Abschlussbericht zur Damen-EM

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Dieser Bericht kommt etwas verspätet – Grund ist, dass eine Spielerin auch nach Ablauf des Turniers Hochform zeigte. Zwischendurch war ein paar Stunden Pause, da sass sie wohl im Flugzeug wie viele andere, vermutlich auch jedenfalls einige der Griechinnen (wobei sie Kreta eventuell auch per Fähre erreichen konnten). Einige Teams werden das Turnier wohl noch nachbetrachten und aufarbeiten – z.B. Frankreich, das als Nummer sechs der Setzliste auf Platz 22 landete.

Ich wiederhole mich mal: Endstand bei den Damen Russland 17, Georgien 14, Ukraine 13, Polen und Rumänien 12, Spanien, Israel, Aserbaidschan, Armenien 11, usw. . Vorne die ersten vier der Setzliste, auch in dieser Reihenfolge und ohne Tiebreaks sauber sortiert. Die Nummer fünf Deutschland dagegen auf Platz 16 … und variiere nun: immerhin (bei vergleichbarer Wertung) ein Mannschaftspunkt vor Nummer sechs Frankreich, das 2,5-1,5 im direkten Duell in der letzten Runde war der Höhepunkt des deutschen Damenturniers. [Diese Einleitung schrieb ich bevor ich untersuchte, wie dieser Sieg entstand.]

Aber zunächst zum Geschehen oben: das Titelbild bekommen die insgesamt dominierenden Russinnen, die nur einmal wackelten – der Rest war dann, nachdem sie entwischten, Schaulaufen bis zu den goldenen Goldmedaillen. Teamkapitän Rublevsky ebenfalls auf dem Foto – alle Fotos ab Turnierseite über Facebook, fotografiert haben Niki Riga und (dann angegeben) Anastasia Karlovich.

Schon sind wir bei Runde 6, bereits danach war das Turnier – was Gold betrifft – quasi entschieden aber es hätte anders kommen können (jedenfalls was Vorentscheidung betrifft).

Polen-Russland 2-2 – vier Remisen. Szczepkowska-Gunina 1/2 an Brett 3 nicht der Rede wert (5.Te1 gegen die Berliner Mauer, dann – weil es laut Regelwerk sein muss – noch bis zum 30. bzw. hier 31. Zug weiterspielen). Aber an den drei anderen Brettern stand Russland zwischenzeitlich mal schlechter. Ob Kosteniuk gegen Socko wirklich mal verloren stand ist „unklar“. Später entstand ein Endspiel mit für Socko Dame und vier Bauern und für Kosteniuk Turm, Läufer, Springer und zwei Bauern – Computer haben da lieber Weiss da sie die Dame (auf dem Brett) und/oder die Bauern bevorzugen, aber hier war es wohl in der dynamischen Remisbreite.

An Brett 4 Goryachkina-Kulon hat Polen dagegen eindeutig den Gewinn verpasst, dazu ein Diagramm:

Schwarz am Zug, was tun? Kulon spielte nach nur 16 Sekunden 49.-Ke5? – offenbar war sie sich sicher, dass das gewinnt, aber das danach entstehende Bauernendspiel war remis (das Endspiel König gegen König nach dem 57. Zug sowieso). Hier gewann nur 49.-h4! – danach bekommt Schwarz auch einen f-Freibauern. Entweder sofort im Turmendspiel, dann ist er viel stärker als die „anderthalb“ weissen h-Bauern, oder später im Bauernendspiel.

Turnier- und geschlechterübergreifend war das eines von jedenfalls drei „kritischen“ Turmendspielen in dieser Runde. Bei den Herren hatte ich Mamedov-Melkumyan bereits erwähnt – Weiss verpasste da ein Tablebase-Remis, da war es noch keine Vorentscheidung aber das 2,5-1,5 gegen Armenien war doch ein Schritt Richtung später Gold für Aserbaidschan. Das war die A-Klasse. In der S-Klasse – Match Spanien-Slowenien – verpasste am Spitzenbrett wohl Lenic den Sieg gegen Anton Guijarro, damit endete dieses Match 2-2, wie bei den Damen Polen-Russland.

Schon bin ich wieder im Damenturnier. Für Russland war es eindeutig kein verlorener, sondern ein gewonnener/geretteter Mannschaftspunkt. Für die Polinnen, die am Ende gar keine Medaille bekamen, war es eine von mehreren verpassten Chancen im Turnier.

Georgien-Ukraine 2,5-1,5 – Matchwinner an Brett 2 Batsiashvili gegen Zhukova, Rest ohne grössere Aufregungen Remis.

Bevor ich noch das Match an Tisch elf bespreche, der Zwischenstand nach dieser Runde: Russland 11, Georgien 10, Spanien, Italien, Polen 9, Ukraine, Türkei, Frankreich, Rumänien, Armenien 8, usw. . Georgien konnte noch auf einen (weiteren) Ausrutscher der Russinnen hoffen, die hatten allerdings bereits gegen alle starke Teams gespielt. Spanien und Italien über ihren nominellen Möglichkeiten, sie bekamen allerdings in den nächsten Runden noch (zu) starke Gegnerinnen. Ukraine hatte noch Nachholbedarf, die Niederlagen dabei gegen Russland und Georgien. Für Frankreich sah es zu diesem Zeitpunkt noch gut aus – acht Mannschaftspunkte nach sechs Runden waren ein gutes bzw. „normales“ Ergebnis, acht Mannschaftspunkte blieben es bis zum Schluss.

Deutschland-Niederlande 1,5-2,5 wurde offenbar nicht fotografiert, dabei war da jede Menge los. Es begann gut aus deutscher Sicht, da Zhaoqin Peng nach 18 Zügen eine Figur einstellte oder „opferte“ – das danach ‚geplante‘ Grundreihenmatt war Halluzination, zwei Züge später gab sie nach Paehtzs 21.Kf1 (nicht 21.Kh1??, dann funktioniert das Konzept von Zhaoqin Peng) auf. Dimitri Reinderman verfolgte das Match live und schrieb hinterher für die niederländische Schaaksite – er rechnete mit 3-1 für Deutschland, da auch Tea Lanchava gegen Marta Michna schlecht stand (keine Kompensation für einen Minusbauern) und die beiden anderen Partien etwa ausgeglichen. Dann kam es anders – „Maar nee!“ O-Ton Reinderman.

Iozefina Paulet gewann etwas „aus dem Nichts heraus“ gegen Elena Levushkina. Nach 28 Zügen stand es aus weisser Sicht so: Da1, Td1, Te1, Lc1. Nach 41 Zügen wurde daraus Df7, Td7, Te3, Lg5 – Levushkina musste aufgeben, da sie 42.Th3# nicht sinnvoll verhindern konnte (bzw. streng genommen gar nicht, auch ein Damenopfer verzögert es nur). Michna-Lanchava wurde remis.

Bleibt noch Haast-Heinemann. Da hatte Schwarz zunächst die aktiveren Figuren, allerdings wohl nichts konkretes. Daraus wurde dann ein weisser Mehrbauer und ab hier ein Spiel auf zwei Ergebnisse. Haast heisst auf Niederländisch „Eile“, aber Anne beeilte sich nicht, die Partie zu gewinnen. Das Urteil pendelte zwischen „Weiss steht klar besser bzw. gewonnen“ und „Schwarz kann das remis halten“, am Ende Haast-Heinemann 1-0. Reinderman musste noch seine Deutschkenntnisse demonstrieren: „Schade, Deutschland!“ – ich kontere mit „ohne Holland fahr’n wir zur WM (im Fussball)“.

Zu den ganzen ausländischen Namen im NL-Team: Die Chinesin Zhaoqin Peng, die Georgierin Tea Lanchava und die Rumänin Iozefina Paulet landeten alle der Liebe wegen in den Niederlanden (wie auch Alina l’Ami, die allerdings weiterhin für Rumänien spielt). Das kann Deutschland ja auch – Marta Michna hiess früher, bevor sie Christian kennenlernte, Zielinska und war Polin. Ob es die Ex-Usbekin Elena Levushkina auch der Liebe wegen (Ehemann IM Christian Köpke) nach Deutschland verschlagen hat oder ob das Folge statt Ursache war weiss ich nicht. NL-Reservespielerin Anna-Maja Kazarian hat dagegen zwar georgische Wurzeln, aber ist in den Niederlanden geboren und aufgewachsen.

Runde 7 stand vorne im Zeichen von „Favoritinnen besiegen Aussenseiterinnen“.

Zu Russland-Italien 3-1 zeige ich Gunina – di Benedetto (1-0) – für die junge Italienerin (*2000) wohl dennoch ein Erlebnis, dass sie gegen Gunina – später auch noch gegen Khotenashvili – spielen und verlieren durfte. Vorne setzte Italien auf Erfahrung, hinter di Benedetto spielte WFM Tea Gueci (*1999) – am Reservebrett, aber heute spielte sie und remisierte gegen Olga Girya. Russland spielte professionell: Weiss gewinnt, Schwarz macht remis – Lagno in 13 Zügen gegen Sedina, Girya in 17 Zügen gegen Gueci, jeweils fanden sie also zusammen mit ihren Gegnerinnen eine frühe Zugwiederholung. Brettpunkte brauchte Russland auch nicht unbedingt – jedenfalls wenn sie ihre weiteren Matches gewinnen und einen Mannschaftspunkt Vorsprung auf den Rest behalten.

Spanien-Georgien 0-4 [Foto Karlovich]. Auch Sabrina Vega Gutierrez verlor am Spitzenbrett gegen Dzagnidze – zuvor Sieg gegen Socko und Remis gegen Kosteniuk, danach Remis gegen Anna Muzychuk. Dabei hatte Dzagnidze von den Spitzenbrettern der späteren Medaillenteams das schlechteste Ergebnis – nur oder immerhin im Rahmen der Eloerwartung, Kosteniuk und Muzychuk darüber. Monika Socko verlor insgesamt drei Partien und dadurch 16 Elopunkte. Diese Niederlage verhinderte letztendlich eine GM-Norm für Vega Gutierrez – zusammen mit der Niederlage bereits in Runde eins gegen die Norwegerin WIM Sahl (Elo 2180). Dass Spanien insgesamt ein gutes bis für ihre Verhältnisse tolles Turnier erwischte lag daran, dass neben Vega Gutierrez (6/9) auch Ana Matnadze  (7/9) gut drauf war und die beiden anderen mir unbekannten Stammspielerinnen (FM Garcia und WGM Calzetta Ruiz) jedenfalls nicht enttäuschten, nur beim Reservebrett WGM Delgado Crespo fehlte vielleicht Spielpraxis – letztes Turnier die Olympiade 2008 in Dresden, seither nur einzelne Partien in Mannschaftskämpfen. Laut FIDE-Profil ist sie auch (oder vor allem) Trainerin, Schiedsrichterin und Organisatorin.

Ukraine-Polen 2-2 [Foto Karlovich]: Anna Muzychuk betet, und es brachte mehr ein als Sockos (meines Wissens) neue Frisur – glatter Weissieg. An der Eröffnung lag es nicht – die Bauernraub-Variante im Winawer-Franzosen ist für beide Seiten spielbar, beide investierten relativ früh Bedenkzeit um durch Zugumstellungen wieder eine bekannte Stellung zu erreichen. Ab dem 20. Zug bekam Muzychuk dann Oberwasser – Schwarz hatte nicht mehr genug Kompensation für zwei Minusbauern, das entstehende Turmendspiel war später für Weiss problemlos gewonnen.

Hinten erholte sich Klaudia Kulon von ihrer „Niederlage“ (so fühlte wohl der verpasste Sieg gegen Goryachkina) tags zuvor und besiegte das ukrainische Reservebrett – Iulija Osmak wurde, obwohl knapp 100 Punkte schlechter als die drei Stammspielerinnen vor ihr (davor noch die nochmals 100+ Punkte bessere Anna Muzychuk) insgesamt fünfmal eingesetzt, auch gegen relativ starke Teams. Die beiden anderen Partien remis, wobei Zawadzka gegen Zhukova (ja, bei Spielernamen gibt es das ganze Alphabet) zumindest klar besser stand – wieder eine verpasste Chance für Polen?

Übrigens das vierte Mannschaftsremis in Serie für Polen – gegen starke und nominell nicht so starke Teams: Spanien bei vier entschiedenen Partien (spanische Siege, gemeint ist nicht die Eröffnung, für Vega Gutierrez und Matnadze), Italien und Russland mit je viermal Remis, nun Ukraine mit aus ihrer und gegnerischer Sicht +1=2-1.

Zu anderen Matches nur das: Niederlande-Ungarn 3,5-0,5 passte nicht zu den Elozahlen (Ungarn war an zwei Brettern relativ klar, und an den beiden hinteren leicht favorisiert). Deutschland-Griechenland 2 4-0 passte zu den Elozahlen – „hurra!“ erscheint da etwas übertrieben, also mache ich weiter mit

Runde 8:

Türkei-Russland 0-4 [Foto Karlovich] war deutlich. Die Russinnen hatten vielleicht auch noch Interesse an Brettpreisen – am Ende reichte es für Kosteniuk und Lagno an den vorderen Brettern, Gunina nur Platz zwei an Brett drei, Girya und Goryachkina hinten dagegen nur +1 (4/7 bzw. 3/5, damit auch beide im Elosoll).

Polen-Georgien 3-1 – das lief nach Wunsch für Polen! Lag es am neuen Outfit (nur Klaudia Kulon hatten sie vergessen zu informieren), an Sockos neuer alter Frisur, oder lief es eben einfach heute? Socko-Dzagnidze war ein korrektes Remis in 31 Zügen ohne grosse Aufregungen. Szczepkowska gewann glatt gegen Javakishvili (die allerdings tief im Turmendspiel offenbar einen halben Zug lang Remischancen hatte). Danach war 2-2 das erwartete Ergebnis, da Kulon (falsches Outfit!) gegen Melia auf Verlust stand, aber dieses Mal rettete sie ein Remis bzw. entwischte mit Remis. Und dann patzte noch Batsiashvili tief im ausgeglichenen Endspiel gegen Zawadzka – das war nicht mehr matchentscheidend, eventuell noch Tiebreak-relevant aber am Ende wurden Medaillen nicht durch Tiebreaks beeinflusst.

Ukraine-Spanien 2,5-1,5 war knapp – Spanien hat ja Vega Gutierrez und (auch wenn sie auf diesem Foto fehlt) Matnadze. Beide hatten Schwarz gegen nominell stärkere Gegnerinnen. Vega Gutierrez remisierte problemlos gegen Muzychuk, eventuell war im Turmendspiel für sie gar mehr drin. Matnadze gewann gegen Ushenina mit einem schönen, dabei rechentechnisch trivialen Damenopfer – Matt in zwei wenn Weiss die Dame nimmt, Matt in eins (gar mit Nebenlösung) wenn sie darauf verzichtet.

Italien-Rumänien 2-2 sollte ich noch erwähnen – so bekamen beide in der Schlussrunde starke Gegner, was dann passierte siehe unten.

Zum Match an Tisch elf erst ein Foto, das wohl hinterher entstand:

Der deutsche Teamkapitän Davit Lobzhanidze mit Elena Levushkina, beide nicht gerade glücklich – auch derlei fotografiert Anastasia Karlovich. Der Ton fehlt, ich weiss also nicht ob Lobzhanidze (der Alliteration wegen) „labert“, aufmunternde Worte findet oder ihr eine Standpauke verpasst – ich vermute zu Lobzhanidzes Gunsten Version zwei. Nun beantworte ich endlich die Frage „Wer ist Saule Gailiunaite?“.

Hier vor Runde sieben fotografiert, zu diesem Zeitpunkt hatte sie 0/6 und lächelt trotzdem. Mit diesem Ergebnis hatte sie wohl gerechnet und hoffte tapfer auf bessere Tage – die dann auch kamen, schon in der siebten Runde ein Remis. Erkannt habe ich sie, da das Namensschild lesbar auf dem Foto ist. Ob ihre Eltern sie nach dem Göppinger Mineralwasser, lokal-schwäbisch Saule, tauften, dazu habe ich nicht recherchiert [meine Grosseltern lebten in Göppingen, meine Mutter ist dort geboren und aufgewachsen].

Ich mag Zahlenspiele: dank Gailiunaite, mit Elo 1838 Nummer 24 der litauischen Damen-Rangliste, landete Litauen auf Platz 24 der Setzliste. Damit war sie kein gleichwertiger Ersatz für die fehlende Viktorija Cmilyte, derzeit neben Schachspielerin auch Politikerin und Mutter (letztere Rolle könnte ihr bei Dänemark ebenfalls fehlender Ehemann Peter Heine Nielsen eventuell übernehmen). Für die litauische Damen-Nationalmannschaft hat sich Gailiunaite sich vielleicht mit einem dritten Platz bei der Landesmeisterschaft qualifiziert, da fehlte neben Cmilyte u.a. auch die (Querverweis zum Schwäbisch-Hallenser Bundesligaheft, schon wieder Schwaben) in Bordeaux wohnende Deimante Daulyte Cornette. Da Litauen nur zu viert anreiste, durfte und/oder musste sie jede Runde spielen.

Der Leser weiss bereits aus dem vorigen Bericht, dass Litauen gegen Deutschland spielte, und das kam dabei heraus: Litauen-Deutschland 2-2 – gegen Litauen in Bestbesetzung (mit Cmilyte und ohne Mineralwasser wären sie immerhin Nummer 8 der Setzliste) ein akzeptables Ergebnis, so ein enttäuschendes aus deutscher Sicht. Der Leser ahnt oder kennt vielleicht bereits ein Ergebnis: Levushkina(2309) – Gailiunaite (1838) 0-1!? Dabei wollte die junge Dame (*2000) jedenfalls anfangs gar nicht unbedingt gewinnen, sondern wählte die solide-passive Fort Knox Variante im Franzosen. Weiss bekommt danach Raumvorteil, nicht weniger aber auch nicht unbedingt mehr. Dann kam von Levushkina 26.Ted1?? – zwei Fragezeichen von Computern: das überlässt Schwarz komplett die e-Linie, und der schwarze Läufer – der zuvor auf f8 stand da er eben irgendwo stehen muss – kann mit 26.-Lc5+ eingreifen. e-Linie war relevant da Schwarz in einigen Varianten -Te3 spielen kann, das gewinnt dann entweder eine Figur (den weissen Ld3) oder kostet zwar eine Qualität (nach Lxe3 Txe3) aber dann entscheiden schwarzfeldrige weisse Felderschwächen am Königsflügel. Levushkina gab eine Qualität, das half auch nicht – Gailiunaite nutzte die Chance, die sie (vielleicht zu ihrer eigenen Überraschung) bekam.

Sarah Hoolt und Marta Michna – beide in der zweiten Turnierhälfte viel besser drauf als zuvor – gewannen. Also mindestens 2,5-1,5 aus deutscher Sicht, denn Paehtz würde doch nicht verlieren? „Dummerweise“ war Deimante Cornette eine nominell fast gleichwertige Gegnerin, die auch noch Chancen auf den Brettpreis am Spitzenbrett hatte – dafür musste sie gegen Paehtz gewinnen, und das machte sie. Kein Vorwurf an Paehtz.

Stand vorne nun Russland 15, Georgien und Polen 12, Ukraine und Armenien 11, Italien, Rumänien, Türkei 10, usw. . Russland stand bereits als Europameister fest, Georgien hatte (aufgrund mehrerer Kantersiege zuvor) gegenüber Polen die klar bessere Wertung (194 zu 174). Stand weiter hinten 18. Ungarn, 19. Frankreich (beide 8 Mannschaftspunkte und schlechte Wertung), 20. Deutschland (7 Mannschaftspunkte bei besserer Wertung als Litauen, England und die Schweiz). Das sind insgesamt, so sortiert, die Nummern 7, 6, 5, 24, 23 und 26 der Setzliste. Das deutsche Turnier habe ich ja bereits besprochen. Ungarn gewann zwar zuvor 3,5-0,5 gegen Litauen (auch Cornette verlor gegen Hoang Thanh Trang), aber verlor dann 1-3 gegen Armenien und 0,5-3,5 gegen die Niederlande – beides bei den Damen keine Über-Mannschaften. Frankreich verlor zuletzt gegen die etwa oder fast gleichwertigen Teams aus der Türkei und Aserbaidschan jeweils 1-3. Alle drei Teams – Ungarn, Frankreich und Deutschland – konnten ihr enttäuschendes Turnier in der Schlussrunde bestenfalls ein bisschen reparieren.

Runde 9 zunächst wieder oben:

Russland (3,5-0,5 gegen Armenien), Georgien (3,5-0,5 gegen Italien) und die Ukraine (4-0 gegen die Türkei) taten was sie noch tun mussten – bzw. Russland musste nicht unbedingt. Das zuvor erwähnte Spanien bekam nach Georgien und der Ukraine wieder einen relativ leichten Gegner – ich hoffe, dass österreichische Leser(innen) nun nicht beleidigt sind, jedenfalls Spanien-Österreich 4-0.

War da noch was? Ja, Rumänien-Polen 3-1! Polen war an allen vier Brettern nach Elo Favorit, aber nur Szczepkowska gewann, während Socko, Zawadzka und Kulon verloren. Silber war angesichts des georgischen Kantersiegs ohnehin nicht mehr möglich, ein 2-2 hätte noch Bronze bedeutet (dann nach Wertung knapp vor der Ukraine), so wurde es Blech.

Ein Foto (von Anastasia Karlovich) auch zu dieser Runde:

Niederlande-Israel 1,5-2,5 zwischen zwei nominell nahezu gleichwertigen Teams – Nummer 14 und 13 der Setzliste. Ich erwähne das, da ich den beiden NL-Spitzenbrettern bereits persönlich begegnet bin und da der niederländische Schachverband über ihre Europameisterschaft(en), natürlich auch bei den Männern, ebenso kurz und knapp wie sachlich berichtete. Was aus NL-Sicht gut lief: Anne Haast dominierte ab einem gewissen Zeitpunkt gegen Efroimski und hatte am Ende keine Probleme, mit Läufer und Springer matt zu setzen. Laut niederländischem Schachverband ist es so (6/8, TPR 2456) eine IM-Norm – das bezweifle ich, da sie in acht Runden nur zwei IMs hatte. Gerade dazu auf meine Anfrage eine Stellungnahme von Koos Stolk vom niederländischen Schachbund: „Ich kann in den Regeln auch keine Ausnahme finden, wodurch man die Voraussetzung mindestens 3 IM’s oder höher ignorieren kann. Aber das heisst nicht alles. Ich werde nachfragen, warum das in unserem Bericht steht.“ [TR: Manchmal gibt es auch „ungeschriebene Regeln“, aber bei Titelnormen?!]

Was aus NL-Sicht schief ging: Paulet erlaubte in französisch-verrammelter Stellung einen gegnerischen Dosenöffner – ein Figurenopfer für drei Bauern, soweit noch erträglich. Aber am geöffneten Damenflügel stand auch ihr König, der sich nun unwohl fühlte, sowie die Dame, die dann auf a5 in der Falle sass. Gegnerin Olga Gutmakher machte das gut und gewann.

Das konnten sie noch verkraften, aber dann machte es plötzlich peng für Zhaoqin Peng: in gewonnener Angriffsstellung übersah sie ein Zwischenschach und stand plötzlich auf Verlust. Individuell war es für Peng der Unterschied zwischen insgesamt Elo plus fünf und Elo minus fünf, und für Gegnerin Yuliya Shvayger das Ende einer Elo-Aufholjagd: nach anfangs 2/5 am Ende 6/9 und damit genau die Eloerwartung. Kollektiv war es so Platz 14 für die Niederlande (der gehört ihnen laut Setzliste) statt unten in der top10, und Platz 7 für Israel. Ein enges Schlussrundenmatch zwischen nahezu gleichwertigen Teams war jeweils der Unterschied.

Für drei Teams war die Schlussrunde der Unterschied zwischen einem schlechten und einem sehr schlechten Turnier. Da war zum einen Ungarn-Tschechische Republik 3-1, zum anderen Deutschland-Frankreich 2,5-1,5. Auch das lag letztendlich an einer Partie, die komplett kippte, aber von oben nach unten: Paehtz bekam gegen Sebags Sizilianer Königsangriff – kein typischer bei heterogenen Rochaden und jeweils Bauernsturm, ein etwas untypischer da beide kurz rochierten und Weiss zwar f2-f4-f5 spielte aber nicht z.B. g2-g4 usw. . Sie stand besser, zeitweise wohl gewonnen, aber dann bekam Sebag die Lage wieder unter Kontrolle und es wurde in beiderseitiger Zeitnot remis. Milliet-Heinemann 1-0: 15.Sxf7! war quasi bereits die Entscheidung, auch wenn Schwarz noch bis zum 44. Zug weiterspielte. Hoolt-Collas 1-0 war Ausgleich aus deutscher Sicht.

Dann war da noch Guichard-Michna 1-0 0-1. Ich steige mal erst nach 50.a8D ein.

Schwarz hat zwei Türme, Springer und Bauer – das wäre mehr als ausreichend Kompensation für eine weisse Dame, aber Weiss hatte zwei Damen. Computer empfehlen Schwarz hier 50.-Ta7 51.Dxa7 Txa7 52.Dxa7+ nebst 53.Dxf2, da alles andere noch hoffnungsloser sei. Das spielte Michna natürlich nicht, dann könnte sie auch Kh2 fällt nach h1 (Aufgabe) spielen. Nach 50.-Tb1 drohte immerhin 51.-Th1+ nebst weiteren Schachgeboten, Computer spielen unbeeindruckt 51.D3f8 mit auf Dauer unparierbarer Mattdrohung. Viele andere weisse Züge waren gut genug, 51.Da2? war nur achtzehnte Wahl – so spielte Guichard und nun hatte Schwarz bereits Dauerschach, es sei denn Weiss gibt so viel Material zurück, dass es materiell wieder gleich steht.

Es kam 51.-Th1+ 52.Kg3 Se4+ 53.Kh4 – Schwarz hat kein Schach, Weiss übernimmt wieder das Kommando? Nein, nach 53.-Tg7 drohte -g5+ nebst Matt, und die beste Parade war 54.Dxe4 fxe4 mit Ausgleich (mit der Dame auf f8 statt a2 gäbe es den Zwischenzug 54.Dh8#). Das wollte Guichard wohl nicht, aber nach 54.Dd8? g5+ 55.Dxg5 (muss sein) Sxg5 haben wir die eingangs erwähnte Konstellation Turm, Turm und Springer gegen eine Dame. Schwarz verpasste danach zwar ein dreizügiges Matt, aber erreichte nach einer Springergabel die neue Materialkonstellation zwei Türme gegen keine Dame. Nun hatte die französische Dame neben dem Brett genug gesehen und gab auf.

Ich hatte durchaus auch mal vergleichbare „Kontersiege“ in Mannschaftskämpfen und wurde von Teamkollegen dafür gelobt, selbst sehe ich es mit gemischten Gefühlen aber „durch Aufgeben wurde noch nie eine Partie gewonnen“. Individuell ist es für Marta Michna der Unterschied zwischen Elo -2 (durch 3/3 in den letzten Runden, einschliesslich Griechenland 2, ziemlich rehabilitiert) und Elo -12. Kollektiv ist es für Deutschland der Unterschied zwischen Platz 16 und 24, für Frankreich zwischen Platz 22 und 13. Bei Frankreich lag es vor allem an Brett 4 und 5 Collas und Guichard, während Sophie Milliet ein gutes Turnier erwischte: Sieg u.a. auch gegen die insgesamt für ihre Verhältnisse sehr erfolgreiche Griechin WGM Tsolakidou, Remis gegen Zhukova – in Runde 5 spielte Frankreich noch an Tisch 4 gegen die Ukraine. Rückblick auf das Turnier insgesamt aus deutscher Sicht (Damen und Herren) in einem separaten Artikel.

Nun ist es jedenfalls vorbei, „Paarungen für Runde 10“ erst bei einer anderen Gelegenheit. Für Deutschland wären neben Serbien die Nachbarländer Niederlande, Schweiz und Österreich im Lostopf, für Frankreich neben Mazedonien (offiziell und speziell in Griechenland FYROM) auch Tschechische Republik und Weissrussland. Die Tschechinnen spielten immerhin 2-2 gegen Deutschland, die Weissrussinnen sollte man auch nicht unterschätzen und als leichten Aufbaugegner einstufen.

Um noch einige individuell zu erwähnen: Für Stavroula Tsolakidou ist 6,5/9, TPR 2497 (auf jeden Fall) eine IM-Norm, sie hatte drei IMs und besiegte gleich zu Beginn GM Gunina. Für die Slowakin WGM Cibickova reichte 8/9, TPR 2472 (nur Josefine Heinemann und Anne Haast schafften gegen sie ein Remis) dagegen wohl nicht – nur eine IM (ohne W davor) in neun Runden. Auch die Weissrussin Olga Badelka hatte TPR 2462 aber nur zwei IMs. Die Tschechin Kristyna Novosadova war offiziell Reservebrett und spielte dann alle neun Partien – 7/9, Siege u.a. gegen Goryachkina und Levushkina. Und auch das noch: Saule Gailiunaite gewann in der Schlussrunde schon wieder, diesmal gegen eine nur etwa 250 Elopunkte bessere Engländerin.

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