Stichkämpfe der russischen Meisterschaften

Die Kategorie “Schnellschach” bezieht sich nicht auf das jeweils gesamte Turnier, nur auf die Stichkämpfe – Blitz und eventuell Armageddon war eventuell auch noch vorgesehen aber dann nicht nötig. Bei den Herren war das relativ schnell klar, bei den Damen erst ganz zum Ende der zweiten Schnellpartie – zuvor hatte Goryachkina wohl (im Gegensatz zu Engines) Angst, ihren Vorsprung aus der ersten Partie zu verlieren.

Svidler hatte ich bereits, also bekommt Goryachkina nun das Titelfoto – alle Fotos wieder vom russischen Schachverband, wobei ich in diesem Beitrag auch viele eigene Screenshots verwende.

 

Diesmal kann ich die Herren eher kurz und knapp abhandeln, bei den Damen wurde es dramatischer.

Für Fotografen oft eine Herausforderung, die Gesichter der Spieler zu erwischen.

Ich schaffte es in diesem Screenshot kurz danach, der auch die Eröffnung der ersten Partie dokumentiert – Trompovsky ist auch ein Anti-Grünfeld.

Zur Ehrenrettung des offiziellen Fotografen sei gesagt: er schaffte es auch. Die Partie kurz zusammengefasst: Später entstand eine “französische” Isolanistellung (schwarzer Bauer auf d5) – Schwarz stand aktiv genug, dass das absolut kein Problem war. Die Stellung vereinfachte sich dann, und Schwarz bekam eine leichte (dabei gerade mit Schnellschach bei knapper werdender Bedenkzeit unangenehme) Initiative am Königsflügel. Weiss wollte vermutlich dann Dauerschach forcieren aber gab sich nach 45.Sh5+?? gxh5 46.Dg5+ Kf8 47.Dh6+ Ke8 geschlagen – ausgeschacht bei Minusfigur!

Svidler vermutete, dass Vitiugov 47.Dd8+ plante – mit schwarzem Turm irgendwo ausser auf der d-Linie (oder der achten Reihe) wäre es dann wohl Dauerschach, so hat Schwarz 47.-Txd8!!.

Die zweite Partie kann man noch knapper zusammenfassen: Schwarz musste ja gewinnen, Weiss reichte ein Remis – also war Weiss mit frühen Vereinfachungen einverstanden und Schwarz nicht. Nach 5.-exf3 verschwünde sofort viel Material vom Brett, 5.-Sce7 hatte (in der gegebenen Matchsituation) den Vorteil dass derlei nicht passiert, und den Nachteil dass Schwarz bereits schlecht steht. Mit 7.-Sg6 fischte Vitiugov dann im Trüben, und nach 18 Zügen gab er auf – Svidler war mal wieder russischer Meister.

Auch bei den Damen zunächst ein offizielles Foto:

Im Screenshot habe ich einen Moment der ersten Partie mit noch relativ vielen Figuren auf dem Brett:

Stellung nach 15.Dxf5 (Analysebrett der Kommentatoren) bzw. 17.Dg5 (für die Spielerinnen) – Weiss hat eine aktive Dame, die allerdings als Einzelkämpferin am Königsflügel wenig erreichen kann. Weiss hat auch einen nicht so aktiven Lc1 – kann vielleicht noch was werden nach e3-e4, aber das kam erst im 44. Zug! Gespielt wurde slawisches Damengambit – das kannten beide, also zogen sie zunächst flott.

Die Stellung vereinfachte sich dann – die Damen wurden getauscht, und Weiss bekam (auf b7) gar einen Bauern. Dafür hatte Schwarz latenten Druck auf der b-Linie, und Pogonina musste ja irgendwann ihren Lc1 entwickeln: 30.Ld2 Txb2 – materiell ausgeglichen, positionell nicht. Die richtige Art, weitere Figuren zu tauschen, führte zu einem Remisendspiel mit ungleichfarbigen Läufern – die von Pogonina gewählte dagegen zu einem für Schwarz klar besseren, wohl bereits gewonnenen Endspiel mit gleichfarbigen Läufern. Daraus wurde ein Bauernendspiel, dann quasi ein Damenendspiel, aber ein für Schwarz trivial gewonnenes.

Das zweite offizielle Foto zur ersten Partie – Pogonina gab auf, da Goryachkina forciert eine zweite Dame bekommt.

Die zweite Partie unter denselben Vorzeichen wie bei den Herren: Schwarz muss gewinnen, Weiss ist wohl immer mit Remis einverstanden. Pogonina machte es besser als Vitiugov und konnte immerhin Verwirrung stiften.

Wieder erst das offizielle Foto vor Partiebeginn.

Der erste Screenshot nach 13 Zügen – noch war nicht abzusehen, wie dramatisch es wird. Pogonina hatte sich für Philidor mit 3.-exd4 entschieden, Goryachkina für das relativ seltene 4.Dxd4 – Ball flach halten!

Dann landete Goryachkina beim Versuch, die Stellung weiter zu vereinfachen, vorübergehend in einer schlechteren Stellung – aber Pogonina nutzte ihre Chance nicht und landete selbst in einer zunächst schlicht und ergreifend schlechten Stellung. Danach fischte sie im Trüben – Figurenopfer auf Chance! Goryachkina konnte das komplett widerlegen (statt sofort 39.Kxc2 erst 39.Dd7, um den schwarzen Turm von der c-Linie zu vertreiben), tat es jedoch nicht. Auch einen späteren Elfmeter verschoss sie – 43.Ta1 befragt die schwarze Dame auf a2, die darauf keine Antwort hatte (43.-Td3+ 44.Kxd3 Dxb2 ist auch hoffnungslos, da sich Weiss dann dem schwarzen König widmen kann). Wie die Partie endete, dazu komme ich noch – weiter geht es mit Screenshots:

Noch ein gemeinsamer lange nach dem schwarzen Figurenopfer – man beachte auch die beiderseits knappe Bedenkzeit. Nun eine Reihe individuelle Screenshots – auf dem Analysebrett manchmal die aktuelle Stellung, manchmal Varianten die nicht aufs Brett kamen. Auf den Fotos unklar, ob die Spielerinnen Emotionen zeigen oder ob sie diese verbergen wollen (nicht unbedingt vor der Kamera, aber vor der Gegnerin). Erst Pogonina:

Das zu einem früheren Zeitpunkt der Partie

Auch noch vor dem Figurenopfer – auf dem Foto ein Vorschlag von Miro/Moro, wie Weiss gewinnen konnte, der h-Bauer läuft durch!

Direkt nach 38.-Lxc2!? – das Ausrufezeichen dafür, dass es ihre beste Schummelchance war

Schachgebote hatte sie danach jede Menge, aber Dauerschach war ja nicht genug. Engines haben in derlei Stellungen keine Angst, Menschen (mit Weiss) durchaus. Und nun Goryachkina:

Auch hier auf dem Analysebrett eine Variante, die nicht gespielt wurde

Hier hatte Pogonina gerade ihre Chance verpasst – statt 22.-Lf3 22.-Df7! nebst -Dxa2

Ahnte sie, was hier kommen würde (38.-Lxc2)?

Statt 40.De6 cxb3+ usw. ging hier 40.b4 mit mehr Schutz für den König

Und nun das dramatische Ende der Partie:

Noch zwei Sekunden auf Pogoninas Uhr

Noch null Sekunden nach 57.-b5 – damit irrelevant, dass dies auch Zehntelsekunden früher ausgeführt ein schwerer Fehler war.

Sekunden danach – Goryachkina musste nicht Zeitüberschreitung reklamieren, das tat Pogonina selbst!

Wiederum etwa eine Sekunde später

So sieht eine Siegerin aus?!

Noch mehr Chaos auf dem Brett …

Ich bleibe erst noch beim offiziellen Video:

Danach noch kurz Miro(shnichenko) im Bild, Moro(zevich) verschwand sofort – Sekunden zuvor war vielleicht noch sein Arm zu sehen. Hinter ihm Sponsorenlogos – Siegerin und Sieger bekamen jeweils ein Auto von Renault, aber keinen Sack Düngemittel von PhosAgro. Sponsoren wurden danach noch im Video gewürdigt, der Hauptsponsor ausführlich:

Zurück nach St. Petersburg und zu den Spieler(inne)n:

Svidler hinterher im Gespräch mit Vitiugov

Auch Svidler posierte individuell

Alle drei Herren (links Dubov)

Alle drei Damen, rechts Kashlinskaya – lieb vom russischen Schachverband, dass sie neben Preisgeld und Medaillen auch Blumenvasen bekamen.

Damen und Herren zusammen. Bei den Herren gewann der Grösste (wobei Kramnik bei einigen Versuchen noch nie russischer Meister wurde), bei den Damen die Kleinste.

Zu Svidler noch der Hinweis, dass er damit auch Platz 10 in der Weltrangliste belegt. Das schaffte er zuvor mal in einzelnen Listen (Mai und Dezember 2013), kontinuierlich nur Juli 2003 bis Oktober 2006, maximal oder minimal damals Platz 4. Im Januar 2006 hatte er Elo 2765, im April 2006 noch Elo 2743 und behielt trotzdem Platz 4 der Weltrangliste – Preisfrage an die Leser: warum?

Im Januar 2004 lagen nur Kasparov, Kramnik und Anand vor ihm – der Rest der damaligen top10 (Shirov, Topalov, Morozevich, Polgar, Ponomariov, Leko) inzwischen weit abgestürzt oder inaktiv. Damals hatte Svidler 28 Punkte Vorsprung auf Nummer 12 Grischuk, nun sind es nullkommavier (2767,7 zu 2767,3) auf Nummer 11 Grischuk – daraus wird, da passend auf- und abgerundet, ein ganzer Punkt. So hat Tata Steel Chess doch sechs Spieler aus der top10 – Anand haben sie in London verloren, Svidler in St. Petersburg gewonnen. Wie hatte er sich eigentlich an die top10 herangepirscht? Heimlich, still und leise: seit Juli 2017 hatte er in jeder Ratingliste zwei bis fünf Punkte zugelegt, nun kamen die letzten 2,7 (aufgerundet drei) dazu.

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