf den weissen Sb6 sah aus wie ein Tempogewinn, war allerdings nach dem ‚Konter‘ 54.Sc4 ein Tempoverlust. Gegen Lagno lachen allwissende Computer beide Spielerinnen aus – die Partie kippte mehrfach, mit dem besseren Ende für Kosteniuk mit Schwarz. Gunina spielte im Damenendspiel mit drei gegen zwei Bauern offenbar auf Gewinn – dieses Endspiel entstand nach 37 Zügen, im 88. Zug verlor Gunina ihren Mehrbauern, im 93. Zug „fand“ sie ein Selbstmatt.

Dann noch ein (souveräner) Sieg gegen Muzychuk, und nun reichte es vorläufig. Das Remis gegen Sebag war „korrekt“, gegen Gaponenko stand Kosteniuk vorübergehend klar besser und dann wurde es gegnerisches Dauerschach. Die Schlussrunde bespreche ich separat.

Lagno war durchgehend ganz vorne mit dabei, aber am Ende ein halber Punkt zu wenig. Die „unnötige“ Niederlage gegen Kosteniuk hatten wir bereits, die anderen Verlustpunkte vor der Schlussrunde waren Remisen gegen Pogonina, Gunina und Muzychuk. Gunina konnte im Endspiel eine Mehrqualität nicht verwerten, gegen Muzychuk war Lagnos 36.-Lxa3? ein übereifriger Blackout – nach 37.bxa3 läuft der schwarze b-Freibauer nicht durch, aber am Ende war es trotz weisser Mehrfigur positionell remis. Das musste aus Muzychuks Sicht nicht sein – eine ihrer verpassten Chancen in der entscheidenden Turnierphase.

Gunina spielte durchgehend an den ersten drei Brettern – anfangs, da sie eben Nummer drei der Startliste war, später (da wurde es auch mal Brett eins und zwei) da sie ausreichend punktete. Die Niederlage gegen Kosteniuk hatte ich bereits, zur Niederlage gegen Paehtz siehe unter Paehtz. Erwähnen will ich noch, dass beim Remis gegen Haussernot früh im Turnier (Runde 5) im Mittelspiel mehr drin war, im Damenendspiel allerdings auch zweimal weniger.

Haussernot spielte vielleicht das „Turnier ihres Lebens“ – wobei derlei Bemerkungen/Urteile etwas verfrüht sind: die Französin ist 19 Jahre jung. Siege gegen Kosteniuk, Paehtz (in Runde 6 offenbar Probleme bei der Liveübertragung), Stefanova, Goryachkina, Skripchenko sowie [zur Schlussrunde komme ich noch] und Remis gegen Gunina. „Mit rechten Dingen“ ging es dabei nicht immer zu, ich erwähne nur den Sieg gegen Stefanova: Eine Stellung mit Damen, ungleichfarbigen Läufern und je zwei Bauern am Königsflügel wurde endlos weitergespielt, wer wollte da gewinnen? Vermutlich Stefanova(2540) gegen Haussernot(2153, jedenfalls vor dem Turnier) – wobei beide mal einer dreimaligen Zugwiederholung auswichen. Das zweite Mal Stefanova, und „eigentlich“ war sie damit erfolgreich – die leichte Asymmetrie in der Bauernstruktur (g- und h-Bauer für sie, f- und g-Bauer für Haussernot) war nach einem französischen Patzer im Prinzip partieentscheidend zugunsten Stefanovas. Aber im 87. Zug verpasste die „Europäerin“ (da Bulgarien bei ECU-Turnieren gesperrt ist, spielte sie unter europäischer Flagge) den Sieg, und im 89. bzw. dem nicht mehr ausgeführten 90. Zug überschritt sie die Bedenkzeit – nach Damentausch direkt zuvor war es nun total remis.

Gegen Lagno verlor Haussernot glatt in 22 Zügen – weiterer Widerstand war unmöglich, es war Matt! Lagno spielte nach dem Motto „erst matt setzen, rochieren und Türme verbinden kann ich auch später“ (in der nächsten Partie) und das funktionierte.

Paehtz begann (relativ) mässig – Niederlagen in Runde 2 gegen WGM Doluhanova (da hatte sie bei einem Tauschgeschäft die falsche gegnerische Figur geschlagen, 31.TxSd6 war richtig, das gespielte 31.DxLg5 falsch) und, nicht überliefert, in Runde 6 gegen Haussernot. Demnach war nachvollziehbar, dass sie im Vergleich zu Haussernot die klar schlechtere Wertung hatte.

Wie im Schnellturnier bekam Paehtz mehrere Französinnen vorgesetzt: Zum Sieg in Runde 3 gegen WIM Nicoara ist kein Kommentar möglich, da ausserhalb der Liveübertragung. Zur Niederlage gegen Haussernot auch nicht, da die Liveübertragung in dieser Runde streikte. Milliet-Paehtz 0-1 war turbulent – der moderne schwarze Aufbau nach dem Motto „erst angreifen, dann vielleicht noch (alle) Figuren entwickeln, Rochade muss nicht sein“ funktionierte eigentlich gar nicht. Aber Paehtz überlebte und bekam dann gar Oberwasser – nicht unbedingt weil Milliet mit 30.Sxf6+ Sxf6 Entwicklungshilfe für den schwarzen Königsspringer leistete. Am Ende offenbar weisse Zeitüberschreitung in nun für Schwarz jedenfalls klar besserer Stellung.

Gegen Girya insgesamt ein „Plusremis“ – mit Schwarz hatte Paehtz die klareren Gewinnchancen oder Gewinnstellungen über weitere Strecken der Partie. Sie stand zwar auch mal auf Verlust, aber hatte über die gesamte Partie betrachtet mehr „Pech“ als Glück. Dann kam Polen, und Polen war gegen Paehtz verloren – Socko in einer wechselhaften Partie, Kulon (mit Weiss) in einer recht einseitigen. Und dann wieder Frankreich: Was bei Paehtz-Sebag 0-1 genau los war, schwer zu sagen. Schwarz knetete ein Endspiel mit Türmen, gleichfarbigen Läufern und Mehrbauer endlos und erreichte (wohl mit gegnerischer Hilfe) eine Gewinnstellung – aber dann stellte sie einfach so einen Turm ein, stand auf Verlust und gewann (weisse Zeitüberschreitung?).

In Runde 11 bewarb sich Almira Skripchenko als beste Freundin von Elisabeth Paehtz. Im Schnellturnier hatte sie einen Turm eingestellt, nun schenkte sie ihr im Endspiel mit für sie zwei (allerdings blockierten) Mehrbauern einen Läufer und liess sich später im Remisendspiel Turm gegen Turm und Springer mattsetzen. Dass Paehtz zuvor bereits im 14. Zug gepatzt hatte war irrelevant, da Skripchenko dieses Geschenk nicht akzeptierte/auspackte.

In Runde 12 war Paehtz ebenfalls im Glück – Gunina überschritt in für die Russin klar besserer Stellung die Bedenkzeit, Paehtz hatte noch vier Sekunden auf der Uhr.

Und nun die Schlussrunde, Stand zuvor: Lagno und Kosteniuk 9.5/12 (Lagno mit ganz leicht besserer Wertung), Paehtz, Dzagnidze, Gaponenko, Gunina 8.5, sechs Spielerinnen mit 8/12. Spitzenpaarungen Paehtz-Lagno und Kosteniuk-Dzagnidze, Ergebnisse kennt der mitdenkende Leser bereits. Kosteniuk erreichte gegen Dzagnidze irgendwie und relativ plötzlich ein Turmendspiel mit zwei verbundenen Mehrbauern und gewann diese Gewinnstellung. Paehtz-Lagno war turbulenter und Schwerpunkt der Liveübertragung. Ein „Helfer“ spielte am Spitzenbrett den ersten Zug – Paehtz „empfahl“ ihm 1.b3, Pech für sie dabei: es dauerte dann noch einige Zeit, bis die Uhr angestellt wurde – Lagno konnte sich zwischenzeitlich vorbereiten, das war aber wohl nicht partieentscheidend. Nach 6.-Da5 stand dann die schwarze Dame (die auf dem Brett) direkt vor der Uhr, schwarze Bedenkzeit aus der Kameraperspektive nicht sichtbar.

Das weisse Damenmanöver 15.-17.Db1-c2-d1-e2 (zuvor bereits 9.Dc2 und 13.Db1) habe ich nicht verstanden, bzw. damit hatte ich nicht gerechnet (nein, zuvor geschah nicht z.B. Tfc1, Db1-d1-e2 war möglich) – aber ich spiele weder 1.b3, noch habe ich Elo ca. 2500. Dann tat Frau Paehtz mir allerdings einen Gefallen: 18.b4!? cxb4 19.axb4 Dxb4 – so, die schwarze Bedenkzeit war wieder zu sehen, jedenfalls bis Lagno 21.-Sa5 spielte. Objektiv war dieses Bauernopfer wohl eher halb-korrekt und etwas aus der Not geboren. Lagno wich im 37. Zug einer Zugwiederholung aus und hätte das später fast bereut. Weiss bekam Initiative am Königsflügel, Engines sagen nun zunächst 0.00 – volle Kompensation für später zwei Minusbauern, aber nicht mehr. Bis Lagno 47.-Dxd4? entkorkte – 48.Dxg5+ Dg7 wäre nun kein Problem, aber das gespielte 48.Sg4! war ein objektiv fatales. Zu Lagnos Glück verzichtete Paehtz dann zweimal, im 51. und 53. Zug, auf (-Db2+) Tc2 – wonach nur -Dxc2 Dxc2 ein Matt verhindern könnte. Stattdessen blockierte Paehtz schwarze Damenschachs dann mit (53.-Db3+) 54.Se3, und hatte danach selbst Dauerschach – nicht weniger aber (da der Springer bei einem Mattangriff nicht mehr mitmachte) auch nicht mehr.

Insgesamt sagte Paehtz „mit dem Ergebnis bin ich zufrieden, mit der Qualität meiner Partien eher nicht“. Nein, das war nach dem Schnellturnier – zum Blitzturnier kenne ich kein Paehtz-Zitat, aber das war vielleicht insgesamt ähnlich einzuschätzen/einzuordnen.

Kosteniuk bezeichnete ihre gute Fitness als wichtig in derlei Turnieren, wobei sie offenbar (nach einmal in Paris, wo sie momentan anscheinend weitgehend lebt) keine weiteren Marathonpläne hat.

Gaponenko-Gunina 0-1 bedeutete Bronze für die Schwarzsiegerin – wenn Paehtz gewonnen hätte, wohl nach Wertung Silber, Bronze für Lagno und Blech für Paehtz. Livekommentator Sutovsky (den ich hiermit auch noch einmal erwähne) sagte, dass sie den Spielerinnen nach einem langen Turnier keine Stichkämpfe zumuten wollen. Zur Partie: in einem Berliner Spanier bekam Schwarz Oberwasser und konnte am Ende gar mattsetzen.

Zwei von drei Schlussrundenduellen zwischen den Spielerinnen mit zuvor 8/12 endeten Remis – Turova-Goryachkina recht früh durch Zugwiederholung, Kashlinskaya-Stefanova trotz schwarzer Mehrfigur und Computerurteil ca. -5. Hatte Weiss da eine Festung, die Engines nicht würdigen? Schwarz konnte zuvor über weite Strecken keinerlei Fortschritte machen. Eine dritte Partie hatte Siegerin und Verliererin, dabei vom Partieverlauf zuvor die falschen: Muzychuk-Haussernot 0-1! Weiss hatte drei Mehrbauern, darunter einen fast einzugsbereiten Freibauern. Schwarz hatte immerhin zwei Türme auf der zweiten gegnerischen Reihe und dadurch Mattdrohungen – Weiss konnte diese parieren, „verzichtete“ allerdings darauf. So endete das Turnier für Muzychuk in Moll, und Haussernot wurde Vierte nach Wertung vor Paehtz.

Insgesamt gewann die Französin auch satte 121 Blitz-Elopunkte hinzu. Ihr kampfloser Sieg in Runde eins ist Elo-irrelevant, danach war (bei K-Faktor 20) 2/12 das „normale“ Ergebnis, 8/12 das tatsächlich erzielte. Ab Runde 4 hatte sie durchgehend Gegnerinnen mit Blitzelo über 2400, darunter zwei (Lagno und Muzychuk) mit über 2600. Eigene Elozahl: vorher 2153, nun also immerhin 2264 – bei einer direkten Neuauflage des Turniers wäre sie bereits Nummer 26 der Setzliste.

Anna Muzychuk muss sich dagegen von 59 Blitz-Elopunkten verabschieden, d.h. 11/13 war gegen ihre Gegnerinnen Elo-normal, 8/13 wurde es. Niederlagen gegen Kosteniuk und Haussernot bereits erwähnt, ausserdem früh im Turnier gegen Kashlinskaya und Kulon. Dennoch schien zwischendurch ein Double bzw. zusammen mit ihren WM-Titeln im Blitz- und Schnellschach ein „Quartett“ möglich, aber es reichte (am Ende bei weitem) nicht.

Zum Abschluss noch „kurz und knapp“ (gilt für den Artikel insgesamt nun doch nicht) zur zweiten deutschen Teilnehmerin Annmarie Mütsch: 6,5/13 war leicht über der Eloerwartung, dabei aufgeteilt in 6/6 gegen ihr nominell unterlegene und 0.5/7 gegen stärkere Gegnerinnen – Auf und Ab im Schweizer System! Niederlagen gegen u.a. Skripchenko, Sebag, Muzychuk und Socko – auf der Habenseite in dieser Kategorie ein Remis gegen Pogonina.

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