Vorschau zur Mannschafts-EM

Der eine Leser oder die andere Leserin fragt sich vielleicht: War die nicht gerade erst? Vor kurzem war es der Europacup für Vereinsteams, bei dem auch Ausländer oder gar Nicht-Europäer mitspielen durften – demnächst die EM für Nationalteams. Da kann jedes Land nur die Spieler aufstellen, die es eben hat, und niemanden einkaufen – jedenfalls nicht kurzfristig und/oder nur speziell für dieses Turnier. Einige Länder haben Spieler im Kader, die zuvor mal für ein anderes Land spielten – Russland zwar ohne Karjakin, aber Aserbaidschan mit Naiditsch, Deutschland mit Nisipeanu und Fridman, usw. .

Eines haben beide Turniere gemeinsam: Austragungsort am Mittelmeer – Europacup etwas problematisch (für einige [potentielle] Teilnehmer) nahe Antalya in der Türkei, EM für Nationalmannschaften nun Hersonissos auf Kreta, an der Nordküste ca. 25km östlich von Heraklion. Auch das Ambiente ist wohl ähnlich – Luxusurlaub zwischen den Partien, wobei die Hotelkosten wohl diesmal vom jeweiligen Landesverband übernommen werden. Temperaturen allerdings, da etwas später im Jahr, offenbar nur bis maximal ca. 20 Grad – Wassertemperatur derzeit 21-22ºC. Die Turnierseite hat bisher noch relativ wenig, auch keine Fotos – einige übernehme ich stattdessen von der Hotelseite des Creta Maris Beach Resorts: Titelfoto Gesamtansicht, später noch ein paar Nahaufnahmen.

Frauen

Wenn Elo entscheidend wäre, dann wäre bei den Herren (bzw. im offenen Turnier, aber auf die Schnelle fand ich keine Damen zwischen Herren) Gold und Silber bereits vergeben – an Russland (Eloschnitt 2744) und Aserbaidschan (2728). Bronze wäre dagegen unklar, da vier Länder einen Eloschnitt zwischen 2693 und 2697 haben. Allerdings weiss ja Russland aus langjähriger Erfahrung, dass Elo nicht automatisch Gold gewinnt – jedenfalls einmal wurde gar die Nummer 10 der Setzliste Europameister (Deutschland damals in Porto Carras, ebenfalls Griechenland).

Ich nenne die ersten zehn Teams namentlich – Brettreihenfolge muss nicht so bleiben, z.B. sagte Leko im Interview am Bundesliga-Wochenende, dass er für Ungarn Brett 1 spielen darf oder muss. Russland spielt mit Grischuk, Nepomniachtchi, Matlakov, Vitiugov und Dubov – also ohne Kramnik, der die Hoffnung, sich nach Elo für das Kandidatenturnier zu qualifizieren wohl aufgegeben hat, und auch ohne Karjakin und Svidler. Fedoseev war ursprünglich im Aufgebot und wurde kurzfristig durch Dubov ersetzt – Gründe wurden nicht genannt, womöglich hat Fedoseev nach seinem durchwachsenen bzw. schlechten Resultat beim Europacup (freiwillig oder nicht) verzichtet. Aserbaidschan spielt in Bestbesetzung: Mamedyarov, Radjabov, Naiditsch, Mamedov, Guseinov.

Dann die Ukraine – nicht ganz in Bestbesetzung, Ivanchuk fehlt, aber immerhin mit Eljanov, Ponomariov, Kryvoruchko, Kuzubov und Kravtsiv. England wieder in Bestbesetzung mit Howell, McShane, Short, Adams und Jones (so sind sie derzeit sortiert). Israel auch mal wieder in Bestbesetzung: Gelfand, Rodshtein, Sutovsky, Nabaty, Smirin – Probleme zwischen Spielern und Schachverband sind offenbar (jedenfalls für dieses Turnier) gelöst, Sutovsky hat sich gerade auf Facebook für zehn Tage verabschiedet. Armenien landete oft weiter oben als ihr Platz in der Setzliste – liegt wohl am Teamgeist und am voraussichtlichen Spitzenbrett. Hinter Aronian spielen Sargissian, Movsesian, Melkumyan und (wohl eher sporadisch) Gabuzyan. Das sind “im Prinzip” die Medaillenanwärter.

Ungarn mit (momentan so aufgestellt) Almasi, Berkes, Erdos, Leko und Rapport sollte man aber nicht unterschätzen, Polen mit Wojtaszek, Duda, Piorun, Bartel und Tomczak auch nicht. Dann wieder eine recht grosse Eloschnitt-Lücke zu zwei nahezu gleichwertigen Teams: Deutschland (Nisipeanu, Bluebaum, Meier, Svane, Fridman) und Niederlande (Giri, l’Ami, Bok, Sokolov, van Foreest) – beide also mit einer Mischung aus jungen und nicht mehr so jungen Spielern. In Deutschland ist Bluebaum derzeit “König der ehemaligen Prinzen”, Svane spielt auch mit – wer wie oft eingesetzt wird und ob das die definitive Brettreihenfolge ist wissen wir nach bzw. direkt vor dem Turnier.

Zu den 30 anderen Teams nur so viel: Zwei haben – wie die ersten zehn minus Deutschland – auch einen Spieler mit Elo 2700+, und zwar die Tschechische Republik mit Navara und Georgien mit Jobava. Frankreich dagegen nicht, da Vachier-Lagrave und Bacrot fehlen und Fressinet momentan nur 2657 bieten kann. Norwegen auch nicht, da Carlsen nicht mitspielt. Zwischendurch wieder Fotos:

Rechts die “Romantic Bar”, wer wird diese während dem Turnier besuchen? Möglicherweise Arkadij Naiditsch mit Ehefrau Yuliya Shvayger für Israel, oder Erwin und Alina l’Ami und/oder Richard und Jovana Rapport. Radek Wojtaszek dagegen – wenn er treu ist – nicht: Ehefrau Alina Kashlinskaya ist nicht im russischen Damenteam. Elisabeth Paehtz muss auch auf Ehemann Luca Shytaj verzichten, ebenso Monika Socko auf ihren Bartosz. Marina und Sabino Brunello sind nicht verheiratet, sondern Geschwister – wie auch Shak Mamedyarov (hat gerade geheiratet) und Zeinab Mamedjarova. Ansonsten gilt vielleicht: was nicht ist kann noch werden – einschlägige Gerüchte kenne ich nicht bzw. verrate sie nicht, ich bin auch nicht vor Ort in Hersonissos um das zu beobachten und dann eventuell zu fotografieren.

Es gibt also auch ein Damenturnier, einige Namen habe ich bereits genannt. Die Medaillenkandidatinnen sind nominell Russland (Kosteniuk, Lagno, Gunina, Girya, Goryachkina), Georgien (Dzagnidze, Khotenashvili, Javakhishvili, Batsiashvili, Melia) und Ukraine (Doppel-Anna Muzychuk und Ushenina, Zhukova, Gaponenko und Reserve Osmak). Zu Mariya Muzychuk sagte Sutovsky beim Kommentar zur Damen-EM im Schnell- und Blitzschach, dass sie ein halbes Jahr Pause macht (zuletzt spielte sie im Mai in der deutschen Frauenbundesliga) und dann wieder ins Geschehen einsteigen wird.

Dahinter (und auch zwischen Russland und – nahezu gleichwertig – Georgien und Ukraine) eine recht grosse Elolücke. Polen (vorne Monika Socko) war allerdings bei Mannschaftsturnieren oft erfolgreich, Aserbaidschan will andere nominell stärkere Teams wohl wieder ärgern, die Türkei hat beim Europacup zu Hause geübt. Was Deutschland (Paehtz, Hoolt, Michna, Levushkina, Heinemann) kann erfahren wir im Laufe des Turniers – wie bei den Herren ein Altersmix. Nach Eloschnitt sind sie Nummer 5 der Setzliste, genau gleichauf mit Nummer 6 Frankreich (vorne Marie Sebag).

Zum Schluss noch die nackten Fakten: Rundenbeginn ist um 15:00 Ortszeit, 14:00 in Mitteleuropa. Gespielt wird vom 28.10. bis 6.11. (Schlussrunde eine Stunde früher) mit Ruhetag am 2. November. Bedenkzeit 90 Minuten für 40 Züge, 30 Minuten für den Rest mit 30 Sekunden Zugabe pro Zug von Anfang an. Remisverbot vor dem 30. Zug (es sei denn, man findet eine Zugwiederholung). ECU dress code.

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3 thoughts on “Vorschau zur Mannschafts-EM

  1. Im Schach darf der Gastgeber generell zwei Mannschaften schicken, und drei wenn die Teilnehmerzahl sonst ungerade wäre. Deutschland hatte bei der Olympiade 2008 in Dresden auch drei Teams, wobei das dritte Team erst vor Ort erfuhr, ob es tatsächlich mitspielen darf.
    Ungewöhnlich/kurios/umstritten war nur, dass Russland bei der Olympiade 2010 in Khanty-Mansiysk fünf (5) Teams aufstellen durfte – von denen dann drei unter den ersten 15 von 148 landeten.

  2. Danke für den Vorbericht!
    Ist es jetzt eigentlich generell so, dass der Gastgeber drei Mannschaften entsenden darf? Bisher war m.W. nur Großbritannien so privilegiert, in Nationalwettkämpfen jeder Sportart mehrere Teams schicken zu dürfen.

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