Eliseev Memorial: Schönheit oder Effizienz? (UPDATE)

UPDATE ist ein kleines Facebook-“Interview” mit Daniil Dubov am Ende dieses Artikels. Das Eliseev Memorial oder “Turnier zu Ehren von Eliseev” war bzw. ist (nach dem Ruhetag am Montag gibt es noch eine zweite Runde mit teils denselben, teils anderen Spielern) ein etwas anderes Turnier. Also bekommt es auch einen etwas anderen Bericht – angefangen mit dem Titelfoto: es zeigt nicht etwa den Turniersieger der ersten Hälfte, sondern – zusammen mit Urii Eliseev – den Teilnehmer, der vielleicht am “schönsten” spielte, dafür bzw. damit allerdings in fünf Runden nur einen halben Punkt erzielte.

Gemeint ist Mikhail Antipov, Sieger der ersten Runde war dagegen Vladimir Fedoseev mit – mein Eindruck, verglichen mit nicht nur Antipov sondern auch den vier anderen – eher pragmatischem Schach. Das ist der Endstand: Fedoseev 4.5/5, Dubov 3.5, Matlakov und Artemiev 2.5, Predke 1.5, Antipov 0.5.

Chess24 kommentierte das auf Twitter so: “Fedoseev dominated the tournament in honour of Yuri Eliseev (1996-2016), though sadly for him the games weren’t actually rated” [Fedoseev dominierte beim Turnier zu Ehren von Yuri Eliseev, allerdings werden die Partien nicht Elo-ausgewertet – schade für ihn.] Vielleicht dominierte er auch, jedenfalls in diesem Ausmass, weil die Partien nicht Elo-ausgewertet wurden?

Alle Fotos in diesem Beitrag von Olga Skorobogatova – inzwischen ist auch öffentlich erwähnt, wo man die hier gezeigten und viele weitere findet. Das sage ich aber nicht direkt, sondern nur, dass man es auch dann finden kann, wenn man auf Facebook nicht mit Daniil Dubov (genauer gesagt, daniil.dubov.7) befreundet ist.

Zunächst meine allgemeinen Eindrücke – die so vielleicht stimmen, vielleicht auch nicht. Es war zunächst “nur” ein Turnier unter Freunden, dann kam etwas (jedenfalls russische) Öffentlichkeitsarbeit dazu. Letzteres machte Daniil Dubov nach eigener Aussage mir gegenüber “fast alleine” – einiges offenbar in letzter Minute. Noch am Freitag vor dem Turnier schrieb er mir, dass die Liveübertragung “sehr wahrscheinlich” auf der Seite des Moskauer Schachverbands ist – dann war es primär der russische Schachverband. Das ist natürlich eher egal, sofern es funktioniert. Der ausrichtende Schachclub schrieb “hoffentlich funktioniert es, wir machen das zum ersten Mal” – es hat funktioniert. Ein der russischen Sprache mächtiger Schachfreund schrieb mir “schade, dass Livekommentar von Morozevich nicht im Internet übertragen wird”. Diese Idee hatten sie dann nach Runde eins, spätabends schrieb Dubov (auf Russisch) auf Facebook “Vielleicht gibt es eine Video-Übertragung. Wir nennen den Link, wenn es funktioniert” – das hat dann offenbar nicht funktioniert. Alles keinesfalls Kritik, nur meine Beobachtungen und Interpretationen.

Eine Rolle spielte vielleicht auch, dass Dubov recht kurzfristig bei der Mannschafts-EM mitspielen durfte oder musste – da ersetzte er übrigens Fedoseev. Ausserdem war er am Wochenende vor dem Turnier noch in Deutschland, genauer gesagt Bremen, in Sachen Bundesliga. Olaf Steffens schrieb mir auch “Am Montag blitzte er dann noch wie jemand, der 3. geworden ist bei einer Blitz-WM – sehr souverän, und sehr sehr schnell.” Da erwähne ich nebenbei noch etwas, das hier und anderswo eigene Artikel oder (mehrere) Facebook-Beiträge bekam: Austragungsort der nächsten WM im Schnell- und Blitzschach ist, durchaus umstritten, Riyadh in Saudi-Arabien. Dubov schrieb dazu auf Facebook (diesmal, bei ihm selten, auf Englisch): “It’s not that I’ve already decided to go to World Championships (most probably I won’t), but it’s funny. They didn’t care about Kosovo, they didn’t care about Iran – and now suddenly they are THAT MUCH disgusted with Saudi Arabia. This doesn’t look like a logical follow-up to me.” [Nicht dass ich bereits entschieden habe, ob ich bei der WM spiele (sehr wahrscheinlich nicht), aber es ist schon witzig: Kosovo war ihnen egal, Iran war ihnen egal – und nun sind sie plötzlich SO SEHR entsetzt über Saudi-Arabien. Das passt, finde ich, nicht zusammen.]

Vor dem zweiten, dann schachlichen, allgemeinen Eindruck ein Foto von allen aus Runde eins:

Kleiderordnung gab es offenbar keine, von den vieren bei denen es sichtbar ist hat auch nur Artemiev Schuhe passend zur Farbe der Wand. Passend ist allerdings – siehe unten – dass Antipov direkt vor dem Foto von Urii Eliseev sitzt. Matlakov sagte ja zu Eliseevs Art, Schach zu spielen: romantisch, mal führte es zu Meisterwerken und mal ging es schief.

Der allgemeine schachliche Eindruck stimmt auch nicht immer, siehe gleich zu Antipov: Oft wählten die Spieler für sie neue oder jedenfalls seltene Eröffnungen. Diese Vermutung hatte ich zunächst, da oft einer – kurz danach manchmal beide – früh Bedenkzeit verbrauchten. Ich hatte nie die Chance oder Pflicht, mich auf diese Spieler vorzubereiten, aber habe es dann in Datenbanken überprüft. Taten sie das, um – passend zum Motto des Turniers – interessante Stellungen zu bekommen? Oder um ihre Gegner (auch Freunde/Trainingspartner/Rivalen) zu überraschen? Oder um, auf etwas ernsthafterem Niveau als Blitzen im Internet aber doch ohne ‘Einsatz’, mal was Neues auszuprobieren? Alle drei Antworten sind möglich und miteinander zu kombinieren. Nun Runde für Runde, atmosphärische Fotos vor allem aus Runde eins.

Ich erwähnte bereits im – kurz nach Beginn der ersten Runde veröffentlichten – Vorbericht, dass Antipov gegen Matlakov mit 1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.b3!? begann. Das tat er zuvor bereits 50-mal, nur sieben mal spielte er das übliche 3.d4. Mit 3.b3 einige schöne Siege, zweimal auch gegen Matlakov – 2015 beim Aeroflot Open, und 2008 bei der russischen Vereins-Mannschaftsmeisterschaft U18 gewann Antipov (Elo 1887) gegen Matlakov (Elo 2484). Aber auch die eine oder andere herbe Niederlage, z.B. 2015 beim Ugra Governor’s Cup in 24 Zügen gegen Artemiev. Heute war nach 19 Zügen Schluss, und es war kein Kurzremis. Danach gab es Gesprächsbedarf mit Morozevich:

Hier sagte Antipov vielleicht zur Stellung auf der Leinwand nach 12.-De5+ “ich MUSSTE EINFACH 13.Kd1 spielen!”. Das ging offenbar noch, aber kurz danach ging es für ihn schnell bergab. Zuschauer/Zuhörer sind sitzend Maxim Matlakov und an der Wand klebend Tigran Petrosian, nach dem der ausrichtende Schachclub benannt ist.

Zu den anderen Partien: Ich hatte bereits erwähnt, dass Fedoseev gegen Predke Russisch spielte – tat er zuvor offenbar noch nie. Predke entschied sich nach knapp 3 Minuten für 3.d4, vermied damit ausgelutscht-remisliche Hauptvarianten und wurde später ausgekontert.

Dubov-Artemiev 1-0 war Sizilianisch, Paulsen-Scheveninger Hybrid und Teil von Artemievs Schwarzrepertoire (wenn auch seltener als Najdorf). Dubov opferte – auch das hatte ich noch im Vorbericht – spielbar (dabei zu diesem Zeitpunkt quasi erzwungen) eine Qualität. Oberwasser bekam er, nachdem Artemiev (wohl nicht nötig oder erzwungen) die Qualität retournierte; später verwertete er im Endspiel einen Mehrbauern.

Weitere optische Eindrücke aus Runde eins:

Morozevichs Publikum war offenbar ziemlich jung. Fast alle lauschen konzentriert, nur eine junge Dame flirtet stattdessen mit ihrem Gegenüber – ein Schachclub ist doch keine Diskothek! Kinder sind immer nette Fotomotive, noch zwei Bilder von einer ganzen Reihe:

Die junge Dame nochmals in Grossaufnahme

Dieses Foto aus einer anderen Runde

Es gab auch ältere Schachfreunde (und -freundinnen) im Publikum. Die Runden waren ab 15:00 mittags – da Eltern arbeiten mussten, wurden Kinder vielleicht von ihren Grosseltern begleitet.

Runde 2: Fedoseev-Dubov 1-0 begann mit 1.d4 Sf6 2.c4 c5 3.d5 – soweit Teil von Dubovs Schwarzrepertoire, aber nun fast immer 3.-b5, 3.-e6 wie hier und heute zuvor nur dreimal 2009, 2010 und 2011. Auch Fedoseev verlangsamte nun sein Spieltempo und wurde im siebten Zug wieder überrascht: 7.-b5, als Bauernopfer prinzipiell bekannt aber an dieser konkreten Stelle total neu. Danach bekam Dubov in Verwicklungen zunächst (etwas) Oberwasser, spielte aber nicht genau genug. Im Endspiel hat er dann weitere Bauern wohl eher verloren oder eingestellt als geopfert, so gewann dann Fedoseev.

Matlakov-Artemiev begann Skandinavisch, das hatte Artemiev zuvor nur einmal gespielt (2010 mit Elo 2229). Für 2.exd5 (was sonst?) brauchte Matlakov 2 1/2 Minuten, und danach weitere Bedenkzeit früh in der Partie auf der Suche nach einer geeigneten Nebenvariante. Weiss bekam Raumvorteil und Läuferpaar, nicht mehr und nicht weniger, und dann wurde es remis.

Antipov-Predke 0-1 war Englisch und dann ein seltener Dialekt. Später wurde es für Antipov – auch oder gerade bei reduziertem Material – fatal, dass sein König in der Mitte blieb.

In Runde 3 spielte Dubov gegen Antipov 1.e4 e5 2.Sc3 – neu für ihn. Das wurde später bei beiderseits nacktem König Remis durch Dauerschach – Absicht im Sinne von Remis schieben kann man den Spielern nicht unterstellen.

Die beiden anderen Partien aus schwarzer Sicht nach dem Motto “Caro, das kann ich!”. Matlakov spielte 1.-c6 bereits zuvor mitunter, aber nicht als Hauptwaffe gegen 1.e4. Seine Partie gegen Predke endete mit einer beiderseits erzwungenen Zugwiederholung. Artemiev-Fedoseev begann mit 1.d4 c6!?, und Artemiev entschied sich nach 3 1/2 Minuten für 2.e4. Später verwertete Fedoseev einen Mehrbauern im Endspiel.

Runde 4: Matlakov-Fedoseev wurde remis, ausgekämpft ohne “diagrammwürdige” Momente. Antipov erlitt gegen Artemiev mit 1.e4 c6 (spielte Artemiev zuvor offenbar noch nie, gegen 1.e4 fast ausschliesslich Sizilianisch) 2.d4 d5 3.e5 Lf5 4.g4!? usw. Schiffbruch, bereits ab etwa dem zehnten Zug stand er schlechter. Schwarzspieler Dubov entkorkte gegen Predke Pirc (auch er spielt gegen 1.e4 sonst fast nur Sizilianisch), meisterte Verwicklungen besser, erreichte und gewann ein gewonnenes Endspiel.

In Runde 5 drei Weissiege (der mitdenkende Leser weiss, dass Fedoseev Weiss hatte und dass Antipov Schwarz hatte). Dubov-Matlakov 1-0 war wieder Caro-Kann, später gab es eine gute und eine schlechte Nachricht für Schwarz: einerseits hatte er ein starkes Bauernzentrum, andererseits stand dahinter sein unrochierter König – letzteres war dann zugunsten von Weiss partieentscheidend. Bei Artemiev-Predke 1-0 (Pirc) fiel die Entscheidung ebenfalls im Königsangriff – damit war zunächst nicht unbedingt zu rechnen, da sie nach 25 Zügen alle Leichtfiguren getauscht hatten und beide kurz rochierte Könige optisch sicher standen.

Fedoseev-Antipov war ein Anti-Sizilianer (1.e4 c5 2.Lc4 usw.) – zuerst bekam Schwarz optisch vielversprechenden Königsangriff, dann profitierte Weiss davon, dass der schwarze König dabei entblösst wurde. Zu Antipovs Ehrenrettung sei gesagt, dass er diesmal erst ab dem 29. Zug (sehr) schlecht stand. Zu Fedoseevs Ehrenrettung sei gesagt, dass er diesmal auch taktisch etwas zelebrierte oder brillierte.

Damit ist das Turnier, bzw. die erste Hälfte, vorbei. Morgen (Montag) spielen offenbar Dubov und Predke Simultan, danach die zweite Turnierhälfte mit teils identischer, teils anderer Besetzung. Abschliessend noch drei Fotos:

Alexander Morozevich kommentierte, meistens solo.

Ein Foto des Turniersiegers Vladimir Fedoseev gehört dazu.

Ebenso eines von Dubov, der das Ganze organisierte.

UPDATE: Ich hatte zwei Fragen an ihn: 1) Warum habt Ihr oft ungewöhnliche Eröffnungen gespielt? Im Geiste des Turniers, um alte Bekannte zu überraschen [mache ich selbst mitunter auch auf Vereinsniveau], oder um mal was auszuprobieren – einerseits auf hohem Niveau, andererseits ohne viel “Einsatz”? Alle drei Antworten sind – siehe oben in diesem Artikel – möglich und miteinander zu kombinieren. 2) Zu Dir selbst langfristig: Vor Jahren betrachteten ich und andere Dich vor allem als positionellen Spieler. Das änderte sich mit dem, vom Ergebnis her schlechten, Match gegen Shirov. Einige westliche Schachfans nannten es [Dubov wollte wie Shirov spielen] damals ‘foolish’ – ich interpretierte es als Versuch, variabler und schärfer zu spielen und von einem Experten in dieser Art, Schach zu spielen, zu lernen, Ergebnis vielleicht nicht so wichtig. Was sagst Du dazu, damals und heute?

Die Antwort kam schnell genug, um sie noch in diesen Artikel einzubauen – sonst war sie eventuell für den zweiten Bericht geplant.

“Hallo! Zur ersten Frage – nun, wir hatten uns vorgenommen zu kämpfen. Und ich bin mit den ersten fünf Runden sehr zufrieden – fast alle (oder gar alle) Partien waren interessant, beide spielten auf Sieg. Offensichtlich spielten Eröffnungen eine Rolle: da wir komplizierte Partien spielen wollten, ist es logisch von Anfang an Komplikationen anzustreben. Ich bin sehr happy, dass wir alle die allgemeine Idee umsetzten, alle haben gekämpft. Zur zweiten Frage – ja, Du siehst das richtig. Ich betrachtete es als Chance, von einem der besten Spieler aller Zeiten zu lernen, wie man extrem scharfe und komplizierte Stellungen behandelt. Ich bereue es nach wie vor nicht – es war eine sehr gute lesson [Lektion oder weniger ‘scharf’ Erfahrung?] und ich erinnere mich immer noch daran. Shirov hat in diesem Match fantastisch gespielt, und es war mein erstes langes Match gegen einen so starken Gegner mit klassischer Bedenkzeit. Definitiv eine der wichtigsten Erfahrungen in meinem Schachleben.”

“Einer der besten Spieler aller Zeiten” ist natürlich Definitionssache – zu diesem Zeitpunkt (Dezember 2013) hatte Shirov noch Elo 2695 und war Nummer 53 der Weltrangliste. Zuvor war er dabei besser, nach dem Match (5-1 für Shirov) hatte er wieder über 2700, konnte das einige Zeit halten und später (Mitte/Ende 2015) nochmals knacken und vorübergehend halten. Aktuell hat er 2640 – das Jahr 2017 war für ihn insgesamt nicht so toll, einzelne Turniere durchaus. Alle Partien des Matches gegen Dubov zum Beispiel hier.

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