Promotion oder Kastration des Frauenkaders?

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Von GM Hertneck, München

Große Aufregung in den Schachmedien vor ein paar Tagen: offene Briefe von Zoya Schleining und von Marta Michna, die die jüngste Nominierung der Kader des DSB zum Teil heftig kritisierten.

Zitat Schleining „Mit einer Elo-Zahl von 2389 bin ich aktuell Nummer 3 in der deutschen Frauen-Rangliste, trotzdem hat die Kommission Leistungssport des Deutschen Schachbundes mich über die Aufhebung der Altersbeschränkung nicht informiert, so dass ich keinen Kaderaufnahmeantrag stellen konnte.“

Und Zitat Michna „Nun bin ich also raus aus der Mannschaft – ich denke, weil es gewagt habe, die Aufstellung in Zweifel zu ziehen. Sportliche Gründe sehe ich nicht. (…) Ich möchte Sie hiermit auffordern, mich weiterhin im B-Kader zu führen. Ich denke, ich erfülle alle schachlichen Anforderungen.“ Und später dann leider noch die gesteigerte Eskalation: „nachdem ich nicht für den B-Kader nominiert wurde, gab es intensive öffentliche und auch nichtöffentliche Diskussionen. Im Ergebnis sehe ich für mich keine Basis für eine weitere Zusammenarbeit mit dem Bundestrainer Dorian Rogozenco und habe mich deswegen dazu entschieden, unter ihm nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen.“

Als ich diese Briefe las, war ich sofort zutiefst betroffen. Denn ich war ja selbst lange Jahre Kaderspieler des DSB, und habe ich mich auch manchmal über die getroffenen Entscheidungen der Funktionäre geärgert. Zugleich würde aber auch mein Gerechtigkeitssinn angesprochen. Wie kann es sein, dass die Nummer 3 und 4 der deutschen Rangliste nicht für den Kader berücksichtigt wurden? Dieser spannenden Frage wollte ich nachgehen. Die Erkenntnisse, die ich dabei gewann, möchte ich der Öffentlichkeit nicht vorenthalten.

Anlass der Aufregung war folgende Aufstellung (Quelle DSB):

Kader Frauen und weibliche Jugend
Kader Nr. Titel Jg Vorname Name LV ELO 12/17 davor
A-Frauen 1 WGM 85 Elisabeth Pähtz SAC 2453 A
B-Frauen 1 WGM 88 Sarah Hoolt RLP 2405 B
B-Frauen 2 WGM 95 Hanna Marie Klek BAY 2372 neu
B-Frauen 3 WGM 90 Melanie Lubbe HES 2345 B
B-Frauen 4 WIM 90 Judith Fuchs HAM 2276 B
B-Frauen 5 WIM 96 Filiz Osmanodja SAC 2243 B

 

Sieht auf den ersten Blick gut aus, und doch gibt es ein paar Auffälligkeiten. Zunächst einmal: Platz 6 im B-Kader ist nicht besetzt. Und im A-Kader ist mit Elisabeth Pähtz nur eine einzige Spielerin aufgestellt. Gravierender aber noch: es fehlen viele Namen, die laut aktueller FIDE-Rangliste in Frage kämen.

Um diese Entscheidung näher zu analysieren, ist es zunächst unerlässlich, die Konzeption zur Leistungssportförderung im Deutschen Schachbund, (zuletzt fortgeschrieben durch die Kommission Leistungssport Juni 2010 in Hockenheim) zu Rate zu ziehen. Diese lässt sich auf der DSB-seite herunterladen, ist allerdings noch die alte Fassung, denn die neue ist noch nicht veröffentlicht.

Laut Leistungssportreferent Jagodzinsky wird „die„neue Konzeption zeitnah veröffentlicht werden, muss aber mit dem Sitzungsprotokoll erst den Mitgliedern der Kommission zugeleitet werden.“ Sie enthalte die Neuregelung als wichtigste Änderung, „dass die Förderung der A- und B-Kaderspieler auf solche Spieler beschränkt wird, die als Kandidaten für die Nationalmannschaften im kommenden Jahr in Betracht kommen. Eine Nominierung für die Nationalmannschaft ist jedoch auch für Nichtkaderspieler möglich, wenn sie im Laufe des Jahres hervorragende Leistungen zeigen. Der Grund für diese Verkleinerung des Kaders bei gleichzeitiger Aufhebung der bisherigen Altersbeschränkung liege darin, dass die Fördermittel für die Mitglieder des A- und B-Kaders beschränkt sind.“

Doch zurück zu den geltenden (veröffentlichten) Regeln, die den neuen weitgehend entsprechen dürften. Untersuchen wir diese in drei Schritten: Ziele des Leistungssports, Zusammensetzung der Leistungssport-Kommission und allgemeine und besondere Förderkriterien. Die nachfolgende Nummerierung ist hierbei dem Konzept des DSB entnommen (wobei 2.1 durch 2. ersetzt wurde).

  1. Zielsetzungen auf DSB-Ebene

Die Leistungssportförderung soll

  • die Spielstärke der Kaderspieler so verbessern, dass diese zur Weltspitze zählen und bei Veranstaltungen der FIDE und der ECU vordere Plätze belegen,
  • besonders begabte, entwicklungsfähige Nachwuchskaderspieler in ihrer Spielstärke so heben, dass sie in naher Zukunft in einer Auswahlmannschaft des Deutschen Schachbundes mit Erfolg eingesetzt werden können,
  • die angemessene Vertretung des DSB bei internationalen Wettkämpfen, insbesondere Schacholympiaden sowie Welt- und Europameisterschaften gewährleisten.

Zitat Ende.

Aus dieser Zielsetzung geht klar hervor, dass zum einen die (Elo-)stärksten Spieler des Landes gefördert werden, zum anderen aber auch die stärksten Nachwuchsspieler. Daraus wiederum folgt, dass in den Kadern von Zeit zu Zeit ein Austausch stattfinden muss, der leistungsbedingt ist. Konkret: starke junge Spieler steigen auf, und Spieler mit Leistungsabfällen scheiden aus. So weit keine besonderen Anmerkungen.

  1. Zusammensetzung der Kommission LeistungssportDie Kommission setzt sich wie folgt zusammen:

Referent für Leistungssport (als Vorsitzender)

Sportdirektor (als Stellvertretender Vorsitzender)

Bundestrainer

Bundesnachwuchstrainer

Ein Vertreter der DSJ

Zwei Vertreter aus den Mitgliedsorganisation des DSB

Aktivensprecherin (Belange aller DSB-Kader-Spielerinnen)

Aktivensprecher (Belange aller DSB-Kader-Spieler)

Auch hierzu keine besonderen Anmerkungen. Die Zusammensetzung erscheint mir ausgewogen und sinnvoll. Allenfalls könnte man sich fragen, ob die Vertreter aus den Landesverbänden hier am richtigen Platz sind.

Doch nun kommen wir zum entscheidenden Punkt der Förderbedingungen. Denn diese entscheiden über die Zusammensetzung der Kader. Erfreulicherweise sind diese Kriterien sehr genau geregelt.

  1. Allgemeine Förderungsvoraussetzungen / Kriterien

Die Kaderstruktur sieht folgende Anzahl von Spieler/innen vor: Frauen: bis zu 6 im A- und B-Kader

Für die A- und B-Kader gelten keine Beschränkungen beim Aufnahmealter.

Das Höchstalter im A+B-Kader beträgt 40. (=Altregelung)

Spieler, die in der FIDE-Eloliste für eine andere Föderation gemeldet sind, können keinem Kader des DSB angehören. Bei nichtdeutschen Spielern wird die Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft erwartet.

Bereitschaft zur konstruktiven Zusammenarbeit mit dem Deutschen Schachbund, insbesondere durch die Teilnahme an zentralen Trainings- und Vorbereitungslehrgängen sowie durch die Teilnahme an FIDE- und ECU-Veranstaltungen wie Schacholympiaden, Welt- und Europameisterschaften und weiteren Veranstaltungen, die für den DSB von besonderer Bedeutung sind, z.B. Länderkämpfe.

Leistungsbereitschaft, Teamfähigkeit und ausgeprägte Turnieraktivität.

Akzeptanz der angebotenen DSB-Fördermaßnahmen und individueller Trainingsfleiß.

Angemessenes Verhalten und Auftreten bei nationalen und internationalen Veranstaltungen durch Einhaltung der bestehenden Regeln und unter Wahrung des Gebots des Fairplay: dabei ist auch dem Ansehen des Deutschen Schachbundes Rechnung zu tragen.

Einhalten einer gesunden und sportgerechten Lebensweise zur Ausschöpfung der individuellen Höchstleistung bei Turnieren und Mannschaftswettkämpfen.

Grob unsportliche Verhaltensweisen, wie die Anwendung von Doping, die Verwendung unzulässiger Hilfsmittel, Kauf und Verkauf von Partien und Betrug werden verurteilt. Verstöße werden geahndet und führen zum Abbruch der Förderung. Von allen Kaderspielern wird sportlich faires Verhalten erwartet.

Zitat Ende

Sieh mal an – das ist doch eine recht breite Palette! Doch hinzu kommen noch die speziellen Kriterien, die an die Elozahl geknüpft sind.

Nun wird klar, weshalb Elisabeth Pähtz die einzige Spielerin im A-Kader ist. Weil sie als einzige über 2425 Elo hat. Bei den Männern analog ist es nur Nisipeanu.

Wichtig ist nun noch zu wissen, dass nach neuer Regelung die bisherige Altersbeschränkung aufgehoben wurde. Weiters war zu lesen, dass Spielerinnen über der Altersgrenze einen Antrag stellen müssen, in den Kader aufgenommen zu werden.

An dieser Stelle darf ich kurz darauf verweisen, dass ich selbst viele Jahre in den Kadern des DSB geführt wurde, aber mit 39 ausgeschieden bin, und so ist es auch vielen anderen deutschen Spitzenspielern ergangen. Persönlich habe ich mich damals nicht ungerecht behandelt gefühlt. Gerne habe ich den Jüngeren Platz gemacht.

Bevor wir in die Analyse der Nominierung zum obengenannten Kader einsteigen, fassen wir noch einmal kurz zusammen: entscheidende Kriterien sind die Elozahl, die Turnierleistungen, die spielerische Entwicklung, die Führung in der deutschen Rangliste, deutsche Staatsangehörigkeit (zumindest angestrebt), sowie eine Vielzahl von weichen Faktoren, die in der Regel weniger problematisch sein sollten. Bis vor kurzem war auch das Alter ein KO-Kriterium, wurde aber aufgeweicht.

Schauen wir uns nun – nachdem die Grundlagen geklärt sind – die aktuelle deutsche Frauenrangliste näher an:

Platzierung laut Rangliste (1. Dez. 2017)

  1. Pähtz Elisabeth 2464    Elo
  2. Hoolt Sarah 2405    Elo
  3. Schleining Zoya 2389    Elo
  4. Michna Marta 2377    Elo
  5. Klek Hanna Marie 2373    Elo
  6. Lubbe Melanie 2345    Elo
  7. Kachiani-Gersinska 2343    Elo
  8. Melamed Tatiana 2338    Elo
  9. Fuchs Judith 2335    Elo
  10. Tammert Iamze 2335    Elo
  11. Levushkina Elena 2275    Elo

Zunächst einmal fällt auf, dass der Leistungsabstand zu den Männern sehr hoch ist, nämlich über 200 Punkte Differenz. Doch bleiben wir in unserem Referenzsystem der Frauen. Gelb habe ich die Spielerinnen markiert, die eine Zahl von über 2400 haben, und grau diejenigen, die unter 2300 sind. Meiner Meinung nach ist eine Zahl unter 2300 nicht mehr kadertauglich, auch wenn die offizielle Grenze bei 2250 liegt.

Festzuhalten bleibt, dass nach dieser Liste Zoya Schleining und Marta Michna eindeutig für den Kader berücksichtigt werden müssten. Aber es gibt ja noch weitere Kriterien:

Betrachten wir im nächsten Schritt die Turnieraktivität der Top Ten (tatsächlich sind es 11) über die letzten 3 Jahre:

Aktivitität der Top 10 über die letzten 3 Jahre (Anzahl gewertete Partien 2015 bis 2017)

  1. Pähtz Elisabeth 317
  2. Fuchs Judith 258
  3. Hoolt Sarah 207
  4. Lubbe Melanie 204
  5. Schleining Zoya 182
  6. Levushkina Elena 182
  7. Michna Marta  152
  8. Klek Hanna Marie 132
  9. Melamed Tatiana 95
  10. Kachiani-Gersinska 82
  11. Tammert Iamze 34

Mit Abstand aktivste Spielerin ist Elisabeth Pähtz, die auf über 100 Partien jährlich kommt, und dabei schon sehr viele Erfolge errungen hat. Kürzlich schrammte sie sogar knapp an einer GM-Norm der Männer vorbei! Die nachfolgenden Spielerinnen sind ebenfalls sehr aktiv und haben daher aus dieser Perspektive gute Aussichten auf Nominierung zum Kader. Die letzten drei Spielerinnen scheiden dagegen aus meiner Sicht wegen Inaktivität aus. Mit 30 Partien jährlich ist hier kein Staat zu machen, wenn man in den Förderkader will.

Im dritten Schritt betrachte ich tatsächlich das Alter, auch wenn dies umstritten ist. Aber die allgemeine Lebenserfahrung sagt doch aus, dass man im Alter nicht an Spielstärke gewinnt. Mit Anfang 30 war ich über 2600 und unter den 50 besten Spielern der Welt, heute mit Mitte 50 gurke ich bei unter 2500 rum, und bin (gerade noch) Nr. 999 der Welt.

Altersreihenfolge (jung zu alt)

  1. Klek Hanna Marie 22 Jahre
  2. Lubbe Melanie 27
  3. Fuchs Judith 27
  4. Hoolt Sarah 29
  5. Pähtz Elisabeth 32
  6. Levushkina Elena 33
  7. Michna Marta             39
  8. Melamed Tatiana 43
  9. Kachiani-Gersinska 46
  10. Tammert Iamze 46
  11. Schleining Zoya            56

Hier wird nun überdeutlich, wie die Kaderbesetzung motiviert ist – die Älteren wurde systematisch ausgesiebt. Greift man die ersten fünf jungen heraus, sind das genau diejenigen, die für den Kader nominiert sind.

Aus meiner Sicht gibt es nun drei Auffälligkeiten, die in der abschließenden Wertung betrachtet werden müssen:

Marta Michna ist nur knapp unter dem früheren Alterslimit von 40 Jahren (aber im selben Alter, in dem ich aus dem Kader flog). Angesichts ihrer hohen Elozahl wäre es durchaus vertretbar und auch zu erwarten gewesen, dass sie im Kader verbleibt. Ich schließe mich also ihrer Kritik an, zumal die Kommission mit dem „Rausschmiss“ auch gegen ihr eigenes Ziel verstoßen hat „die angemessene Vertretung des DSB bei internationalen Wettkämpfen, insbesondere Schacholympiaden sowie Welt- und Europameisterschaften zu gewährleisten.“. Wenn man eine starke Spielerin knapp unter 2400 Elo nicht einsetzt, kann das nicht folgenlos bleiben. Und 50 gewertete Partien p.a. dürften als Turnieraktivität für eine Mutter von zwei Kindern ausreichen! Daher mein Plädoyer: Marta in den Kader aufzunehmen!

Zoya Schleining ist in der Rangliste im Grunde das Gegenstück zu Robert Hübner, der lange die Rangliste der Männer anführte. Sie ist die mit Abstand älteste, und trotzdem die amtierende Nummer 3. Eine Leistung, die für sich selbst spricht! Und auch die Turnieraktivität ist sehr hoch. Ehrlich gesagt bin ich selbst unschlüssig, ob ich hier eine Kadernominierung befürworte. Man muss sich nur einmal gedanklich vorstellen, wie es in anderen Sportarten wirken würde, eine oder einen 56-jährigen als Spitzensportrepräsentanten zu nominieren. Meines Erachtens ist das etwas schief. Wäre sie zehn Jahre jünger, würde ich es vielleicht anders sehen.

Filiz Osmanodja ist im B-Kader nominiert, obwohl sie nicht einmal unter den Top Ten der Frauenliste firmiert. Dazu muss man wissen, dass sie durch ein katastrophales Ergebnis bei der Frauen-Europameisterschaft satte 85 Punkte verlor, und von ihrer Höchstzahl 2370 auf heute 2243 abstürzte. Das ist für eine potenzielle Nationalspielerin eine schauerliche Zahl! Da ich die Hintergründe nicht kenne, möchte ich mir keine Meinung erlauben, ob die Nominierung gerechtfertigt ist. Ihr Entwicklungspotenzial kann sicher der Bundestrainer sicher besser einschätzen als ein Außenstehender wie ich.

Ich fasse zusammen: Vor ein paar Tagen hielt ich die Entscheidung der Leistungssportkommission noch für grob „unsportlich“. Nach genauerer Analyse denke ich jedoch, dass lediglich Marta Michna Unrecht getan wurde, zumal im Kader noch ein freies Plätzchen auf sie wartet!

Abschließend möchte ich noch das Schreiben offener Briefe verteidigen. Wie soll man sich denn sonst gegen eine als ungerecht empfundene Entscheidung wehren? Und wie die Öffentlichkeit auf seine Seite ziehen. Ich denke daher, der DSB wird auch weiter mit offenen Briefen leben müssen, wenn er umstrittene Entscheidungen trifft! Besser wäre es gewesen, er hätte vorher mit den Betroffenen gesprochen, um sie auf die unangenehme Entscheidung vorzubereiten.

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5 thoughts on “Promotion oder Kastration des Frauenkaders?

  1. @frank lehmann: Wenn es eine mathematisch eindeutige Formel für Kadernominierungen gäbe, bei der man diverse Parameter gewichtet (z.B. Elozahl – 10*Alter + 3*Anzahl Partien im Kalenderjahr +2*Elo-Fortschritt im Kalenderjahr usw.) – dann könnte man allenfalls die Koeffizienten hinterfragen, ansonsten könnte sich niemand beschweren. Dabei könnte es dann Härtefälle geben – sie hat insgesamt 2318, Du hast nur 2316, Du bist raus! Und generell würde ich so ein “objektives” System nicht befürworten, bei dem subjektive Eindrücke von kompetenten Personen (deren Kompetenz man dann wieder anzweifeln oder hinterfragen kann) gar keine Rolle mehr spielen.

    Was genau ist eigentlich, ausser dem (Elo-relatierten) Buchstaben, der Unterschied zwischen A-Kader und B-Kader? So wie ich es verstehe, bedeutet beides gemeinsame Vorbereitung auf Saisonhöhepunkte (2018 die Olympiade). Da gehört Paehtz sicher dazu: sie kann davon profitieren, andere können von ihrer Anwesenheit profitieren – ich gehe davon aus, dass Lehrgänge nicht nur “Frontalunterricht” sind sondern auch “interaktiv” zwischen den Teilnehmerinnen.

    Dabei kann man Paehtz nicht vorwerfen, dass sie sich für ein Profi-Dasein entschieden hat und damit offenbar ihren Lebensunterhalt verdienen kann (wäre für Männer vergleichbaren Niveaus eher nicht der Fall, aber das ist nochmal ein anderes Thema). Man kann ihr (oder auch Teodora Rogozenco) auch nicht vorwerfen, dass der Vater den GM-Titel hat.

    C-Kader bedeutet “Perspektive Nationalmannschaft, aber momentan/kurzfristig eher nicht” – das gilt offenbar nun für Josefine Heinemann, die (wohl knapp) hinter Filiz Osmaodja eingeordnet wurde. DC-Kader bedeutet “zu Alter und aktueller Elozahl passende Förderung, wir trauen Dir deutliche weitere Fortschritte zu”. Da gab es übrigens bei den Mädels die grössten Verschiebungen/Einschnitte: 2017 zehn im DC-Kader, 2018 nur noch vier.

    Auch wenn die Damen (aufgrund diverser offener Briefe) im Mittelpunkt stehen, kann man sich auch die Situation bei den Herren anschauen: 2017 neun Spieler im B-Kader: Bluebaum, Meier, Buhmann, Heimann, Donchenko, Svane, Wagner, Schröder. 2018 sechs Spieler, z.T. andere: Meier, Bluebaum, Fridman (nach Aufhebung der Altersbeschränkung), Svane, Huschenbeth (wieder in Deutschland und damit wieder “interessant”), Buhmann. Demnach haben Heimann, Kunin, Donchenko, Wagner und Schröder derzeit keine Perspektive auf Nationalmannschaft – Donchenko und Schröder nun im C-Kader, die anderen (auch Dennis Wagner) werden gar nicht mehr speziell gefördert. Die ‘degradierten’ Spieler könnten auch offene Briefe schreiben, verzichteten allerdings darauf – zumindest bisher, und ich möchte sie hiermit keinesfalls einladen/auffordern …. .

  2. Das jetzige System des Schachbundes ist nicht gerecht, sondern willkürlich. Die eine soll (vielleicht) zu alt sein, die andere ist (vielleicht) nicht teamfähig, die eine wird verbannt wegen eines schlechten Turnieres, die nächste wiederum trotz eines sehr schlechten Turnierergebnisses weiter gefördert. Dies ist nicht Konsequenz, sondern Willkür.
    Anstelle dieser ungerechten Regelung gibt es nur 2 Alternativen:
    1) Nach Leistung. Dann müssen Schleining und Michna aufgrund Ihrer Elozahlen sofort wieder in den Kader aufgenomen werden.
    2) Nach Alter und Zukunftsperspektiven. Dann dürfte auch die 32jährige Elli Paehtz nicht mehr gefördert werden. Die hat einen Vater als Großmeister, wird seit mehr als 20 Jahren maximal protegiert, kann als Berufsspielerin mehr als hundert Partien pro Jahr spielen, um die Welt reisen und erhält alle nur denkbare Unterstützung von Funktionärsseite. Doch trotz der vielen Priviegien hat Sie im Alter von 32 Jahren noch nicht mal die Elo 2500 und den Männer-GM-Titel erreicht. Und dies im Gegensatz zu hunderten männlichen Altersgenossen und Dutzenden unter 30jährigen Frauen. Im Vergleich mit Paehtz haben einige jüngere (ca. 20 jährige) Spielerinnen des B-Kaders deutlich bessere Chancen als Paehtz mal in die Weltelite der Frauen vorzurücken. Von daher sollten diese jüngeren Spielerinnen die max. Förderung erhalten und nicht mehr Paehtz.

  3. Ein wohltuend ausführlicher und sachlicher Beitrag, wobei man die Schlussfolgerungen dennoch nicht teilen muss. Zunächst interpretiere ich “Frauen: bis zu 6 im A- und B-Kader” als beide Kader zusammen, und 1+5=6 – es stimmt also nicht unbedingt, dass “im Kader noch ein freies Plätzchen auf sie [Michna] wartet”. In früheren Jahren waren zwar auch mal sechs oder gar sieben Spielerinnen im B-Kader, aber Jagodzinsky wies darauf hin, dass Mittel knapper wurden.

    Was Aktivität betrifft: Paehtz ist da aussen vor – sie ist wohl als einzige Schachprofi, d.h. sie kann viele Turniere spielen und sie muss viele Turniere spielen. Schliesslich verdient sie damit wohl (abgesehen bzw. unabhängig vom Einkommen des wohl berufstätigen Ehemanns) ihren Lebensunterhalt. Wenn man vier oder mehr Profis hätte (diesen Luxus haben bei den Damen wohl nur wenige Länder) hätten Amateure schlechte Karten, und das wäre nachvollziehbar. So ist der nächste Schritt: Wieviel Zeit investieren Amateure für ihr Hobby, und _wie_ verwenden sie diese Zeit? Aktivität nicht nur quantitativ (Anzahl ausgewertete Partien) sondern auch qualitativ (starke Gegner bzw. in Opens jedenfalls die Chance, starke Gegner zu bekommen).

    Mannschaftskämpfe (auch Nationalmannschaft wenn man berufen wird), Deutsche Frauen-EM und German Masters ist eigentlich selbstverständlich. Daneben spielte Schleining dieses Jahr nur Turnierchen in NRW (Oberhausen, Essen, Krefeld, Dortmund – das schwache Open parallel zum Superturnier) und zuletzt Haarlemse Meesters – die suchten nach Absagen kurzfristig noch einen dritten ausländischen IM und Schleining hatte Zeit und Lust. Aus ähnlichem Grund spielte Gerald Hertneck mal “spontan” beim Batavia-Turnier in Amsterdam. 2015 und 2016 nicht wesentlich anders – Frauen-EM 2015, allerdings schlechtes Ergebnis und so kaum starke Gegnerinnen (Niederlagen gegen Girya und Stefanova, sonst Elo unter 2300) und Bad Wiessee 2016, das war’s eigentlich.

    Bei Michna generell ähnlich: dieses Jahr ein Urlaubsturnier(?) im spanischen Getxo, die griechische Mannschafts-Meisterschaft (durchweg Elo unter 2250) und die Damen-EM mit schlechtem Ergebnis. 2016 nur ein für sie schwaches Open in Llucmajor. 2015 war anders: starke Gegnerinnen bei der griechischen Mannschafts-Meisterschaft sowie bei Opens in Sunny Beach, Bulgarien und damals Llucmajor. Aber das war 2015.

    Ohne das nun alles aufzubröseln: jüngere Spielerinnen spielten stärkere Turniere im Inland (z.B. Grenke Open) oder Ausland (z.B. Gibraltar oder Isle of Man). Ich will natürlich niemand “verbieten”, schwache Turniere zu spielen mit Chancen auf Preisgeld oder in Griechenland vermutlich ein Honorar zu bekommen – aber wenn das quasi alles ist ist es zu wenig?

    “dürften als Turnieraktivität für eine Mutter von zwei Kindern ausreichen” klingt einerseits plausibel, andererseits: wenn andere mehr Zeit für Schach verwenden (können), auch auf höherem Niveau, haben sie bessere Karten und das kann ich verstehen.

  4. Lieber Herr Seyfried,
    Marta Michna agiert im Internet mit zumindest zwei Offenen Briefen – sie hat sich ja nicht nur an den Schach-Ticker und ChessBase gewandt – lässt keine andere Schlussfolgerung zu. Sie hat doch nach eigenen Worten auch die Diskussion im Netz verfolgt und hätte auf meinen Kommentar antworten können.
    Mit dem Bundestrainer im Hamburg vertrauensvoll zu sprechen, wäre doch die nahe liegende Option gewesen. Also auf dem Straßenweg beträgt die Distanz von Hamburg nach Norderstedt 19 Kilometer und die Fahrzeit wird auf 41 Minuten geschätzt. Und natürlich geht es auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Stattdessen schiebt Marta kurz vor Mitternacht am 12. Dezember ihren Rücktritt aus der Frauen-Nationalmannschaft nach und begründet das wie folgt:
    „Im Ergebnis sehe ich für mich keine Basis für eine weitere Zusammenarbeit mit dem Bundestrainer Dorian Rogozenco und habe mich deswegen dazu entschieden, unter ihm nicht mehr für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen.“
    Ich muss Ihnen auch entschieden widersprechen, dass Offene Briefe „freie Fahrt“ bekommen sollen. Probleme müssen dort und mit den Personen gelöst werden, die sie betreffen. Darauf zu hoffen, dass die Öffentlichkeit auf meiner Seite steht, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle und um Bestand bitte, ist einfach der falsche Weg. Ein Beispiel nur: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Bundestrainer Joachim Löw bei der Nominierung des Kaders der Fußball-Nationalmannschaft für ein WM- oder EM-Turnier durch einen Offenen Brief eines Spielers beeinflussen lässt. Und das ist gut so, denn letztlich trägt er die Verantwortung für das Abschneiden seines Teams. Ich denke, dass es ebenso für Dorian Rogozenco zutrifft. Dass er eine Mitverantwortung am schlechten Abschneiden der Frauen-Nationalmannschaft bei der EM trägt, wird er keinesfalls bestreiten, aber mir ist nicht bekannt geworden, dass er die Schuld für das mehr als bescheidene Ergebnis komplett auf die Spielerinnen abwälzt.
    Ich frage mich allerdings, warum keiner der profilierten Schachjournalisten hierzulande mit ihm nach der EM und spätestens seit dem Vorwurf von Marta Michna („Er ist ein guter Trainer, aber hat in meinen Augen keine Ahnung vom Frauenschach.“) mit ihm ein Interview geführt hat …

  5. Ich habe mir die Mühe gemacht und den ganzen Text von Herrn Hertneck durchgelesen. Herr Hertneck hat es sich mit der Bewertung der Sache nicht leicht gemacht, und mir erscheint alles sehr plausibel, also Zustimmung auf der ganzen Linie. Insbesondere möchte ich den allerletzten Absatz unterstreichen. Herr Stolze schlägt den Spielerinnen an anderer Stelle stattdessen das vertrauensvolle Gespräch mit xyz vor.

    1. Woher weiß er eigentlich, dass sie das nicht versucht haben?
    2. Dass ich nicht lache, wenn was passieren soll, muss man den Jungs schon ein wenig einheizen!

    Also freie Fahrt für offene Briefe, denn gerade auch für die Leser ist das der interessanteste Weg. Selbst ein Fußball-Bundestrainer muss sich immer wieder der öffentlichen Diskussion stellen, und das trotz dramatisch besserer Erfolgsbilanz!

    P.S.: Einzige Kritik: Ausgerechnet beim Frauenkader das Wort Kastration zu verwenden, ist eher keine schriftstellerische Meisterleistung.

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