Junioren-WM vor dem Ruhetag

Fünf von elf Runden sind in Tarvisio – in Italien ganz rechts oben im Dreiländereck mit Österreich und Slowenien – gespielt, Samstag haben die Jungens (und auch die Mädels) einen Tag Pause. Dieser Zwischenbericht ist relativ kurz und knapp, vor allem Dokumentation des Zwischenstandes und nur ein bisschen, wie es dazu kam. Momentan kann man eigentlich nur sagen, wer wohl nicht Weltmeister wird. Plausibel aber nicht sicher ist, dass es einer der fünfzehn wird, die ich nun nenne: Alekseenko 5/5, Tari, Praggnanandhaa, Xu Xiangyu 4.5, Martirosyan, Sorokin, Liang, Yuffa, Oparin, Lomasov, Liu Yan, Dragnev, Zanan, Li Di, Aravindh 4.

Das sind fünf Russen, drei Chinesen, zwei Inder und noch fünf weitere Länder (Norwegen, Armenien, USA, Österreich und Israel). Das sind nur drei der ersten zehn der Setzliste (Nummer fünf Tari, Nummer zwei Oparin und nach Fehlstart – daher schlechte Wertung – Nummer sieben Aravindh) – weiterhin neben Nummer 11 Alekseenko, Nummer 12 Martirosyan und Nummer 14 Liang auch runter bis Nummer 56 FM Liu Yan.

Relativ schlechte Nachrichten aus deutscher und auch niederländischer Sicht kann ich nicht verschweigen: 3.5/5 haben unter anderem Donchenko und van Foreest – allerdings nicht Jorden sondern sein Bruder Lucas. 3/5 hat unter anderem Rasmus Svane. Jorden van Foreest hat derzeit nur 2.5/5 – es bleibt wohl dabei, dass die Nummer eins der Setzliste selten Junioren-Weltmeister wird. Oft reichte es immerhin für eine Medaille, auch das wird nun schwierig (zumal bei Punktgleichheit Wertung entscheidet). Um das deutsche Bild zu komplettieren: Vincent Keymer hat derzeit ebenfalls 2.5/5 – da waren vier von fünf Ergebnissen erwartungsgemäss, nur das Remis in Runde fünf gegen den Italiener Gaetano Signorelli (Elo 2193) nicht.

Fotos von Ruggero Percivaldi gibt es auf der Turnierseite reichlich, allerdings nur kleine und ohne Spielernamen – ich zeige daher nur einen Gesamteindruck des Turniersaals. Nur die ersten neun Bretter werden live übertragen; derzeit sind für Runde eins bis drei alle je 74 Partien verfügbar, aber das habe ich mir kaum angeschaut.

Schon in Runde eins gab es jede Menge Überraschungen – die ersten zehn der Setzliste erzielten gegen 200-250 Elopunkte schwächere Gegner nur 5.5/10. Elozahlen sind bei Jugendlichen relativ, aber so extrem war es selten bei Junioren-WMs. Jorden van Foreest, Oparin und Tari remisierten, Svane, Aravindh und Boruchovsky verloren gar. Drei dieser sechs sind nun doch weit vorne dabei, die drei anderen nicht – ich ergänze, dass auch der Israeli Avital Boruchovsky nur 3/6 hat.

In Runde zwei dann vorne weitgehend “normale” Ergebnisse – Ausnahmen u.a. IM Petrov – GM Donchenko 1/2 und im China-Duell FM Liu Yan – GM Bai Jinshi 1/2. Wer ist Liu Yan? Jorden van Foreest kannte ihn zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

In Runde drei überraschte der Russe FM Sorokin mit einem sauberen Sieg gegen GM Pichot aus Argentinien. Ausserhalb der Liveübertragung remisierte Liu Yan schon wieder, heute mit Schwarz gegen Donchenko. Donchenko hatte dabei Glück, dass sein knapp 150 Punkte schwächerer Gegner nach Opferangriff die Züge wiederholte statt seine Gewinnchancen zu nutzen.

Nun hatten noch vier Spieler eine weisse Weste – die Nummern 11, 45, 32 und 47 der Setzliste GM Alekseenko, GM Kobo, FM Sorokin und IM Bharathakoti Harsha. Also spielten sie in Runde vier gegeneinander, jeweils gewann Schwarz: Kobo-Alekseenko 0-1 und Bharathakoti-Sorokin 0-1. Direkt dahinter ein überraschender Weissieg: Praggnanandhaa – Jorden van Foreest 1-0! Gespielt wurde Italienisch, der favorisierte Schwarzspieler verzichtete nach satten 46 Minuten auf 19.-Td5 mit Ausgleich und landete stattdessen in einer schlechteren Stellung, die ihm später in beiderseitiger Zeitnot völlig entglitt. Weiter hinten aus deutscher und österreichischer Sicht 50% für IMs gegen GMs: IM Dragnev – GM Svane 1-0, IM Keymer – GM Donchenko 0-1. Beide Partien kennen derzeit nur die beteiligten Spieler und eventuell andere, die vor Ort kibitzten. Liu Yan bekam nach zweimal Remis seinen ersten kompletten GM-Skalp – Sieg gegen den Inder Vaibhav.

In Runde fünf machte Alekseenko recht kurzen Prozess mit Landsmann Sorokin. Ist es überraschend, dass die Nummer 11 der Setzliste als einziger noch eine weisse Weste hat? Nicht unbedingt: das gibt es in Opens mitunter, bisher war er nur (oder immerhin) gegen nominell unterlegene Gegner effizient. Ausserdem hat (bzw. hatte) er nur 24 Elopunkte weniger auf seinem Konto als Nummer drei Rasmus Svane, und dessen Niveau hatte er schon einmal. Insgesamt stagnierte der Russe, Baujahr 1997, elomässig seit knapp zwei Jahren, kommt nun der nächste Sprung? Zu früh im Turnier (und überhaupt), um derlei zu behaupten oder zu prognostizieren.

Praggnanandhaa gewann gegen Landsmann Sunilduth nach bekannten Mustern: der Gegner wollte kein Remis, also verlor er. Diesmal hatte Praggnanandhaa Schwarz, gespielt wurde nicht Italienisch sondern Spanisch mit -Lc5 und später ähnlichen Stellungsbildern. Das weisse Springeropfer auf g5 für zwei Bauern, erneute Fesslung des Sf6 und offene schwarze Königsstellung gab es bereits in genau dieser Stellung – oft gewann dann Weiss da Schwarz nicht richtig verteidigte. Das schaffte Praggnanandhaa, und diesmal investierte sein Gegner dann nur 39 Minuten und wählte dann, statt Remis durch Dauerschach zu forcieren, einen Verlustzug.

Auch sonst gewann in Duellen IM-GM nicht immer der Grossmeister: IM Xu Xiangyu – GM Karthikeyan 1-0, GM Donchenko – IM Livic 1/2 (Weiss versuchte lange, ein besseres Endspiel zu gewinnen – ob es mal drin war habe ich nicht untersucht), IM Zanan – GM Boruchovsky 1-0 (Aussenseitersieg unter Israelis), GM Bai Jinshi – IM Dragnev 0-1 (nächster Skalp für Valentin Dragnev, an Brett 10 also derzeit nicht verfügbar). Das gilt auch für GM van Foreest (also Jorden) – FM Liu Yan 0-1.

Spitzenpaarungen in Runde sechs GM Tari – GM Alekseenko (der erste gleichwertige bzw. 18 Elopunkte bessere Gegner für Kirill Alekseenko) und IM Praggnanandhaa – IM Xu Xiangyu (zwei Asien-IMs, Indien gegen China). Dahinter u.a. IM Dragnev – GM Donchenko und IM Petrov – GM Svane (Deutsche drücken den GMs die Daumen, Österreicher sind jedenfalls in einem Fall nicht einverstanden). Vincent Keymer trifft auf den Litauer Andrius Brazdzionis, auf dem Papier eine lösbare Aufgabe.

Kurz noch zu den Mädels: Stand momentan Abdumalik 4.5/5, Osmak, Nomin-Erdene, Assaubayeva, Obolentseva, Aakanksha, Zhu Jiner, Khomeriki, Yu, Dordzhieva 4, usw. . Die jungen Damen halten sich eher an Elozahlen – die Nummer eins der Setzliste führt alleine, dahinter ist Dordzhieva als Nummer 18 der Setzliste Elo-schlechteste. Zhansaya Abdumalik hatte bereits die Nummern zwölf, zehn und acht der Setzliste und spielt am Sonntag gegen Landsfrau Assaubayeva – nein, Bibisara war zwar auch früher Kasachin aber spielt inzwischen für Russland.

Josefine Heinemann momentan auf Platz 28 mit 3/5 – etwas mühsamer Start (zweimal Remis gegen Elo 1930 und 2123), und in Runde fünf war Zhu Jiner eine Nummer zu gross: sie hat nicht nur 170 Elopunkte mehr sondern ist ausserdem Chinesin, immer gefährlich. In einem komplizierten Najdorf-Sizilianer hatte Heinemann mit Weiss das Nachsehen.

 

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