Mamedyarov und Grischuk “Sieger” des Palma Grand Prix

Moment mal, sie haben doch gar nicht mitgespielt? Ja, aber die tatsächlichen Teilnehmer in Palma de Mallorca spielten am Ende so, dass die Zuschauer Mamedyarov und Grischuk Platz eins und zwei in der Grand Prix Gesamtwertung behielten und sich damit für das Kandidatenturnier qualifizierten. Ob sie das absichtlich taten oder nicht, vom massgeblich beteiligten Dmitry Jakovenko hinterher ein “gemischtes” Statement, aber da muss sich der Leser noch etwas gedulden.

Das Titelbild stammt daher aus dem Archiv – Grischuk und Mamedyarov beim vorherigen GP-Turnier in Genf. Wenn ich statt beiden zusammen nur individuelle Fotos hätte, würde es Grischuk – da er nach eigener Aussage nicht mehr damit rechnete, beim Kandidatenturnier mitspielen zu dürfen. Dann lief der Weltcup für ihn persönlich nicht nach Wunsch – er verlor ein enges Match gegen den späteren “Pechvogel” dieses Zyklus Maxime Vachier-Lagrave – und letztendlich doch ein bisschen nach Wunsch: Ding Liren erreichte da das Finale und schied so aus dem GP-Rennen aus. Damit ärgerte der Chinese den Russen Kramnik – so konnte und musste Wesley So auf seinem Eloplatz bestehen und Kramnik war draussen (lag auch an Kramniks späteren Ergebnissen), bis er dann die Wildcard bekam.

Thema dieses Artikels allerdings das letzte GP-Turnier in Palma de Mallorca, bei dem Vachier-Lagrave und Radjabov ihre persönlichen Ziele nicht erreichten. MVL schaffte einfach keinen zweiten Sieg: +1 hätte nicht gereicht, dann wurde es 50% und das reichte erst recht nicht. Radjabov gewann drei Partien – das hätte gereicht, wenn er nicht auch zweimal verloren hätte. Dabei hat er wohl allerdings – so ist es im Schweizer System – auch deshalb dreimal gewonnen weil er zweimal verlor.

Isoliert betrachtet hatte das Turnier in Palma de Mallorca zwei andere Sieger – einer lag durchgehend vorne und bekam bereits das Titelfoto im Zwischenbericht; einer konnte Aronian noch einholen, aus Grischuks Sicht der richtige Spieler (dabei waren fünfzehn der verbleibenden siebzehn Spieler “richtig” und nur zwei bereits genannte “falsch”). Endstand: Aronian und Jakovenko 5.5/9, Radjabov, Rapport, Tomashevsky, Nakamura, Svidler, Ding Liren, Harikrishna 5, Inarkiev, Vachier-Lagrave, Eljanov 4.5, Li Chao, Vallejo, Giri 4, Riazantsev 3.5, Gelfand und Hammer 3. Jakovenko wurde gar denkbar knapp Wertungssieger, aber das ist was Geldpreis und GP-Punkte betrifft irrelevant. Hammer landete erwartungsgemäss am Tabellenende, grösste Verlierer neben MVL und Radjabov Gelfand, dann wohl Giri (auch wenn Li Chao noch etwas mehr Elo einbüsste).

Nun Runde für Runde ab der sechsten. Die Remisquote war weiterhin recht hoch – Ausnahme im gesamten Turnier nur Runde 4 mit sechs Siegern, sechs Verlierern (und damit bei insgesamt neun Partien auch sechs Remisierern). Entscheidungen tendenziell vor allem an den hinteren Brettern, die soden Status quo vorne in diesem Turnier und vorne in der GP-Gesamtwertung kaum beeinflussten. Ausnahme in mehreren Runden Radjabovs Partien, und in der letzten Runde die Partie an Brett zwei.

Runde 6: Aronian und Svidler begannen ihre Partie am Spitzenbrett umständlich – vielleicht deshalb wurde es dann nach 24 Zügen remis. Quatsch, aber nun dokumentiere ich erst den umständlichen Beginn fotografisch. Alle weiteren Fotos von Valeriy Belobeev, ab Turnierseite über Facebook und zu Runde sechs auch Dropbox.

Svidler reagierte mit dem für ihn neuen 3.-c5 nebst Benoni-Struktur. Zuvor spielte er hier achtmal 3.-d5 (u.a. zweimal gegen Aronian), viermal 3.-Lg7 und dreimal 3.-Sc6. Aronian kannte es allerdings, schliesslich bekam er es schon von Viktor Erdos und Maxime Vachier-Lagrave (noch ein Grünfeld-Spezialist, der nach 3.f3 nicht immer auf quasi-Grünfeld besteht) vorgesetzt. Aronian bekam zunächst Oberwasser (dachten jedenfalls beide Spieler, Engines die für Schwarz noch Ressourcen sehen sind nicht unbedingt einverstanden), und dann wurde daraus schwarzes Dauerschach. Erklärungen hinterher im gemeinsamen Interview:

In der Partie setzten beide Farbtupfer, was Kleidung betrifft war es (neben hinterher Anastasia Karlovich) wie üblich eher Levon Aronian. Zur Eröffnung sagte Svidler frei zitiert “3.-d5 hatte ich schon soooo oft auf dem Brett, heute mal was anderes [Achtmal in insgesamt zehn Jahren ist eigentlich nicht sooo oft, aber daneben hatte er es wohl für seine Grünfeld-Videoserie stundenlang auf seinem Monitor]. Wir hatten das sicher beide vorbereitet – Aronian besser als ich, denn schlechter geht nicht!” 21.Ta3 betrachteten beide als für Weiss vielversprechend, nach dem Partiezug 21.Se6 ging – beide sagten tendenziell “nur” – 21.-Tae8 nebst eventuell Qualitätsopfer auf e6. Es folgte noch 22.Sxg7 Sf2+ 23.Kg1 Sd3+ 24.Kh1 Sf2+ und man einigte sich friedlich – Dauerschach, es sein denn Schwarz tappt in die “Falle” 25.Kg1 Sh3+ (noch OK, wie jedes Abzugsschach) 26.Kh1 Dg1+??! 27.Txg1 Sf2 “matt” 28.Dxf2 und 1-0 statt 0-1.

Harikrishna-MVL 1/2 war letztendlich erfolgreiche Verteidigung vom Schwarz spielenden Kandidat-Kandidaten. In der Eröffnung überraschte “Hari” ihn mit dem seltenen 7.Sf3 (7.Sb3 oder auch 7.Sdb5) und erreichte später Vorteil. Später hegte MVL mit Turm und zwei Bauern gegen zwei Leichtfiguren doch wieder leichte Gewinnhoffnungen, aber landete nach eigener Aussage nach 37.f5 (hatte er übersehen) wieder in der Defensive.

Im anschliessenden Doppelinterview sagte MVL – wieder etwas sinngemäss zitiert – “um (mit Schwarz) zu gewinnen braucht man Komplikationen, sie sollten dabei nicht nachteilig sein.”

Auch Konkurrent Radjabov suchte mit Schwarz gegen Tomashevsky (Pirc-)Komplikationen, die sich dann als für ihn nachteilig erwiesen. Im 40. Zug, also direkt vor der Zeitkontrolle, musste Tomashevsky eine Richtungsentscheidung treffen: Damen bei anfälligem gegnerischem König auf dem Brett behalten, oder abtauschen und dann Endspiel mit Türmen, ungleichfarbigen Läufern und weissem Mehrbauer? Er entschied sich für letzteres, im 41. Zug wäre seine Wahl vielleicht anders ausgefallen. So war es in der Remisbreite, bis Radjabov mit 57.-b6? 58.b5! patzte. Das war ein Bauerndurchbruch, Radjabov musste einen starken weissen Freibauern auf der a- oder alternativ b-Linie zulassen – diese Entscheidung traf er nicht sondern gab sofort auf.

Tomashevsky bekam dafür, dass er Radjabov einen herben Dämpfer verpasste, ein Interview mit Anastasia Karlovich.

Zwei weitere Partien mit Sieger und Verlierer hatten keine Folgen für Kandidatenturnier-Chancen, oder allenfalls indirekte:

Riazantsev-Rapport 0-1: Rapports holländischer Stonewall führte zu einem munteren Schlagabtausch, bei dem Riazantsev zumindest nicht schlechter stand – bis 35.Sc5? (35.Lc4 um den schwarzen Sf7 zu fesseln, bevor er entscheidend eingreifen kann) 35.-Sg5! mit Mattangriff bei reduziertem Material (beiderseits noch Turm und zwei Leichtfiguren, schwarzer Turm auf der zweiten Reihe und schwarze Figurenaktivität war wichtiger als der weisse a-Freibauer).

Gelfand-Inarkiev 0-1 ist hier bereits vorbei. Bei einer langen Abwicklung hatte Gelfand sich wohl entweder irgendwo verrechnet, oder ein Zwischen- oder Endprodukt verkehrt beurteilt. Im August hatte er ein Match gegen denselben Gegner noch 4-2 gewonnen und danach Elo 2737 – später ein für ihn misslungenes Isle of Man Open, viele Remisen bei der Mannschafts-EM gegen nominell unterlegene Gegner und auch ein schlechtes Ergebnis in diesem Turnier. Nun geschah das, was ich im Zwischenbericht bereits andeutete: erstmals seit 2005 (live) Elo unter 2700.

Auch Inarkiev (von der Republik Ingushetien gesponsort, daher dieses Logo auf seinem Jackett) im Interview mit Karlovich.

Da es zu Runde 6 relativ viele Fotos gibt, noch eine kleine Serie – weitgehend vor, eines auch während der Runde:

Giri mit Sekundant Erwin l’Ami, auf dem zweiten Foto im Gleichschritt wie auch danach Svidler und Tomashevsky. Während der Runde schafften das dann auch, wohl unbeabsichtigt, Giri und Svidler. Sonst hatte Giri ein generell – bis auf die Niederlage gegen Aronian – eher unauffälliges Turnier.

Runde 7: Aronian verpasste womöglich die Vorentscheidung im Kampf um den Turniersieg. Er knetete mit Schwarz gegen Rapport ein leicht besseres Endspiel so lange, bis er wohl tatsächlich auf Gewinn stand, und strauchelte kurz vor Schluss: 70.-Kb4! 71.Tb8+ Kc5 ist offenbar gewinnträchtig, da Weiss den schwarzen a-Bauern nicht dauerhaft kontrollieren (bzw. Weiss mit Schachgeboten beschäftigen) kann. Stattdessen wurde es wenig später remis, da Rapport seinen Springer unter Turmtausch für den schwarzen a-Bauern opfern und danach (das kam nicht mehr aufs Brett) mit dem König den anderen und letzten schwarzen Bauern auf h7 schlagen konnte. Diese Partie ist übrigens, wie einige andere, im Download auf The Week in Chess unvollständig – jedenfalls chess.com hat auch die letzten sieben Züge bis 79.Txa3=. Offenbar haperte die AGON-Liveübertragung mitunter.

Vachier-Lagrave verpasste gegen Tomashevsky den Anschluss an die Spitze. In einem Spanier stand er sicher gut, vielleicht nie gut genug – hinterher meinte er “Evgeny ist nun einmal ein zäher Bursche und schwer zu schlagen”, es wurde remis. Tomashevskys zweiter Beitrag zum Kandidatenturnier-Rennen nach dem Sieg tags zuvor gegen Radjabov – der allerdings seine letzte Chance (zunächst) nutzte: Sieg gegen Li Chao nach ungewöhnlicher Eröffnung und frühem (Semi-)Endspiel. Nicht ganz klar, wo der Chinese den entscheidenden Fehler machte, am Ende entschied ein weisser h-Freibauer. Bevor ich noch zwei Neben-Schauplätze erwähne, ein Bühnenfoto (nicht unbedingt aus dieser Runde):

Dann war da noch Eljanov-Hammer 1-0. Schwarz übersah wohl 19.Lxh7+! und fischte danach noch im Trüben, was das Ende beschleunigte. Ganz zum Schluss war 25.Dxg7+! (25.-Kxg7 26.Sf5+ nebst 27.Sxe3 mit Damen-Rückgewinn und Mehrturm kam nicht mehr aufs Brett) ebenso hübsch wie, wenn man es sieht, trivial. Immerhin hatte der Norweger am Ende mit Gelfand einen prominenten Kumpel am Tabellenende, wobei der noch zappelte:

Riazantsev-Gelfand 0-1: In einem Katalanen bekam Schwarz die c-Linie und so Oberwasser. Später gewann er eine Qualität und konnte mit seinen drei Schwerfiguren auf der zweiten Reihe eindringen. Riazantsev hatte genug gesehen, und der Club 2700+ hatte so vorübergehend ein neues altes Mitglied – Boris Gelfand.

Runde 8: Der erkältete Aronian spielte gegen Tomashevsky ein Kurzremis, auch einige weitere Remisen behandle ich eher kurz und knapp: Inarkiev wählte gegen Vachier-Lagraves Grünfeld eine remisliche Variante, es wurde remis. MVL dazu hinterher, wieder etwas frei zitiert: “Gegen alle Eröffnungen gibt es derlei Abspiele, und ich wollte in meiner Situation nicht plötzlich etwas für mich total Neues spielen. Nach 6.Tc1 statt 6.cxd5 waren drei Ergebnisse möglich – damit hatte ich gerechnet, da Inarkiev sonst generell prinzipiell spielt.” Vallejo spielte gegen Eljanov immerhin 140 Züge aber konnte einen federleichten Endspielvorteil nie konkretisieren.

Li Chao – Giri 1-0. Auf dem Foto hinterher nicht offensichtlich, dass der Chinese Weiss hatte. Er spielte Slawisch Abtausch und gewann irgendwie trotzdem im Endspiel.

Gelfand-Radjabov 0-1: Gelfand hatte nun wieder Elo unter 2700, und Radjabov hatte doch noch Chancen, sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren. Partieentscheidend war 28.-Sxd5!? – nicht für Computer, die nach diesem Springeropfer für letztendlich drei Bauern auf 0.00 bestehen, aber am Brett da Gelfand die schwarzen Bauern nicht neutralisieren konnte. Radjabov bezeichnete Gelfand als in seiner Turniersituation idealen Gegner, da er immer prinzipiell spiele – “mal hat zuvor er gewonnen, mal ich, remis wird es so gut wie nie”. Da widerspricht chessgames.com – Radjabovs Score gegen Gelfand nun +6=14-3. Allerdings sind viele Remispartien älteren Datums, und leblose (Kurz-)Remisen eher selten, das letzte jedoch zuvor beim Grand Prix in Moskau. Über Gelfands schlechte Form in diesem Turnier hat Radjabov sich natürlich nicht beklagt.

Noch ein paar Fotos (teilweise) aus dieser Runde:

Nach wie vor einige Zuschauer vor Ort, dabei inzwischen nur noch Erwachsene – hatten Kinder zuvor Schulferien und nun nicht mehr?

Und noch eine Sofa-Galerie:

Das zweite Foto am buntesten – Belobeev dokumentierte, dass während der Runde auch für das leibliche Wohl der Spieler gesorgt wurde.

Tabellenstand vor der letzten Runde: Aronian 5/8, neun Spieler 4.5/8 (darunter Radjabov und MVL). Beide Kandidat-Kandidaten brauchten in der letzten Runde einen Sieg – Radjabov wäre damit sicher im Kandidatenturnier, MVL nur wenn andere Ergebnisse auch passen. Zum Beispiel würde, wenn Aronian in der letzten Runde gewinnt, MVL ein Sieg nur dann reichen wenn sonst niemand gewinnt. Wenn er Platz zwei mit einem Spieler teilt, wäre er in der GP-Gesamtwertung punktgleich mit Grischuk hinter Mamedyarov – und der zweite Tiebreak Anzahl Schwarzpartien dann zugunsten von Grischuk, das stand bereits nach der Auslosung der letzten Runde fest.

Weiter brösele ich das nicht auf, da a) für die beiden Spieler irrelevant: sie mussten gewinnen, und bei MVL reicht es dann oder nicht, b) es kam dann ohnehin anders.

Runde 9: Acht von neun Partien endeten mehr oder weniger ausgekämpft Remis – damit weiss der Leser was er ohnehin schon wusste: Radjabov und MVL haben jedenfalls nicht beide gewonnen, das war bereits eine gute Nachricht für Mamedyarov. Radjabov hatte Weiss gegen Rapport, im Prinzip ein gutes Los da der junge Ungar oft unklare, manchmal auch für ihn schlechte Komplikationen anstrebt. Heute allerdings nicht – er spielte betont solide. In ausgeglichener, wenn auch nicht total ausgelutschter Stellung bot Radjabov nach 36 Zügen selbst Remis – was einige, z.B. Caruana auf Twitter, überraschte. Aber ich sehe da nicht, wie er auch nur irgendwelche Fortschritte machen konnte bzw. wie Rapport diese Stellung vergeigen konnte.

Im Prinzip war das, sowie Remisen in diversen anderen Partien, eine gute Nachricht für MVL. Zu seiner Partie gegen Jakovenko erst noch etwas “Vorschau hinterher”. Zuvor hatte er gegen diesen Russen noch nie gewonnen – viermal Remis (dreimal mit Weiss) und vier Niederlagen mit Schwarz. Letzteres irrelevant, da er diesmal Weiss hatte (Schwarzniederlagen zweimal in der vorigen GP-Serie mit/gegen Anti-Grünfeld, und zweimal 2006/2007 mit Sizilianisch). Mit Weiss konnte er zuletzt gegen den Berliner Spanier rein gar nichts erreichen – daher rechnete ich mit 1.Sf3, das macht der 1.e4-Spieler MVL zwar selten, aber er tat es bereits vor allem in Bundesliga-Partien. MVL (und/oder sein Team) entschied(en) sich dann für 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4. Das funktionierte zunächst durchaus: er stand gut, dann sehr gut.

Was dann geschah aus Sicht des Franzosen in späteren Interviews mit Anastasia Karlovich und auch chess.com – das mitunter eigene Interviews hatte mit naturgemäss teils denselben Fragen. Es ehrt MVL, dass er dazu bereit war – selbst wenn Ersteres eine vertragliche Verpflichtung war kann man dann einsilbig nichts sagen … . Aus dem offiziellen Interview: “Ich stand sehr gut – es war ein Wunder, dass es nicht forciert gewonnen war. Nach 28.h4 Tb7 wollte ich eigentlich 29.Lc5 spielen und halluzinierte dann, dass Schwarz nach [meinem] 29.Sd2 keinerlei Gegenspiel hat. Aber dann kann er (29.-Sc3) meinen a-Bauern angreifen, und ich habe keine Zeit für den geplanten Mattangriff [dafür braucht er den Springer, der zuvor auf f3 stand, auf e5].” Danach war es wohl remis, was ihm nichts nützte, und nach dem Patzer 37.Sd8? Tb8! stand Schwarz auf Gewinn. Eine Art Mattangriff versuchte er danach noch – aber Schwarz konnte zwischenzeitlich seinen a-Freibauern umwandeln, und Weiss hatte dann nicht einmal Dauerschach:

Vachier-Lagrave – Jakovenko 1-0 0-1.

Zwischendurch Fotos von einigen Spielern – drinnen und auch draussen:

Jakovenko wurde ebenfalls interviewt, seine Version zusammengefasst: “Ich habe das nicht absichtlich gemacht, aber es freut mich für meinen Freund Grischuk!”.

Der ist damit im nun kompletten Kandidatenturnier, zusammen mit Aronian und Ding Liren (Weltcup-Finalisten), Mamedyarov (wie Grischuk GP-Serie), Caruana und So (nach Elo), Karjakin (Vize-Weltmeister im letzten Zyklus) und Kramnik (wildcard). Kandidatenturnier-Vorschau kommt später – ein durchaus starkes Feld ohne, so sehe ich es, klaren Favoriten. Einige nennen Aronian, aber er hatte zuvor in Kandidatenturnieren nie gute Ergebnisse – selbst bezeichnete er seine Siegchancen im Kandidatenturnier als 30% [soviel Kandidatenturnier-Qualifikationschancen gab MVL sich vor dem letzten GP-Turnier] und das scheint mir eher optimistisch als bescheiden-pessimistisch.

Vor einem eigenwilligen Abschluss nenne ich nochmals den Worldchess Youtube-Kanal zum Turnier – das machen sie durchaus gut, sonst von mir kein Kommentar zu Agon. Besonders erwähnen will ich ein Interview aus Runde 8 mit Miguel Illescas – meines Wissens das einzige neueren Datums neben meinem eigenen Kurzinterview im Januar in Wijk aan Zee, Teil meines Abschlussberichts [Vielleicht gibt es noch was auf Spanisch oder Katalanisch, dazu habe ich nicht recherchiert]. Unter anderem hatte Karlovich dieselbe Frage wie ich – was macht er heutzutage? Darauf dieselbe Antwort: Schachtrainer (eigene Schachschule in Barcelona) und Schachjournalist (Chefredakteur einer spanischen Schachzeitung), “seit drei Jahren habe ich keine Turnierpartien mehr gespielt”. Im Januar waren es zwei Jahre, die Zeit vergeht. Dann natürlich (hatte ich in Wijk aan Zee nicht) Fragen zum Turnier und zum kommenden Kandidatenturnier – Illescas unter anderem “ich will nicht verbergen, dass ich mit Kramnik gut befreundet bin”. Dann aus aktuellem Anlass – Alexandr Fier hat gerade bei einem Open gegen Ehefrau Nino Maisuradze verloren (Maisuradze hatte Weiss, es begann mit 1.f4!? e5!?) – Fragen zu Schach unter Ehepartnern. Vor Jahren spielte Illescas in der letzten Runde einer spanischen Meisterschaft gegen Ehefrau Olga Alexandrova [nach Elo immer noch knapp Spaniens Nummer eins bei den Damen, dabei wie Illescas inaktiv] und verzichtete mit einem Remis auf den Meistertitel. Illescas lachend “ich war achtmal spanischer Meister aber habe nur einmal geheiratet!”.

Und nun noch etwas Musik. Im November 2014 war die – wie sich herausstellte – letzte Partie des zweiten WM-Matches Carlsen-Anand am Tag eines Musikfestivals auf Texel. Im damaligen WM-Abschlussbericht für den Schachbund hatte ich am Ende einen kleinen musikalischen Gruss an Vishy Anand. Nun war dieses Festival bereits letztes Wochenende. Bei einem Lied hatte sich die (mir persönlich bekannte) Sängerin einer lokalen Coverband verhaspelt, meinte dann “das machen wir nochmal!”, verhaspelte sich wieder und meinte lachend “sollen wir es noch einmal versuchen?”. Darauf verzichteten sie dann, jedenfalls an diesem Abend.

Für Vachier-Lagrave ist es der zweite WM-Zyklus, bei dem er sich fast für das Kandidatenturnier qualifizierte – schon 2013 stand er im Weltcup-Halbfinale gegen Kramnik. Damals meinte er nach seiner Niederlage philosophisch “wenn ich mich nicht für das Kandidatenturnier qualifiziere, bin ich eben noch nicht soweit”. Im nächsten WM-Zyklus spielte er keine Hauptrolle – Niederlage im Weltcup-Viertelfinale gegen Giri und nur Platz 15-16 (zusammen mit Kasimdzhanov) von sechzehn in der GP-Serie. Nun hatte er zwei Chancen, sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren – wieder Weltcup-Halbfinale und nach 26 von 27 Partien der GP-Serie noch im Rennen. So philosophisch wie 2013 nahm er es nicht, trug es aber dennoch mit Fassung und akzeptierte Karlovichs Aufforderung, es im nächsten WM-Zyklus wieder zu versuchen.

Das Lied wurde bereits 1979 veröffentlicht – damals war MVL minus elf Jahre alt und der schachliche Bezug ist natürlich konstruiert, eine Passage könnte dennoch passen:

Does it feel that your life’s become a catastrophe?
Oh, it has to be for you to grow, boy
When you look through the years [hier passt eher “games”] and see what you could have been
Oh, what you might have been,
If you’d had more time

Eine “Katastrophe” war es natürlich nicht, das Leben geht weiter … . Zeitnot spielte in seinen Partien eher keine Rolle, aber in drei Weisspartien (gegen Aronian, Tomashevsky und zuletzt Jakovenko) war der notwendige zweite Sieg eventuell drin. Andere Passagen passen eher nicht, vielleicht noch “You never see what you want to see Forever playing to the gallery“, eher nicht So you think you’re a Romeo oder ‘Cause you’re the joke of the neighborhood und auch nicht der Titel “Take the long way home”. Damit habe ich auch das traditionelle “Wie geht es weiter?” – Vachier-Lagrave nimmt wohl einen Direktflug nach Hause, so kann er noch ein paar Tage in Paris verbringen bevor es für ihn und andere in London weitergeht.

Print Friendly, PDF & Email