Vorschau zum London Chess Classic

Demnächst wird dieses Auditorium im Londoner Olympia Conference Centre anders aussehen: auf den Stühlen zahlende Zuschauer (20£ pro Tag oder 80£ für das gesamte Turnier – es sei denn man wohnt in Grossbritannien und ist U25 und/oder weiblich, dann ist es gratis), auf der Bühne auch Stühle und Tische wobei diese zehn geladenen Herren – egal wie sie abschneiden – einen fünfstelligen Betrag verdienen werden (in $, schliesslich ist die Chess Tour organisatorisch amerikanisch dominiert). Näheres zum Finanziellen später. Ausserdem an den Wänden grosse Logos, und im Hintergrund wohl wieder Liveübertragung der Partien.

Neben Geld – ausser für dieses Turnier auch für die Chess Tour Gesamtwertung – geht es auch um Elopunkte, die allerdings die Qualifikation für das Kandidatenturnier nicht mehr beeinflussen. Das Ganze heisst London Chess Classic, seit 2009 alle Jahre wieder im Dezember, dabei seit 2015 eine fast identische Kopie anderer Superturniere – seither gibt es die Chess Tour. Man kann die Spieler unterschiedlich sortieren – nach URS (was immer das ist, so macht es die Turnierseite ), nach allgemein akzeptierter Elo oder nach derzeitigem Stand in der Tour-Gesamtwertung, so mache ich es nun: Carlsen, Vachier-Lagrave, Aronian, Karjakin, Nakamura, So, Anand, Nepomniachtchi, Caruana, Adams. Nach Tourpunkten hat Michael Adams bisher Null, da er nur in London mitspielen darf (etwas Abwechslung zum Sinquefield Cup mit statt ihm Svidler). Nach Chancen im laufenden WM-Zyklus teilt er diesen letzten Platz mit MVL, Nakamura, Anand und Nepomniachtchi.

Ja ich weiss, URS ist “Universal Rating System” – das hat sich mit amerikanischem Geld eine Gruppe amerikanischer Statistiker ausgedacht, da es den Amerikaner Nakamura bevorzugt. Da spielt Schnell- und Blitzschach eine Rolle, in der Chess Tour auch. Wie man sich für die Chess Tour 2018 qualifizieren kann, ist derzeit noch unbekannt – wie immer wird es wohl nach dem London Chess Classic verkündet, dann ist klar welche objektiven Regeln die Spieler bevorzugen, die sie subjektiv haben wollen.

Zunächst die nackten Fakten: Gespielt wird am Freitag 1.12. abweichend im Google HQ, und zwar um 14:00 Ortszeit (15:00 in Mitteleuropa). Da ist Eintritt übrigens für alle gratis, deswegen(!?) ist dieser Tag allerdings bereits ausgebucht. Diese Runde ist offenbar so anstrengend, dass die Spieler direkt danach einen Ruhetag brauchen und bekommen. Dann vom 3.-11.12. im Olympia-Konferenzzentrum mit zweitem Ruhetag am 7.12. . Die Spieler müssen sich nicht unbedingt merken (Ausnahme Schlussrunde), wann Rundenbeginn ist – eventuell sind sie eben zwei Stunden zu früh: an Wochentagen um 16:00 (dann können die Partien bis in den fortgeschrittenen Abend andauern), Samstag und Sonntag um 14:00, Montag 11.12. bereits um 12:00.

Paarungen sind bereits bekannt. Auch wenn Carlsen für mich nicht das Mass aller Dinge ist, nenne ich nun seine Partien gegen Spieler, denen er 2018 eventuell mehrfach in London begegnet – es gibt konkrete Gerüchte, dass der Sieger des Berliner Kandidatenturniers danach einen wochenlangen Termin in London hat: Runde eins Carlsen-Caruana, Runde zwei Karjakin-Carlsen, Runde fünf Carlsen-So und zum Schluss Runde neun Aronian-Carlsen. Noch ein Duell ist interessant: Runde sechs Vachier-Lagrave – Carlsen, da könnte eventuell eine Vorentscheidung über den Tour-Gesamtsieg fallen. Diese beiden haben da die besten Karten: Carlsen (34) vor allem aufgrund von Ergebnissen im Schnell- und Blitzschach in Paris und Leuven, Vachier-Lagrave (31) als Sieger des Sinquefield Cups – wobei beide auch in der jeweils anderen Disziplin gut abschnitten. London wieder mit klassischer Bedenkzeit, Carlsens Ergebnis bei einer Schnell- und Blitzschach-Show in Saint Louis gegen einen jetlag-geschädigten und im Matchverlauf einbrechenden Ding Liren damit, so sehe ich es, ziemlich irrelevant.

Aronian (derzeit 25 Tourpunkte) hat eventuell noch Chancen auf Platz zwei oder gar eins in der Tour-Gesamtwertung, wenn er in London sehr gut spielt und Carlsen oder MVL oder beide nicht so gut. In der Chess Tour hat Aronian bisher “Saint Louis Rapid & Blitz” gewonnen, war allerdings zuvor mit klassischer Bedenkzeit in Saint Louis und auch mit verkürzter Bedenkzeit in Leuven nicht so erfolgreich. Für Platz eins und zwei gibt es 100.000 bzw. 50.000$ extra, Platz drei bedeutete die letzten Jahre Qualifikation für die nächste Chess Tour – da könnten Karjakin (20.5) und/oder Nakamura (20) Aronian noch ein- und überholen. Für Nakamura wird sich die Chess Tour sonst etwas anderes einfallen lassen bzw. hat es bereits getan: das bereits erwähnte “Universal Chess Ratings” System. Um auf Nummer sicher zu gehen, hat Rex Sinquefield ja eine zweite Schnell- und Blitzschachshow in Saint Louis finanziell ermöglicht – die gute Tat das semi-inaktiven Topalov war, sein Match gegen Nakamura glatt zu verlieren, dafür wurde er mit 40.000$ fürstlich entlohnt.

Andere ohne Chancen in der Tour-Gesamtwertung sind wohl auch motiviert, schliesslich gibt es in London 75.000$ für Platz eins und für Platz sieben bis zehn nur 15.000$, dazwischen gestaffelt.

Kurz erwähne ich noch den “Pro-Biz Cup” am 30.11., Vorspeise zum Turnier: sechzehn Spieler mit aktiver, inaktiver oder offenbar keiner Elozahl über acht Teams verteilt. Darunter sechs Turnierteilnehmer (Adams, Aronian, Carlsen, Nakamura, Nepomniachtchi und Vachier-Lagrave), bekanntester Spieler ohne aktive Elo mit klassischer Bedenkzeit Garry Kasparov. Die (ehemaligen) Weltklassespieler werden wohl amüsiert bis schaudernd verfolgen, was ihre jeweiligen Partner (weitgehend Geschäftsleute/Sponsoren) auf dem Brett produzieren. MVL sollte sich da mit Kommentaren vielleicht zurückhalten, sein Partner ist Privatsponsor Gilles Betthauser.

Etwas ausführlicher noch zum ernsthaften Rahmenprogramm für alle die wollen: Es gibt ein relativ stark besetztes Open mit vorne nach Elo Motylev, Iturrizaga, Nabaty, Grandelius, Sargissian, McShane, Melkumyan, Sethuraman, Maze und Cornette – das sind die Spieler mit Elo 2600+. Deutschland ist durch Alexander Donchenko, Florian Handke und einige Nicht-GMs vertreten – die Teilnehmerliste (insgesamt derzeit 285) geht runter bis Elo 1263 und drei elolose. Daneben ein Blitzturnier, das von den Ausrichtern das Prädikat “super” bekommt obwohl (bisher) niemand Elo über 2700 hat – einige Namen hatte ich bereits, ausserdem u.a. Melkumyan, Gharamian, Daniel Fridman und Altmeister John Nunn (im Open lässt er sich von Ehefrau Petra vertreten). Und auch noch diverse Opens im Normal- und Schnellschach (nur) für schwächere Spieler (U2050 bis U1600).

Und dann ist da noch die britische KO-Meisterschaft – Konkurrenz zur offiziellen britischen Meisterschaft – mit Short, Sadler, Howell, Jones, McShane, Hawkins, Rowson und Merry. Wenn Matthew Sadler die erste Runde gegen Jonathan Rowson übersteht, bekommt er es im Halbfinale voraussichtlich mit David Howell zu tun. Das wäre dann dieses Jahr bereits sein zweiter bis dritter Gegner mit Elo über 2600 – zuvor zwei Siege gegen Ivan Sokolov (4NCL und Limburg Open) und sonst bei diesen Gelegenheiten (teilweise klar) eloschlechtere Gegner. Das (insgesamt 18 Partien) war seine gesamte bisherige Aktivität anno 2017 – bis auf vielleicht noch das eine oder andere Schnellturnier.

UPDATE: Inzwischen ist “WM in London” wohl offiziell – chess24 erwähnt es und gibt einige Twitter-Quellen, nicht die die ich selbst überprüft hatte.

 

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2 thoughts on “Vorschau zum London Chess Classic

  1. Meine spontane und persönliche Antwort: Schachlich ist das Glas halbleer – wobei Topalov nie ein guter Schnell- und Blitzschachspieler war. Finanziell ist es dagegen zur Hälfte bzw. zu 2/3 voll: beide bekamen 40.000$ Antrittsgeld, Nakamura dazu noch 20.000$ Siegprämie.

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