Russische Meisterschaften in St. Petersburg

Die Schachwelt schaut momentan nach London – Russland sicher auch, u.a. weil da auch zwei Russen mitspielen. Aber parallel schaut Russland wohl ab morgen auch nach St. Petersburg, auch da wird auf hohem Niveau Schach gespielt – “hoch” heisst zwar nicht top10, aber doch knapp darunter.

Dass nicht alle Teilnehmer Elo über 2700 haben, hat mehrere Gründe: Russland hat in dieser Kategorie momentan nur elf Spieler, aber die Landesmeisterschaft ist ein Turnier mit zwölf Teilnehmern. Ausserdem haben neben Karjakin und Nepomniachtchi (in London beschäftigt) offenbar auch Kramnik und Grischuk verzichtet. Ausserdem konnten sich “schwächere” Spieler (alle immerhin noch über 2600) über das Halbfinale qualifizieren. Parallel auch ein Turnier, bei dem die Nummer eins Elo 2510 hat und die Nummer zwölf Elo 2364. Auch dieses hat den Status Russische Meisterschaft – der Damen.

Bevor ich alle Teilnehmer nenne, zuerst der Austragungsort – das “State Museum of Political History of Russia”. Gibt es eigentlich auch unpolitische Geschichte? Ja durchaus, z.B. Literaturgeschichte. Wie dem auch sei, das Titelfoto stammt vom russischen Schachverband (der hat es von der Museums-Webseite) und “Schach in Museen” hat in Russland durchaus Tradition – auch dieses Jahr war es Voraussetzung, um sich als Ausrichter zu bewerben: St. Petersburg hat gegen Konkurrenz aus Bryansk und Yaroslavl gewonnen. Damit ist diese Schachmetropole (fünf der zwölf Teilnehmer stammen von dort, vier aus Moskau) zum zweiten Mal nach 1998 Austragungsort der Landesmeisterschaften. 1994-1997 und nochmals 2001 wurde sie in Elista ausgetragen (inzwischen offenbar aus der Mode gekommen), erstmals 1999 und dann 2004-2012 in Moskau. Danach durften Spieler andere Orte kennenlernen: Nizhny Novgorod, Kazan, Chita an der russisch-chinesischen Grenze und Nowosibirsk in Sibirien, nun also St. Petersburg. Svidler beschwerte sich zwar über den dortigen Winter, aber ganz so kalt wie anderswo ist es da nicht – Temperaturen um den Gefrierpunkt.

Teilnehmer bei den Herren sind Svidler, Matlakov, Vitiugov, Fedoseev, Romanov (alle St. Petersburg), Inarkiev, Malakhov, Dubov, Riazantsev (Moskau) sowie Tomashevsky, Sjugirov und Volkov (anderswo). Immerhin die Nummern drei (Svidler momentan vor Karjakin), fünf, acht, neun, zehn usw. (Romanov Nummer 30, aber er hat sich nun einmal qualifiziert) der russischen Rangliste.

Bei den Damen Gunina, Kashlinskaya, Kovalevskaya, Shuvalova (alle Moskau), Nechaeva (Region Moskau), Bodnaruk (St. Petersburg), Ovod (Region Leningrad – sie hat offenbar im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst), Gritsaeva (Republik Crimea – hat aufgepasst und weiss daher, dass sie nach russischer Definition Russin ist), Goryachkina, Girya, Pogonina und Galliamova (anderswo). Alle Orte laut russischem Schachverband – Gunina kommt ursprünglich aus Murmansk aber ist anscheinend umgezogen, da war es ihr vielleicht doch zu kalt. Girya ist dagegen hartgesotten und vertritt weiterhin KhMAO (Khanty-Mansiysk Administrative Oblast), Goryachkina den Yamalo-Nenets Autonomous District – auch tief in Sibirien, brrrrrr. Bei den Damen ein relativ noch stärkeres Feld – zwar fehlen Kosteniuk und Lagno, aber der Rest der russischen top10 ist komplett dabei.

Bei den Damen damit eine “neue” Meisterin, 2016 gewann Kosteniuk. Gut möglich, dass es eine alte Meisterin wird – die Siegerinnen 2009-2015 (zweimal Galliamova, Gunina, Pogonina, zweimal Gunina sowie Goryachkina) spielen alle mit. Davor gewann zweimal Kosintseva – einmal Tatiana, einmal Nadezhda, beide bekamen dann Krach mit dem russischen Schachverband, beide sind inzwischen inaktiv (Nadezhda spielte zuletzt noch in den USA).

Zurück zu den Herren: Titelverteidiger ist Riazantsev, da gehe ich allerdings davon aus dass er abgelöst wird (in der Grand Prix Serie, in der er wohl deshalb mitspielen durfte, hat er eher nicht überzeugt). Rekordmeister ist bekanntlich Peter Svidler – siebenmal (1994, 1995, 1997, 2003, 2008, 2011, 2013). Damit ist er auch der einzige, der seit dem Ende der Sowjetunion mal seinen Titel als russischer Meister verteidigen konnte – ist allerdings eine Weile her. Pause zwischen den Meistertiteln war ein, zwei, sechs, fünf, drei und zwei Jahre – da fehlt noch die Zahl vier, also sollte er nun wieder Meister werden? Elofavorit ist er auch (war in seinen Meisterjahren nicht immer der Fall), Heimspiel hat er ausserdem – wobei er 1998 Zweiter hinter Morozevich wurde.

Wer könnte etwas dagegen haben? Matlakov, Vitiugov, Fedoseev und Romanov haben auch Heimspiel – Meister Romanov wäre eine Überraschung, die anderen nicht unbedingt. Tomashevsky war 2015 russischer Meister, Volkov schaffte selbiges 2000, mehrfach schaffte es seit 1992 neben Svidler nur Morozevich (1998 und 2007). Nach Elo überraschend wäre, wenn der Titel – egal wer ihn bekommt – in Moskau bleiben sollte.

Ich erwähne noch, dass vom 3.-14.12. um 15:00 Ortszeit gespielt wird – Ruhetag am 8.12., letzte Runde zwei Stunden früher, in Mitteleuropa immer zwei Stunden früher. Bedenkzeit 90 Minuten für 40 Züge, 30 Minuten für den Rest, Remisverbot vor dem 40. Zug (kann man wie immer mit einer Zugwiederholung umgehen). Bei Gleichstand Stichkampf um den Titel – erst zweimal Schnellschach, dann eventuell Armageddon. Wenn mehr als zwei Teilnehmer Platz eins teilen: erst Schnellschach-Rundenturnier, dann Armageddon zwischen den beiden Besten. Der Sieger bei den Herren wird, wenn er es noch nicht ist, Rubel-Millionär (eine Million Rubel sind immerhin etwa 14.000 Euro) und bekommt ausserdem ein Auto der Marke Renault. Die Siegerin bekommt das halbe Preisgeld und dasselbe ganze Auto. Die jeweils ersten drei sind direkt für das Superfinale 2018 qualifiziert.

Liveübertragung wohl hier und da im Internet, Berichterstattung sicher jedenfalls auf Russisch, andere Sprachen abwarten (Deutsch für den Schachticker geplant).

Print Friendly, PDF & Email

3 thoughts on “Russische Meisterschaften in St. Petersburg

  1. Hallo lieber Thomas Richter, ich denke Frau Ovod weiß durchaus, wo sie wohnt. Die ehemalige Nord-Hauptstadt wurde zwar 1991 in Sankt-Peterburg umbenannt, aber der Oblast heißt nach wie vor Leningradskaya Oblast (wenn ich Glück habe erscheinen hier die kyrillischen Buchstaben: Ленинградская область . Aber man weiß es vorher nicht, denn der Schach-Ticker-Kommentar funktioniert leider wie eine später nicht mehr umtauschbare Wundertüte ohne Vorschau). Zur Erinnerung trage ich immer noch eine Metromarke aus dieser Zeit als Talisman in der Tasche. Zusammen mit einem ukrainischen Gold-Dukaten und einem Zwei-Penny-Stück der Königin von Gibraltar: http://www.csey.de/z-pic/talisman-beide-seiten-02.jpg . Diese Goldstücke entsprechen in etwa dem Wert der von mir im Schach bisher gewonnen Preisgelder. Manchmal stecke ich sie auch in den Schlitz am Einkaufswagen.

  2. Hallo Herr Bindrich! Was wollen Sie uns mit Ihrem Kommentar sagen? Können Sie uns das näher erläutern?

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.