Niedernhauser! Die Spiele sind eröffnet!

Von Ralf Mulde – In Niedernhausen bei Wiesbaden ging es wieder los. Es war der 27. Oktober 2017 um Punkt 10:00 Uhr, als … Zapfenanstich? Kamelleschmeißen? Lätare-Spende? Nein, das Andere: Turnier-Eröffnung! Die neue DSAM-Saison! Und wieder kamen sie alle: 284 Spielerinnen und Spieler stürmten die Bude, darunter erfreuliche 26 Damen bzw. Mädchen = 9,15%. Das ist wie früher im Sommerschulzverkauf: Sich den strebenden Massen entgegen zu stellen, also der bereits Witterung aufgenommenen schachlichen Stampede zum Brett, kann üble Folgen haben. Meistens nicht für den Büffel.

Und bei “Stampede”, also einer aus Western bekannten rasenden Büffelherde, sind wir auch schon bei einer Neuerung: Die Erkennungsmelodie der DSAM wurde ausgetauscht. Wenn Frauen ihre Frisur wechseln – und es heißt ja “die” DSAM – hat das immer etwas zu bedeuten. “Ach, Liebling, mir war gerade so …”, ist selten die ganze Wahrheit. So eben auch im Fall DSAM, siehe unten. Das bisherige “One (K)Night in Bangkok” aus dem Stück “Chess” wurde gegen die groß orchestrierte Titelmelodie eines der echten Western-Klassiker ausgetauscht: “Die Glorreichen Sieben” (R: John Sturges, 1960) ritten zur Musik von Elmar Bernstein in den Turniersaal ein. (Dass ich das noch erleben darf … -rm-)

Check-In gute Stimmung. Martina Jordan an der lila Kasse

Sichtlich beeindruckt waren die imaginär quasi neben Yul Brynner im Sattel sitzenden Hoteldirektor Christian Hoebbel und der Repräsentant des gastgebenden Landesverbandes Hessen, dessen Präsident Thorsten Ostermeier, die einige sehr nette, kurze Worte an die Spieler richteten, ebenso wie Hugo Schulz, der nicht “nur” als Schiedsrichter, sondern auch durch sein Amt des Referenten für Breitenschach den Deutschen Schachbund DSB repräsentierte. Er wies darauf hin, dass die DSAM in Niedernhausen zwar schon zwei Finale durchführte, aber dass dies das erste Vorturnier sei. Ob sein guter Rat, den er von Dr. Emanuel Lasker übernahm, ein gutes Rezept ist, in Zeitnot zu kommen – wer weiß? “Wenn Sie einen guten Zug sehen, suchen Sie nach einem besseren.”

Wer Erfolg hatte, hat etwas richtig gemacht. Wer weiterhin Erfolg haben möchte, muss etwas ändern – möglichst das Richtige. Mithin: Es gibt inzwischen eine G-Gruppe. Für den, der nicht sofort schaltet: Bisher waren es sechs, jetzt sind es sieben Leistungsgruppen. Dadurch wurde eine noch gerechtere Verteilung möglich, denn die jetzt (nicht ganz) gleich großen Gruppen bieten nun auch gruppenunabhängig jedem Spieler ungefähr gleich gute Chancen für den Einzug ins Finale. Es ist ja klar: Musst Du nur wenige Spieler hinter Dir lassen, im Extremfall nur einen, um einen Finalplatz zu erreichen, ist das einfacher als bei mehreren Dutzend, die es zu umkurven gilt.

Die Sieben wird sich jetzt wie eine Gebirgskette durch diese DSB-Veranstaltung ziehen, denn es gib t nun auch ein siebtes Vorturnier. München ist als Turnierstandort mit hinzu getreten, das Turnier erweiterte sich also von 63 auf 73, in sieben Vorturniere qualifizieren sich in jeder Gruppe die besten sieben Plätze plus die beste Dame für das FINALE, das so natürlich auch einige Spieler als bisher aufweisen wird.

Die vierte Neuerung ist ein Meilenstein der DSAM-Turniergeschichte: Ein Spieler mit, sagen wir, Elo 1967 und DWZ 1723 darf sich – aber muss nicht – in der Rating-Gruppe 1601-1750 (D) anmelden. Bisher galt nämlich stets die höhere Zahl als Maßstab, der Spieler hätte also zwingend in der Gruppe B Platz nehmen müssen, auch wenn der zehnmal beteuert, dass es sich beim Zustandekommen dieser Elo um einen leider nur einmaligen Ausrutscher längst vergangener goldener Jahre handelte. Man sieht, es tut sich Revolutionäres.

Kleiner Leser-Service: Eine fünfte Umstellung ist weniger revolutionär, sondern schlicht überflüssig, Du musst aber dennoch dran denken: In der Nacht von Sonnabend auf Sonntag leiden alle mal wieder unter der Zeitumstellung – die Uhr wird um eine Stunde zurückgestellt.

Dr_Tatiana_Rubina

Die beste Dame der Setzliste spricht sechs Sprachen und spielt in Gruppe B, nämlich Dr. Tatiana Rubina (Elo 2022) vom SK Mannheim 1946. Der Mannheeeme’ Dialekt wäre dann, passend zum neuen DSAM-Look, die siebte Sprache … Was macht man mit sechs Sprachen in der (zweiten) Frauenbundesliga? Wo man doch noch nicht mal ein Wort telefonieren darf! Sechsfach remis anbieten? Wir wissen es nicht, freuen uns aber sehr auf die Partien unserer Schachfreundin.

An Eins der A-Gruppe wurde qua Rating FM Holger Namyslo (Elo 2258) aus Biberach gesetzt (“sätzen Sä säch!”). Der hatte jedenfalls nicht mit dem etwas kuriosen Problem des jüngsten Turnierteilnehmers zu tun: Chain Conrad Hofmann, 2009 geboren, konnte an der ersten Runde nicht spielen. Er ging heute noch zur Schule.

Einen knorrigen Auftritt hatte der Repräsentant der Stadt Niedernhausen: “Hier stehe ich, ich könnte auch anders!” Gut, das hatte Oberstaatsanwalt a.D. Frieder Rothenberger im Angesicht des nahen Reformationstages nicht gesagt. Aber, für das Schach bedeutsamer, führte er mit Willi Weyer u.a. den Präsidenten des Deutschen Sportbundes von anno dunnemal an:

“Heute verstehen wir das Schachspiel als Sport, als einen Sport, der den ganzen Menschen fordert”. Und auch Herbert Zapf, ehemals Lehrwart im Verband NRW, hatte Schachfreund Rothenberger gelesen: Von “fast unschätzbarem Wert ist das durch ständiges Anwenden und Üben sich herausbildende Phänomen der Entwicklung eigener Problemlösestrategien.” Der Oberstaatsanwalt a.D. hatte dabei wohl ganz praktisch und geldsparend die Belange der Stadt Niedernhausen im Blick: “Gelingt es zugleich, durch das Schach indirekt Lösungen für Konflikte zu finden, werden wir durch die Förderung des Schachs vielleicht einen Teil zu einer Gesellschaft mit weniger Gewalt als jetzt beigetragen haben.”

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Veröffentlicht unter DAM |