Carlsen (Chess Tour), Caruana (London Classic), irgendwie ….

In der zweiten Hälfte des London Classic insgesamt mehr Aufregungen, teilweise auch in Remispartien, und mehr Entscheidungen. Letzteres lag auch daran, dass mehr gepatzt wurde – das gefällt der Chess Tour, deshalb wird in London 2018 voraussichtlich noch mehr gepatzt. Nur einer remisierte konsequent, am Ende alle neun Partien: Hikaru Nakamura. Er bekommt allerdings nicht das Titelbild, sondern Caruana – der und Nepomniachtchi remisierten an neun Spieltagen ebenfalls neunmal, allerdings über mehr als neun Partien.

Fotos vor allem von Lennart Ootes, gelegentlich (dann angegeben) von anderen. Lange “gehörte” das Titelbild Nepomniachtchi, dann kam es anders. Um eingangs noch drei Spieler zu erwähnen, die nur im Alphabet vorne landeten: Adams verlor ebenso brav wie unnötig gegen zwei Chess Tour Lieblinge – Carlsen weil er Carlsen ist, Caruana weil er Amerikaner ist oder wieder wurde. Zur Belohnung darf er nächstes Jahr in London nicht mehr mitspielen, das Leben ist ungerecht. Anand landete in der Abschlusstabelle, wie im Alphabet, neben Adams. Den Inder kostete es mehr Elopunkte als den Engländer, damit ist Anand derzeit nicht mehr in der top10 – erstmals seit Ewigkeiten, abgesehen von einigen Monaten Anfang bis Mitte 2016.

Aronian hat dieses Jahr zum dritten Mal Vachier-Lagraves Träume oder Hoffnungen zerstört, ob ihre Freundschaft das aushält? Das erste Mal (Weltcup) profitierte Aronian selbst, das zweite Mal (FIDE Grand Prix Serie) Grischuk, und nun Carlsen – der dadurch “irgendwie” die Chess Tour gewann, darauf ein Ave Carlsen Halleluja!

Nun erst der Endstand: Caruana 6/9+2.5/4, Nepomniachtchi 6/9+1.5/4, Carlsen, Vachier-Lagrave, So 5/9, Nakamura 4.5 (=9), Aronian 4, Karjakin 3.5, Anand und Adams 3. Es gab also einen Stichkampf um den Turniersieg, über vier Partien.

In den Rundenberichten wieder teilweise Saunders-Zitate von der Turnierseite. Nun musste er nicht mehr Remisserien rechtfertigen (die vielleicht Ursache für das neue London-Format 2018 waren, dazu komme ich später), aber konnte immer noch seine bzw. Chess Tour Vorlieben und Abneigungen zu einigen Spielern einfliessen lassen.

In Runde 6 wieder nur eine Partie mit Sieger und Verlierer, eher nicht die bei der es im Partieverlauf möglich erschien – und die hätte dann ein ungewöhnliches Ergebnis gehabt. Aber der Reihe nach: MVL-Caruana 1/2 nicht fett gedruckt, da nicht unbedingt der Rede wert – Caruana bettelte mit Russisch um ein Remis und bekam sein Remis. In seiner Turniersituation nachvollziehbar, aber Lob dafür erscheint mir übertrieben. Das Ganze hatte er bis zum 23. Zug vorbereitet – wenig später vermied MVL erst eine Zugwiederholung um dann doch die Züge zu wiederholen. So wurden es statt der üblichen 31 Züge immerhin 36. Zwei Fotos bekommen sie:

Direkt nach der Partie

Etwas später

Anand-Karjakin 1/2 hatte einen Moment, der als Höhepunkt verkauft wurde: Noch ist es nicht soweit – auf dem Foto spielt Schwarz 9.-Dg6, das ist üblich. Später wurde die Dame mit h2-h4-h5 erneut gekitzelt, auch das bekannt, und nun Karjakins Neuerung 12.-Da6 (bisher 12.-Dd6) – diese Variante will er offenbar nicht im Kandidatenturnier spielen? Im 15. Zug doch -Dd6 (zuvor 14.-La3), und ab dem 17. Zug eine jedenfalls nicht offensichtliche Zugwiederholung – Remis nach 20 Zügen.

So-Aronian 1/2 (38 Züge) war turbulenter – lag nicht am so-liden Weisspieler, sondern am unternehmungslustigen Schwarzspieler. Wechselnde Materialverhältnisse – am Ende hatte Weiss Turm, Läufer, Springer, vier Bauern und Dauerschach, Schwarz hatte Dame und sechs Bauern (darunter zwei vorgerückte Freibauern).

Nakamura-Carlsen 0-1 1-0 1/2 – das erste durchgestrichene Ergebnis ist das zwischen den beiden Protagonisten übliche, das zweite das vom Partieverlauf her mögliche, remis wurde es dann.

Spectrum Studios erwischte Nakamura fotografisch bei (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.d4 exd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sxc6 bxc6 6.e5 De7 7.De2 Sd5) 8.h4!? – was ist das denn? Gespielt wurde es erstmals vom kreativen Niederländer John van der Wiel, die letzten Jahre auf hohem Eloniveau von Nepo(mniachtchi) und Moro(zevich).

Carlsens 8.-Lb7 ist hier selten, üblicher 8.-f6 oder 8.-d6 um Weiss sofort zu befragen, auch 8.-a5 hat Fans auf Niveau 2698(Ragger) bis 2771(Giri). Carlsen sagte zwar hinterher “in meiner Turniersituation wollte ich gewinnen, also freute ich mich über Komplikationen” – aber in Komplikationen (es sei denn sie sind für ihn klar besser) ist der Norweger verwundbar. So kam es dann auch – er bereute vielleicht, dass er das bunte Treiben nicht früh mit Dauerschach beendete. Nakamura bekam eine Mehrfigur für anfangs drei Bauern, daraus wurde Turm, Springer und Bauer gegen Turm und zwei Bauern – Weiss gewinnt!? Objektiv war es wohl der Fall, dabei nicht trivial. Und dann vergeigte Nakamura es zum Remis – Carlsen kann sich nach wie vor auf Nakamura verlassen, Pech für ihn: es war schwierig bis unmöglich für Nakamura, diese Gewinnstellung zu verlieren. Gespielt wurden 73 Züge.

Adams-Nepomniachtchi 0-1 war vom Partieverlauf her überraschend. Adams stand eher besser als schlechter, dann das Versehen 36.c4? nebst Bauernverlust. Daraus entstand Turm und drei Bauern gegen Turm und vier Bauern am Königsflügel – im Prinzip remis, aber Weiss (der nun sein strukturschwächendes 30.f4 bereute) muss es noch beweisen. Daraus wurde Turm und g-Bauer gegen Turm, e- und f-Bauer – wohl immer noch Remis, aber irgendwo da machte Adams den entscheidenden Fehler (mit insgesamt sieben Klötzen ist es noch kein Futter für allgemein zugängliche Tablebases). Aus Nepos Sicht: einerseits ein Sieg mit gegnerischer Hilfe, andererseits eine Energieleistung – 0-1 nach 85 Zügen.

Runde 7: Drei Entscheidungen – zweimal passte es mehr oder weniger zum Partieverlauf, einmal nicht. Da muss ich mich nicht lange den Remispartien (Caruana-So und Aronian-Nakamura) widmen, sondern beginne mit der kürzesten und – betrifft London isoliert betrachtet – turnierrelevantesten:

Nepomniachtchi-Anand 1-0: In einer ruhigen englischen Eröffnung spielte Nepo plötzlich 7.g4!? – Peter Doggers schrieb auf chess.com, dass es eine Idee von IM Manuel Bosboom ist und sagte das offenbar auch im Londoner Pressebereich. In dieser konkreten Stellung ist es allerdings anscheinend total neu: Bosboom kombiniert es nicht mit b3, sondern mit a3 und b4 – für mich die Gelegenheit, mal wieder einen eigenen “Klassiker” zu verlinken. Anand musste das nicht verlieren, aber Nepo wurde für Kreativität (egal ob er Bosbooms Partien kannte oder nicht) und Mut zum Risiko belohnt. Fotografiert wird Nepo später, nun Anand mit Kibitz Caruana:

So bekam Caruana einen Kollegen an der Tabellenspitze – er und Nepomniachtchi allerdings zuvor am Ende der Tour-Gesamtwertung, Kampf um Platz eins und zwei zwischen zwei anderen Spielern. Bevor ich dazu komme, zwei andere Fotos:

Da ich bereits “Pressebereich” schrieb, dieses Foto von John Saunders auf Twitter. Hinten erkenne ich von rechts nach links Tarjei Svensen, den bereits erwähnten Peter Doggers sowie Maria Emelianova (fotografierte diesmal für chess.com) – den vierten erkenne ich nicht, deshalb von rechts nach links. Vorne erkenne ich Lennart Ootes, hinter ihm vielleicht Fiona Steil-Antoni.

Lennart Ootes war nicht immer im Presseraum, manchmal hat er ja auch fotografiert – hier die Bühne mit im Hintergrund Zuschauern, am Wochenende war es ziemlich voll.

Kampf um den Chess Tour Gesamtsieg ja zwischen Vachier-Lagrave und Carlsen, beide gewannen – milde ausgedrückt auf unterschiedliche Art und Weise. Karjakin-MVL 0-1 war ein prinzipielles Najdorf-sizilianisches Duell mit dem besseren Ende für den Franzosen. Neuerung auf hohem Niveau war 14.-g5, Neuerung überhaupt 17.-hxg5 (nicht unbedingt vorbereitet, da MVL hier erstmals nachdachte). Dann galt was generell eine Faustregel ist: wenn Schwarz im Najdorf das Mittelspiel überlebt, hat er das bessere Endspiel. Karjakin resignierte eventuell etwas früh, aber betrachtete seine Stellung als hoffnungslos und wollte die schwarze Bauernwalze (verbundene Freibauern auf der e- und f-Linie) nicht mehr abwarten.

John Saunders dazu: “whereas MVL fights as hard as Carlsen, Karjakin looked rather limp in this game, being gradually outplayed and ground down by Vachier-Lagrave in a Poisoned Pawn variation of the Najdorf, and resigned as soon as a lost endgame appeared on the board. … Karjakin seemed curiously low-key and accepting of his defeat at the post-game interview, not showing the almost palpable pain that players such as Nakamura and Carlsen sometimes display on such occasions.” Wieder etwas frei übersetzt: “MVL ist ein Kämpfer wie Carlsen, Karjakin wirkte dagegen zahm und wurde nach und nach überspielt. Er gab auf, sobald das Endspiel für ihn verloren war. … Karjakin wirkte erstaunlich gelassen und akzeptierte seine Niederlage in anschliessenden Interviews, im Gegensatz zu den offensichtlichen Schmerzen von Nakamura und Carlsen bei derlei Gelegenheiten.”

TR: Hmm, beide waren kämpferisch eingestellt, eben mit dem besseren Ende für den Franzosen. Karjakins Aufgabe war nicht unbedingt voreilig, er betrachtete weiteren Widerstand eben als sinnlos und Verschwendung von Zeit und Energie (auf Weltklasse-Niveau, Amateure hätten sicher weitergespielt). Und eine Niederlage akzeptieren (machte Karjakin auch z.B. im WM-Match gegen Carlsen) ist nicht unbedingt eine Charakterschwäche. Aber die Chess Tour mag Karjakin ohnehin nicht – dieses Jahr war er “unvermeidlich”, nächstes Jahr sind sie ihn wieder los.

War da noch was?

Carlsen-Adams 0-1 1-0: Carlsen, politisch offenbar eher rechts eingestellt (er outete sich mal als Fan von Donald Trump, was sein Umfeld dann als Scherz bezeichnete) spielte wieder rechts vom vorgeschlagenen Eröffnungszug – nicht 1.e4 sondern 1.f4!? (in Runde eins ja 1.d4 statt 1.c4).

Auf dem Foto von John Saunders die Reaktion von Geburtstagskind Nakamura (an diesem Tag wurde er 30) darauf. Es kam dann zunächst wie tags zuvor: in Komplikationen hatte Carlsen “eigentlich” das Nachsehen, wobei beide Chancen verpassten. Über wechselnde Materialverhältnisse entstand aus Carlsens Sicht zwei Leichtfiguren gegen Turm und zwei Bauern – hier klar besser für Schwarz.

Aber dann konnte Carlsen sich auf Adams, schliesslich auch ein Lieblingsgegner für ihn, verlassen. Die erste Ungenauigkeit, hinterher von Adams selbst kritisiert, war 26.-Sf5 (dieser Springer stand auf d4 gut, kein Grund ihn gegen die weisse Randfigur Sh4 abzutauschen). Nach und nach verdaddelte Adams dann seinen Vorteil, nach der Zeitkontrolle war es remislich. Der nächste Dienst für Carlsen 42.-b3? nach reiflicher Überlegung (fast 25 Minuten) – das kostete beide schwarze Bauern am Damenflügel, Weiss hatte nun einen b-Freibauern. Immer noch wohl haltbar für Schwarz, dann dachte Adams “wenn ich schon schlecht spiele, muss ich nicht auch noch Bedenkzeit investieren” – 51.-Kb8?? offenbar im Blitztempo, nun stand Carlsen auf Gewinn!

Erinnerungen wurden (bei mir) wach an Adams’ total unnötige Niederlage 2011 in London gegen Carlsen, auch das aus besserer Stellung heraus. Damals entschuldigte sich Adams bei Kramnik, der so den Turniersieg verpasste. Ob er sich nun bei MVL entschuldigte, weiss ich nicht. Nach dem Turnier sagte er “ich vergab zu viele verfrühte Weihnachtsgeschenke!” – auch Caruana wurde ja noch bedient.

Da Adams in Turnier UND Tour-Gesamtwertung nun einmal eine Schlüsselrolle spielte, zeige ich dieses Foto von Spectrum Studios. Hier überlegt er, was er auf 1.e4 spielen soll (dabei spielt er fast immer 1.-e5), das hatte sich kurz danach erledigt.

In Runde 8 war wieder eher weniger los – ich überspringe mal die vier Remispartien bzw. erwähne nur, dass Adams gegen Aronians Berliner Spanier auf Nummer sicher ging: 5.Te1, danach war das Remis eher Formsache – sie brauchten nicht einmal die generell üblichen 31 Züge, sondern wiederholten vom 23. bis 27. .

Dann war da noch

Carlsen-Nepomniachtchi 0-1! Hier ist diese Partie bereits vorbei, was geschah zuvor? In der Eröffnung entschied sich Carlsen, nach den Abenteuern an den Tagen zuvor, wieder für “ähm äh”: 1.Sf3 c5 (vielleicht doch Sizilianisch?) 2.c3 (nee, ähm äh) 2.-d5 3.d4 cxd4 4.cxd4 – was ist das denn? Slawisch Abtausch mit Zugumstellung bzw. Feld- oder Farbumstellung, normalerweise entsteht das nach 1.d4 d5 2.c4 c6 3.cxd5 (Weiss tauscht auf d5, nicht Schwarz auf d4) 3.-cxd5 4.Sf3. Rechtfertigung war, dass Nepo sonst kein Slawisch spielt – aber wer auf 1.e4 kein Französisch spielt hat vielleicht Angst vor der einen oder anderen kompliziert-scharfen Variante, aber nicht vor 3.exd5.

Ein bisschen Ungleichgewicht/Risiko musste doch sein – 10.e4 nebst Isolani, sonst hat Weiss rein gar nichts. Dann bekam Carlsen tatsächlich Oberwasser, da Nepo mit 24.-Lb4 zu aktiv wurde. Aber Carlsen wusste mit seinem Vorteil nichts anzufangen und patzte dann dreimal fast direkt nacheinander: 33.c5?! Txc5! (der weisse Ta1 ist ungedeckt) 34.dxc5?! (34.Le5 mit Schadensbegrenzung war angesagt) 34.-Dxa1+ (ich sagte doch, dass der Ta1 ungedeckt ist) 35.Kh2 (da konnte Carlsen nichts falsch machen) 35.-Dxa5 36.Dc6?? (36.cxb6 – immer noch Schadensbegrenzung: dann hat Schwarz einen Mehrbauern, so wird es eine Mehrfigur) 36.-Da4!. Wieder gilt eventuell LPDO (loose pieces drop off), auch der weisse Lf4 ist ungedeckt. Carlsen spielte noch bis zur Zeitkontrolle weiter und gab dann auf, Nepo übernahm nach drei Siegen in Serie die alleinige Führung im Turnier.

Beide hinterher, seinem Freund Nepo gegenüber nahm Carlsen es offenbar locker. Da andere/alle es erwähnen muss ich es wohl auch tun: Carlsen war anscheinend erkältet. Aber auch in anderen Berufen muss man dann manchmal weiterhin arbeiten, und Patzer wie in dieser Partie haben dieselben oder schlimmere Folgen. Wenn Carlsen mal krank ist, wird es sofort überall erwähnt – wenn andere ein ganzes Turnier lang krank sind ist es allenfalls eine Fussnote.

Carlsen mit der zuvor von Saunders gelobten Reaktion

Nepomniachtchis Laune war natürlich besser.

War da noch was?

Ja, eine Pressekonferenz, auf der das London Classic offiziell abgeschafft wurde. Von links nach rechts Malcolm Pein, Tour Spokesman Michael Khodarkovsky und Tony Rich vom Saint Louis Chess Club. Nächstes Jahr ermitteln die zuvor vier besten der Chess Tour im KO-Format den Gesamtsieger – Format wie beim Weltcup, wobei nach zwei Partien mit klassischer Bedenkzeit noch nicht Schluss ist, denn noch mehr Schnell- und Blitzschach ist Sinn der Sache.

Die Tour, bei der sich die vier besten für London qualifizieren, besteht dann zu 66-75% aus Schnell- und Blitzschach – noch unklar, ob die Tour regulars wie diesmal zwei der drei Turniere mit verkürzter Bedenkzeit spielen, oder alle drei. Sinquefield Cup nach wie vor mit klassischer Bedenkzeit – wenn es für Nakamura so immer noch nicht reichen sollte, wird 2019 daraus vielleicht “Saint Louis Blitz and Rapid”: Saint Louis Rapid and Blitz gibt es bereits – durchaus innovativ, die Reihenfolge der verkürzten Zeitkontrollen umzudrehen?! Bullet wäre auch möglich und Nakamura-freundlich.

Grund war vielleicht die Remisserie zu Beginn von London 2017 – bei verkürzter Bedenkzeit wird mehr gepatzt, also mehr Sieger und Verlierer und das ist toll, oder? Malcolm Pein war auch begeistert von der britischen KO-Meisterschaft, die habe ich nur am Rande verfolgt: in beiden Halbfinales Entscheidung im Armageddon, sonst der eine oder andere üble Patzerzug.

Dass Luke McShane am Ende gewann, ist hiermit erwähnt (Foto Ray Morris-Hill)

Im Open erzielte der junge Spanier Lance Henderson de la Fuente seine dritte IM-Norm (Foto David Llada). Stand vorne: Sargissian, Melkumyan, Maze 7.5/9, Motylev, Nabaty, Grandelius, Cornette, Donchenko, Kotronias 7, usw. – zwei andere Armenier waren also (auf ihrem Niveau) erfolgreicher als letztendlich Aronian.

Das KO-Blitzturnier gewann Eduardo Iturrizaga (Foto John Saunders)

Ansonsten sind da Ergebnisse nicht dokumentiert, Fridman erreichte jedenfalls das Viertelfinale (gegen Urgestein Speelman, Foto John Saunders). Zurück zur Weltklasse:

Zu Runde 9 erst Fotos vorab:

So im Zuschauerraum mit Wahl/Ersatzmutter

Karjakin und Nepomniachtchi dagegen offenbar in der ersten Reihe

Dann setzte sich Nepomniachtchi auf den Stuhl gegenüber von Vachier-Lagrave, der mit einem Sieg eventuell noch (nach dann fälligem Stichkampf gegen denselben Gegner) Turnier- und Toursieger werden konnte – in diesem Fall allerdings nur, wenn Adams gegen Caruana mindestens Remis spielt. Dazu kam es dann nicht, denn recht kurz nach dem ersten der zweite Händedruck – Nepomniachtchi fand eine frühe Zugwiederholung, MVL konnte nicht sinnvoll abweichen. Damit war Nepo Turniersieger – es sei denn Adams verliert gegen Caruana.

Eine kleine Nepo-Bilderserie mit oder ohne Getränk – alkoholisch wohl nicht, denn eventuell musste er nochmal Schach spielen.

Anand hatte heute Geburtstag, sein 48. . Das Foto links entstand allerdings an einem anderen Tag, rechts blickt er nicht allzu fröhlich drein. Was war passiert? Er hatte gegen So gepatzt und verloren. Das allerdings relativ turnierirrelevant – bis auf die Tatsache, dass Nakamura dadurch einziger Remiskönig war. In London wurde er so Nachfolger von Adams (2015), Caruana (auch 2015) und Giri (2016). Denn auch bei Karjakin und Nakamura ging es um nichts mehr – sie machten ihre 31 Züge und einigten sich auf remis.

Bleiben noch zwei Partien und – wie sich herausstellte – dann nochmals zwei und nochmals zwei.

Aronian-Carlsen 1-0 0-1: Carlsen legte die Partie diesmal unternehmungslustig an und bekam mit Schwarz ein starkes Zentrum, das dann allerdings im damenlosen Mittelspiel instabil wurde. Dann gab er zwei Bauern um seinen Laden zusammen zu halten, würde die Blockade halten? Aronian suchte nach einem direkten Sieg, fand ihn nicht und verhedderte sich dann. Sein Figurenopfer war im Remissinne nicht falsch, aber er wollte kein Remis! Also verlor er, und das hatte Konsequenzen: für ihn Elo unter 2800, für Carlsen der Sieg in der Chess Tour. Wie dieser insgesamt entstand, siehe unten. Ein Remis hätte Carlsen übrigens auch gereicht für einen minimalen Vorsprung auf MVL.

Auf Aronian kann sich Carlsen nicht immer verlassen – einerseits hat er schon mehrfach eine bessere Stellung gegen den Norweger auf ähnliche Weise vergeigt, andererseits hat er ihn auch schon mehrfach schön besiegt, manchmal gewinnt auch Kreativität gegen Pragmatismus/Effizienz.

Nochmal Spielerfotos:

Carlsen und Karjakin auch im Flickr-Album direkt nebeneinander – qua Frisur und “Bart” werden sie sich immer ähnlicher, allerdings hat Karjakin die bunteren Sponsorenlogos (MVL dafür den konkreteren Bart).

Dann war da noch

Caruana-Adams 1-0 – hier ist es vorbei, auch diese Partie hatte ein Ergebnis das nicht unbedingt zu ihrem Verlauf passte. Caruana bekam zwar einen Mehrbauern, aber der war (vertripelter e-Bauer) rein gar nichts wert. Er hatte sich mit Remis abgefunden und wiederholte mit 31.Kf2 und 32.Kg1, Adams wollte mehr und bekam weniger. Die Turmüberführung von d8 nach a5 war “mysteriös”, dann konnte Caruana seine Bauernstruktur begradigen. Adams hatte sich wohl auf 36.-Tg3 verlassen, noch ein Turm auf einem kuriosen Feld – aber nach einer einerseits hübschen, andererseits (wenn man es sieht) simplen Abwicklung hatte Caruana im verbleibenden Schwerfigurenendspiel schlichtweg einen gesunden Mehrbauern.

Den konnte er dann letztendlich im Turmendspiel verwerten: einfach war es nicht, insgesamt dauerte die Partie sechs Stunden und womöglich hatte Adams auch da noch konkrete Remischancen – aber Adams spielte insgesamt “auf Verlust” und das schaffte er.

Dann eine halbe Stunde Pause, zwischendurch das:

Carlsen immer noch ungepflegt, aber nun mit Pokal – und alle Sponsorenlogos sichtbar, passt schon. VG rechts in rot eher klein, dafür unterstützen sie ihn journalistisch.

Dann wieder zwei Spieler auf der Bühne – das hatte Caruana bereits zuvor an diesem Tag, aber nun hiess sein Gegner Nepomniachtchi und war die Bedenkzeit verkürzt. Ein “eingespielter” Caruana traf auf einen ausgeruhten Nepo – normalerweise Vorteil Nepo, im konkreten Fall nicht unbedingt: Nepomniachtchi hatte nach eigener Aussage den Turniersieg bereits auf seinem Zettel – er rechnete nicht damit, dass Adams gegen Caruana noch verlieren würde. Dann nimmt die Spannung ab und plötzlich wieder zu, Wechselbad innerhalb kurzer Zeit.

Auf dem “Demobrett” die Stellung der ersten Schnellpartie – Nepomniachtchi wählte eine etwas kuriose Flankeneröffnung, kurz nach 12.Te4 kam dann wieder 14.Te1. Die erste Schnellpartie auf hohem Niveau, d.h. ohne Gepatze – Caruana hatte immer Kompensation für eine später geopferte Qualität. Am Ende zogen beide mit jeweils noch etwa 15 Sekunden (mehr wird es bei delay statt Inkrement nicht mehr) noch einige Zeit hektisch hin und her, bis Nepomniachtchi Remis anbot und Caruana akzeptierte.

Die zweite Schnellpartie, ein geschlossener Sizilianer, auch auf hohem Niveau – diesmal hatten beide im Remismoment noch drei Minuten auf der Uhr.

So ging es, was Niveau betrifft, in den Blitzpartien nicht weiter – im Hintergrund die Schlusstellung, vorne die Spieler bei der Nachbesprechung der Partie. In dieser Stellung war die schwarze Mehrfigur nichts mehr wert, was war zuvor passiert? Nepomniachtchi stand mit Weiss bereits nach neun Zügen schlechter (9.Lb2? – nach 9.La3 steht Weiss etwas besser) und hat im dreizehnten Zug eine Figur geopfert oder eingestellt – manchmal produziert er derlei Eröffnungs-Unsinn.

Das kostete ihn auch relativ viel Bedenkzeit, die Caruana – kein abgezockter Blitzer – schnell zurück gab: 50 Sekunden für das total logische 15.-Sd7, nochmal 23 Sekunden für das fast erzwungene 16.-Tdc8. Dennoch hatte ich die Partie bereits abgehakt – Schwarz gewinnt, was sonst? – wendete mich ab und staunte später nicht schlecht: beide hatten noch etwa fünf Sekunden, und dann erwischte Nepo den letzten schwarzen Bauern – remis!

Wieder stellt sich die Frage, wer dieses Drama besser verdauen konnte – es war letztendlich offenbar Caruana.

Das die vierte und letzte Partie in der entscheidenden Phase bzw. objektiv gesehen nach der Entscheidung: hier hat Nepo vorübergehend eine Mehrfigur, aber wenig Freude daran: nach 42.Te1+ Se2+ 43.Kf1 war sie futsch, und sein König in dieser Stellung weiterhin zu “aktiv”. Was war zuvor geschehen? In einem anti-Najdorf (1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lb5+) hatte Nepo mit aktivem Spiel einen Bauern geopfert oder eingestellt, jedenfalls hatte er etwa ausreichende Kompensation. Aber dann bekam Weiss “aus dem Nichts heraus” vernichtenden Königsangriff.

Eigentlich ging dieser Stichkampf um nichts: in der Tour-Gesamtwertung waren beide chancenlos, und Preisgeld wurde gleichmässig geteilt. Dennoch war Caruana hinterher happy und Nepomniachtchi enttäuscht. Interviews nur mit Caruana – ob Nepo dazu nicht bereit war oder ob die amerikanisch organisierte Chess Tour ihn ignorierte, das weiss ich nicht. Und auch ein Siegerfoto mit Malcolm Pein und Pokal:

Zum Schluss noch die Chess Tour Gesamtwertung, und zwar dreigeteilt:

Insgesamt Carlsen 41, Vachier-Lagrave 38, Aronian 29, Nakamura 25, Caruana 24, Karjakin 23.5, So und Nepomniachtchi 22.5, Anand 15. Was war oben am Ende entscheidend? Wenn man es auf einen Moment reduziert, bereits zu Beginn der Stichkampf zwischen Carlsen und MVL um den Turniersieg in Paris? Oder dass MVL darunter litt, dass So in Leuven ausnahmsweise ein gutes Schnell- und Blitzturnier erwischte? Platz drei (direkte Qualifikation für die nächste Tour) auch eindeutig, zumal Aronian ein am Ende ziemlich schlechtes Turnier in London verkraften konnte. Die nächsten Plätze dicht beisammen, dann eine Lücke zu Anand.

Klassische Bedenkzeit (Sinquefield Cup und London Classic) Vachier-Lagrave 21, Carlsen 17, Caruana 16, Nepomniachtchi 11.5, Anand und Aronian 10.5, Karjakin 9.5, So 8.5, Nakamura 8. Auch Anand hatte immerhin ein gutes Ergebnis (Zweiter bis Dritter mit Carlsen beim Sinquefield Cup), Caruana und Nepomniachtchi waren dagegen nur in London gut.

Schnell- und Blitzschach (alle spielten zwei von drei Turnieren) Carlsen 25, Aronian 18.5, Vachier-Lagrave 18, Nakamura 17, Karjakin und So 14, Nepomniachtchi 11, Caruana 8, Anand 5. Sind die Zeiten des brillianten Schnell- und Blitzspielers Anand vorbei, wird er alt? Aronian gewann in Saint Louis, Carlsen und MVL zweimal gut bis sehr gut, Nakamura ebenfalls gut aber nicht überragend – mit klassischer Bedenkzeit lief dagegen wenig für ihn.

Warum will die Tour nächstes Jahr noch mehr Schnell- und Blitzschach? Ihre besonderen Lieblinge sind Carlsen und Nakamura, das könnte eine Rolle spielen … .

Wer nächstes Jahr dabei ist: Offiziell sind bisher Carlsen (will offenbar mitspielen), Vachier-Lagrave und Aronian. Wenn sie wieder drei Plätze nach durchschnittlicher FIDE-Elo vergeben, sind es Caruana, So und Kramnik (auch die Protagonisten im Kandidaten-Elorennen – derselbe Zeitraum und Carlsen jeweils vorqualifiziert). Bleiben drei Plätze nach “Universal Chess Rating”: da entscheidend die Januar-Liste, nach derzeitigem Dezember-Stand Nakamura (natürlich, für ihn wurde URS erfunden), Mamedyarov und Grischuk. Verschiebungen möglich durch London (noch nicht ausgewertet), World Mind Games (läuft noch) und WM im Schnell- und Blitzschach (nach Weihnachten). Nicht mehr dabei wohl Karjakin (den sind sie wieder los), Nepomniachtchi (konnte erst in London wieder an seine Form der zweiten Jahreshälfte 2016 anknüpfen) und auch Anand. Anands Abschied aus der top10 ist vielleicht wieder vorübergehend, weit oben in der Weltrangliste – bis Platz zwei – war er zuletzt 2015.

 

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