Weihnachten und fast auch Ostern in Tarvisio

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Der Abschlussbericht zur Junioren-WM ist verspätet (lag unter anderem am FIDE Grand Prix in Palma de Mallorca) und ungewöhnlich (mache ich gerne). Andere Quellen nennen vor allem drei Spieler: die Sieger Aryan Tari und Zhansaya Abdumalik sowie Rameshbabu Praggnanandhaa. Die erwähne ich auch, aber ausserdem auch andere – zum Schluss auch aus deutscher Sicht – und in den traditionellen Bildergalerien viele.

Weihnachten kann sich auf die verschneite Landschaft in den italienischen Alpen beziehen [während dem Turnier mehr Schnee als auf dem Titelbild], aber auch auf die vielen Geschenke, die Praggnanandhaa bekam – wenn er alle ausgepackt hätte, wäre er womöglich Welt- und damit auch Grossmeister. Ostern könnte sich auf die “Wiederauferstehung” von Jorden van Foreest beziehen: nach fünf Runden hatte er nur 2.5/5, nach zehn von elf Runden dann plötzlich doch wieder Medaillen-, eventuell gar Titelchancen.

Das kam dann bei den Jungens (bzw. im offenen Turnier, jedenfalls ein Mädel spielte mit) heraus: Tari 8.5/11(72), Petrosyan 8.5(67), Aravindh 8.5(66), Praggnanandhaa, Jorden van Foreest, Sorokin, Karthikeyan 8, usw. . Bei den ersten drei in Klammern der Buchholz-Tiebreak – so recht deutlich zugunsten von Aryan Tari, bei anderen Ergebnissen in der letzten Runde/anderen Spielern auf dem geteilten ersten Platz wäre es zumindest knapp geworden. Fünf der sieben genannten Spieler sind (bereits) Grossmeister – Praggnanandhaa ist (bis auf weiteres) IM, der Russe Sorokin ist “Edel-FM” (vor dem Turnier Elo 2483, danach 2511). Die Elo-Voraussetzung für den GM-Titel hat Aleksey Sorokin (*2000) damit erfüllt, ausserdem erzielte er – wie auch Praggnanandhaa, Sorokins Landsmann Lomasov und der Chinese Liu Yan – eine GM-Norm. Unter den ersten sieben drei Inder, unter den zehn mit 7.5/11 vier (weitere) Russen und drei Chinesen.

Mädchen

7.5/11 erzielten neben Lomasov und Liu Yan unter anderem auch Alekseenko und Xu Xiangyu (dieser Russe und dieser Chinese mischte lange ganz vorne mit, beide verloren in der letzten Runde) sowie, mit schlechtester Wertung, der an drei gesetzte Rasmus Svane. 7/11 unter anderem Oparin (an zwei gesetzt), Sunilduth (Nummer 4 der Setzliste) und Donchenko (Nummer 9) sowie der zweite van Foreest, Vorname Lucas. 6.5/11 überspringe ich, 6/11 aus österreichischer Sicht Valentin Dragnev (zwischendurch ganz vorne mit dabei und Kurs GM-Norm, dann 0.5/4 in den letzten Runden), aus deutscher Sicht Vincent Keymer – der damit seine Elo punktgenau und seinen Setzlistenplatz fast genau bestätigte.

Endstand bei den Mädels: IM Abdumalik 9.5/11, WGM Paramzina 8.5, FM Yu, WGM Tsolakidou, WGM Tokhirjonova 8, IM Osmak, WIM Shuvalova, WIM Injac, WFM Kanarova 7.5, usw. . Bei den Schachtiteln ein Durcheinander, bei den Nationalitäten “sowjetisch” dominiert: eine Kasachin, zwei Russinnen, eine Usbekin und eine aus der Ukraine – ausserdem (trotz chinesischem Nachnamen) USA, Griechenland, Serbien und die Tschechische Republik. Zhansaya Abdumalik dominierte insgesamt so, wie der Endstand suggeriert, nur einmal stolperte sie, und zwar gegen Anastasya Paramzina – zusammen mit Natalie Kanakova die grösste positive Überraschung. Negative Überraschungen gab es dann natürlich auch, u.a. Khademalsharieh (die ihren zweiten Platz in der Setzliste mit zehn multiplizierte und 20. wurde), Titelverteidigerin Assaubayeva (an drei gesetzt Platz 24), Mammadzova (an vier gesetzt 42.) und aus deutscher Sicht Josefine Heinemann (an 19 gesetzt 32. – das noch vergleichsweise erträglich, aber es kostete auch 25 Elopunkte). Mehr aus Zeitgründen nicht zu den Girls.

Nun wieder die Jungens – “Spieler für Spieler” wobei ich nur einige nenne, dann die entscheidende Schlussrunde separat. Fotos ab Turnierseite über Facebook von Romualdo Vittale und Ruggero Percivaldi (steht jeweils auf dem Foto).

Aryan Tari gewann insgesamt verdient, seine Siege gegen relativ starke Gegner im Schnelldurchlauf (auch die vor dem Ruhetag, da er bis dahin nicht ganz vorne dabei war und daher im Zwischenbericht nicht erwähnt wurde).

Runde 4 mit Schwarz gegen Lucas van Foreest: Nach 29 Zügen hatte Tari zwei Bauern weniger, Computer bevorzugen dennoch hier bereits leicht die schwarze Stellung: die weissen Bauern auf b2, b3 und b4 sind nicht unbedingt mehr wert als ein schwarzer Bauer auf b6, dagegen das schwarze Läuferpaar wohl stärker als das weisse Springerpaar. Kurz danach sah Lucas van Foreest (obwohl er jedenfalls in den Niederlanden noch keinen Alkohol trinken darf) was Bauern betrifft auch auf der e-Linie doppelt, Schwarz bekam den weissen h-Bauern und siegte später durch Mattangriff. Souveräner Schwarzsieg bis auf einen Moment: im 40. Zug konnte Weiss – je nachdem wie Schwarz sich entscheidet – Dauerschach forcieren oder ein ausgeglichenes Endspiel erreichen. So war es ein schwarzer Tag für die van Foreest Brüder: nicht nur weil beide Schwarz hatten, auch weil Jorden in dieser Runde gegen Praggnanandhaa verlor (das hatte ich bereits im Zwischenbericht).

Runde 5 mit Weiss gegen den Russen Sarana: Aus einem Najdorf-Sizilianer entstand eine Sveshnikov-Struktur. Wieder verpasste Tari dem Gegner einen Doppelbauern, diesmal auf der f-Linie (wobei hier, im Gegensatz zum Original-Sveshnikov, 13.-Dxf6 statt 13.-gxf6 wohl spielbar und womöglich besser war). Den Doppelbauern konnte Schwarz auflösen, dann waren Läufer nicht nur qua Feldfarbe sondern auch qua Aktivität ungleich, zugunsten von Weiss. Dann eine Abwicklung zu weisse Dame gegen zwei schwarze Türme – hier war die Dame zusammen mit Mehrbauern klar besser.

Zwei Tage später (dazwischen ja Ruhetag) spielte Tari erstmals an Brett 1 gegen den bis zu diesem Zeitpunkt führenden Kirill Alekseenko. Wieder hatte er Weiss, heute hatte er keine Lust auf Najdorf – also 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lb5+. Die Schlusstellung suggeriert, dass Tari total dominierte – dem war allerdings (zunächst) nicht so: Schwarz stand durchaus OK und nach dem gegnerischen taktischen Lapsus 28.Ta7? (mit König auf g1 und offener Diagonale falsch) “eigentlich” besser. Aber Alekseenko nutzte seine Chance(n) nicht: erst verpasste er 28.-Lh6! (29.Lxh6? Db6+), dann nach dem zweitbesten 28.-Sh5 29.Se3 auch 29.-f4! mit ähnlichen Motiven. Danach bekam Weiss Oberwasser – 33.Kf1! (überdeckt locker-lässig den Se2) zeigte, wie passiv Schwarz kurz danach stand, nach fünf weiteren Zügen war die Partie vorbei und hatte das aus norwegischer Sicht richtige Ergebnis. Tari behielt (bis zum Turnierende) das Spitzenbrett.

In Runde 7 ein Schwarzremis gegen Awonder Liang, in Runde 8 wieder Schwarz gegen Oparin. Dieser Russe entkorkte 1.e4 c6 2.d4 d5 3.e5 Lf5 4.g4!? (oder, tendenziell Urteil der Theorie, “?!”). Nach 4.-Lg6 ist 5.e6!? auch noch bekannt, allerdings nicht mehr auf hohem Niveau. Letzter Vorgänger war Indbryn-Hanssen anno 2003 (kannte Tari diese Partie? Es sind zwei Norweger mit Elo 2094 und 2059). Und dann dachte Tari bei 9.-g5!? “was er kann, das kann ich auch!”. Was Oparin sich bei 13.Le3 Sb6 14.Lf4 (nochmal dieselbe Figur) dachte weiss wohl nur er selbst, und ich habe ihn diesmal nicht gefragt. Schwarz bekam Oberwasser – da Weiss weiter wild auf Angriff spielte war die Partie schnell vorbei: 0-1 nach 26 Zügen. Schwarz konnte sich taktisch austoben, vor allem mit 21.-Dxg5! (nur ein Ausrufezeichen, zwar schön anzusehen aber simpel). Das war Oparins einzige Niederlage im Turnier, daneben zu viele Remisen um vorne mitmischen zu können – eines bereits in Runde eins gegen einen nominell gut 200 Punkte schlechteren Inder, der in einem Najdorf-Schlagabtausch trotzdem mithalten konnte.

Tari konnte dagegen ab hier remisieren: Runde 9 mit Weiss gegen Praggnanandhaa – zwischendurch kam ihm da die Kompensation für einen geopferten Bauern eventuell abhanden, aber der Inder verzichtete, wohl bereits in Zeitnot, auf das prinzipielle 29.-Dxd4. Runde 10 wieder mit Weiss gegen Xu Xiangyu in einer Partie ohne besondere Höhepunkte. Schlussrunde wie gesagt separat.

Zu den beiden anderen späteren Medaillengewinnern zunächst nur soviel: Petrosyan(Armenien) und Aravindh(Indien) hatten früh etwas Boden verloren, aber der Schlusspurt stimmte jeweils. Petrosyans vorletzter Sieg positionell im Endspiel gegen den Chinesen Bai Jinshi. Aravindh verlor bereits in Runde eins mit Weiss gegen den gut 200 Elopunkte schlechteren Serben Pavle Dimic – sein Königsangriff funktionierte gar nicht, der Gegner sammelte Mehrbauern und hätte, wenn Aravindh nicht rechtzeitig aufgibt, auch noch am Königsflügel das Kommando übernommen. Dann vier Siege, drei Remisen und (ausschliesslich Schlussrunde) nochmals zwei Siege. Letztere gegen Spieler, die zuvor ein gutes Turnier hatten – mit Weiss gegen Dragnev und Alekseenko.

Gegen Dragnev stand Aravindh über weite Partiestrecken eher schlechter als besser. Dann wurde es “unklar”, dann beging der Österreicher mit 33.-Kg7? schachlichen Selbstmord. Dragnevs Turnier insgesamt: Niederlage in Runde 1 gegen einen Sri Lankesen mit Elo 2154, aber dann wurde es (zunächst) viel besser. Ab Runde 4 nur Grossmeister mit Elo im Schnitt etwa 2550 – erst drei Siege nacheinander gegen Svane, Bai Jinshi und Donchenko (hatte ich im Zwischenbericht quasi “angedeutet”), dann noch zwei Remisen und drei Niederlagen. Sechs Elopunkte Zugewinn, er darf selbst entscheiden dank welchem genanntem Sieg. Zurück zu Aravindh: Knackpunkt der Partie gegen Alekseenko war der 27. schwarze Zug. Nach 27 Minuten (wohl eher Zufall als Absicht) verzichtete der Russe auf 27.-Sd3! was den weissen “spanischen” Lc2 neutralisiert und dynamischen Ausgleich behält (die dann folgenden Computervarianten sind dabei nicht trivial). Nach 27.-Scd7 bekam Weiss allerdings Oberwasser und innerhalb weniger Züge “+4”. Die Partie dauerte dann bis zum 79. Zug, da Aravindh – um es mal so zu formulieren – schnellere Gewinnwege verschmähte.

Praggnanandhaa ist ein Kapitel für sich. Die Siege vor dem Ruhetag gegen Jorden van Foreest und Sunilduth hatte ich bereits, jeweils verzichtete der Gegner auf eine Remisfortsetzung und verlor. Zur Partie gegen den an eins gesetzten Niederländer schreibt Dimitri Reinderman (zusammen mit Ivan Sokolov Coach der NL-Delegation) im Weblog des Königlich Niederländischen Schachbunds: “Jordens Bedenkzeit-Einteilung in dieser Partie war erstaunlich. Die ersten siebzehn Züge a tempo, dann gut 45 Minuten für den 18. Zug. Kam 18.Sf1 so überraschend? Nein, Jorden wusste dass 18.-Td5 der beste Zug ist, aber nicht warum. Er musste alles am Brett berechnen und spielte, da er das nicht schaffte, dann 18.-Df6. Das führte zu einer schlechten Stellung und, zusammen mit Zeitnot, einer Niederlage.”

Nach dem Ruhetag zunächst ein “korrektes” Remis gegen Xu Xiangyu, dann ein “inkorrektes” gegen Alekseenko. Zunächst stand er da schlecht, irgendwie überlebte er, stand plötzlich besser und akzeptierte danach in offensichtlich besserer Stellung eine Zugwiederholung – gewonnener oder verlorener halber Punkt? Warum er sich mit einer Zugwiederholung begnügte, müsste man ihn selbst fragen.

In Runde acht gewann er gegen einen anderen Jungstar – Awonder Liang, der freundlicherweise bereits in der Eröffnung einen Bauern einstellte. Die technische Phase danach nicht ganz souverän, aber gut genug. Und damit hatte er bereits eine GM-Norm über neun Runden – Spekulationen, ob er als Juniorenweltmeister direkt den GM-Titel bekommt, gingen weiter.

Die Partie am Spitzenbrett gegen Aryan Tari hatten wir bereits. Runde 10 gegen den Russen Sermen Lomasov bis zu einem gewissen Grad wie Runde 7 gegen den Russen Kirill Alekseenko. Wieder stand Praggnanandhaa zunächst schlecht, bis der Gegner bei 28.-Txa5? (28.-Sxa5 mit stabilem Vorteil) das relativ simple 29.Sxe4 übersah (29.-dxe4 30.Txc4 – wenn der Springer nicht von diesem Feld verschwindet, verschwindet er ganz vom Brett, der schwarze Bauer auf b5 ist ja gefesselt). Vorläufig hatte Lomasov Kompensation für den (auf e4) abhanden gekommenen Bauern, die entglitt ihm in beiderseitiger Zeitnot. Nach der Zeitnot unterschätzte er wohl Gefahren für seinen entblössten König, landete in einer Verluststellung aber Praggnanandhaa verschoss gleich zwei Elfmeter. 50.Tb7! war eventuell nicht soo schwer zu finden, stattdessen nach gut 3 Minuten das zögerliche 50.e3 und Lomasov lebte wieder.

Lomasov griff erneut daneben, wollte er diese Partie verlieren und damit zur Schachgeschichte beitragen? Praggnanandhaa fand 54.h3 – etwas Luft für den eigenen König muss sein – und gab dann, statt mit 55.Ta7 den Sack zu zu machen, Dauerschach. Nun war er erneut in Zeitnot (Bedenkzeit-Einteilung bei ihm generell suboptimal), aber sowohl 50.Tb7 als auch 55.Ta7 fällt – so sehe ich es – unter die Rubrik “entweder man sieht es, oder man sieht es nicht”. 57.Da8 oder 59.Da8 nebst 58./60.Ta7 ging immer noch, aber so wie der Inder spielte wurde es remis – das konnte auch Lomasov nicht verhindern (es ging schon, aber das wäre dann doch zuviel des krassen).

Jorden van Foreest bekommt Foto und ein paar Absätze, da ich ihm mehrfach persönlich begegnet bin und da er ein “interessantes” Turnier hatte. Die (wohl vermeidbare) Niederlage gegen Praggnanandhaa hatten wir bereits, tags darauf verlor er auch noch gegen den Chinesen FM Liu Yan – auch im Zwischenbericht erwähnt, aber zu diesem Zeitpunkt kannte ich die Partie (ausserhalb der Liveübertragung) noch nicht. Inzwischen sind aus Runde 1-10 alle Partien (jeweils Brett 1-74) hier zu finden.

Auch diese Niederlage war wohl vermeidbar. Nach Najdorf-sizilianischen Komplikationen erreichte Jorden mit Weiss ein Endspiel mit Turm und zwei verbundenen Freibauern am Damenflügel gegen Läufer und Springer (beiderseits noch drei Bauern am Königsflügel) – vorteilhaft bis gewonnen, oder? Am Ende verlor er … . Dazu wieder Reinderman: Zu Beginn des Tagesberichts “Wenn es regnet, dann schüttet es [auch Liam Vrolijk und Casper Schoppen hatten Gewinnstellungen, Vrolijk konnte seine immerhin remis halten].” Später “Jorden schien mit Weiss eine richtig gute Partie zu spielen. …. Schwarz musste sein Heil in einem Endspiel zwei Leichtfiguren gegen Jordens Turm und zwei verbundene Freibauern suchen. Jorden spielte dann allerdings ungenau, es entstand a4-b5-Tc6-Kd3 und f3 gegen Kd7-Le6-Sg2-f4-e3 (mit beiderseits noch einem h-Bauern) und während wir analysierten, wie er (trotzdem) gewinnen kann kam die Nachricht, dass er verloren hat. Weltmeister wird nun schwierig, neues Ziel ein Platz unter den besten zehn.” Die von Reinderman genannte Stellung war bereits (laut Engines) remis, dann kam

40.a5?? (40.Ke2/40.Tc3/40.Tc1=) 40.-Ld7 41.Tb6 Kc5 0-1 (da Weiss -Lb5+ nebst e3-e2-e1D nicht verhindern kann).

Auch ich gab Jorden nach dieser Niederlage kaum noch Titel- oder auch nur Medaillenchancen. Dann allerdings fünf Siege in Serie – mehr oder weniger souverän. Am schnellsten (25 Züge, 15 Minuten Bedenkzeit verbraucht) gewann er in Runde 9 gegen Sorokin, der voll in seiner (Najdorf-sizilianischen) Vorbereitung landete. Am turbulentesten der Sieg zwei Tage später (zwischen Runde 9 und 10 war nochmals Ruhetag) gegen den Vietnamesen Tran Tuan Minh – Entscheidung nach zuvor bereits allerlei Irrungen und Wirrungen im Turmendspiel durch einen groben gegnerischen Patzer: 51.Kxb4 war remis, 51.a5?? b3 usw. nicht – da nun entweder dieser schwarze Freibauer oder sein Kollege auf der g-Linie durchläuft.

Vor der Schlussrunde stand es so: Tari 8/10, Alekseenko, Praggnanandhaa, Xu Xiangyu, Jorden van Foreest, Aravindh, Petrosyan 7.5, usw. – Spieler mit 7.5/10 so nach Wertung sortiert: die ersten drei spielten durchgehend weit vorne, die drei anderen drehten in der zweiten Turnierhälfte auf. Paarungen vorne van Foreest – Tari, Xu Xiangyu – Aravindh, Alekseenko – Petrosyan und Svane – Praggnanandhaa (Rasmus Svane mit 7/10 hochgelost, angesichts schlechter Wertung auch bei eigenem Sieg und komplett “passenden” Ergebnissen an den anderen Brettern wohl ohne Medaillenchancen). Ein Niederländer und ein Deutscher konnten Schachgeschichte verhindern oder auch dazu beitragen – van Foreest betrifft einen weiteren WM-Titel für einen Norweger (wurde hinterher überall, nicht nur von Norwegern erwähnt), Svane betrifft einen eventuellen WM-Titel und damit auch GM-Titel für Praggnanandhaa.

Diese Partien kann ich schnell abhandeln, beides Remis. Am Spitzenbrett entstand eine italienische Struktur mit doppelt verdoppelten e-Bauern (8.Le3 Lxe3 9.fxe3, dann 12.-Le6 13.Lxe6 fxe6) – das verspricht Weiss (und auch Schwarz) eher wenig. Später entstand ein Springerendspiel mit leichtem weissem Vorteil – da einige das Bedürfnis haben, Norweger zu loben, wurde Tari für seine tolle Verteidigung gelobt [ich sehe nicht, wie er das verlieren konnte, was allerdings nichts heissen muss]. Für van Foreest wäre ein eventueller WM-Titel nach diesem Turnier (und dem sehr glücklichen Sieg in Runde 10) wohl auch zuviel des Guten – so wurde es Platz 5, auch seine Elozahl hat er doch noch verteidigt bzw. (+2) leicht verbessert.

Svane-Praggnanandhaa war vielleicht “optisch” gehaltvoller (bekanntes weisses Bauernopfer nach 1.Sf3 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 d5 4.d4 dxc4 5.e4 Lb4 6.Lxc4!? Sxe4 usw.) – aber nachdem Weiss den Bauern zurück erhielt war es remislich, zuvor wohl auch immer ausgeglichen. Praggnanandhaa damit kein Weltmeister (bei einem Sieg wäre es nach Wertung gegenüber Tari sehr knapp), Svane leicht im Elosoll und deutlich unterhalb von Platz 3 der ihm laut Setzliste “gehörte”.

Aber wer wird Weltmeister? Alekseenko hatte vor der Runde (wie Praggnanandhaa) die bessere Wertung als Tari – allerdings wäre bei Gleichstand zwischen nur diesen zwei Spielern das direkte Resultat (Taris Kontersieg mit Weiss) erster Tiebreaker. Xu Xiangyu hatte gegenüber Tari die leicht schlechtere Wertung. Wie sich das im Fall des Falles entwickelt hätte, ist Makulatur – beide Partien hatten aus Taris Sicht das richtige Ergebnis: jeweils gewann nicht Weiss sondern Schwarz.

Xu Xiangyu – Aravindh 0-1: Sturmsieg gegen den in der Mitte verbliebenen weissen König. Der Chinese damit am Ende Zehnter, und auch für eine GM-Norm reichte es nicht – schon deshalb nicht da er, warum auch immer, in elf Runden nur auf drei GMs traf (zwei in den letzten beiden Runden) und auch seine TPR war am Ende nur 2597. Die andere Chance war, den ersten Platz zu teilen – das ist auch eine GM-Norm, Gold sofort der Titel. Zu seinem Glück ist es egal, da er (offenbar nach Meldeschluss für dieses Turnier, in dem er noch als IM geführt wurde) bereits den GM-Titel bekam.

Alekseenko-Petrosyan 0-1 auf andere Art und Weise, aber ebenfalls glatt. Alekseenko damit am Ende Neunter – sieben Siege, drei Niederlagen (alle bereits erwähnt), nur ein Remis gegen Praggnanandhaa (da war mehr drin aber auch weniger).

Zwischendrin Bildergalerien, und dann noch kurz zu deutschen Teilnehmern.

Teils war ich mir bei den Spieler(innen) nicht 100% sicher, aber oft helfen Indizien – manchmal die Stellung auf dem Brett, manchmal auch die Kleidung: Wo Awonder Liang drauf steht, ist Awonder Liang drin. Wo Saint Louis Chess Club drauf steht, ist Jennifer Yu drin (das zweite US-Girl Emily Nguyen sieht zwar ähnlich aus, aber trägt Brille). Wo GRENKE drauf steht, ist Keymer drin. Wo CANADA drauf steht, ist Richard Cheng (einziger Kanadier im Turnier) drin. Wo Gustav drauf steht, ist Heinemann drin – Quatsch, auch wenn sie mit dem früheren Bundespräsidenten verwandt sein sollte, der ist (mal abgesehen davon, dass er tot ist) im Turnier nicht spielberechtigt. Das gilt auch für GM Komarov, der war vor Ort als Coach für … Sri Lanka. “Unbekannt” habe ich mit aufgenommen, da ich mich frage wie er wohl in 40+ Jahren bei einer Senioren-WM aussehen wird.

Auch hier Fotos teilweise als “Belohnung” für Spieler aus eher kleinen Schachländern mit weiter Anreise. In Runde 2 sassen Svane und Aravindh, Nummer 3 und 7 der Setzliste, nebeneinander an Brett 44 und 45 – beide hatten tags zuvor verloren. In derselben Runde spielte der Weissrusse Zarubitski gegen WFM Goyal Tarini aus Indien – auf jeden Fall ein Mädel zwischen Jungens.

Nun noch eher kurz zum Turnier der drei deutschen Teilnehmer: Bei Rasmus Svane wohl unfair, dass ich vor allem seine beiden Niederlagen bespreche – aber die verhinderten nun einmal ein besseres Turnier. Die Weissniederlage zu Beginn gegen Ravi Haria (Engländer wohl mit indischen Wurzeln ) war turbulent: Erst hatte er sicher Kompensation für zwei Minusbauern, dann bekam er dafür eine Qualität – immer noch etwa ausgeglichen. Das war nicht mehr der Fall, nachdem er in ein Endspiel mit zwei Türmen gegen Dame und zwei Mehrbauern abwickelte, die Dame war zusammen mit Bauern hier stärker.

Mit Schwarz gegen Valentin Dragnev ebenfalls asymmetrisches Material: deutscher Turm und zwei Bauern gegen zwei österreichische Leichtfiguren. Auch das war ausgeglichen, zeitweise besser für Schwarz – bis er zu aktiv wurde und seine Königssicherheit vernachlässigte. Zum Schluss war Matt für Svane unvermeidlich. Daneben immerhin sechs Siege, so war Svane in den letzten drei Runden wieder in der Liveübertragung und konnte “Schachgeschichte” verhindern.

Alexander Donchenko verlor nur eine Partie, gewann allerdings auch nur vier. Einige Momente: Schon im Zwischenbericht erwähnte ich, dass das Remis gegen FM Liu Yan (der insgesamt weit über seinen nominellen Möglichkeiten spielte) etwas glücklich war – der Chinese musste sich nicht mit einer Zugwiederholung begnügen. Dann das deutsch-deutsche Duell gegen Vincent Keymer. Keymer stand gegen Donchenkos Pirc lange gut bis besser. Womöglich in Zeitnot verkombinierte sich Keymer dann – das investierte oder abhanden gekommene Material bekam er zwar zurück und hatte einen Mehrbauern und einen aktiven König. Aber letzteres war partieentscheidend zugunsten von Donchenko – nach der Zeitkontrolle noch 41.Kg4 h5+ 42.Kg5 Le3#.

Donchenkos Niederlage gegen Dragnev bezeichnete Bernd Vökler im Bericht für den Schachbund als “sinnloses Gefudel”: ein sehr unkonventioneller Sizilianer (siehe u.a. 14.Kd1 Kf8) mit dem besseren Ende für Weisspieler Dragnev. In Runde 9 hatte Donchenko dann mit Fy Antenaina Rakotomoharo einen unbekannten oder vielleicht auch nicht so unbekannten Gegner – F.A.R. ist nicht nur Nummer 1 in Madagaskar, sondern auch Nummer 6 im Schachverband Odenwald (offenbar der nicht-hessische Teil) – er spielt für Bad Mergentheim in der Zweiten Bundesliga, daneben auch französische Mannschaftskämpfe und diverse Turniere in Europa. Zwecks Vorbereitung gibt es wohl Datenbank-Partien. Wie dem auch sei, Donchenko gewann nach “sinnvollem Gefudel”. Der abschliessende Schwarzsieg gegen den Norweger Johan Salomon ist nicht überliefert.

Vincent Keymer hatte ein Schweizer Fahrstuhlturnier, oft abwechselnd Siege gegen ihm nominell unterlegene Gegner und Niederlagen gegen Grossmeister. Niederlagen gegen GMs waren teilweise glatt, gegen Donchenko (bereits besprochen) allerdings nur am Ende, und gegen den in diesem Turnier (nicht nur im Vergleich zur Mannschafts-EM zuvor) formschwachen Türken Vahap Sanal war auch viel mehr drin, zeitweise gar der volle Punkt. Nominell unterlegene Gegner unter anderem der oben fotografierte David Silva aus Angola (er spielt sonst vor allem in Afrika) und der Italiener Gaetano Signorelli. Im zweiten Fall war Remis weniger als erwartet oder eingeplant, und eventuell mehr als er – nachdem er eine etwas bessere Stellung überzog – objektiv verdient hatte. Der Schachbund hat inzwischen Spekulationen bestätigt, dass Deizisau-Teamkollege Peter Leko Keymer in Tarvisio unterstützte – dafür war Keymers Remisquote (zwei von elf Partien) recht niedrig, aber das lag wohl auch am Auf und Ab im Schweizer System.

Um doch noch eine junge Dame zu besprechen: Josefine Heinemann machte es teils ähnlich wie Keymer – Niederlagen gegen stärkere Gegnerinnen (Ausnahme Remis gegen Olga Badelka) und Siege gegen schwächere. In der zweiten Kategorie allerdings mehr Ausnahmen – dreimal Remis gegen Elo 1930, 2123 und 2106 sowie eine Niederlage gegen Elo 2087, das sind vier Ausnahmen bei vier Elo-konformen Ergebnissen. Ihre Partien habe ich mir nicht auch noch angeschaut bzw. durchgeklickt.

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6 thoughts on “Weihnachten und fast auch Ostern in Tarvisio

  1. Mit Firefox geht es jetzt bei mir auch. Dürfte an Browsereinstellungen gelegen haben. Danke für die Rückmeldungen.

  2. Daneben ist nun oben im Artikel ein Link zu einem anderen Viewer eingebaut (auch zum Mädchenturnier), via diesen auch pgn download möglich (oder über chess-results bzw. The Week in Chess).

  3. Das Script wird in allen aktuellen Browsern angezeigt. Vielleicht sollten Sie mal überprüfen, ob Sie die jeweils neueste Version nutzen

  4. Danke für den ausführlichen Bericht. Möchte nur kurz darauf aufmerksam machen, daß es beim Partienteil ein technisches Problem gibt. Zeigt hier nur ein Skript etc. an. Keine Partienauswahl möglich.

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