Kommentar von Marta Michna zur neuen Konzeption Leistungssport des DSB

Liebe Kommission, liebe Schachfreunde,

zunächst möchte ich mich für die zahlreichen Kommentare bedanken. Es freut mich, dass mein Fall für Interesse sorgt. Die Unterstützung tut mir gut, und auch die Kritik nehme ich auf.

Ich möchte einige Punkte aus den bisherigen Diskussionen aufgreifen.

Herr Jagodzinsky schreibt: “Spieler oder Spielerinnen werden nicht wegen eines einzelnen Turnierergebnisses nicht berücksichtigt.” Hier muss ich ganz klar feststellen, dass der Bundestrainer mir die Nichtnomierung auf Nachfrage eindeutig und ausschließlich mit meiner “sehr schlechten” Leistung bei der EM begründet hat.

Herr Jagodzinsky schreibt auch: “Der Bundestrainer verbringt während der Turniere und im Rahmen von Trainingsmaßnahmen viel Zeit mit den Nationalspielern und -spielerinnen.” Das ist nicht vollkommen richtig. Er ist während der Olympiade oder EM für die Spielerinnen quasi nicht existent, es sei denn, man trifft sich zufällig beim Essen. Seine Konzentration gilt dem Männerteam – was auch total okay ist, weil wir Frauen einen eigenen Teamchef haben. Dies kritisiere ich auch nicht, aber ich möchte es richtigstellen. [Die Männer haben übrigens mit einer konservativen Aufstellung gespielt. Rasmus Svane also (mit einem herausragenden Ergebnis) an Brett 5 und nicht an 2.]

Zu meiner Leistung bei der EM wurde geschrieben, dass ich von einem sehr glücklichen Sieg in der letzten Runde profitiert habe. Das ist absolut richtig. Richtig ist aber auch, dass ich in der ersten Runde in vorteilhafter Stellung ein Remis zum sicheren Sieg für die Mannschaft genommen habe. Und ebenfalls sollte man nicht unter den Tisch fallen lassen, dass ich in 5 meiner 7 Partien Schwarz hatte. Dies ist genauso zu berücksichtigen, wenn man schon ins Detail geht.

Marta Michna (by Maria Emelianova

Klarstellen möchte ich auch – und ich denke, dass ist auch bei den meisten Lesern so angekommen – dass ich lediglich kritisiert habe, dass Josefina Heinemann an Brett zwei gespielt hat. Dass sie nominiert wurde, finde ich absolut richtig. Sie ist eine starke Spielerin, die in den kommenden Jahren, hundertprozentig noch deutlich besser werden wird – sicherlich auch besser als ich. An einem hinteren Brett wäre sie eine echte Stütze für die Mannschaft gewesen. Mein besonderer Blick gilt immer auf Polen, für die ich viele Jahre gespielt habe. Dort hat bei der Olympiade in Baku eine Spielerin, die Elo-mäßig hinter Josefina rangiert, am letzten Brett 6 aus 6 gemacht und damit einen großen Beitrag zur Silbermedaille geleistet. Ich bin mir sicher, weiter hinten wäre Josefina auch sehr wertvoll für das Team gewesen.

Über Umwege habe ich inzwischen gehört, dass der Bundestrainer bei der Tagung der Kommission gesagt habe, ich selbst hätte nicht an Brett zwei spielen wollen. Falls dies stimmt (da ich nicht dabei war, kann ich das nicht belegen) – wäre dies gelogen. Als er mich im persönlichen Gespräch vor dem Turnier fragte, ob ich an 2, 3 oder 4 spielen möchte, habe ich klar gesagt, dass ich dort spiele, wo es für die Mannschaft am besten ist. Von dem Plan, Josefina an Brett 2 zu setzen, habe ich erst zu spät erfahren, sonst hätte ich versucht, ihn umzustimmen.

Ich halte den Bundestrainer für einen sehr guten Trainer – ich habe selbst schon mit ihm trainiert. Ich kann es aber nicht akzeptieren, wenn ich aus immer noch nicht nachvollziehbaren Gründen von ihm demontiert werde. Ich denke, der DSB wäre besser beraten, bei der Nominierung der Frauen-Kader und -Mannschaft auf den Teamchef der Frauen zu vertrauen, der bei dem wichtigsten Turnier des Jahres direkt an der Mannschaft dran ist und sich nicht auf fremde Quellen verlassen muss. Die Entscheidung, Josefina an Brett 2 zu setzen, war die Entscheidung des Bundestrainers. Er allein ist dafür verantwortlich und sollte auch zugeben, dass er dadurch eine Mitverantwortung für das schlechte Abschneiden trägt und nicht alle Schuld auf die Spielerinnen abwälzen.

Mein offener Brief und auch diese Antwort haben sicherlich viel Diskussionen und Unruhe gebracht, aber ich hoffe, sie bewegen auch etwas. Ich hoffe, dass das Tischtuch zwischen dem DSB und mir dennoch nicht zerschnitten ist. Ich lebe nun seit mehr als elf Jahren in Deutschland, unsere Kinder gehen hier zur Schule oder studieren, ich bin hier glücklich, ich schätze das Land sehr und lebe gerne hier. Und genauso gerne spiele ich für die deutsche Nationalmannschaft. Ich bin immer noch sehr ehrgeizig und sicher, dass wir als Mannschaft auch viel mehr erreichen können als in den letzten beiden Jahren.

Dies soll in der öffentlichen Diskussion mein Schlusswort sein. Vielen Dank!

Marta Michna


PS: Uns erreichte um kurz vor Mitternacht eine Mail von Marta Michna mit folgendem Text:

Liebe Schachfreunde, liebe Kommission,

nachdem ich nicht für den B-Kader nominiert wurde, gab es intensive öffentliche und auch nichtöffentliche Diskussionen. Im Ergebnis sehe ich für mich keine Basis für eine weitere Zusammenarbeit mit dem Bundestrainer Dorian Rogozenco und habe mich deswegen dazu entschieden, unter ihm nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen.

Er ist ein guter Trainer, aber hat in meinen Augen keine Ahnung vom Frauenschach. Er trägt eine Mitverantwortung an unserem schlechten Abschneiden, aber anstatt dazu zu stehen und sich für seine Fehler zu entschuldigen, wälzt er die Schuld komplett auf die Spielerinnen ab.

Der Mannschaft wünsche ich für die Zukunft uneingeschränkt alles Gute!

Marta Michna

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4 thoughts on “Kommentar von Marta Michna zur neuen Konzeption Leistungssport des DSB

  1. Kaderkriterien sind nicht nur Elo, Alter oder Teamfähigkeit. Es ist eine Palette verschiedener Kriterien und nicht nur die hier von Frau Michna aufgezeigten Punkte. Ein Kader ist zum Beispiel auch ein Spieler, der die Fähigkeit hat sich zu verbessern oder der bereit ist, Deutschland in diversen Turnieren zu repräsentieren. Die Aktivität oder die Leistungen im Team und wichtigen Einzelevents spielen sicherlich auch eine Rolle. Geht man diese ganze Palette durch, ist es für uns gar nicht schlüssig, in wiefern Frau Michna oder Frau Schleining diese Punkte erfüllen. Altersdiskriminkerung ist Quatsch, denn sonst wären nicht Friedmann und Nisipeanu im Kader. Ihre Kaderstellung hat zumal die Berechtigung, weil sie Vollprofis sind und regelmäßig am Schach arbeiten und starke Turniere beschreiten. Bei Frau Michna kann ich dies nicht mit Sicherheit behaupten. Leider gibt uns der DSB keine wirklichen Erklärungen, aber wir müssten dumm sein, uns hier alleine auf einzelne Elozahlen zu beschränken. Der Weg der Öffentlich stößt für mich auf Unverständnis und hätte im normalen Leben sofort zur Suspendierung geführt. Letztendlich ist sie selbst zurückgetreten, aber es hätte bestimmt nicht weh getan, ein paar Worte mit der Kommission direkt zu wechseln. Jegliche Äußerungen über Kollegen ist ebenfalls nicht fair, zumal sie sich nicht wehren können, es sei denn sie würden sich auf dieses Niveau herablassen.

  2. Der Schachbund vergibt seine Förderung nicht nach Leistung, sondern aufgrund des Alters der Spieler(innen). Dies ist traurig und leider auch diskriminierend.
    Und mit Wischi-waschi-Kriterien wie “die Mannschaft soll verjüngt werden” und “er/sie ist nicht teamfähig” lässt sich jede – auch noch so willkürliche – Entscheidung rechtfertigen. Und dass einige (wenige?) ein teures Trainingslager verlangen, was soll das? WIE teuer ist dies und wieviel kostet dies die Beitragszahler?

  3. kommentator knight100 bringt es bei Chessbase auf den Punkt:

    Ich bin für eine Ressorcenbündelung für die stärksten deutschen Spieler (ohne Geschlechterunterscheidung). Wieviel spielstärkere Männer/Jungs werden hier diskriminiert und nicht gefördert? Es sei denn, es gibt einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass Frauen in körperlicher/geistiger Leistungsfähigkeit klar unterlegen sind (wie in fast allen anderen Sportarten auch.) und der Fall Polgar wird als einmalige Ausnahme angesehen/akzeptiert. Deswegen muss solange der Gleichheitsgrundsatz gelten!

  4. Zur taktischen Aufstellung: Sie hat ja doppelt nicht funktioniert – einerseits war die Hoffnung vielleicht, dass Heinemann mehr Punkte erzielt (das war im Nachhinein, aber vielleicht auch im Vorhinein unrealistisch), andererseits war die Erwartung wohl “dann punkten wir an den hinteren Brettern” und das funktionierte auch nicht. Das ein Vorwurf bzw. Kommentar eher an/zu Hoolt (dabei natürlich für die Nationalmannschaft gesetzt, sonst wohl Brett 2) und Levushkina als Michna.
    Vor Jahren hatten die deutschen Männer (wer auch immer es vorgeschlagen und/oder entschieden hatte) ähnliches versucht – Khenkin an eins, Naiditsch an vier. Auch das funktionierte nicht – weder war Khenkin vorne solide-remislich, noch konnte Naiditsch hinten abräumen. Bei anderen Ländern funktionierte es manchmal besser: Aserbaidschan hatte mitunter Mamedyarov an einem hinteren Brett – Idee auch, dass er möglichst oft Weiss bekommt. Ungarn hatte dieses Jahr den soliden Erdos an Brett 2, zuvor auch mal Balogh – jeweils funktionierte es wunderbar, da gerade diese Spieler Topform zeigten. Einen erfahrenen und soliden Spieler weiter vorne einordnen ist natürlich etwas anderes als eine junge Spielerin, dennoch wurde ich generell sagen:
    Taktische Aufstellung kann funktionieren, muss dabei nicht funktionieren. “Das konnte schiefgehen” – klar. “Das musste schiefgehen, in Deutschland funktioniert es nie und nimmer” – warum? Und es war wohl nicht der entscheidende bzw. einzige Grund für das enttäuschende Ergebnis der deutschen Damen.

    Ansonsten zumindest überraschend, dass Michna offenbar am frühen Abend schrieb “Ich hoffe, dass das Tischtuch zwischen dem DSB und mir dennoch nicht zerschnitten ist.” und es dann wenige Stunden später selbst zerschneidet im Sinne von “er (Rogozenco) oder ich”. Was ist da innerhalb weniger Stunden (eventuell als spontane Reaktion auf den zweiten Beitrag) vorgefallen, bzw. warum änderte sie sonst ihre Einstellung? Wenn sie die Öffentlichkeit sucht (nicht nur hier sondern auch Chessbase und chess24) und ihr “Schlusswort” kurz danach ergänzt-korrigiert, gibt es eventuell auch öffentlichen Klärungsbedarf.

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