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Zum Glück wurde nicht Nepomniachtchi – der dieses Jahr zugunsten von London auf das Turnier verzichtete – achtfacher russischer Meister, denn dann hätte die Überschrift Überlänge. Das gälte auch für Goryachkina – bisher bzw. nun zweifache russische Meisterin, aber sie ist ja noch jung (Svidler zumindest vergleichsweise nicht mehr).

In beiden Turnieren lagen lange andere vorne, Svidler schien nach zwei Runden (Niederlage gegen Dubov) und auch noch nach neuneinhalb von zunächst elf (Zwischenstand gegen den lange führenden Fedoseev) aus dem Meisterrennen. Dann durfte bzw. musste er noch zwei weitere (Schnell-)Partien spielen, und dreizehn war seine Glückszahl – galt auch für Aleksandra Goryachkina bei den Damen.

Das Titelfoto bekommt Peter Svidler, alle Fotos vom russischen Schachverband.

Wie Peter Svidler seinen achten Meistertitel bewertet, überhaupt und im Vergleich zu früheren, werde ich ihn vielleicht in Wijk aan Zee fragen. Wenn er dies hier lesen sollte, ist er vorbereitet – wobei er auch unvorbereitet immer etwas zu sagen hat und derlei Fragen vielleicht auch von anderen bekam oder bekommt. Ein anderes eigenes und interessantes Spielerzitat habe ich bereits, da muss sich der Leser noch etwas gedulden. Nun zunächst der Endstand in beiden Turnieren:

Herren: Svidler 7/11+2/2, Vitiugov 7/11+0/2, Dubov 6.5/11, Fedoseev 6.5/11, Tomashevsky, Riazantsev, Malakhov 6, Inarkiev und Sjugirov 5, Matlakov 4.5, Romanov 3.5, Volkov 3. Platz drei und vier nach Tiebreak getrennt – wichtig (bei Herren und Damen) da nur der bzw. die bessere sich direkt für das Superfinale 2018 qualifizierte. Fedoseev bestätigte dennoch, dass er zu Recht Elo deutlich über 2700 hat. Dubov deutete derlei Potential an, auch wenn es am Ende nicht reichte. Matlakov erwischte diesmal ein für seine Verhältnisse schlechtes Turnier.

Damen: Goryachkina 7/11+2/2, Pogonina 7/11+0/2, Kashlinskaya 6.5/11, Girya 6.5/11, Gunina und Bodnaruk 6, Shuvalova, Nechaeva, Gritsayeva 5, Ovod 4.5, Kovalevskaya 4, Galliamova 3.5. Bei Halbzeit lagen noch die G-Stars bzw. glamour girls (wobei das immer Geschmackssache ist) Girya und Gunina vorne, warum es jeweils nicht einmal für Platz drei reichte siehe unten (die Damen werde ich allerdings etwas knapper besprechen). Zu “glamour girls” vielleicht noch der Hinweis, dass es auch Spielerei mit dem Buchstaben G ist – sonst sind Kosteniuk und Pogonina vielleicht beleidigt bzw. fühlen sich ignoriert.

Auch bei den Herren kann ich bei sechs zu besprechenden Runden (plus Stichkampf) nur einige Höhe- oder auch Tiefpunkte besprechen – zur Erinnerung der Zwischenstand vor dem Ruhetag: Fedoseev 4.5/5, Dubov 3.5, Svidler und Vitiugov 3, Tomashevsky, Riazantsev, Inarkiev, Sjugirov 2.5, Matlakov und Malakhov 2, Volkov und Romanov 1. Die beiden Spieler, die am Ende nachsitzen durften oder mussten, zu diesem Zeitpunkt also nur auf dem geteilten dritten Platz mit anderthalb Punkten Rückstand (bei den Damen gar nur auf dem mit zwei weiteren geteilten vierten Platz, dafür nur ein Punkt Rückstand auf Girya und Gunina).

Runde 6 war dann allerdings ein erster Dämpfer für Vladimir Fedoseev – das ist die Schlusstellung seiner Partie gegen Malakhov:

Fedoseev hat Weiss und eine Mehrfigur, Malakhov Schwarz und vier Bauern für die Figur – beides eher irrelevant, Königs(un)sicherheit war partieentscheidend. Das Ganze entstand aus einer bekannten, allerdings zuletzt auf hohem Niveau offenbar aus der Mode gekommenen Variante im slawischen Damengambit, in der Schwarz eine Figur für zunächst drei Bauern opfert oder tauscht. Ich nenne nur drei Partien, in denen Kramnik Weiss hatte – aus Turnieren, die es teilweise nicht mehr gibt: 1996 in Dortmund gegen Shirov – dieses Turnier gibt es noch, Kramnik spielt da weiterhin. 1998 gegen van Wely in Tilburg – gibt es jedenfalls als Superturnier nicht mehr. 2000 wieder gegen Shirov in Linares – auch nur ein Begriff, wenn man die Schachszene bereits einige Jahre verfolgt oder sich nachträglich informiert was es mal gab.

16.Kc3!? statt 16.Kc2 (ja, Sinn und Zweck des Figurenopfers ist auch, die weisse Rochade zu verhindern und den weissen König etwas zu entblössen) war relativ selten – letzter, mit Zugumstellung wieder erreichter, hochkarätiger Vorgänger war bis 23.-Db5 Gelfand-Hübner, München 1992 (auch München hatte mal ein Superturnier, auch Hübner war mal Weltklasse). Fedoseev (*1995) kannte das allenfalls aus Datenbanken – vielleicht auch nicht, da er schon zuvor überlegte während Malakhov zügig spielte. Nach seiner Neuerung 24.Kb1 (zuvor nur das von Computern bevorzugte 24.Td1) dachte auch Malakhov nach – für die nächsten vier Züge insgesamt über eine Stunde. Dann bekam Schwarz Oberwasser, und Malakhov hatte nach dieser Runde 50% – später wurde es mehr und auch er hatte Titelchancen.

Aus dieser Runde nur noch die Schlusstellung bei Tomashevsky-Volkov 1-0:

Königssicherheit auch hier partieentscheidend (Bauernschutz dabei trügerisch bzw. was h7 betrifft schädlich), zwei Türme sind hier besser als eine Dame und ein Springer am Rand bedeutete nicht bzw. für den anderen Spieler Kummer und Schand.

Zu Runde 7 nur ein turnierrelevantes Diagramm, Vitiugov-Fedoseev 1-0:

Ich hatte Fedoseev doch gewarnt, dass er – wenn überhaupt – nicht ausgerechnet gegen einen direkten Konkurrenten verlieren sollte, wobei ich auch Vitiugov bei Halbzeit zu diesem Kreis zählte. Es nützte nichts, war dabei auch Powerschach des Weisspielers.

Sonst zu dieser Runde nur der Hinweis, dass Volkov etwas schaffte das andere nicht mehr schaffen konnten – seinen Score verdoppeln: vorher 1/6, nach Sieg gegen Sjugirov 2/7. Stand vorne nun: Vitiugov, Fedoseev, Dubov alle 4.5/7, dahinter Svidler und Tomashevsky mit 4/7.

In Runde 8 gewann Volkov schon wieder, mit Schwarz gegen Matlakov – das war allerdings immer noch nicht turnierrelevant. Schwerpunkt dieses Rundenberichts ist

Fedoseev-Dubov 1-0 1/2 – Dubov hatte ja Fedoseev in der Tabelle eingeholt (dafür reichten ihm nach dem Ruhetag zwei Remisen gegen Sjugirov und Matlakov), nach der Runde immer noch Gleichstand war aus Fedoseevs Sicht unnötig, denn nach 34 Zügen stand es so:

Die Livekommentatoren dazu: Fedoseev gewinnt – auf ungewöhnliche Weise, aber er gewinnt. Das Diagramm nach 34.Sg8!? – zuvor geschah 32.Kf1 Tb4 33.Sg6-e7!? Tb5 (33.-Kxe7 34.La3). Noch früher war es ein ungewöhnlicher Grünfeld mit 4.Lg5 – Dubovs Neuerung 11.-Dd7 (nach 20 Minuten) hatte den Vorteil, dass Fedoseev nun für 12.dxe7 25 Minuten investierte, und den Nachteil dass es wohl nicht gut war. Was danach geschah: Fedoseevs Springer landete über f6 (Bauerngewinn) und d7 wieder auf f8 – da stand er nun schlecht und Dubov konnte das doch noch remis halten.

Ein paar Worte zum Livekommentar: auf Englisch (sonst hätte ich es ja nicht verstanden), von M&M oder Miro und Moro oder Miroshnichenko und Morozevich. Aus meiner Sicht angenehm schachlich-sachlich ohne offensichtliche Vorlieben für bestimmte Spieler – Kontrastprogramm zum London-Livekommentar auf Amerikanisch. Bei der russischen Meisterschaft sind ja alle Teilnehmer Russen, und keiner hat einen Sonderstatus wie Magnus Carlsen – in London spielten neben Carlsen auch mehrere (Wahl-)Amerikaner.

Bei Malakhov-Vitiugov stand es nach 34 Zügen so:

Und sie einigten sich auf Remis – bei nicht ganz perfekter Symmetrie nachvollziehbar. Bei komplett symmetrischer Stellung (weisser Turm auf a4 oder schwarzer Turm auf c6) würde einer gewinnen – der Spieler, der zufällig als nächtes dran ist. In dieser Stellung würde Saint Louis vielleicht verlangen, dass sie ohne Inkrement weiterspielen, bis einer die Bedenkzeit überschreitet oder vielleicht seinen Turm einstellt – aber Russland hat Schachkultur.

Nach Runde 9 hatte Fedoseev wieder einen vollen Punkt Vorsprung auf Dubov (und Svidler und Tomashevsky), mit Vitiugov dazwischen. Das lag neben Vitiugov-Inarkiev 1/2 an zwei Partien:

Zu Dubov-Malakhov 0-1 nur ein Diagramm:

Hier konnte und musste Dubov die gerade geopferte Figur mit 20.e5 zurück erobern – ohne Computervarianten zu nennen: wenn Schwarz nicht einverstanden ist (20.-Sf6 zieht) steht er schlechter. Stattdessen kam 20.Dc4? a5! – Schwarz konnte sich langsam aber sicher entknoten, behielt dabei seine Mehrfigur und gewann in sieben weiteren Zügen.

Was zuvor geschah: mal wieder ein Chebanenko-Slawe mit weissem Bauernopfer auf c4 (hier nach 7.b3 cxb3 8.axb3 definitiv), ein weisses Figurenopfer (9.Lxb5 – Neuerung gegenüber einer Bundesligapartie Daniel Fridman – Ilja Schneider 1-0 anno 2016) das Weiss ablehnte, ein weiteres (18.Sxe6 – ausnahmsweise also nicht auf d5, siehe unten und “oben”, Bericht zum Ruhetag) das er annahm.

Volkov-Fedoseev 0-1 dauerte länger, und Fedoseev gewann in dem “Stil” in dem er tags darauf verlieren sollte:

Stellung nach 27.Tc6 Db8 – hier scheinen zwei Ergebnisse möglich: wahrscheinlich remis, vielleicht gewinnt Weiss das. Aber …

Nach 52 Zügen, was ist passiert? Der weisse e-Bauer wurde gegen den schwarzen f-Bauern getauscht, und ein entstandener weisser Freibauer auf c6 ging ersatzlos verloren. Schwarz zentralisierte dann seinen König, und das ging bei reduziertem Material.

Nach 59 Zügen: der schwarze König hatte sich (via e5-d6-c5) für das Feld b4 entschieden, gerade kam der Hebel 59.-e3!.

Nach 69 Zügen, zuletzt 68.Kd4 Df6+ 69.Dxf6 Sxb5+! – Weiss hat nun den zentralisierteren König, aber Schwarz hat einen Mehrbauern, das Bauernendspiel ist natürlich glatt gewonnen. Daher 0-1.

Stand nun Fedoseev 6, Vitiugov 5.5, Svidler, Tomashevsky, Dubov und nun auch Malakhov 5, usw. .

Runde 10, es ging zur Sache: Inarkiev-Tomashevsky wurde remis, aber erst nach 139 Zügen. Nach vorangegangenen Verwicklungen sagten Engines zig Züge lang +5, also “Weiss gewinnt” – sie können zwar Material zählen, aber kennen (wenn man ihnen diese Information vorenthält) keine Tablebases: diese Version von zwei Springer gegen ein Bauer war remis. Ob Inarkiev das wusste und es trotzdem versuchte? “Troitsky line” haben Grossmeister vielleicht nicht unbedingt parat – hier konnte er nur gewinnen, indem er regelwidrig für den Gegner -g3-g6 spielt. Tomashevsky konnte schon gar nicht gewinnen.

Zum turnierirrelevanten Sjugirov-Riazantsev 0-1 zeige ich die Schlusstellung:

In beiderseitiger Zeitnot bekam Schwarz Oberwasser – zuletzt nach 31.TxTf6 nicht automatisch 31.-Le7xf6 32.Sxc2 usw., sondern 31.-Lc5!.

Turnierrelevanter war Malakhov-Volkov 1-0, auch da die eindeutige Schlusstellung:

Dann war da noch Fedoseev-Svidler 1/2 0-1, das entstand so:

37.fxg5 ist aus weisser Sicht unverlierbar – damit behielte Fedoseev die Führung im Turnier (eventuell zusammen mit Vitiugov), aber er entkorkte 37.f5?! – wohl ein Gewinnversuch, aber ein total unberechtigter. In der Remisbreite war es wohl weiterhin, aber nun musste Fedoseev das beweisen. Dann der partieentscheidende Moment:

63.Te1 ist wohl remis (trivial ist es nach, wie in der Partie, 63.-Kf6 64.Lg4 Idee Lxe2), 63.Ta5+?? Kf6 64.Ta1 (64.Tf5+ Kg6!) 64.-Ke5 geschah und Schwarz gewinnt.

Dann war da noch Vitiugov-Dubov 1/2, dazu wieder nur die Schlusstellung:

Symmetrie haben sie nicht hinbekommen, Remis ist es (Schwarz am Zug) trotzdem.

Vor der letzten Runde damit diese Situation: Fedoseev, Malakhov, Vitiugov, Svidler 6/10, Dubov, Riazantsev, Tomashevksy 5.5, usw. – war Riazantsevs Sieg in Runde 10 doch turnierrelevant? Wenn alle Spieler mit 6/10 in der letzten Runde remisieren, könnten bis zu drei der drei Verfolger (alle hatten Weiss gegen Spieler mit weniger als 5.5/10) aufschliessen und es gäbe einen Massen-Stichkampf.

Dazu kam es dann nicht, Runde 11 etwas ausführlicher und der Reihe nach:

Volkov-Vitiugov 0-1 – Vitiugov hatte zwar Schwarz, aber einen (nominell und auf Basis der bisherigen Ergebnisse) relativ leichten Gegner. Ihm gefiel vielleicht auch, dass Weiss nicht klammerte (1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.f3!?). Ihm gefiel sicher, wie sich die Partie dann entwickelte. Sein 8.-c5!? war selten (viel üblicher 7.-e5) mit schlechtem Datenbank-Score – dabei sind Partien wie Lima(2529)-De Arruda(1938) 1-0 oder Sviracevic(1903)-Koscal(1513) 1-0 oder Boehm(2082)-Van Kempen(1538) 1-0 oder gar Cutmore(1848)-Moore(1128) 1-0 nicht allzu aussagekräftig.

Engines hatten (hier noch nicht, aber kurz danach) lieber Schwarz, und 14.0-0-0? war bereits der entscheidende Fehler:

14.-Txe3! funktionierte in allen Varianten, sowohl 15.Dxe3? Lf4 als auch wie in der Partie 15.Lxg4 Txc3+! 16.Dxc3 (auf 16.Kb1 z.B. aber nicht unbedingt 16.-Sf6) 16.-Dg5+ 17.Kb1 Dxg4. Zwei Leichtfiguren für einen Turm, das ist bereits erfreulich aus schwarzer Sicht. Ein weiteres Scheinopfer brachte ihm zwei Bauern, und diesen Vorteil musste er dann nicht mühsam im Endspiel verwerten – das ist die Schlusstellung:

Schon vor dem Stichkampf kann man Vitiugovs Turnier zusammenfassen: eher unauffällig erzielte er +3 im Turnier. Wie sich herausstellte, blieb er als einziger von zwölf ungeschlagen, dazu drei Siege in Runde zwei, sieben und nun elf. “Unauffällig” ist er ja auch sonst – zwar stabil Elo über 2700, aber das reicht generell weder für einen Platz in der Nationalmannschaft (Russland-spezifisch) noch für Superturnier-Einladungen (da ist Russe, und einer von vielen, eher ein Nachteil). Aufgefallen war er am ehesten mal in Gibraltar.

Wie Nepomniachtchi in London hoffte er vielleicht, dass es keinen Stichkampf geben würde – bei Svidler-Malakhov stand es nach 16 Zügen so:

Weiss hat in einem spanischen Vierspringerspiel nicht etwa b3 und c3 gespielt, sondern 7.bxLc3 und gerade 16.cxLb3 – nicht allzu viel los?

Diese Stellung (nach 31.Te3) gefiel Svidler wohl schon besser, und missfiel neben Malakhov auch Vitiugov.

Und das ist die Schlusstellung – 41.Se8 1-0, wieder bringt ein Springer am Rand Kummer und Schand für den Gegner.

Romanov-Fedoseev, Stand nach 15.hxg3:

Schwarz konnte zwar mit Holländisch Asymmetrie erzeugen, aber keinen Vorteil erreichen. Später stand er vorübergehend schlechter, dann wurde es remis – also Stichkampf zwischen Svidler und Vitiugov, und Fedoseev verpasste gar noch die direkte Qualifikation für das Superfinale 2018:

Dubov-Inarkiev 1-0 – im 32. Zug überraschte Dubov wohl seinen Gegner und andere, Engines eingeschlossen:

32.Sd5!?? – was ist das denn? Engines sagen “es ist inkorrekt”, aber im weiteren Verlauf wurde Dubov für seinen (Über)Mut belohnt, das war die Schlusstellung:

Dame in der Ecke bringt den Gegner definitiv zur Strecke … .

Nun das angekündigte Spielerzitat – auch wenn man es nur bedingt aus dem Englischen (mit Referenz zu einem russischen Sprichwort?) übersetzen kann. Daniil Dubov hatte ich spätabends auf Facebook kontaktiert – in Russland war es (egal ob er noch in St. Petersburg war oder bereits wieder in Moskau) noch später, aber die Antwort kam postwendend. Meine Frage war: “Wie blickst Du auf das Turnier zurück? Vorher warst Du sicher mit diesem Ergebnis zufrieden, aber nach drei Runden (3/3 zu Beginn) wolltest Du wohl noch mehr …”.

Dubov: “Nun, meine vorherrschende Emotion ist Erleichterung. Ich spielte 30 Partien in 2 Monaten und rechnete damit, dass es wirklich schwer (tough) wird. Meine Erwartungen traten ein – es war sehr hart, in den letzten Runden noch Gas zu geben. Ein Freund sagte mir einmal etwas sehr kluges: Jeder kann gewinnen ‘weil’ (wenn alles OK ist), aber es ist viel härter, ‘obwohl’ zu gewinnen (wenn es eigentlich einfach nicht mehr läuft). Darauf bin ich etwas stolz: Mitten im Turnier hatte ich eine schlechte Phase und verlor zweimal mit Weiss, aber ich konnte diese dramatische Partie in der letzten Runde gewinnen und wurde Dritter. Natürlich ist es ein sehr gutes Ergebnis, dabei auch wieder nicht überragend. Ich bin vor allem damit zufrieden, wie es zustande kam – es war hart, ich war müde, ich konnte kaum kurze Varianten berechnen, aber ich hatte dennoch ein starkes Finish. Das ist für mich ein sehr wichtiges Zeichen: die Fähigkeit zu guten Ergebnissen trotz nicht perfekter Verfassung ist eines der Dinge, die alle Topspieler haben.”

Mit dieser Partie hat Giri auch seinen Gegner vom möglichen Spitznamen “Inargiriev” befreit, wäre bei seiner Niederlage auch der Fall gewesen: Inarkiev remisierte zuvor alle zehn Partien. Absicht unterstelle ich ihm dabei nicht: fast alle seine Partien waren hart umkämpft – mal war mehr drin für ihn, tendenziell über das gesamte Turnier eher weniger. Absicht unterstelle ich in London (und anderswo) auch weder Giri noch Caruana noch Nakamura (noch Karjakin, der auch mal ein Turnier mit nur Remisen hatte) – in London vielleicht am ehesten Michael Adams, für den dieses Ergebnis ein Erfolg war.

Noch eine Partie aus der letzten regulären Runde – turnierrelevant im Sinne von “sie hat die Stichkämpfe verzögert”:

Riazantsev-Matlakov 1/2, aber erst nach 106 Zügen. Ein früheres Ende war möglich, da zuvor beide mal klar besser standen. Am Ende übten sie Turm gegen Turm und Läufer – Matlakovs Idee, er hatte diesen materiellen Vorteil. Dazu zwei Screenshots aus der Liveübertragung:

Die Partie läuft noch, aber wo sind die Spieler? Beide hatten vorübergehend das Brett verlassen!

Da sind sie wieder! Auf dem Brett zu diesem Zeitpunkt genau 100 Züge gespielt (das Analysediagramm nach 98.Th4+) – kurz danach erlöste Matlakov seinen Gegner (und sich selbst?) mit 105.-Th8 106.Txh8 Lxh8, dabei konnte er es noch 20 Züge lang versuchen.

Deja vu bei den Livekommentatoren: Zwei Tage zuvor gab es dasselbe Endspiel mit Turm und Läufer von Tomashevsky gegen Turm von … Riazantsev, damals wurden nur 101 Züge gespielt.

Das war’s dann – bis auf den Stichkampf – zu den Herren. Vor einigen Worten zu den Damen erst Spielerfotos – jede Menge, einige mehrfach:

Alphabetisch sortiert, bis auf die drei letzten Fotos (anderswo im Museum). Gunina lacht oder lächelt nicht immer, manchmal schläft sie auch (aber während der Partie?!). Nechaeva oft mit zur Haarfarbe passender Kleidung, Ovod oft in rosa – passt vielleicht nicht zu ihrem Ergebnis, wobei sie Elo-Aussenseiterin war und mit 4.5/11 ihre Zahl bestätigte. Die Herren was Kleidung betrifft weniger bunt oder abwechselnd, vielleicht sollte Russland doch Aronian einbürgern? Oder sollte ich der Optik halber die alphabetische Reihenfolge durcheinander würfeln und zwischen Sjugirov/Svidler/Tomashevsky/Vitiugov jeweils Damen plazieren?

Und weiter geht’s im Hochformat, was einige Spielerinnen klein erscheinen lässt (nicht jedoch Girya):

Shuvalova hat sich bei diesem Hintergrund warm angezogen, Goryachkina wählte dagegen sportlich-patriotische Kleidung.

Zum Damenturnier knapper, auch hier erst der Stand nach fünf Runden: Girya und Gunina 3.5/5, Kashlinskaya 3, Pogonina, Nechaeva, Goryachkina, Bodnaruk 2.5, Kovalevskaya, Shuvalova, Ovod, Galliamova, Gritsayeva 2. Girya und Gunina landeten am Ende nicht ganz vorne, das hatte unterschiedliche Gründe: Girya remisierte nur noch, und +2 reichte am Ende nicht. Gunina gewann zwar noch eine Partie (Runde sieben gegen Bodnaruk), aber verlor in Runde neun und zehn gegen Pogonina und Gritsayeva – jeweils mit Weiss, jeweils eine Eröffnungskatastrophe: Das erste Mal der wohl entscheidende Fehler im dreizehnten Zug, das zweite Mal war die von ihr gewählte Variante wohl einfach schlecht – nur elf Datenbank-Partien zu 8.e5 mit schlechten Weissergebnissen auch unter gleichwertigen Spielern (nur Leko konnte eine Schnellpartie gegen Svidler Remis halten – aber Peter mit Weiss ist talentiert, und Peter mit Schwarz manchmal auch remisfreudig).

Zuerst das direkte Duell der beiden in Runde 6 – der mitdenkende Leser weiss, dass es remis endete. Musste aus schwarzer Sicht vielleicht nicht unbedingt sein: im Nimzo-Inder mit 4.Dc2 bekommt Weiss manchmal Probleme, wenn er (oder sie) die Entwicklung vernachlässigt und mit dem König zu lange in der Mitte bleibt, das konnte hier und heute auch (dauerhaft) passieren.

Kashlinskaya erzielte in der zweiten Turnierhälfte +1 – das reichte, um Gunina zu überholen und Girya einzuholen (nebst bessere Wertung) – sie hatte ja zum Ruhetag eine recht günstige Lauerposition. Goryachkina und Pogonina erzielten in Runde sechs bis zehn beide 4/5, auf etwas unterschiedliche Weise: Goryachkina mit vier Siegen und einer Niederlage, Pogonina mit Remis, Sieg, Sieg, Sieg und Remis. In Runde 10 brauchte Goryachkina Stehvermögen: Sieg im Damenendspiel nach 104 Zügen – bis zum 85. Zug war es remislich, dann machte Gegnerin Ovod den entscheidenden Fehler.

Ausgangssituation vor der Schlussrunde damit: Pogonina und Goryachkina 6.5/10, Girya 6, usw. . Dann geschah, was auch im Damenschach geschehen kann: korrekte Remisen in allen turnierrelevanten Partien. Girya hatte nie die Chance, zur Spitze aufzuschliessen, im Gegenteil: Evgenija Ovod testete über fünfzig Züge lang Giryas Turmendspiel-Kenntnisse in einer Remisversion von Turm und Bauer gegen Turm, vielleicht dachte sie: “gestern hat Goryachkina mich gequält, nun bin ich dran” und/oder “ich will noch einmal 100+ Züge spielen”. Das schaffte sie: 99.c6+ Txc6 (Bauer weg) 100.Tb5+ Tb6 101.Txb6+ Kxb6 – und das ist auch in Saint Louis immer remis.

Stichkampf-Dramatik in einem separaten Artikel, ich schliesse ab mit Fotos:

Zuschauer während der letzten Runde

Dreimal Turniersaal

Neunmal St. Petersburg, bei Tag und bei Nacht

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