Schachtitel oder nicht?

Dieser Artikel aus gegebenem Anlass – anfangs nicht die Dame auf dem Titelfoto, sondern zwei andere. Schon bei den Kategorien tat ich mich etwas schwer: “Fide” passt durchaus, “Im Internet gefunden” eigentlich nicht – anders als sonst hier definiert, und es bezieht sich auf etwas, das man derzeit im Internet nicht bzw. nicht mehr findet (ausser man kann es eventuell aus dem Cache rekonstruieren, aber in dieser Hinsicht bin ich kein Detektiv). “Frauenschach” habe ich mal weggelassen (im Editor da keinen Haken gesetzt), da es kein frauen-spezifisches Thema oder Problem ist.

Ein Artikel braucht ein Titelbild – FIDE-Logo war auch möglich, aber ich habe mich für Anne Haast entschieden, das aktuellste Foto aus meinem Festplatten-Archiv von der NL-Meisterschaft im Sommer 2017. Wer die niederländische Sprache beherrscht und auch wer hier regelmässig liest und sich derlei Dinge merken kann, weiss dass Haast hierzulande “Eile” bedeutet. Bei ihren bisherigen IM-Normen hat sie sich durchaus beeilt, bei der anderen Voraussetzung Elo 2400 mindestens einmal im Leben (und sei es nur für einen Tag, also Live-Elo) dagegen nicht – sie war zwar schon einmal sehr nahe dran (eine Partie fehlte noch) aber ist danach wieder auf unter 2300 abgestürzt; nach der für sie erfolgreichen Mannschafts-EM hat sie, auch dank nach wie vor K-Faktor 20, wieder 2325. Die Frage “IM oder nicht?” kann bzw. muss man bei ihr nach wie vor mit “nicht” beantworten.

Bevor ich im gegebenen Fall “Eile” erläutere, zunächst: Wie bekommt man oder frau normalerweise den IM- oder auch GM-Titel? Der gängigste Weg ist drei Normen über je neun, zusammen 27 Partien. Es dürfen auch mehr Partien pro Norm sein, allerdings werden (auch bei z.B. 15 Partien in der deutschen Bundesliga) generell nur 13 berücksichtigt – da 13+13=26<27 ist, reichen diese zwei Normen noch nicht für den Titel. Andere Voraussetzungen mal nur für den GM-Titel: TPR mindestens 2600 bei einem Gegnerschnitt von mindestens Elo 2380 (daran scheiterte Vincent Keymer in Wien, daran wäre Elisabeth Paehtz auf Kreta auch bei einem Sieg in der letzten Runde gegen Marie Sebag gescheitert), unter den Gegnern mindestens drei GMs und es gibt auch Regeln betrifft Gegner aus mehreren Ländern, nicht zu viele aus dem eigenen Land usw. – dazu Ausnahmen die ich mal, da hier irrelevant, nicht näher erläutere. Das dann normalerweise bei drei Turnieren im Laufe von Monaten (wenn man sich beeilt) bis Jahren. Ausserdem mindestens einmal im Leben Elo 2500+.

Das und vieles mehr steht im FIDE-Handbuch unter B. Permanent Commissions 01. International Title Regulations (Qualification Commission). Wenn man da klickt, erscheint ein neues Menü mit Regeln “effective from 1 July 2014 till 30 June 2017” sowie “effective from 1 July 2017”, mit jeweils auch einem “Table for Direct Titles”. Vor Juli 2014 konnte man natürlich auch bereits Grossmeister werden, damals gab es andere (nun nicht mehr direkt verfügbare) Regeln, und zuvor erzielte Normen bleiben gültig – z.B. stammt die erste GM-Norm von Jan Michael Sprenger aus der Bundesliga-Saison 2005/2006, inzwischen hat er drei und Elo >2500 also wird er demnächst (offiziell beim 1st Quarter Presidential Board Meeting 2018) GM.

Generell ist es seit Juli 2017 etwas schwerer, einen Schachtitel zu bekommen – es gibt weniger Abkürzungen (weniger als 27 Partien reicht auch bzw. bei Normen entfällt eventuell die Voraussetzung “mindestens drei Gegner mit demselben bzw. – für IM – einem höheren Schachtitel”). Zum Beispiel wurde Artikel 1.21c) zu “title performance” statt “title norm” gestrichen (title performance war auch bei weniger als drei Gegnern mit passendem Schachtitel möglich, sofern andere Voraussetzungen erfüllt waren). Sinn der Sache war wohl: FIDE entschied, dass es bereits genug Grossmeister gibt und dass deren Anzahl zukünftig nicht mehr so schnell zunehmen soll wie zuvor. Soweit in Ordnung, zuvor erzielte Normen oder performances sollten dabei weiterhin gelten. Jedenfalls verwirrend dagegen, dass – um die “Pointe” bereits zu verraten – die derzeit sichtbaren Regeln für 2014-2017 offenbar andere sind als die zuvor in diesem Zeitraum sichtbaren Regeln.

Nun dokumentiere ich einen email-Austausch mit Koos Stolk vom Königlich Niederländischen Schachbund. Unter seiner ersten Antwort stand “medewerker Competitie en Evenementen” (Mitarbeiter Wettkämpfe und Events), daneben ist er offenbar “rating officer” und hat für den niederländischen Schachverband diverse Titelanträge unterschrieben – zuletzt für den zukünftigen IM Jaap de Jager, zuvor u.a. (unter Elo-Vorbehalt) für Anne Haast.

Erster Anlass war: Auf der Verbandsseite schaken.nl stand im Abschlussbericht zur Mannschafts-EM unter anderem “Anne Haast zette vervolgens nog keurig mat met paard en loper wat haar de prima score van 6 uit 8 een IM norm opleverde” [Anne Haast hat dann sauber mit Läufer und Springer mattgesetzt, damit ein prima Ergebnis 6/8 und eine IM-Norm]. “Prima” bezweifelte ich nicht, allerdings “IM-Norm” da sie in neun Runden nur zwei IMs hatte, und zwei ist weniger als drei. Ich habe nachgefragt und bekam recht schnell Antwort: “Ich finde in den Regeln auch keine Ausnahme, wodurch man die Voraussetzung mindestens drei IMs oder höher ignorieren könnte. Aber das heisst nicht alles. Ich werde nachfragen, warum das im Bericht steht.” Soweit hatte ich es in meinem EM-Abschlussbericht, später kam ergänzend “Nachdem ich den Autor dieses Berichts dazu befragte, hat auch er festgestellt, dass es keine IM-Norm ist. Anne Haast hat übrigens bereits genug IM-Normen, sie braucht nur noch Elo 2400.

Um den Beitrag etwas aufzulockern, noch ein Haast-Foto:

Das stammt von der NL-Meisterschaft 2014, Turnierdirektor Paul Rump schickte es mir ein Jahr später. Nicht immer ist sie übrigens Schwarz-Weiss gekleidet – ich habe dagegen keine Fotos mit deutlich anderer Frisur oder Haarfarbe, aber das nur nebenbei.

Ich wurde neugierig: Wo, wie und warum erzielte Anne Haast zuvor IM-Normen? Unter “Title norms” fand ich nur eine IM-Norm für ihren Bruder Mark Haast (nach Elo sind sie etwa gleichwertig, wobei Mark nur FM ist und Anne immerhin WGM). Dann stellte ich empirisch fest, dass Normen da “verschwinden” sobald der Titel offiziell beantragt wurde (zuletzt für u.a. Jan Michael Sprenger und Jaap de Jager) und wurde anderswo fündig – der IM-Titel wurde bereits im Dezember 2015 von einem gewissen Koos Stolk beantragt.

Nun zur Rubrik Eile: Laut diesem Dokument hat sie zwei IM-Normen über elf und neun Partien. Aber hier gilt, laut Dokument, einerseits 11+9=31 (häh??), andererseits gilt die übliche Mathematik 31>27. Dazu gleich mehr, zunächst ein kleiner Exkurs:

Die erste Norm stammt aus dem B-Turnier in Wijk aan Zee 2015, 4/11 war da eine IM-Norm – nicht jede(r) hat die Chance, so starke Turniere zu spielen, dass deutlich unter 50% für eine IM-Norm ausreicht. Da kann ich nebenbei das Teilnehmerfeld für die B-Gruppe 2018 nennen, heute wurde es bekanntgegeben (einer oder eine fehlt noch): Vidit, Amin, Krasenkow, Korobov, Bluebaum, l’Ami, Xiong, van Foreest, Bok, Tari, Harika, Girya, van Foreest. Nur Kurzkommentar: sie klauten Giri beide Sekundanten, neben Erwin l’Ami auch Santosh Vidit Gujrathi. Krasenkow ist als Veteran dabei. Matthias Bluebaum kann sich eventuell für die A-Gruppe 2019 qualifizieren, Favorit ist er allerdings (im Gegensatz zu Nisipeanu 2016) nicht. Die beiden Damen sind nach Elo ein bisschen fehl am Platz, aber das ist in Wijk aan Zee (und anderswo) Tradition. Zweimal van Foreest stimmt – neben Jorden auch Lucas, Sieger der höchsten Amateurgruppe 2017 vor u.a. Praggnanandhaa.

Moment mal, werden in Wijk aan Zee nicht 13 Runden gespielt? Ja, stimmt – aber 4/13 war für Haast im Gegensatz zu 4/11 keine IM-Norm. Analog galt das, von Schachfreund Thomas Marschner per Kommentar erwähnt, für Nino Batsiashvilis GM-Norm beim Grand Prix Turnier 2016 in Khanty Mansiysk: 6/9 war eine GM-Norm, 6.5/11 war keine GM-Norm – also wurden Ju Wenjun und Olga Girya im entsprechenden Dokument einfach (und regelkonform) durchgestrichen. Koos Stolk hat dagegen Wei Yi und Sam Shankland gar nicht erwähnt, so geht es auch. Zu Batsiashvili komme ich später nochmals.

Haasts zweite Norm stammt von der Mannschafts-EM 2015, und Koos Stolk beruft sich da auf “table 1.24b For Olympiad/Continental Team, a title norm counts as 20 games”. Da wurde ich stutzig – laut der sichtbaren Tabelle “Direct Titles” gilt das nur für Olympiade und Mannschafts-WM, nicht für kontinentale Turniere. Direkt GM wird man oder frau übrigens damals und nach wie vor als Senioren-Weltmeister (so schaffte es u.a. der Däne Jens Kristiansen), Junioren-Weltmeister U20 (heutzutage eher irrelevant, man hat nur Titelchancen wenn man bereits GM ist) oder kontinentaler Meister (so schaffte es jedenfalls Zhaoqin Peng, auch wenn sie davor und danach wohl nie Elo 2500+ hatte).

Ich habe nochmals nachgefragt und bekam von Koos Stolk diese Antwort: “Die von Dir genannte Tabelle (für Anne Haast) war 2015 anders. Ich weiss noch, dass ich es kontrolliert hatte.” Ich habe keinen Grund, an Stolks Darstellung zu zweifeln – sonst wäre es auch unverantwortlicher Umgang mit Verbandsgeldern, egal woher sie stammen (Mitgliedsbeiträge, öffentliche Subventionen, Sponsorgelder): bei einem abgelehnten Titelantrag sind die dazu gehörenden Kosten wohl dennoch futsch, also bringt es nichts, derlei zu versuchen obwohl man weiss, dass nicht alle Voraussetzungen erfüllt sind. Das gilt dann wohl ähnlich für Georgien, das für Batsiashvili den GM-Titel beantragte – offenbar vergeblich.

Bisher war es weitgehend Dokumentation, die letzten Sätze im vorigen Absatz allerdings bereits “so sehe ich es”. Bei Nino Batsiashvili lag es wohl daran, dass ihr Ergebnis bei der Frauen-EM 2015 nicht als GM-Norm anerkannt wurde, da sie nur zwei grossmeisterliche Gegnerinnen hatte (WGM gilt nicht). Es wäre allerdings eine oben definierte title performance – aber das hat in der heute sichtbaren Version der Tabelle “Direct Titles” nur bei Olympiaden und Mannschafts-WMs angenehme Konsequenzen. Elisabeth Paehtz hat eine analoge title performance von der Frauen-EM 2016 (damit ist nun aufgeklärt, was eingangs mit “zwei andere” gemeint war).

Hmm, gerade wenn man als Journalist/Reporter/Blogger/Schreiberling oder was auch immer Dinge überprüft, hinterfragt und dazu recherchiert kann man Ärger bekommen – nicht mit Koos Stolk, er reagierte sachlich. Nächster Schritt wäre eigentlich, bei der FIDE nachzufragen – allerdings war meine Antwortquote von FIDE-Offiziellen bisher Null. Von anderen (Grossmeister, Journalisten, Organisatoren, nationale Funktionäre) dagegen ca. oder mindestens 70%, vom niederländischen Schachverband bisher (auch auf Rückfragen) 100%.

Abschliessend noch ein vielleicht provokatives “so sehe ich es”: wenn man oder frau einen Schachtitel wirklich verdient hat, bekommt man ihn – früher oder später – ohnehin und zwar mit genug unproblematischen Normen. Zum Beispiel sagte Organisator Merijn van Delft mir mal am Rande des Batavia-Turniers “Normen sind schön aber nicht unbedingt nötig, Hauptsache wir haben ein nettes Turnier. Ach, die werden schon irgendwann Grossmeister.” Konkret bezog sich das wohl (Jahr habe ich nicht in Erinnerung) auf Jorden van Foreest. Nun werde ich bei der Junioren-WM vorbeischauen – Liveübertragung funktioniert inzwischen, allerdings vorläufig ohne Jorden van Foreest (Remis in der ersten Runde) und ohne Rasmus Svane (zu Beginn eine Niederlage).

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