Fedoseev führt bei der russischen Meisterschaft

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Perfekt ist er inzwischen nicht mehr – auch er hat einmal Remis gespielt, auch das gibt es in diesem Turnier und niemand (nicht einmal Gunina bei den Damen) ist dagegen komplett immun. Dubov konnte anfangs mithalten – beide begannen mit 3/3, aber in Runde vier und fünf erzielte der Moskauer jeweils einen halben Punkt weniger als der Sankt Petersburger (gemeint ist nicht Svidler, der ist momentan geteilter Dritter).

So steht es zum Ruhetag: Fedoseev 4.5/5, Dubov 3.5, Svidler und Vitiugov 3, Tomashevsky, Riazantsev, Inarkiev, Sjugirov 2.5, Matlakov und Malakhov 2, Volkov und Romanov 1. Ein Grund für die relativ niedrige Remisquote mag auch sein, dass die beiden Letzten Elo-Aussenseiter sind – zusammen mit Sjugirov und Riazantsev. Aber alle haben sich nun einmal qualifiziert, Riazantsev gar als Titelverteidiger.

Bei den Damen ist das Feld derzeit noch dichter beisammen, was allerdings nicht an vielen Remisen liegt (oder allenfalls in zwei von fünf bisher gespielten Runden): Girya und Gunina 3.5/5, Kashlinskaya 3, Pogonina, Nechaeva, Goryachkina, Bodnaruk 2.5, Kovalevskaya, Shuvalova, Ovod, Galliamova, Gritsayeva 2.

Alle Fotos vom russischen Schachverband, der auch (mit Spielerkommentaren) über das Turnier berichtet, und Google hat das für mich übersetzt. Fotografiert haben Eteri Kublashvili und Vladimir Barsky.

Schwerpunkt in diesem Bericht die Herren, dann auch noch etwas zum Durcheinander bei den Damen. Aber zuerst “Runde null” – Fotos vorab:

Alle Teilnehmer bei den Herren – ja es sind zwölf, kein Funktionär oder Sponsorvertreter mit auf dem Foto (oder nur ganz rechts eine Hand mit Mikrofon)

Auch die Damen sind zu zwölft – optisch bunter und auch vor farbigerem Hintergrund. Dass ein Museum Austragungsort ist, hatte ich bereits erwähnt – auch auf einigen anderen Fotos offensichtlich.

Musik gehört in Russland dazu – bei der Eröffnungsfeier klassisch, in den Partien vielleicht dann eher “Rock’n Roll”.

Nun Runde für Runde. In Runde 1 gewannen – das weiss der mitdenkende Leser bereits – Fedoseev und Dubov, sonst (bei den Herren) niemand. In diesem Bericht relativ viele Diagramme, zu Dubov-Volkov 1-0 das erste nach 13.Sd5!?

Was ist das denn? Kreativität wie von AlphaZero, obwohl dessen Partien zum damaligen Zeitpunkt (3.12.) nur Insider kannten?

So stand es nach 22.e6. Engines (die “etablierten”) empfehlen hier 22.-Lc8 und geben Weiss dann volle Kompensation für die Figur, nicht weniger aber auch eher nicht mehr. Aber das macht ein Mensch ungern, stattdessen liess Volkov sich auch nicht lumpen:

Auf Kosten seiner Dame hat er nun (Stellung nach 29.-b2) ebenfalls Freibauern. Hier gewinnt für Weiss nur 30.Tg1! (bzw. man kann auch erst 30.Le6+ spielen), sonst steht er gar schlecht. Dubov fand das, mir war zunächst nicht klar warum der Turm fast in die Ecke muss mit Tuchfühlung zum König – die Antwort im metallisch-grauen Analysediagramm:

Nach 30.-Tab8 31.Lxd7 c2 32.Lxc8 c1D hat Weiss nun Zeit für 33.Lf5 (wieder geht eventuell erst Le6+) was den anderen schwarzen Freibauern entschärft und eine Mehrfigur behält – es sei denn, Schwarz entscheidet sich für 33.-b1D 34.Lxb1 Txb1 35.Txc1 Txc1+ 36.Dg1. Dann hat er nur zwei Bauern weniger – bis auf weiteres, dann muss er a8D oder d8D erlauben.

Eteri Kublashvili befragte Dubov zu dieser Partie, dann muss ich das nicht selbst tun (wobei ich noch eine Frage habe, kommt eventuell im Abschlussbericht). “Volkov hat diese Variante (Chebanenko-Slawisch 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 a6 5.Dc2 b5 usw.) mehrfach gespielt. Anscheinend gefällt es ihm, aber objektiv ist es meiner Ansicht nach nicht gut. 13.Sd5 musste nicht sein – aber anscheinend habe ich mich noch nicht vom Eliseev-Memorial verabschiedet, bei dem es nur Schönheitspreise gab. Also spielte ich für die Galerie und opferte eine Figur. … Bei der Pressekonferenz erfuhren wir, dass 26.-a4 (Damenopfer für eigene Freibauern) objektiv schlecht ist. Aber in einer praktischen Partie ist es extrem unangenehm, ich war verwirrt. Etwas deja vu – ich hatte mal eine ähnliche Partie und konnte nicht gewinnen. Aber ich hatte Glück, dass mein ‘Elefant’ (russisch für Läufer) über g4 eingreifen konnte mit leichtem Sieg für Weiss. Ich musste nicht studienartig spielen.”

Auch bei Fedoseev-Riazantsev 1-0 hatten beide ein entspanntes Verhältnis zu Material:

Nach 21.-Kf8 kann Weiss seine momentane Mehrfigur nicht behalten – möglich war 22.Lh3 Kxe7 23.Lxc8 Txc8, aber dann hat Weiss mit seinem Figurenklumpen in der linken unteren Ecke keinerlei Aussicht auf Vorteil. Also 22.Txf7+ – vorläufig ein Bauer für die Qualität, wobei e4 auch fallen wird.

Hier entkorkte Schwarz dann das Damen-Rückopfer 29.-Txd4?! 30.Txc4 Td1+ 31.Lf1 Lxc4. Auch in dieser Partie die definitive Entscheidung etwa nach 30 Zügen.

e4 fiel sofort (32.Dxe4 b5 33.f4), und danach hat Weiss zu viele Bauern am Königsflügel – die offizielle Entscheidung nach 57 Zügen.

Runde 2: Dubov und Fedoseev gewannen schon wieder, heute mit Schwarz gegen nominell gleichwertige bis stärkere Gegner (Svidler und Tomashevsky). Zu diesen Partien eher kurz und knapp mein Eindruck: Schwarz gewann, weil Weiss unbedingt gewinnen wollte. Dubov hatte Svidler offenbar bereits im ersten Zug überrascht: 1.c4 g6!? – Dubov: “nach 2.e4 entstehen scharfe Varianten, ich hatte das vorbereitet – er vielleicht nicht. Offenbar überlegte Svidler 15 Minuten, ob er sich daran erinnern würde oder nicht (und spielte dann 2.Sc3)”. Laut Liveübertragung waren es nur knapp 10 Minuten, aber auch das ist so früh in der Partie eine Menge.

Svidler hatte das ja mal analysiert, in seiner Grünfeld-Videoserie auch anti-Grünfeld Kapitel, aber das war vor einigen Jahren. Zur Partiefortsetzung sagt/schreibt er: “2.Sc3 c5 ist sehr angenehm (“very nice”) für Schwarz – Weiss hat seine Komfortzone bereits verlassen da er nicht mehr typische Stellungen der englischen Eröffnung erreichen kann. 3.g3 ist natürlich möglich, aber bereits ein kleiner Sieg für Schwarz, der davor keine Angst haben muss.”

Zu dieser Runde nur ein Diagramm:

Das Ende der Remispartie Inarkiev-Volkov – Schwarz hat Dauerschach, nicht mehr und nicht weniger.

Und nun eine Bildergalerie – wie oft beim russischen Schachverband auch Impressionen vom Austragungsort:

Einige Bilder aus dem winterlichen St. Petersburg, abschliessend dann das Museum von draussen und drinnen.

Runde 3: Fedoseev und Dubov gewannen wieder, diesmal wieder mit Weiss. Fedoseev stand wohl bereits besser (Mehrbauer) bevor sein Gegner Sjugirov den Faden verlor – Entscheidung vor der Zeitkontrolle, offiziell direkt danach im 41. Zug. Dubov bekam gegen Romanov erst im Turmendspiel einen Mehrbauern und konnte diesen verwerten – 1-0 nach 83 Zügen.

Im Mittelpunkt dieses Rundenberichts nun Rekordmeister Svidler, der sich von seiner Niederlage tags zuvor gegen Dubov erholte. Svidler spielte Grünfeld – das sicher keine Überraschung für Gegner Volkov. Überraschend dann allerdings (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.Sf3 Lg7 5.Db3 dxc4 6.Dxc4) 6.-Le6!? – generell selten, bei Svidler neu [im Video bespricht er ausgiebig 6.-0-0 7.e4 a6]. Zur Eröffnungsphase später Svidler selbst, diagrammatisch steige ich ein nach 23.-e6!? :

Das geht! Und auch das wohl überraschend für den Gegner. Nach 24.gxf5 exd5 entschied er sich dafür, seine Mehrfigur mit 25.La6? zu behalten (Engines empfehlen 25.Da4 dxc4 26.Sxc4 und haben auch dann lieber Schwarz) und hatte wenig Freude daran:

Stellung nach 27.-Tee2 – der weisse Mehrläufer steht auf a6 dumm herum, die Dame steht auf a4 auch nicht gut.

Schlusstellung nach 32.-Th2+. Weiss konnte zwar seine Dame zentralisieren (28.Dc6, 29.Da8+, 30.Dxd5) – Matt wird es trotzdem. Zeitüberschreitung war es offenbar auch, aber das musste aus Svidlers Sicht nicht sein. Svidler bedankte sich bei seinem Gegner dafür, dass er “prinzipiell” spielte. Im 10. Zug war die Alternative Vereinfachungen zu einem für Weiss leicht besseren Endspiel, “das muss ich dann dreissig Züge lang verteidigen”. Und auch nach 20.-Tb7 hatte er sich bereits mit Vereinfachungen und wohl remis abgefunden, dann spielte Volkov das “sehr ehrgeizige” 21.Lxe5 Lxe5 22.f4 Ld6 23.g4.

Svidler zu seinem 23.-e6: “Wenn ich sehr hübsche geometrische Ideen sehe, kann ich nicht widerstehen. Ich machte mir nicht einmal Sorgen, wie das objektiv einzuschätzen ist. Sergei überlegte, und je länger er überlegte, desto schwieriger war es für mich um für Weiss ‘eine Art Ausgleich’ (“some equality”) zu finden.” Das war natürlich nicht Svidlers Problem.

In Runde 4 für Dubov das erste und bisher einzige Remis – Gegner Riazantsev wählte gegen Grünfeld das nicht allzu prinzipielle 4.cxd5 Sxd5 4.e4 Sxc3 5.bxc3 Lg7 6.Sf3 c5 8.h3. Danach kann Schwarz die Stellung nicht komplizieren, Weiss auch nicht – stattdessen wurden nach und nach Figuren abgetauscht. Nach 29 Zügen beschlossen sie, dass Turm und drei Bauern gegen Turm und drei Bauern jeweils am Königsflügel remis ist.

Fedoseev gewann nochmals, diesmal musste es aus gegnerischer Sicht nicht sein.

Matlakov-Fedoseev 0-1 begann wie Dubov-Volkov aus Runde 1, im siebten Zug wich Fedoseev ab und stand dennoch zunächst ebenfalls schlecht. Nach 19 Zügen stand es so:

Weiss hat den zuvor geopferten Bauern zurück und kontrolliert die c-Linie. Ob da viel zu holen ist, sei dahingestellt, aber von 20.Sc5 Sxc5 21.dxc5 mit c-Freibauer hatte Matlakov sich wohl mehr erhofft als er bekam.

Dann (26.-Td3) bekam er Besuch von einem schwarzen Turm auf der d-Linie – wenn er ihn eingeladen hatte dann wohl nicht bewusst oder absichtlich.

Idee von 26.-Td3 war natürlich das dann gespielte 27.-Txb3, und ab diesem Diagramm nun 31.-Txe3 – die schwarzen Freibauern nun partieentscheidend, der weisse kam bis c7 aber nicht weiter.

Auch in dieser Runde noch Svidler im Mittelpunkt, sein Schwarzremis gegen Inarkiev war turbulent und eher glücklich. Zunächst dieselben Diagramme und derselbe Kommentar wie vom russischen Schachverband:

“Diese Stellung gibt es, milde ausgedrückt, nicht oft in Topturnieren”. Sie entstand nach 15 Zügen aus einem spanischen Vierspringerspiel (zuletzt 12.Dd5 Lxf2+ 13.Kf1 Lb7 14.Dxb7 c6 15.Sed4). Nun war aus schwarzer Sicht offenbar 15.-Lxd4 16.Sxd4 Sc5 17.Sxc6 Sxb7 18.Sxd8 Kxd8 am besten mit ausgeglichenem Endspiel – sagte Svidler hinterher, Engines sind einverstanden (und wurden vielleicht auch von Svidler befragt). Svidler entschied sich für 15.-0-0 – “Zum zweiten Mal spielte ich mit Minusfigur gegen eine eingesperrte [oder ausgesperrte] Dame. In Runde 3 war es korrekter, hier habe ich einiges übersehen (im russischen Schachjargon offenbar “gegähnt”).”

Stellung nach 23.-g4 – dieses Diagramm haben die Kollegen vom russischen Schachverband kommentarlos, ich ergänze: die weisse Dame etwas weniger isoliert und mit Rückkehr-Perspektiven. Schwarz hat durchaus Gegenspiel, aber objektiv nicht genug.

Nun (Stellung nach 33.-Db3-e6) hat Schwarz immerhin einen f-Freibauern, geht da noch was?

Nach 44.-Td2! Nun ist es wahrscheinlich remis, wobei Weiss (der zuvor wohl den Sieg verpasst hatte) noch 45.Db5+ versuchen konnte, allerdings weder 45.Dxd2? De4+ 46.Ka1 (46.Tc2 f1D+ usw.) 46.-Da4+ 47.Kb1 Da2# noch 45.Df3? Td5! (nur so, nun droht -Tf5 und auch -Dg6+ nebst -Ta5#). Gut genug für Remis war das gespielte 45.Dh7 Tc2 46.Dh8+ Kf7 47.Dh7+ Ke8 48.Dh8+ Kf7 49.Dh7+.

Zwischendurch noch Turniersaal-Impressionen aus einigen Runden:

Runde 5: Fedoseev gewann nicht, Dubov auch nicht. Fedoseev spielte gegen Inarkiev eher unspektakulär remis. Dubov wollte Tomashevsky wohl in der Eröffnung überraschen, das schaffte er mit 1.e4 e5 2.Sc3 Sf6 3.f4 durchaus – der Gegner investierte früh Bedenkzeit. Dann überraschte Tomashevsky allerdings Dubov mit 8.-Db6, nach eigener Aussage unbeabsichtigt. Dubov dazu: “8.-Db6 steht ‘wahrscheinlich’ auch in meinen files, aber am Brett hatte ich das nicht parat”. Schwarz stand kurz danach besser – spätestens ab 20.-Dxa5 mit gesundem schwarzem Mehrbauer. Dubov hoffte noch auf eine eventuelle Zeitnotphase und gab sich direkt nach der Zeitkontrolle geschlagen.

Siege auch für Svidler gegen Romanov und Riazantsev gegen Volkov, zur ersten Partie nur die Schlusstellung:

Nach 46.Tc7 gab Romanov auf – in der Vorausberechnung hatte er vielleicht nicht gesehen, dass Weiss 46.-g3 mit 47.Tc8+ Kg7 48.Tg8+ entschärfen kann.

Mehr Diagramme zu Volkov-Riazantsev, das erste nach 12.c6:

Auch das ein Grünfeld – wieder spielte Volkov die russische Variante (mit Db3), wieder wurde er überrascht: 10.-Lb7 oder 10.-Le6 ist üblich, 10.-Sbd7 recht selten. Noch drei Partien mit danach 11.Le3 Sg4 12.c6 und nun zuvor immer 12.-Sde5. Relativ schnell entkorkte Riazantsev stattdessen 12.-Sxe3 13.cxd7 Sxg2+ 14.Kf1 Dxd7 15.Kxg2 (dafür brauchte Volkov, obwohl erzwungen, 36 Minuten) 15.-Dh3+ 16.Kg1 Le6

Das kostet eine Figur, aber die Kompensation ist offensichtlich – reicht es für mehr als Dauerschach? Weiss griff dann fehl, Schwarz auch und dann das:

Nach 21.-Tc2 – wieder ein Desperado-Turm: Weiss darf nicht sofort nehmen (22.Dxc2?? Ld4+ und 23.-Df2#), allerdings ging 22.Dd3! Lxd5 23.Dxc2! (jetzt, da der schwarze Läufer nicht mehr h3 kontrolliert) – dann hat Schwarz Dauerschach, nicht mehr und nicht weniger.

Stattdessen kam 22.De1?? Ld4+ 23.Kg2 Dg4+ (hatte Weiss übersehen, dass das geht?) 24.Kf1 Dh3+

Oder hatte Weiss das übersehen? Diesmal keine Zeitüberschreitung, aber Volkov gönnte Riazantsev nicht 25.Sxh3 Lxh3# sondern gab stattdessen auf.

Grünfeld ist eine tolle Eröffnung, Schwarz gewinnt in 24 bis 25 Zügen! Allerdings – ich spreche auch aus eigener Erfahrung – nicht immer.

Als Überleitung zum Damenturnier Fotos von Herren und Damen:

Dubov in typischer Pose, Gunina lächelt dagegen diesmal nicht und Svidler redet nicht (macht er nur nach oder vielleicht auch vor der Runde sowie in anderen Rollen).

Im Damenturnier insgesamt Chaos – elf von zwölf Spielerinnen haben bereits mindestens einmal gewonnen UND mindestens einmal verloren. Einzige Ausnahme Evgenija Ovod, die sich mit vier Remisen für London Classic beworben hat – einmal spielte sie allerdings gegen Gunina, die generell selten remisiert.

Ich zeige nur Momente/Fragmente aus Partien der beiden momentan führenden. Nach Runde eins war Gunina keine Kandidatin für den Turniersieg, da sie gegen Kashlinskaya mit Weiss den Bogen überspannte:

Bis hierher alles im grünen und dabei bunten Bereich. Beide haben in einem Franzosen unkonventionell aufgeräumt, nun sagen Engines – die jederzeit mit Remis einverstanden sind, wenn eben nicht mehr drin ist: Zeit für ein Dauerschach mit 16.Dg8+ Ke7 17.Lxd7 Lxd7 (nach 17.-Kxd7? hat Weiss 18.Dxf7+ und wohl mehr als Dauerschach) 18.Dxa8 Dg7+ 19.Kf1 Da1+ 20.Ke2 Lb5+ 21.Kd2 Dd4+ 22.Kc1 Da1+.

Gunina entschied sich für 16.c4?! und wollte kurz danach vielleicht doch Dauerschach geben – auch sie weiss “eigentlich”, dass Remis besser ist als verlieren. Aber Kashlinskaya war nicht einverstanden und spazierte mit ihrem König über das halbe Brett:

Auf dem Weg zu dieser Stellung kam Gunina eine Figur abhanden. Kashlinskaya hat zwar Radek Wojtaszek geheiratet, aber hier war sie vielleicht von David Navara inspiriert bzw. dessen Partie gegen, ja genau, Wojtaszek.

Das war dann die Schlusstellung. Der schwarze König steht nun auf b6 bequem, der weisse fühlt sich auf g1 sehr unwohl. Gunina konnte noch die Racheschachs 34.Db4+ Kc7 35.De7+ Kc8 geben (eventuell noch 36.Df8+ Txf8), stattdessen gab sie auf.

Wie gesagt, Ovod spielte gegen Gunina nicht remis – eventuell war mehr drin, es wurde weniger:

Gunina spielte gerade 22.Te2-e6, was ist das denn – Genie oder Wahnsinn oder beides? Ovod spielte korrekt 22.-Txf2, fand danach allerdings nicht die besten Züge und Gunina bekam Oberwasser – später fand sie mehrere in diesem Sinne einzige Züge, und das war die Schlusstellung:

Weiss spielte brilliant, oder? Nun ja nicht unbedingt bzw. durchgehend – aber sie nutzte die Chance die sie bekam.

In Runde vier spielte Gunina gegen Shuvalova doch remis. Zu ihrer Ehrenrettung sei gesagt: 1) diese Partie dauerte 86 Züge, 2) zwischenzeitlich stand sie total verloren, wobei ein Sieg aus Verluststellung heraus nun wirklich nicht denkbar war. Ausserdem noch zwei Siege gegen Kovalevskaya und Goryachkina.

Girya gewann bevorzugt in langen Partien, der Sieg zu Anfang gegen Shuvalova dabei “durchwachsen”. Gegen Goryachkina verlor sie relativ kurz und schmerzhaft. Ihr Sieg gegen Bodnaruk in diesem Turnier für sie untypisch, dabei diagrammwürdig:

5.h4!? ist nach 1.d4 Sf6 2.Lf4 g6 3.Sc3 d5 4.e3 Lg7 tatsächlich der Datenbank-Hauptzug – meistens rochiert Schwarz dann noch nicht sondern spielt 5.-h5, 5.-c6 oder 5.-c5. Bodnaruk spielte 5.-0-0 6.h5 (natürlich!) 6.-Sxh5?! 7.Txh5 (natürlich!) und erlitt damit Schiffbruch:

So stand es nach 24.-a5 – Schwarz hatte die Qualität retourniert auf der Suche nach Dauerschach oder vielleicht mehr, aber dummerweise (aus ihrer Sicht) ist nun Weiss dran: 25.Lh7+ (diverse andere Züge die -Db4# nicht erlauben gewinnen auch) 25.-Kf7 26.Dg6+ 1-0. Bodnaruk hatte zuvor dreimal remisiert und gewann tags darauf gegen Pogonina.

Wie geht es weiter? Bei den Damen in Runde sechs unter anderem das Spitzenduell Girya-Gunina. Wenn das wider Erwarten remis wird, kann Kashlinskaya zur Spitze aufschliessen – dafür müsste dann Ovod nochmals verlieren (gegen Kashlinskaya). Weiter voraus blicke ich mal nicht – bisher ging es drunter und drüber, wenn das so bleibt sind Prognosen schwierig!

Bei den Herren blicke ich etwas weiter voraus: Fedoseev hat sich momentan abgesetzt. Einerseits ist er einer der Aufsteiger ann0 2017 – aktuelle Live-Elo 2736, damit derzeit Platz 24 in der Weltrangliste knapp vor Nepomniachtchi (kann sich nach der derzeit laufenden London-Runde ändern). Andererseits ist er jederzeit auch fähig und in der Lage, eine Partie zu verlieren. In diesem Turnier sollte es nicht ausgerechnet gegen seine nächsten Verfolger passieren – Runde 7 Schwarz gegen Vitiugov, Runde 8 Weiss gegen Dubov, Runde 10 Weiss gegen Svidler.

Noch kurz zu Dubov: Im Vorbericht schrieb ich “Nach Elo überraschend wäre, wenn der Titel – egal wer ihn bekommt – in Moskau bleiben sollte.” Vor dem Turnier hatte er (für russische Verhältnisse!) relativ bescheidene 2677, zwei Siege am letzten Bundesliga-Wochenende dabei nicht berücksichtigt. Im Laufe des Turniers war er nahe dran an 2700, die Niederlage gegen Tomashevsky kostete dann wieder knapp fünf Punkte, damit aktuell 2692.7 – weiterhin unklar, wer der nächste Russe mit Elo 2700+ wird, Dubov oder der für die Meisterschaft nicht qualifizierte Artemiev.

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