Dies und das aus Hoogeveen, Haarlem und St. Petersburg (UPDATES)

  • 2
    Shares

Hoogeveen ist doch vorbei? Inzwischen ja, aber nach Abschluss der beiden Matches Ivanchuk – Wei Yi und van Foreest – Adhiban gab es im Open noch zwei Runden, ebenso im KO-Finale dieses Opens – da spielte Dmitrij Kollars noch sieben Partien, Dinara Saduakassova gar noch neun. Wie geht das an zwei Tagen? Es wurde (auch) geblitzt. Danach “reise” ich noch quer durch die Niederlande zum Turnier Haarlemse Meesters – mit deutscher Beteiligung – und dann weiter nach St. Petersburg zum Chigorin Memorial – ebenfalls mit deutscher Beteiligung, aber deswegen erwähne ich es nicht.

Fotos nur zu/aus Hoogeveen – Quelle wieder die Turnierseite, bzw. ab da über Flickr, fotografiert hat wohl vor allem Lennart Ootes. Da ich für eine deutsche Seite schreibe, bekommt das Titelbild nicht der Sieger Roeland Pruijssers, sondern der Zweitplazierte Dmitrij Kollars – später auch noch Fotos mit Gegnerin und Gegner sowie eines mit einem anderen deutschen Turnierteilnehmer.

Endstand im Open: 1. GM Pruijssers, 2. GM Kollars, 3. IM Saduakassova, 4. IM Beerdsen – diese vier spielten das KO-Finale, weiter ging es mit IM Kuipers 7/9, GM Ernst, IM Sachdev, GM Kuljasevic 6.5, FM Colijn, Engel, GM Gritsak 6, usw. . Der Engel hat den Vornamen Luis und ist mit seinem Turnier wohl zufrieden, auch wenn er eine IM-Norm knapp verpasste. Zu einigen anderen deutschen Teilnehmern komme ich noch, nächster wäre IM Carlstedt als Wertungsbester von acht mit 5.5/9 – die vier Finalisten stehen auf chess-results zwischendrin: Pruijssers hatte 6/7, die drei anderen 5.5/7.

Der Finalmodus: erst eine Partie mit klassischer Bedenkzeit – wer zuvor im Turnier mehr Punkte oder jedenfalls die bessere Wertung hatte bekam Weiss. Wenn diese Partie remis endet, zunächst zwei Blitzpartien. Danach nicht Armageddon (Schwarz reicht ein Remis) sondern “sudden death” – wer die erste Partie gewinnt, hat das Match gewonnen. Jeweils nach einer ungeraden Anzahl Partien Farbwechsel, d.h. ein Spieler bekommt Weiss, zweimal Schwarz, zweimal Weiss, usw. – soweit kam es dann doch nicht: zwei schafften es zwar, fünfmal zu remisieren (also auch vier Blitzpartien), aber in der insgesamt sechsten Partie fiel die Entscheidung.

Gemeint ist nicht Pruijssers-Beerdsen. Tags zuvor hatte Pruijssers gegen denselben Gegner Schwarz, und es wurde zehnzügig remis. Nun hatte er Weiss und gewann – und zwar im Turmendspiel, da hat Beerdsen gewisse Schwächen, siehe hier (das war 2015) und auch tags darauf. Diesmal der entscheidende Fehler wohl im 41., also dem “Kontrollzug”.

Dinara Saduakassova und Dmitrij Kollars sind im Vornamen-Alphabet noch näher beieinander als Roeland Pruijssers und Thomas Beerdsen, daher war dieses Match hart umkämpft. Wobei “umkämpft” im Sinne von “ergebnisoffen” vielleicht nicht zutrifft – generell dominierte der deutsche Spieler, konnte den Sack aber erst in der fünften Blitzpartie zu machen. Diese lange Verlängerung wäre nicht nötig gewesen, wenn er in der Partie mit klassischer Bedenkzeit seinen Mittelspiel-Vorteil verwertet hatte. Stattdessen wurde daraus ein Endspiel mit Mehrbauer, aber das war wohl immer in der Remisbreite – zum Schluss Turm und drei Bauern gegen Turm und zwei Bauern am Königsflügel.

Auch in der zweiten Blitzpartie hatte Kollars klare Vorteile, diesmal im Endspiel – aber wieder wurde es remis. Eine Gewinnstellung ist eben erst dann definitiv gewonnen, wenn der Gegner bzw. hier die Gegnerin aufgibt – Matt setzen geht natürlich auch, gegnerische Zeitüberschreitung geht auch. Selbst sollte man nicht die Bedenkzeit überschreiten – hoppla, schon bin ich in Haarlem aber das kommt später. Drei andere Blitzpartien in diesem Match in Hoogeveen wohl durchgehend ausgeglichen, aller guten Dinge waren dann aus Kollars’ Sicht fünf (bzw. sechs).

Die fünfte Blitzpartie war bzw. wurde ein Turmendspiel – beiderseits nicht perfekt vorgetragen (sagen Engines, also sage ich es auch). Dabei war nur die Frage, ob der schwarze Vorteil (Kollars hatte Schwarz) zum Gewinn ausreicht oder nicht.

Es reichte! Saduakassova gab nach 69.-Kxf6 auf – Turm und Bauer gegen Dame spielte sie weiter, Turm ohne Bauer gegen Dame nicht mehr. Beim Weltcup mussten Spieler noch beweisen, dass sie dieses Endspiel beherrschen, da stand allerdings auch noch etwas mehr auf dem Spiel. Im Publikum erkennt der Leser vielleicht (auch auf späteren Fotos) den einen oder die andere.

Tags darauf vorab moralische Unterstützung von Jonathan Carlstedt für seinen Schützling Dmitrij Kollars. Es sollte keinem der beiden helfen – Carlstedt verlor dann im Open mit Weiss gegen Tania Sachdev (habe ich die bereits “fotografiert”?), Kollars verlor mit Schwarz gegen Roeland Pruijssers.

Noch ist es nicht soweit (auf dem Foto auch Schiedsrichter Huub Blom), aber später machte Pruijssers in einem Italiener Druck am Königsflügel und Kollars spielte einen Zug zu spät -g5: 23.-g5 musste sein, und dann lebt Schwarz noch. 24.-g5 war dann die einzige Möglichkeit, 25.Txg7+ zu verhindern, half allerdings nicht mehr – da Weiss nun eben 25.Txg5! spielte, das geht und gewinnt.

Damit erübrigt sich wohl die Frage, ob Hoogeveen Kollars’ bisher bestes Turnier war – auch bei einem Sieg würde ich jedoch seinen Erfolg in einem Rundenturnier in Jurmala (eine seiner GM-Normen) höher einstufen. Pruijssers gewann kurz zuvor auch ein Schnellturnier mit neben Ilja Schneider und Thomas Richter auch einigen (weiteren) Grossmeistern. Finanziell brachte Heerhugowaard 400 Euro (da er Platz eins mit Ilja S. teilte), und Hoogeveen 2500 Euro – da war er aber auch neun Tage vor Ort.

Ein individuelles Foto bekommt er noch, und nun zum Spiel um Platz drei. Mit klassischer Bedenkzeit dachte Saduakassova vielleicht “Blitzen macht Spass!” und bot mit Weiss nach 18 Zügen remis, Gegner Thomas Beerdsen war einverstanden – und sollte das dann eventuell bereuen:

In der ersten Blitzpartie erreichte er aus der Eröffnung nichts und opferte dann inkorrekt einen Bauern, Saduakassova bekam Oberwasser. Einmal stolperte sie noch, aber Beerdsen konnte davon nicht profitieren.

Dieselbe Partie aus der anderen Perspektive. Nun musste Beerdsen mit Schwarz gewinnen, und war sehr nahe dran:

Schwarz am Zug, was tun? Beerdsen spielte 38.-Tb4+, so nicht! Wie denn dann? Gut, noch ein Tip: das war das falsche Schachgebot, aber den 39. schwarzen Zug muss der Leser selbst finden. Es verflachte zum Remis, bzw. zwischendurch stand dann gar Weiss auf Gewinn – aber Saduakassova konnte das nicht gewinnen, wollte vielleicht auch nicht unbedingt, Remis reichte ja und war am Ende mit Turm gegen Turm erreicht.

Die vier Sieger(innen) flankiert von Turnierdirektor Loek van Wely und Erik Giethoorn (Stadtverwaltung Hoogeveen)

Nun erst noch einmal Bilder von anderen, die (diesmal oder zu diesem Zeitpunkt) nicht Schach spielten bzw. jedenfalls keine Elopunkte riskierten:

Die ersten beiden Fotos von Jan Bruijns. Ligterink, Sokolov und Böhm kommentierten, Timman spielte simultan und auch eine Showpartie gegen van Wely. Ivanchuk widmete sich seinem anderen Hobby Dame gegen das NL-Jungtalent Jan Groenendijk (beide im Anzug, jeder auf seine Weise). Groenendijk gewann, aber meinte, dass Ivanchuk – seit er ihm vor einem Jahr bei einem Turnier begegnete – erhebliche Fortschritte gemacht hat. Ivanchuk: “Ich habe viel gelacht und viel gelernt. Jedes Mal, wenn ich die Niederlande besuche, ist es Fest.”

Noch ein paar Fotos vom (Rest-)Open:

Saduakassova-Ernst zeige ich, da Dinara mit ihrem Sieg gegen Sipke den Grundstein zum Erreichen des Finales legte. Stefan Kuipers zeige ich, da er am Ende “best of the rest” wurde. Zweimal Machteld van Foreest auch, da jeweils auch “alte” bzw. ältere deutsche Spieler mit auf dem Foto sind – einmal schräg gegenüber der neugierige Valentin Buckels, einmal neben ihr der konzentrierte Jakob Weihrauch.

Zu einigen deutschen Teilnehmern neben Kollars: Luis Engel verpasste, wie bereits erwähnt, knapp eine IM-Norm. Dafür brauchte er in der Schlussrunde einen Sieg gegen GM Gritsak, es wurde remis. Jonathan Carlstedt hatte ein abwechslungsreiches Turnier mit fünf Siegen aber auch drei Niederlagen – gegen Carsten Stanetzek, Luis Engel und Tania Sachdev. Um die Reihenfolge “von oben nach unten” zu unterbrechen: Stanetzek (Elo 2211) hat seinen Sieg gegen Carlstedt offenbar nicht verkraftet, danach fünf Niederlagen. Die gegen GM Gritsak und IM Kuipers waren wohl einkalkuliert, drei weitere gegen Elo 1829, 1954 und 2028 eher nicht. Gegen Gritsak leistete er keinerlei Widerstand und verlor kampflos – offenbar hatte er sich, wie auch GM Jonkman, zur Runde nachts morgens um 9:00 verspätet. So verlor Stanetzek am Ende 37 Elopunkte.

Valentin Buckels (*2001) hatte ein gutes Turnier, das gilt erst recht für Collin Colbow (*2005, Elo 1945) – nach zu Beginn zwei Niederlagen und einem Remis gegen einen elolosen Spieler punktete er noch fleissig und gewann am Ende (mit K-Faktor 40) 105 Elopunkte. Bardhyl Uksini (*2000) wurde international bekannt, da er gegen den Chinesen IM Xu Xiangyu in klar besserer Stellung aufgab – immerhin etwas, sonst hatte er kein gutes Turnier. Jakob habe ich auch noch, und zwar doppelt: Jakob Leon Pajeken (*2003, Elo 2203) gewann gegen IM Beerdsen (Elo 2428) und verlor gegen Amir Nicolai (2019), das war zusammen Elo-neutral, der Rest positiv – Elo minus Geburtsjahr nun mehr als 200, und da ist wohl noch mehr drin. Jakob Weihrauch (*2005, Elo 1901) hat sein Geburtsjahr elomässig nun fast eingeholt, 88 Punkte kamen hinzu – trotz Niederlagen in den beiden letzten Runden.

********************

UPDATE 1: Ich hatte bei Jonathan Carlstedt nachgefragt und bekam etwas spät (zu spät für den Artikel) Antwort. Erst zitiere ich die email komplett, dann erkläre ich worum es bei einigen Dingen geht:

Hallo Thomas,

entschuldige, dass ich mich erst jetzt melde, der Sturm hat uns gestern nochmal gut durchgepustet. Auf dem Bild sind Michael Kotyk, Collin Colbow, Luis Engel und Bardhyl Uksini.

Dmitrij hat die Stellung auf Zeit gewonnen. Die Stellung wat wohl sehr schwer und sein Gegner seit geraumer Zeit in Zeitnot. Bardhyl Uksini hat gegen den Chinesen in Gewinnstellung aufgegeben…

Dmitrij und ich arbeiten rein schachlich  eher weniger zusammen inzwischen. Bei dem Blitzmatch, habe ich ihn zwischen den Runden beraten und auch sonst tauschen wir uns aus, aber das harte Training hat inzwischen Lubo Ftacnik uebernommen. Mein Bereich ist das Management und Dmitrij mit Leuten in Kontakt zu bringen undd bei Turnieren bei Laune zu halten. Dmitrij ist Vollprofi, das erste Buch ist in der Mache, so gesehen kann man das höchste Preisgeld durchaus auch als größten Erfolg werten. 1500 Euro sind eine Stange Geld… Aber am Ende liegt es im Auge des Betrachters.

Ein grosser Dank übrigens auch an meinen Kumpel Loek van Wely, der uns allen sowohl Unterkunft im Bungalow als auch Startgeld kostenlos zur Verfügung gestellt hat.

Herzliche Grüße Jonathan

“Bild” bezieht sich auf dieses, das ich im ersten Artikel bereits hatte:

Am Brett sitzen (vor der Partie in der dann der Weissvorteil und/oder der Vorteil von gut 200 Elopunkten entschied) Jakob Leon Pajeken und Jonathan Carlstedt – Hamburger SK wie alle anderen bis auf Colbow (SK Bremen-Nord). “Dmitrij hat die Stellung auf Zeit gewonnen” bezieht sich auf die Partie in Runde 7 gegen GM Gritsak, mit der er sich für das Finale qualifizierte. Bardhyl Uksinis kuriose Niederlage hatte ich bereits. Ich kann noch ergänzen, dass Ftacnik in Hoogeveen fehlte: er spielt nämlich nun bei der Mannschafts-EM und hat da in Runde eins den polnischen Jungstar JK Duda geärgert, bevor er in Runde 2 gegen Georg Meier verlor.

********************

Soviel zu Hoogeveen, nun kürzer und knapper zu zwei anderen Turnieren: Haarlemse Meesters hiess bis 2014 “BDO Chess Tournament” – der Sponsor kam ihnen abhanden, sie machten trotzdem weiter. Es ist ein Rundenturnier für 10 Teilnehmer, Sinn der Sache u.a. oder vor allem Chance auf IM-Normen. Daneben auch ein Open, dessen Sieger sich für das Rundenturnier des nächsten Jahres qualifiziert. Dieses Jahr mussten sie beim Teilnehmerfeld improvisieren: zwei Spieler bevorzugten letztendlich die deutsche Bundesliga (FM Vrolijk) bzw. die EM für Nationalteams (der Belgier Roel Hamblok), zwei mussten aus gesundheitlichen Gründen absagen – nach Mariska de Mie auch mit Herzproblemen Yochanan Afek, Sieger des Opens 2016. Herzprobleme hat er wohl nicht aufgrund seiner Partie gegen Thomas Richter beim Schnellturnier in Heerhugowaard, die hatte er locker-leicht gewonnen – inzwischen hat sich Afek jedenfalls auf Facebook wieder zu Wort gemeldet.

Ersatz fanden sie mit Hilfe von vor allem René Olthof (NewinChess) und Merijn van Delft, für kurzfristigen Ersatz können die Niederlande sich auf Deutschland verlassen: 2011 stieg mal Gerald Hertneck in München spontan in den Zug, um tags darauf beim Batavia-Turnier in Amsterdam mitzuspielen – das er dann übrigens gewann. Nun stand Zoya Schleining kurzfristig zur Verfügung – die Ausrichter waren natürlich froh und dankbar und hatten doch etwas gemischte Gefühle. Zu ihr schrieben sie “Die letzten 5 Jahre erzielte sie ihre IM-Normen – nach eigener Aussage, da sie arbeitslos wurde und wieder ernsthaft Schach betreiben konnte. Ein Haudegen der besseren Art, so Schiedsrichter Joost Jansen. Oh je, aber wir wollen doch lieber nicht allzu ehrgeizige IMs einladen, damit die ambitionierten FMs bessere Normenchancen haben. Letztes Jahr ging es auch schief, da Thomas Willemze das Turnier ungefährdet gewann.”

Einem Spieler liess Zoya Schleining dann doch den Vortritt, Endstand: FM de Jager 7/9, IM Schleining und IM Willemze (der schon wieder) 6, Hanna Marie Klek 5, FM Bosman und FM Tondivar 4, Rosa Ratsma, IM Blees, FM Keinanen 3.5, FM Olsen 2.5. Ein internationales Feld, wobei Babak Tondivar doch Niederländer ist, Toivo Keinanen allerdings Finne und Filip Boe Olsen Däne (wer hätte das jeweils gedacht?). IM-Normen letztendlich für de Jager, Schleining und Willemze – Jaap de Jager brauchte noch eine, es ist seine dritte und er hat etwas übertrieben (aus deutscher Sicht ‘leider’): 6/9 war auch für ihn genug.

Jaap de Jager ist Spitzenspieler des ausrichtenden Vereins HWP Haarlem – HWP bedeutet Het Witte Paard, “das weisse Pferd” (auf deutsch Springer). Wenn er das Sagen hätte, würde der Verein allerdings HZP (Het Zwarte Paard) heissen: 1.Sf3 spielt er nur sporadisch, 1.-Sf6 dagegen regelmässig – auf 1.c4/d4/Sf3 üblich, nach 1.e4 selten aber er ist da konsequent. Das weiss ich aus diesem Turnier, aus Datenbanken und auch aus jedenfalls einer Blitzpartie gegen ihn. Die Vereinsseite schreibt zur dritten und letzten IM-Norm: “sehr verdient, endlich der IM-Titel für einen der stärksten titellosen Spieler unseres Landes” – seine Elo-Nachbarn Hing Ting Lai (*1997) und Liam Vrolijk (*2002) sind derzeit noch “nur FM”, aber sie sind ja noch jung. De Jager ist dagegen Jahrgang 1972, dabei hat er offenbar erst 2012 Elo 2400 geknackt und seither weitgehend gehalten.

Auf Hanna Marie Klek hatte ich bereits angespielt: Sie überschritt in Runde 7 gegen Willemze in einem glatt gewonnenen Doppelturmendspiel (zwei Mehrbauern, einen halben Zug davor sagten Engines “Matt in 13”) die Bedenkzeit – damit erlitten Hoffnungen auf eine IM-Norm einen herben Dämpfer, die Turnierseite schreibt dazu “Klok nekt Klek” (die Uhr ärgerte Klek, aber nur auf Holländisch ‘reimt es sich’). Es hätte dennoch gereicht, wenn de Jager in der letzten Runde gegen Klek verloren hätte – aber er wollte nach bereits gesicherter IM-Norm auch noch das Turnier mit Vorsprung gewinnen, also besiegte der ‘Veteran’ die junge Dame. Ich erwähne noch, dass IM Bosboom das Open gewann und damit nächstes Jahr wieder im Rundenturnier mitspielen darf, und nun weiter nach St. Petersburg:

Das Chigorin Memorial bespreche ich nicht wegen dem einen deutschen Teilnehmer Sebastian Leidorf, und auch eher nicht wegen dem bzw. den Siegern, aber der Endstand vorne gehört dazu: Vier GMs hatten am Ende 7.5/9, und zwar die Russen Alekseenko, Paravyan und Sarana sowie der Inder Sethuraman. Dahinter zehn Spieler mit 7/9 – sechs Grossmeister sowie vier, die es noch werden wollen und einen Schritt Richtung Titel machten. Für den Russen Vadim Moiseenko (nicht verwechseln mit Alexander Moiseenko, der ist Ukrainer, Grossmeister und “ein bisschen mehr”) war es die dritte und letzte Norm, für die (mir) unbekannten Alexandr Triapishko aus Russland, Arman Mikaelyan aus Armenien und FM Liu Yan ist es offenbar die erste Norm.

Anlass für diesen (Kurz-)Bericht sind allerdings die beiden Wertungsbesten von 20 Spielern mit 6.5/9 – Vladislav Artemiev, der lange ganz vorne mitspielte (er war auch Erster der Setzliste) und Nodirbek Abdusattorov aus Usbekistan, der ebenfalls eine GM-Norm erzielte. Einer von fünf im Turnier, warum steht er nun im Mittelpunkt? Auch für ihn ist es die dritte Norm nach Chigorin Memorial 2016 und Abu Dhabi 2017, und damit ist er nun zweitjüngster Grossmeister aller Zeiten! Dabei spielt es keine Rolle, welche Wikipedia-Seite recht hat zum Geburtsdatum: die englische sagt 1.12.2004, auf Französisch und Katalanisch heisst es 18.9.2004 – ob er nun bereits 13 ist oder noch 12, nur Karjakin schaffte es in noch jüngerem Alter. Seine bisherigen GM- und zuvor IM-Normen helfen übrigens nicht, da steht jeweils “Date of Birth 2004/00/00”. Im Turnierverlauf besiegte er die GMs Sethuraman und Levin, verlor gegen Gordievsky und remisierte dann gegen Timofeev. Nach der Auslosung für die letzte Runde war die GM-Norm bereits in trockenen Tüchern, gegen Alekseev konnte er sich auch eine Niederlage erlauben – es wurde remis.

********************

UPDATE 2: Abdusattorov ist tatsächlich bereits 13 Jahre alt oder immer noch jung – Chessbase bekam eine Kopie seines Reisepasses, da steht als Geburtsdatum 18. September 2004 und das dürfte stimmen.

********************

Artemiev begann mit 6.5/7 und hatte zu diesem Zeitpunkt Elo live über 2700; dann verlor er allerdings seine beiden letzten Partien. War es der 2700-Fluch? In Runde 8 stand er gegen Alekseenko – so sehe ich es – lange nur leicht schlechter: Läufer und Springer gegen Läuferpaar bei jeweils noch einem Turm und symmetrischer Bauernstellung. Dann musste er allerdings mit seinem König über das ganze Brett wandern, was nebenbei durch Abzugsschach zwei Bauern kostete. Dennoch stand er (für Engines) immer noch nicht verloren, fand allerdings nicht das (fast) ausgleichende Gegenspiel und ging letztendlich unter.

Noch ärgerlicher und vom Partieverlauf her über weite Strecken unerwartet war die Niederlage zum Schluss gegen Sarana: Mit Weiss schien es lange, dass er risikolos “auf zwei Ergebnisse” spielen konnte – Sieg oder Remis, eine Niederlage schien ausgeschlossen. Dann verlor er allerdings komplett den Faden. Da Sarana das entstandene Turmendspiel nicht perfekt behandelte, bekam Artemiev nochmals Remischancen – selbst noch nach 56.f4?!, was dem Gegner unnötigerweise einen e-Freibauern verschaffte, die Computer-Hauptvariante endet mit einer Tablebase-Remisstellung Turm gegen Turm und zwei Bauern. Nach 57.Te7? Te6! war es allerdings definitiv verloren. So hat Artemiev aktuell “nur” Elo 2691 – trotz dieses Dämpfers ist 2700+ vielleicht nur eine Frage der Zeit (könnte schneller gehen als bei der vier Jahre älteren Hou Yifan).

Länderstatistik zum Turnier als Einleitung zur abschliessenden Bemerkung: von 360 Teilnehmern kamen 267 aus Russland – nicht alle hatten Heimspiel: bei chess-results steht neben Санкт-Петербург (St. Petersburg) auch Москва (Moskau), XMAO (Khanty-Mansiysk Administrative Oblast) und einiges mehr, das ich nicht entziffern/einordnen kann. Zweitgrösste Delegation die 16 Inder – Inder sind auf allen offenen Turnieren zahlreich vertreten – vor 14 Azeris und 8 Chinesen usw. . Aus Aserbaidschan (die besten spielen ja derzeit bei der Mannschafts-EM) und China dabei keine bekannten Namen, aus Indien neben dem bereits erwähnten Sethuraman sowie Sengupta (einer von zehn mit 7/9) auch Rameshbabu Praggnanandhaa.

Der hat allerdings weiterhin null GM-Normen – in diesem Turnier lag es daran, dass er auch mal mit Schwarz spielen musste. Mit Weiss erzielte er perfekte 5/5 – gegen Elo 2082, 2123, 2105 sowie – hurra! – 2303 und 2350. Mit Schwarz dagegen magere 0.5/6, zum Schluss auch eine Niederlage gegen das andere usbekische Talent Javokhir Sindarov, wie Praggnanandhaa Baujahr 2005. Zu seinen Partien “kein Kommentar”, da er es nie in die Liveübertragung (erste 11 Bretter) schaffte.

Wie geht es weiter, für (alphabetisch sortiert) Abdusattorov, Artemiev, Praggnanandhaa und andere Spieler? Das wird die Zukunft zeigen.

 

Print Friendly, PDF & Email