Musik im Blitzschach – CD (Carlsen und Dzagnidze) sind Weltmeister

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Der Bericht zur Blitz-WM 2017 in Riad erscheint umständehalber erst 2018 – das Geschehen aufbereiten dauert, und zu dieser Jahreszeit hat man auch andere Verpflichtungen. “Musik” bezieht sich neben dem kleinen Scherz zu CD auch auf die Turniere selbst – jeweils lagen nach dem ersten Tag Spieler vorne, die nach dem zweiten Tag teilweise gar keine Medaillen bekamen. Misstöne bzw. atonale Musik waren auch dabei. Zunächst wieder der Endstand in beiden Turnieren:

Offenes Turnier: Carlsen 16/21, Karjakin und Anand 14.5, Wang Hao, Aronian 14, Ding Liren, Petrosian, Yu Yangyi, Korobov, Mamedyarov, Svidler 13.5. Carlsen dominierte am Ende – wie das zustande kam dazu später natürlich mehr – aber nicht durchgehend.  Zu anderen Favoriten (top10 der Setzliste): Vachier-Lagrave und Grischuk waren Wertungsbeste von sieben mit 13/21, Nepomniachtchi und Artemiev 12.5/21, Ivanchuk nur 11/21.

Damenturnier: Dzagnidze 16.5/21, Gunina 16, Ju Wenjun und Lagno 14, Cramling, Tan Zhongyi, Kosteniuk, IM Abdumalik, WGM Kulon 13.5, usw. – alle “ohne Schachtitel” in beiden Listen sind GMs. Im offenen Turnier war der beste Nicht-GM FM Esipenko auf Platz 41 (er hat allerdings alle Voraussetzungen für den GM-Titel erfüllt), ansonsten IM oder weniger nur in der unteren Tabellenhälfte. Dzagnidze hatte durchgehend ein gutes Turnier, Gunina auch, dennoch standen beide am Ende des ersten Tages im Schatten einer anderen Spielerin.

Der übliche Hinweis: Fotos ab Turnierseite über Facebook. Und nun hinein ins Geschehen – “Runde für Runde” ist bei zweimal 21 Runden natürlich zuviel, stattdessen nur einige Momente, der erste bereits in Runde eins des offenen Turniers:

Carlsen-Inarkiev, später 0-1 1-0. Die Partie an sich durchaus interessant, dabei nicht allzu ungewöhnlich: 1.e4 c5 2.a3!? Sc6 3.b4 – derlei Blödsinn macht Carlsen mitunter. Ebenso nicht ungewöhnlich, dass Inarkiev später patzte – schliesslich spielte er gegen Carlsen, der oft von gegnerischen Fehlern profitiert. Dann allerdings:

Diskussionen mit dem Schiedsrichter, was war passiert? Die letzten Züge der Partie waren (schwarzer König auf b6, weisser König auf c2, beiderseits noch Sekunden auf der Uhr) 27.Txb7+ Se3+ 28.Kd3 und nun hielt Inarkiev die Uhr an und reklamierte in schlechter/verlorener Stellung den vollen Punkt! Er beging einen regelwidrigen Zug und war der Auffassung, dass Carlsens Antwort ebenfalls regelwidrig sei und dass der letzte regelwidrige Zug verliert wenn der Gegner reklamiert. Dieser Schiedsrichter gab Inarkiev recht, Carlsen protestierte beim Hauptschiedsrichter

– ein Grund, um Takis Nikolopoulos auch zu zeigen. Nikolopoulos überstimmte seinen Kollegen und entschied auf Weiterspielen – Inarkiev war dazu nicht bereit, Carlsen bekam den vollen Punkt. Dieser Vorfall wurde überall im Internet bereits besprochen und kommentiert, auch ein gewisser Garry Kasparov mischte sich ein und verurteilte Inarkiev scharf. Von mir dazu nur zwei Punkte: 1) Ich würde Inarkiev nicht unbedingt Absicht unterstellen. Es ist durchaus möglich, dass er die b-Linie zunächst gar nicht im Blickfeld hatte, dann allerdings beim Betätigen der Uhr rechts von ihm bemerkte. 2) Wie würde “die Schachwelt” reagieren, wenn statt Carlsen z.B. Svidler oder Harikrishna oder gar irgendein IM beteiligt war? Würde Kasparov sich dann ebenso aufregen? Durch die ganzen Diskussionen verzögerte sich die nächste Runde, das sollte später nochmals passieren.

Fressinet-Aronian 1/2 als eine von vielen Partien der ersten Runde, bei der der Favorit nicht gewann – acht von zehn Partien an den vordersten Brettern endeten Remis.

Damit spielte Peter Svidler, Nummer 9 der Setzliste, in der nächsten Runde bereits an Brett 2 (gegen Landsmann Demchenko) – denn zuvor war neben Carlsen-Inarkiev 1-0 nur Svidler-Zhigalko 1-0 ein “Elo-normales” Ergebnis an den vordersten Brettern. In Runde 2 dann wieder recht viele Remisen, wieder nicht am Spitzenbrett – Sjugirov-Carlsen 1-0! Der Norweger tappte in eine gegnerische Falle und verlor eine Figur. Er spielte zwar danach noch gut 30 Züge, aber es war hoffnungslos. Jeder der nicht Carlsen heisst würde danach nicht mehr am Spitzenbrett spielen, aber wie im Schnellturnier bestand das norwegische Fernsehen darauf, dass ihr Liebling – egal was er anstellt – Brett 1 behält. Es sollte viele Runden dauern, bis Carlsen zu Recht da wieder auftauchte.

In den nächsten Runden war die Welt für Carlsen zunächst in Ordnung: Kryvoruchko patzte gegen ihn, Anton Guijarro überzog und wurde ausgekontert. In Runde 5 patzte dann Carlsen gegen Akobian – aber der Amerikaner (einziger im offenen Turnier) verzichtete darauf, eine Figur bzw. eventuell die gegnerische Dame zu gewinnen und akzeptierte stattdessen eine schlechte Stellung die er dann verlor. Dann für Carlsen eine Reihe Remisen, oft stand er dabei schlecht bis verloren. Einmal gewann er noch, gegen Melkumyan. Einmal verlor er noch, die letzte Partie des ersten Tages gegen Yu Yangyi. Da hatte er im Schwerfigurenendspiel (Damen und Türme) das Nachsehen – Carlsens entblösster König war relevanter als seine nicht zu verwertende Bauernmehrheit am Damenflügel. Das musste der Norweger wohl nicht unbedingt verlieren, dennoch war es aus meiner Sicht ein logisches Ergebnis.

7/11 war nach Tag eins Platz 20 für Carlsen, wer machte es besser? Vor allem, wenn auch nicht nur zwei Spieler.

Svidler-Karjakin war zum Fotozeitpunkt bereits fast vorbei, nach 15 Zügen waren sie sich remiseinig. Das war allerdings für beide die Ausnahme am ersten Tag.

Warum interessierte sich das norwegische Fernsehen für Karjakin? Vielleicht ohnehin, vielleicht auch weil er nach dem ersten Tag vorne lag mit insgesamt 9/11. Erster Verfolger war Vachier-Lagrave mit 8.5/11, dahinter sechs Spieler mit 8/11, fünf mit 7.5/11 und erst dann u.a. Carlsen.

Ich berichte mal “durcheinander” und bespreche zuerst Tag eins des Damenturniers, der stand im Zeichen der Zahl 53 oder auch 54 – am Ende lag überraschend die 54-jährige Nummer 53 der Setzliste ganz vorne (im offenen Turnier verzichteten die 54-jährigen K&K, Kasparov und Krasenkow, und der 52-jährige Nigel Short spielte nicht oben mit). Gemeint ist Pia Cramling. Nummer 53 war knapp in der unteren Hälfte der Setzliste, also bekam sie bereits in Runde eins mit Valentina Gunina einen “Brocken”. Cramling überschritt in Gewinnstellung die Bedenkzeit, wobei sie zuvor im Schwerfigurenendspiel (Damen und Türme) auch mal auf Verlust stand.

Dadurch bekam Cramling zunächst elomässig unterlegene Gegnerinnen, diese Partien gewann sie. Dann wieder elobessere Gegnerinnen, aber nur Zhansaya Abdumalik konnte gegen die Schwedin Remis halten. Danach besiegte Cramling reihenweise bekannte Namen, u.a. Harika, Lagno, Dzagnidze und Kosteniuk – zu den Partien habe ich nur das Computerurteil überflogen, es war offenbar ziemlich souverän. Cramling hat natürlich auch einen bekannten Namen, aber a) hat sie wohl generell den Zenit ihrer Karriere überschritten, b) ist sie nach eigener Aussage eigentlich keine Blitzspielerin.

Das und mehr sagte sie im fälligen Interview. Stand nach dem ersten Tag: Cramling 9.5/11, Dzagnidze und Gunina 8.5, Lagno und Buksa 8, usw. . Aus deutscher Sicht: Marta Michna und Elisabeth Paehtz beide 7/11. Aus späterer Medaillensicht: Ju Wenjun mit 6.5/11 nur auf Platz 24 (drei Niederlagen gegen Atalik, Gunina und Mammadzada).

Drei Partien bespreche ich noch, eher weil ich dazu eben Fotos fand:

Javakishvili-Paehtz 0-1 war, milde ausgedrückt, turbulent. Weiss stellte im 18. Zug eine Figur ein und spielte dann nach dem Motto “durch Aufgeben wurde noch nie eine Partie gewonnen” bzw. dafür gibt es auch keinen halben Punkt. Auf dem Foto erkennbar: das Material reduzierte sich dann immer mehr, hier spielt Paehtz gerade 55.-Txa3 und Javakishvili bediente sich dann auf c7. Einen Bauern hat Paehtz noch, allerdings – und das konnte relevant werden – den falschen Randbauern zum Lb3, nach Turmtausch ist es eventuell remis. Javakishvili zögerte einen Zug zu lange, aber der Gewinnweg für Schwarz war auch danach “studienartig”. Dann verschwanden beide Bauern vom Brett – Endspiel Turm gegen Turm und Läufer! Dreimal stand Paehtz auf Gewinn, aller guten Dinge aus deutscher (bzw. schlechter als georgischer) Sicht waren drei, das dritte Mal gewann sie dann, nach insgesamt 104 Zügen. Ich habe da leicht reden/schreiben, da ich natürlich Engines befragte – die Spielerinnen mussten das mit Sekunden auf der Uhr beurteilen … .

Kosteniuk-Batsiashvili ebenfalls in Runde 5. Das fotografierte Endspiel ist trotz weissem Mehrbauer (auch auf c4 steht ein Bauer) wohl Remis, zuvor im Mittelspiel und auch später im Endspiel verpasste Kosteniuk den Sieg – taktische Motive mit viel und dann auch mit wenig Material.

Goryachkina-Gunina 0-1 war “Planet Gunina”: Über weite Strecken der Partie stand sie besser, kurz vor Schluss allerdings auf Verlust – aber statt zum Tablebase-gewonnenen Turmendspiel abzuwickeln verdaddelte Goryachkina eine Figur. Diese drei Partien (und wohl auch andere) als Beispiele dafür, was a) bei reduziertem Material b) im Blitzschach alles passieren kann. Dazu passt übrigens auch das deutsch-deutsche Duell Michna-Paehtz 0-1 1/2 in Runde 11. Die Schlusstellung (Weiss Ka2, Ta8, Schwarz Kb5, Tf3) verrät nicht mehr, was zuvor alles geschah – Engines sagen, dass Schwarz 40-100 Mehrbauern hatte, trotzdem wurde es remis.

Der erste Tag der deutschen Damen kurz zusammengefasst: Paehtz verlor zu Beginn gegen eine gewisse Subbaraman Vijayalakshmi (aus Indien, Nummer 59 der Setzliste). Frau Vijayalakshmi konnte dann noch Almira Skripchenko ein Remis abknöpfen, verlor gegen Goryachkina, Stefanova, Ushenina und später noch Harika – bei so vielen bekannten Gegnerinnen hat sich die Reise nach Riad gelohnt!? Am zweiten Tag bekam sie dann gleichwertige bis schwächere Gegnerinnen, zurück zu Elisabeth Paehtz: Sie konnte sich danach wieder an die vorderen Bretter durcharbeiten, gegen starke Gegnerinnen (Goryachkina und Bodnaruk) verlor sie wieder.

Marta Michna begann durch ihren Platz in der Setzliste weiter unten und spielte später auch an den ersten zehn Brettern – auf der Habenseite Siege gegen Kosteniuk, Harika und Batsiashvili, Niederlagen gegen Ju Wenjun und Lagno wohl einkalkuliert. Der Sieg gegen Kosteniuk dabei relativ souverän-verdient – dass Michna ein vierzügiges Matt zugunsten eines total gewonnenen Endspiels verschmähte, darüber meckern nur Computer. Den Sieg gegen Harika kann man als glücklich bezeichnen: die Inderin verkombinierte sich im 15. Zug – kein Vorwurf an Michna, dass sie davon profitierte. Gegen Batsiashvili war ein Mehrbauer im Endspiel nicht unbedingt gewinnträchtig – bis Michna nach 99 Zügen zwei Mehrbauern hatte und nach 100 Zügen auch einen Mehrturm. Sarah Hoolt will ich nicht komplett ignorieren, aber sie war am ersten Tag nie vorne dabei (am zweiten Tag auch nicht).

Zu Tag eins noch ein paar atmosphärische Fotos:

Sheikh muss sein, schliesslich sind wir in Saudi-Arabien.

Damen auch draussen ohne Kopfbedeckung, immerhin bleiben sie unter sich und halten Abstand zu Männern.

Viktor Lazicka anderweitig beschäftigt – auch wenn man das Foto vergrössert ist nicht sichtbar, ob das ein Schachbuch ist oder ein Lehrbuch der Betriebswirtschaftslehre (was er offenbar in Prag studiert).

Zwei Sofa-Szenen. Breaking news: Harika hat Kasimdzhanov geheiratet, sonst dürfte sie doch in Riad nicht mit ihm quatschen?! Spass beiseite, das ganze Gerede zu Frauenrechten hat offenbar wenig mit der Realität (des Turniers) zu tun … .

Anastasia Karlovich fragt brav, ob sie fotografieren darf. Die gähnende Dame im Hintergrund hat sich bei mir nicht vorgestellt.

Tag zwei kann man im offenen Turnier so zusammenfassen: AwlzC – Alle waren lieb zu Carlsen. Andere Quellen entschieden sich für das kürzere ACH – Ave Carlsen Halleluja.

Grischuk-Carlsen 0-1 lief nach Wunsch für den Norweger. Grischuk zerstörte seine Bauernstruktur und verpasste dann die Chance, mit Grundreihentricks ein ausgeglichenes Endspiel zu erreichen – das kann man zwar (wie andere Carlsen-Gegner bewiesen) immer noch vergeigen, aber so trivial wie in der Partie wäre es nicht. Nach 25 Zügen eine gute und eine schlechte Nachricht für den Russen. Die gute: er war seine hässlichen verdoppelten c-Bauern los. Die schlechte: Schwarz hatte zwei Mehrbauern. Spätestens ab hier triumphierte Carlsens reaktiv-opportunistisches Schach.

Dann vergeigte Harikrishna ein ausgeglichenes Endspiel – das Carlsen auch keinesfalls perfekt behandelte, aber der Inder machte genug Fehler. Noch bunter trieb es Mamedyarov, der im Schwerfigurenendspiel durch einen Anfängerfehler seine Dame einstellte. Im weiteren Verlauf lobte Livekommentator Miroshnichenko mehrfach Carlsen für diesen Sieg aus total ausgeglichen-vereinfachter Stellung – wie gesagt, ach man kann den zweiten Tag auch mit Ave Carlsen Halleluja beschreiben.

Karjakin und Vachier-Lagrave remisierten währenddessen, teils ausgekämpft teils nicht – Carlsen so gleichauf mit MVL (sowie Ding Liren und Nepomniachtchi) und noch einen halben Punkt hinter Karjakin.

Wang Hao bettelte mit 5.Te1 gegen Karjakins Berliner um ein Remis und bekam sein Remis.

Für Carlsen-Karjakin 1-0 musste der Norweger tatsächlich ein bisschen was selbst zeigen. In einem Anti-Berliner baute er eine Figuren-Drohkulisse am Königsflügel auf – objektiv wohl nicht allzu gefährlich, eher psychologisch. Nach 21.-Lf7 wäre wenig los, 21.-Df7? war falsch und das “Gegenspiel” mit 22.-Sb4 funktionierte gar nicht. Karjakins Bedenkzeit war da bereits sehr knapp, zu Carlsens Strategie gehörte auch, schnell zu spielen. Carlsen übernahm so die alleinige Führung im Turnier, da Ding Liren eine Gewinnstellung gegen Nepomniachtchi nicht gewinnen konnte – auch an anderen Brettern lief es oft nach Wunsch für den Norweger.

Dann bekam er wieder Weiss gegen MVL, aber diesmal erreichte er aus der Eröffnung rein gar nichts, der Franzose machte keinen Fehler, also remis. Das war für MVL das siebte Remis nacheinander, was er dem norwegischen Fernsehen gegenüber als zu viel oder zu wenig bezeichnete. Tatsächlich spielte er ab hier nicht mehr Remis, aber 2/5 (+2-3) war auch nicht besser als 3.5/7 (=7). Karjakin gewann ein Endspiel gegen Korobov – auch nicht perfekt behandelt, aber insgesamt war eher die Frage, ob sein Vorteil zum Sieg reicht oder nicht – und war wieder punktgleich mit Carlsen. Ebenfalls 11.5/16 hatte überraschenderweise Tigran Petrosian nach Schwarzsieg gegen Ding Liren (zuvor am zweiten Tag auch Siege gegen Le Quang Liem und Leko).

Petrosian-Carlsen 0-1 war wieder kein Selbstläufer für den späteren Blitzweltmeister – Petrosians Figurenopfer für drei Bauern war mutig aber wohl doch nicht ganz korrekt. Karjakin konnte durch einen glatten Sieg gegen Mamedyarov mithalten. Auch dahinter Sieger und Verlierer: MVL-Artemiev 1-0, Grischuk-Ding Liren 0-1.

Ding Liren – Carlsen 0-1 – unglaublich, wie der Chinese es schaffte, ein ausgeglichenes Damenendspiel zu verlieren (alternative Version für Carlsen-Fans: Ave Carlsen Halleluja!). Anand wählte gegen Karjakins Berliner 5.Te1, also remis. MVL spielte wieder nicht remis, aber remis wäre besser gewesen als eine glatte Niederlage gegen Petrosian. Wieder ein halber Punkt Vorsprung für Carlsen.

Carlsen-Artemiev 1-0 – erst versäumte der Russe, Carlsen für einen groben taktischen Bock zu bestrafen, dann verlor er selbst den Faden. Voller Punkt Vorsprung für Carlsen da Karjakin und Yu Yangyi remisierten, womit Karjakin allerdings gut bedient war – fast alles lief nach Wunsch für Carlsen, aber nicht komplett alles. In dieser Runde auch MVL-Aronian 0-1 – Schwarz bekam tief im Endspiel Oberwasser und schliesslich ein Endspiel mit Turm, Läufer und falschem Randbauern gegen Turm. Technisch gewonnen war es, aber nicht trivial. Aronian verlor seinen Bauern – immer noch kein Problem, denn diese Version von Turm und Läufer gegen Turm war gewonnen. Dann allerdings nicht mehr, und dann doch wieder – 0-1 nach insgesamt 126 Zügen.

Und auch das noch: ein Vorfall bei Grischuk-Mamedyarov an Brett 7 (die Mitfavoriten also ohne Medaillenchancen). In Verluststellung reklamierte Grischuk dreimalige Stellungswiederholung, der Schiedsrichter sagte “nein, weiterspielen” und Mamedyarov gewann. Später stellte sich heraus, dass Grischuk zu Recht reklamierte, und aus 0-1 wurde 1/2. Das gefiel Mamedyarov nicht, der sich auf den Standpunkt stellte “ich habe gewonnen, das hatte Grischuk akzeptiert” – sein Protest wurde abgelehnt, aber dadurch verzögerte sich der Beginn der nächsten Runde erheblich.

Noch Runde 20 von 21 und dann erst wieder zum Damenturnier. Carlsen-Korobov 1-0 – Schwarz vergeigte ein Remisendspiel, na klar doch bzw. Ave Carlsen Halleluja. Und wieder bekam Carlsen Schützenhilfe von Aronian, der nach schwachem erstem Tag aufdrehte: Aronian-Karjakin 1-0. Im Turmendspiel hatte Weiss zunächst nur einen “halben” Mehrbauern, einer der beiden verdoppelten f-Bauern – aber das reichte zum Sieg, ohne dass Karjakin einen offensichtlichen Fehler machte. Stand vor der letzten Runde: Carlsen 15.5/20, Karjakin, Wang Hao, Anand, Aronian 13.5, MVL, Ding Liren, Yu Yangyi, Petrosian, Svidler, Grischuk 13 – Carlsen war also bereits durch, der Kampf um die anderen Medaillen total offen.

Was geschah zwischenzeitlich bei den Damen?

Buksa-Cramling 0-1 in Runde 12 nach vernichtendem schwarzem Königsangriff. Noch lief es für die Schwedin, während die Ukrainerin nach 8/11 am ersten Tag noch 3.5/10 erzielte – allerdings spielte da “Schweizer Gambit” eine gewisse Rolle: ganz zu Anfang erzielte Buksa nur 1.5/4, so bekam sie vor allem am zweiten Tag starke Gegnerinnen.

Gunina-Lei Tingjie 1-0 war ein schwarzer Moment für die Schwarzspielerin mit schwarzen Haaren, nach 16 Zügen war Schluss – am Ende 15.-Dxc5 16.Dd8# aber Schwarz stand ohnehin bereits total verloren. Dzagnidze gewann ebenfalls gegen Mammadzada und sollte am zweiten Tag fast durchgehend punkten – Ausnahme eine Niederlage gegen Zhansaya Abdumalik. Gunina dagegen mit zunächst durchwachsenem Turnier, Cramling konnte das Anfangstempo nicht durchhalten.

In Runde 13 Cramling – Tan Zhongyi 0-1: Weiss stand aus der Eröffnung heraus schlechter, Schwarz kam zu einer vorteilhaften Abtauschkombination. Dann spielte die Chinesin suboptimal, es war wieder ausgeglichen. Dann verlor Cramling den Faden – so konnte Dzagnidze (Schwarzsieg gegen Bodnaruk) sie einholen. Gunina allerdings nicht, sie verlor gegen eine gewisse Marta Michna! Dabei stand sie über weite Strecken der Partie zumindest besser, zum Schluss (der Vorteil war bereits dahin) 44.-Sd3?? 45.Le4+ und Gunina gab auf, ohne 46.Lxd3 abzuwarten.

Auch nun hier das Restturnier von Michna und Paehtz (zu Hoolt siehe oben). Michna bekam bis zum Schluss starke Gegnerinnen, auf der Habenseite dabei noch Remis gegen Goryachkina und Lei Tingjie – Niederlagen u.a. gegen Cramling, Dzagnidze und Ushenina. Gegen Cramling hat Michna sich verkombiniert – vermutlich dachte sie, dass die gegnerische Dame nach 13.-Sd4??! 14.DxLb7 in der Falle sitzt, dem war nicht so. Gegen Dzagnidze Chaos mit dem besseren Ende für Georgien, zwischendurch war Deutschland (oder Polen?) immer mal wieder doch nicht mehr verloren. Gegen Goryachkina war weniger drin als Remis, gegen Lei Tingjie dafür mehr. Ich streife das alles nur, interessierte Leser(innen) können sich die Partien selbst anschauen.

Paehtz, wie auch Lagno, vor ihrer Partie zu Beginn des zweiten Tages gut gelaunt. Dann verlor Paehtz diese Partie (einkalkuliert?) und dann auch gegen Elvira Berend (nicht einkalkuliert?). Jeweils war es vom Partieverlauf her unnötig, entscheidend zweimal eine von Paehtz übersehene Springergabel. So bekam Paehtz danach Gegnerinnen im Bereich 34-83 der Setzliste, am Ende war sie nach Punkten doch beste deutsche Teilnehmerin (siehe Schlussrunde).

Zurück zu den vordersten Brettern und den Medaillenkandidatinnen. Cramlings Sieg mit freundlicher gegnerischer Hilfe gegen Michna ist bereits erwähnt. Ein Sieg gegen Lei Tingjie (plötzlich bekam sie da entscheidend Oberwasser) sollte noch folgen, ansonsten nur noch zwei Remisen. Das war dann am Ende Platz fünf – mehr als vor dem Turnier “realistisch”, weniger als während dem Turnier möglich. Dzagnidze punktete fast durchgehend – Ausnahmen vor der Schlussrunde nur ein Remis gegen Kosteniuk und eine Niederlage gegen Abdumalik. Das war dann Gold. Gunina erzielte am Ende (einschliesslich letzte Runde) 5/5 und das war Silber. Ju Wenjuns zweiter Tag war dreigeteilt: drei Siege, Niederlage und dreimal Remis und dann wieder drei Siege.

Stand vor der letzten Runde: Dzagnidze 16/20, Gunina 15, Lagno 14, Tan Zhongyi und Cramling 13.5, Ju Wenjun und Ushenina 13. Gold und Silber war bereits relativ klar, Bronze noch offen und es sollte nach Wunsch laufen für Ju Wenjun (nicht nur in ihrer eigenen Partie).

Die letzte Runde verzögerte sich ebenfalls – laut Livekommentar, da ein Vertreter des saudischen Schachverbands, der den zeremoniellen ersten Zug ausführen sollte, sich verspätete, laut anderen Quellen gab es immer noch Diskussionen zu Grischuk-Mamedyarov aus Runde 19 von 21. Im Video Unterhaltungen der Spieler(innen) an den jeweiligen Spitzenbrettern Aronian-Carlsen und Dzagnidze-Danielian – worum es da ging, da kann man spekulieren. Dann viel Gequatsche generell, viele standen wieder auf und unterhielten sich mit anderen. Und irgendwann doch “please take your seats!”

An den Spitzenbrettern dann klare Verhältnisse: Aronian-Carlsen Remis in 12 Zügen, Dzagnidze-Danielian Remis in 13 Zügen – leicht asynchron da unabhängig voneinander oder da eine(r) sich verzählte? Aronian konnte mit einem Sieg eventuell noch eine Medaille gewinnen, bei einer Niederlage allerdings auch noch recht viel Preisgeld verspielen. Für Danielian (weit hochgelost, da Dzagnidze gegen die vor der Armenierin plazierten bereits gespielt hatte) ging es um wenig.

Drama allerdings an den nächsten Brettern in beiden Turnieren, ich beginne bei den Herren: Grischuk-Karjakin 0-1 – wie im Schnellturnier (Sieg gegen Carlsen, Niederlage gegen Anand) wurde Grischuk medaillen-relevant ohne selbst eine zu bekommen. Diesmal hatte es ja mit einer dummen Niederlage gegen Carlsen zu Beginn des zweiten Tages begonnen, nun verwandelte er gegen Karjakin eine Gewinnstellung kurzzügig in eine klar verlorene Stellung. Nach Angriffswirbel hat er, statt den Sack zu zu machen, einen Turm eingestellt!?

Yu Yangyi – Wang Hao 1/2 – Remis unter Landsleuten, na klar doch!?! Eher nicht, Wang Hao stand über weite Strecken der Partie klar besser bis gewonnen, nutzte seine Chancen nicht und begnügte sich dann – Engines haben immer noch viel lieber Schwarz – bei sehr knapper Bedenkzeit mit Dauerschach. So teilte er Platz vier mit Aronian, da die nächste Partie das aus chinesischer (nicht aus gesamt-asiatischer) Sicht falsche Ergebnis hatte:

MVL-Anand 0-1 am Ende überraschend: Um den 30. Zug herum stand Anand klar besser (Engine-Vorschläge untersuche ich mal nicht), aber dann war sein Vorteil dahin und der Franzose wollte wohl auf Gewinn spielen – stellungsgemäss war es allerdings nicht: 50.Ke3?? Td3+ kostete eine Figur, die Partie und (genau habe ich es nicht ausgerechnet) Preisgeld in fünfstelliger Höhe.

Im offenen Turnier also zwei medaillenrelevante Schwarzsiege (Wang Hao verpasste den dritten), und auch im Damenturnier war Schwarz an den vorderen Brettern mehr als OK – das galt am Spitzenbrett (Dzagnidze reichte ein Schwarzremis) und dahinter erst recht: an Brett 2-7 erzielte Schwarz 6/6, mehr geht nicht. Ushenina-Gunina 0-1 – nanana … . Weiss stand zumindest klar besser und hat dann eine Figur eingestellt. Lagno – Ju Wenjun 0-1 war dagegen recht souverän. Damit hatte Ju Wenjun insgesamt 14 Punkte, die Weisspielerinnen an den nächsten Brettern hatten zuvor 13.5 Punkte – der mitdenkende Leser weiss, dass es dabei blieb.

Tan Zhongyi – Kulon 0-1 war ebenfalls recht glatt, Cramling-Zhukova 0-1 ein Ende in Moll für die Schwedin. Schwarz hatte im Schwerfigurenendspiel (Damen und Türme) einen bedingt relevanten Mehrbauern, die Entscheidung dann plötzlich “nach der Zeitkontrolle”: 41.Dc2?? war zwar logisch (greift den schwarzen Bauern auf c6 an) aber nur etwa siebzehnte Wahl von Stockfish: 41.-d4! deckt diesen Bauern und gibt Schwarz einen unblockierten Freibauern (wichtiges “Detail” 42.exd4?? Te1+ nebst Matt). “Nach der Zeitkontrolle” ist natürlich Blödsinn – im Blitz gibt es keine Zeitkontrolle, Cramlings Bedenkzeit war und blieb im Sekundenbereich.

Brett 6 Padmini-Kosteniuk 0-1 war nicht mehr medaillenrelevant; zwei weitere Schwarzsiege entschieden, wer am Ende beste Deutsche war. Michna-Abdumalik 0-1 im Damenendspiel, aus weisser Sicht unnötig. Guo Xi – Paehtz 0-1 war eine recht klare Angelegenheit. Damit hatte Paehtz 12.5/20, TPR 2409 und Michna 12/20, TPR 2462 – auch Buchholz klar zu Gunsten von Michna, aber erster “Tiebreak” sind nun einmal erzielte Punkte. Eher der Vollständigkeit halber: Sarah Hoolt 10/20, TPR 2239 und damit klar im Elosoll.

Was bleibt sind Bilder – Galerien separat, hier noch eine Reihe (direkt von der Turnierseite) von den Siegerehrungen für Schnell- und Blitzschach:

Schnellschach-Weltmeister Vishy Anand

Silber für Fedoseev (rechts), Bronze für Nepomniachtchi (links). Im Blitzturnier dann Platz 21 für Nepo und Platz 33 für Fedo (dessen Namen man nicht unbedingt abkürzen muss) – da war er Nummer 62 der Setzliste und gewann fast passend 63 Elopunkte hinzu.

Im Schnellschach der Damen Bronze für Elisabeth Paehtz

Gold für Ju Wenjun

Silber für (rechts) Lei Tingjie

Carlsen und Karjakin, letztes Jahr noch vertauschte Blitz-Medaillen (Gold nach Tiebreak für Karjakin, Silber für Carlsen) und daher auch vertauschtes Lächeln

Auf diesem Foto hinter den Offiziellen (Makropoulos und Sheikhs) nicht drei sondern vier “klassische” Personen: ein Weltmeister, ein Ex-Weltmeister und zwei Vize-Weltmeister. Ob der vorvorletzte klassische Vize-Weltmeister Boris Gelfand bei der WM im Schnell- und Blitzschach 2018, offenbar wieder in Riad, dabei ist, wird sich herausstellen: dieses Jahr hatte er weder Interesse noch hätte er ein Visum bekommen. Nun hat FIDE vorgeschlagen, dass bei der WM 2018 (“King Salman Peace & Friendship Rapid/Blitz World Championship”) absolut alle willkommen sind, auch Israelis – sofern sie wollen aber das ist dann deren Entscheidung.

Nana Dzagnidze hat hier vielleicht noch nicht realisiert, dass sie Blitz-Weltmeisterin ist.

Nun hat sie es kapiert, oder wirkte Guninas Lächeln ansteckend?

Auch auf Landsmann Karjakin? Die vier russischen Medaillengewinner(innen) zusammen fotografiert.

Und auch die vier Sieger(innen) der vier Turniere – Makropoulos und der Sheikh stehen falsch dazwischen, ansonsten links Asien und rechts Europa.

TurnierseiteResultate und Tabelle Blitz

 

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7 thoughts on “Musik im Blitzschach – CD (Carlsen und Dzagnidze) sind Weltmeister

  1. “Eine korrekte gegnerische Reklamation wäre nicht “Zeit!” rufen, sondern Uhr anhalten.” – Stimmt, aber viell. sollte er trotzdem “Zeit/-überschreitung” sagen, nicht das der andere auf den Gedanken kommt, Uhr abstellen = Aufgabe.

    “eventuell auch, wenn man direkt nach gegnerischer Reklamation _einzügig_ mattsetzen kann??” – Das glaube ich eher nicht.

    “Ähnlich problematisch ist auch, wann genau ein Spieler bei Gewinnstellung auf dem Brett und kritischer Lage auf der Uhr den letzten gegnerischen Bauern geschlagen hat – vor, während oder direkt nachdem er die Bedenkzeit überschreitet??” – Das ist doch kein Sonderfall, oder? – das sollten die Fide-Regeln doch genauso abdecken.?

    “Mein König stand im Schach, ich berührte (mit Zugabsicht) eine Figur mit der ich das Schachgebot nicht parieren konnte (sonst wäre Ld4+ De5 natürlich erzwungen) und bemerkte das sofort. Mein Standpunkt: man kann mich nicht zu einem regelwidrigen Zug zwingen.” – Sehe ich genauso, solange die Uhr nicht gedrückt ist, kann man dann einen anderen regulären Zug machen.

  2. Soweit ich mich erinnere: Ich spielte Td2-d8# (oder ähnlich) und drückte dann die Uhr (ohne Matt zu reklamieren, das muss man ja nicht). Total unklar wann mein Blättchen fiel – mit meiner Hand auf dem Weg nach d2, mit Turm und Hand über dem Feld d5 oder mit der Hand auf dem Weg von d8 zur Uhr. Eine korrekte gegnerische Reklamation wäre nicht “Zeit!” rufen, sondern Uhr anhalten. Wenn (ja wenn) die Partie auf Video gefilmt wird, kann man hinterher – in Zeitlupe – rekonstruieren was im Zehntelsekunden-Bereich wann genau geschah. Wenn ein Schiedsrichter direkt daneben steht braucht er unmenschlich perfekte Augen um das zu entscheiden – zwei perfekt synchronisierte, eines für die Lage auf dem Brett und eines für die Situation auf der Uhr. Er stand aber nicht direkt daneben sondern irgendwo im Raum – schliesslich war er für zig Partien in mehreren Finalgruppen zuständig und hatte auch keinen Überblick welche (immer noch mehrere) preisgeldrelevant sind.

    Titelträger (einer sprach mich ein Jahr später beim selben Turnier darauf an) stellten sich auf den Standpunkt, dass Matt die Partie siegreich beendet – eventuell auch, wenn man direkt nach gegnerischer Reklamation _einzügig_ mattsetzen kann?? Ich spielte im C- oder D-Finale, wie Schiedsrichter im A-Finale (mit GMs und vierstelligem Preisgeld) entschieden hätten, gute Frage nächste Frage … . Ähnlich problematisch ist auch, wann genau ein Spieler bei Gewinnstellung auf dem Brett und kritischer Lage auf der Uhr den letzten gegnerischen Bauern geschlagen hat – vor, während oder direkt nachdem er die Bedenkzeit überschreitet?? Remis ist es, wenn ein Spieler kein Mattpotential hat – intuitiv würde ich sagen, dass mattgesetzter eigener König vorhandenes Mattpotential auch zerstört!?

    Wenn ich schon dabei bin: Vor vielen Jahren hatte ich mal einen anderen Blitz-Streitfall. Mein König stand im Schach, ich berührte (mit Zugabsicht) eine Figur mit der ich das Schachgebot nicht parieren konnte (sonst wäre Ld4+ De5 natürlich erzwungen) und bemerkte das sofort. Mein Standpunkt: man kann mich nicht zu einem regelwidrigen Zug zwingen. Gegnerischer Standpunkt: ich habe gewonnen! Der Schiedsrichter teilte die Meinung meines Gegners. Da war ich preisgeldmässig im Niemandsland und prinzipiell eher aufgrund eines Vorfalls vor der Partie: In der Runde zuvor spielte ich ausgekämpft remis, mein (mir total unbekannter) Gegner begrüsste mich dann mit “ich verspreche Ihnen, dass wir NICHT remis spielen!”. Psychologische Spielchen unter Amateuren, aus meiner Sicht total unangebracht und überflüssig.

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