DVM in Verden an der Aller

Deutsche Vereinsmeisterschaft Schachfreunde Essen-Katernberg U14 Team – Ein Beitrag von Bernd Rosen

Das Jahresende führte unsere U14 nach Verden an der Aller, wo die Deutsche Jugendvereinsmeisterschaft stattfand. Nach zum Teil tollen Partien landete die Mannschaft am Ende auf dem 12. Platz, was ziemlich exakt dem Startrang entsprach. Wie bei einem solchen Turnier üblich, passierten auch einige Betriebsunfälle, durch die schon sicher geglaubte Punkte noch verloren gingen. Für unser junges Team, das in gleicher Besetzung auch im nächsten Jahr hier mitspielen darf, wenn die erneute Qualifikation gelingt, war es auf jeden Fall eine lehrreiche und motivierende Erfahrung.

“Verden an der Aller? Da hat doch Karl der Große die Christianisierung Europas entscheidend vorangebracht, indem er allen Sachsen, die sich nicht zum wahren Glauben (und seiner Herrschaft) bekannten, die Köpfe abschlug!” In der Tat informiert Wikipedia, dass hier im Jahre 782 4500 Bewohner hingerichtet wurden. Diese Methode, die Diskussion um den wahren Glauben endgültig zu entscheiden, wird heute nur noch durch den IS praktiziert und zu Recht weithin verdammt, es irritiert aber doch ein wenig, dass bis heute “verdiente Europäer” mit dem Karlspreis ausgezeichnet werden. Diese Gedanken bewegten mich bei einem kleinen Stadtrundgang, mit dem ich am dritten Tag der Meisterschaft dem Lagerkoller vorbeugen wollte:

Rundgang durch Verden

WaldfriedhofBesamungsstelleUnweit der Jugendherberge stößt man zuerst auf den Waldfriedhof, einige Schritte weiter dann auf einen modernen Zweckbau, der sich bei näherem Hinsehen als genaues Gegenteil entpuppt:

 

 

 

 

 

 

BesamungsstelleStraßenschildIch persönlich hab’s ja lieber etwas gemütlicher – wie gut, dass ich (meistens) kein Rindvieh bin… Wiederum einige Schritte weiter der Beleg, dass das Militärische hier bis heute seinen Reiz noch nicht verloren hat.

 

 

 

FußgängerunterführungTransparentWenig später dann zwei Beispiele, dass Verden auch eine andere Seite hat: Eine Geschwindigkeitsmessung für Radfahrer und Fußgänger habe ich noch nirgendwo sonst gesehen. Das rechts abgebildete Transparent hing am Hof einer Schule – schlimm genug, dass es in unseren Zeiten schon wieder Courage benötigt, um gegen Rassismus einzutreten.

 

 

 

HinweisschildTransparentDer eigentliche Stadtkern zeigt ein nettes kleines Städtchen mit vielen alten Fachwerkhäusern. Manche Probleme sind, wie diese beiden Fotos zeigen, offensichtlich überall gleich.

 

 

 

 

RathausDomLinks sehen wir das Rathaus, einen Barockbau aus dem 18. Jahrhundert, direkt dahinter den Turm der St. Johanniskirche aus dem Jahre 1150. Rechts der Dom aus dem 13. bis 15. Jahrhundert.

 

 

 

 

 

 

 

AllerGalopprennbahnSchließlich stoßen wir hinter dem Stadtkern auch auf die Aller, die wenige Kilometer weiter in die Weser mündet. Auf dem Rückweg passieren wir noch die Galopprennbahn, und dann sind wir wieder in der Jugendherberge und können uns endlich dem Geschehen an den Brettern zuwenden:

 

 

 

1. Runde: SFK – Halle 0:4

Diagramm

Der Reideburger SV 90 Halle liegt zwar in Sachsen-Anhalt, und von Essen ist es noch ein gutes Stück bis zur alten Kaiserstadt Aachen, aber das Ergebnis liest sich dennoch fast wie eine späte Rache für Karls Freveltat von 782. Allerdings war Halle im Turnier an 2 gesetzt und hatte vier Spieler mit über 1900 DWZ in seinen Reihen. Gegen uns wurde Brett 1 geschont, aber auch der Ersatzspieler hatte noch eine deutlich bessere DWZ als unser Luca. So geht das Ergebnis insgesamt schon in Ordnung, fiel aber deutlich zu hoch aus:

  • Jonas an Brett 1 erreicht mit seinem Sizilianer eine klar bessere Stellung mit deutlichem Zeitvorteil. Anstatt dem Gegner in der Diagrammstellung einfach den ungedeckten c-Bauern wegzunehmen zieht er freiwillig den Turm von f7 weg, was einen heftigen Opferangriff (mit Sd5! und anschließendem Sf5!) zur Folge hat. Nachdem er hier nicht die beste Verteidigung findet, landet er in einem verlorenen Endspiel.
  • Noel hat kein Rezept gegen die moderne Verteidigung und geht an seinen selbst produzierten Bauernschwächen sowie seiner hochgradigen Zeitnot zugrunde. Eine klare Niederlage.
  • Isabel erreicht mit der Fort-Knox-Variante ein Endspiel mit Minusbauer, indem sie dank eines hervorragend platzierten Blockadespringers jedoch gute Remischancen hat. Zunächst verteidigt sie sich hervorragend, indem sie mit ihrem Turm die einzige offene Linie besetzt und danach sogar die zweite Reihe erreicht. Als ich schon von mehr als nur einem Remis in dieser Partie zu träumen beginne, zieht sie plötzlich frewillig den Turm zurück anstatt den gegnerischen König zurückzudrängen, überlässt auch die offene Linie dem Gegner, der sich nicht zweimal bitten lässt und dank seines Turms auf b7 mühelos den Punkt einfährt. Bitter!
  • Luca erreicht aus der Eröffnung heraus in wenigen Zügen eine überlegene Stellung mit dem idealen Bauernzentrum e4/d4. Mehrfach lässt er einen möglichen Bauerngewinn aus, verpasst dabei sogar einen schwwer abzuwehrenden Angriff gegen f7. Stattdessen stellt er bei erster Gelegenheit einzügig die Qualität ein und bleibt danach chancenlos. Noch bitterer!

2. Runde: Aurich – SFK 1,5:2,5

Diagramm

Gegen den Ausrichter SC Aurich sind wir nominell vor allem an 3 und 4 klar favorisiert. Dennoch reicht es nurr zu einem knappen Zittersieg, wodurch wir den ersten Tag mit ausgeglichenem Punktekonto abschließen:

  • Jonas spielt eine tolle Partie und lässt seiner nominell etwa gleichstarken Gegnerin keine Chance. In einem Sizilianer verhindert er mit Sd6+ die schwarze Rochade und nutzt danach die schlechte Königsstellung unerbittlich zum Materialgewinn.
  • Noel begibt sich in einem Abtausch-Franzosen freiwillig in eine passive Stellung, verbraucht erneut unnötig viel Zeit und wird schließlich nach allen Regeln der Kunst auseinender genommen.
  • Isabel spielt ebenfalls viel zu zögerlich und langsam. Folgerichtig gerät sie unter Druck, verteidigt sich nach Bauernverlust aber aktiv und präzise, so dass sie letztlich ein sicheres Remis erreicht.
  • Luca gewinnt in einem Drachen mit einem hübschen taktischen Trick eine Figur (siehe Diagramm): Nach Df4+ hilft auch die Verteidigung mit Dd2 nicht, weil nach Txd4 die weiße Dame gefesselt ist. Den Materialvorteil nutzt Luca sicher zum Partiegewinn.

3. Runde: SFK – Hamburger SK 2:2

Diagramm

Im nachhinein unser herausragendes Ergebnis bei dieser Meisterschaft: Hamburg zählt zu den Favoriten in diesem Turnier und ist an allen Brettern nominell deutlich besser besetzt. Wir liefern trotzdem an allen Brettern einen offenen Kampf:

  • Jonas verschafft sich in einem Königsinder mit einem Qualitätsopfer sehr gute praktische Chancen, verliert den offenen Schlagabtausch am Ende aber doch.
  • Luca erliegt in der Eröffnung dem Wunschdenken und verliert einen Bauern ohne wirkliche Kompensation. Sein La3 hindert den schwarzen König zwar an der Rochade, aber ohne Damen und offene Linie ist das für Schwarz eigentlich ungefährlich. Doch sein Gegner möchte das Problem des eingeklemmten Th8 zu radikal lösen und stellt mit dem schrecklicchen Zug Ke8-d7 praktisch die Partie ein. Nach der offensichtlichen Antwort Sf3-e5+ muss der König reumütig nach e8 zurück, der Se5 verspeist den schwarzen Mehrbauern auf c4 und gelangt von dort aus entscheidend nach d6.
  • Isabel hat in einem Damengambit mit den schwarzen Steinen immer locker Ausgleich, verbraucht aber zu viel Zeit. Das wird ihr zum Verhängnis, sie lotst einen Läufer nach a3, wo er wenig später verloren geht.
  • Noel erreicht zunächst ein gutes Turmendspiel und gewinnt das anschließende Bauernendspiel, nachdem der Gegner eine Rettungschance auslässt. In der Diagrammstellung hätte Schwarz mit f5-f4+ einen halben Punkt retten können!

4. Runde: Biberach – SFK 1:3

Diagramm

Den 2. Turniertag beschließen wir mit positivem Punktekonto nach einem insgesamt recht glücklichen Sieg gegen Biberach, wo wir wieder an den Brettern 3 und 4 klare DWZ-Vorteile aufweisen:

  • Jonas misshandelt die Eröffnung und landet in einer total verlorenen Stellung mit zwei Türmen gegen Turm und zwei Läufer. Doch sein Gegner vernachlässigt in dem Bestreben, möglichst schnell Matt zu setzen, seine Deckung und lässt ein Dauerschach zu.
  • Isabel spielt ihre beste Partie im Turnier, und ausgerechnet die fehlt in der Datei, die von der DSJ zum Download zur Verfügung gestellt wird. Daher hier wenigstens ein Diagramm des entscheidenden Moments, in dem sie mit dem thematischen Zug d4-d5 die Stellung öffnet und anschließend den in der Mitte verbliebenen Ke8 zur Strecke bringt.
  • Luca gewinnt in der Eröffnung einen Bauern und damit am Ende auch die Partie, nachdem sein Gegner mehrmals taktische Schläge ausgelassen hat, mit denen er mindestens das materielle Gleichgewicht hätte herstellen können.
  • Schließlich rettet sich auch Noel, der einmal mehr extrem viel Zeit verbraucht und schon nach 20 Zügen vom Inkrement lebt, ins Remis.

5. Runde: SFK – Biebertal 1:3

Diagramm

In diesem Kampf zeigt uns Caissa die kalte Schulter, am Ende steht eine Niederlage in der Tabelle, die nach dem Kampfverlauf absolut unnötig war:

  • Luca hat die Variante vergessen und gerät schon in der Eröffnung mit den weißen Steinen ausf Abwege. Mit Turm und Springer gegen die Dame leistet er heroischen, letztlich aber vergeblichen Widerstand.
  • Jonas hält gegen den früheren Deutschen Meister Alexander Krastev (DWZ 1988) lange das Gleichgewicht, landet in einem nur minimal schlechteren Doppelturmendspiel, das er aber fast widerstandslos verliert, nachdem er erst einen Bauern einstellt und dann auch noch den Übergang ins Bauernendspiel zulässt.
  • Isabel wird mit ihrer neuen Liebe Französisch wüst attackiert, der Gegner opfert erst einen Läufer auf h7 und wenig später noch einen Springer auf d5. Isabel kassiert das Material ein, verteidigt sich präzise und weist nach, dass der Franzose so leicht nicht aus den Angeln zu heben ist.
  • Die Schlüsselpartie spielt Noel, der erneut frühzeitig viel Zeit verbraucht, obwohl ihm die Eröffnung besser bekannt ist als dem Gegner. Dennoch erhält er die klar bessere Stellung, nachdem Schwarz mit g7-g5 in der Hoffnung auf Königsangrff die eigene Königsstellung irreparabel geschwächt hat. Das Ende kist tragisch, anstatt in der Diagrammstellung mit e5-e6 die Diagonale a1-h8 zu öffnen spielt er erst Ld4, und nach dem selbstverständlichen Blockadezug Ld7-e6 geht die Partie weiter. Am Ende lässt Noel bei knappster Bedenkzeit – noch immer in Gewinnstellung – das einzügige Matt durch Dxg2 zu.

6. Runde: Plauen – SFK 2:2

Diagramm

Das ist wirklich nicht unser Tag! Statt des schon sicher geglaubten klaren Sieges müssen wir uns am Ende mit einem Unentschieden zufrieden geben. Da war mehr drin:

  • Luca ist seinem Gegner in allen Belangen überlegen. Obwohl er bereits in der Eröffnung den Schlag Lxf2+ mit dem Standardmotiv Se4+ / Sxg5 auslässt, gewinnt er zunächst eine Figur und dann noch eine Qualität (diesmal durch Lxf2+ mit Abzug auf den Td1).
  • Isabel versäumt zwar bereits in der Eröffnung, einen Zentrumsbauern frühzeitig über die Mittellinie zu schieben, in der Diagrammstellung findet sie mit dem schönen Zug Sd5! aber eine andere Möglichkeit, die überlegene Position auszunutzen. Der Angriff trägt ihr wenige Züge später eine Mehrfigur ein. Danach versinkt sie leider in ewiges Grübeln und nach einer Reihe schwacher Züge wickelt sie in ein Endspiel mit nur noch Mehrqualität für einen Bauern ab, das sie nicht mehr gewinnen kann.
  • Dafür rettet sich Jonas in eine Blockadestellung, in der sein Gegner einen praktisch wertlosen Mehrbauern besitzt: Das Remis gegen den nominell überlegenen Gegner ist ein Achtungserfolg.
  • Wieder ist es Noel, der sich selbst um die Früchte seines starken Spiels bringt. In einem Endspiel mit drei Bauern für den weißen Läufer “vergisst” er seinen Turm, der nutzlos auf b8 vegetiert, verliert in der Folge alle drei Bauern und wehrt sich erst danach wieder erstaunlich zäh und lange in einem Endspiel mit Turm + Bauer gegen Turm + Läufer + Bauer. Doch letztlich steht auch in dieser Partie die Null.

7. Runde: SFK – München Südost 1:3

Inschrift

Leider erwischen wir in der letzten Runde eine sehr ungünstige Auslosung: München Südost ist eine sehr starke Mannschaft, die zuvor eher unter Erwartung gespielt hat. An den ersten drei Brettern sind die Bayern deutlich überlegen, lediglich an Brett 4 ist Luca gegen seinen sehr jungen Gegner nominell favorisiert. Doch der Kampfverlauf ist enger als gedacht:

  • Luca kann aus seiner DWZ-Überlegenheit keinen Vorteil herausholen und landet in einem Damenendspiel, das totremis ist und dies auch bleibt.
  • Jonas wird durch die Trompowski-Variante überrascht – hier klafft ein dickes Loch in seinem Repertoire! Schnell gerät er auf die Verliererstraße, von der auch nicht mehr abbiegen kann.
  • Dann kippt der Kampf: Isabel hat gegen den amtierenden Deutschen U10-Meister Leonardo Costa einen Bauern eingestellt und landet in einem Endspiel mit Minusbauer, das ihr nur schwache Remisaussichten lässt. Immerhin spielt sie in der zweiten Partiehälfte wesentlich entschlossener und hat einen deutlichen Zeitvorteil. Dann endet die Partie abrupt: Der junge Leonardo vergisst die Uhr und lässt im 37. Zug die Zeit ablaufen. Hier fühle ich mich an einen Spruch erinnert, der mir auf meinem Stadtrundgang ebenfalls begegnet ist (siehe Foto). Isabel hat sich anscheinend an den Rat gehalten Bevele dem Heren deine Wercke so werden dine Anliege vortgan. Bei uns im Ruhrgebiet würden wir wohl eher sagen Sie hatte den Papst in der Tasche!
  • Durch den unverhofften Partiegewinn von Isabel gewinnt die Partie von Noel plötzlich große Bedeutung. Er hat sich für einen Minusbauern ausgezeichnete Kompensation in Form von sehr aktiven Figuren verschafft. Wieder ist es eine Stellung mit ungleichfarbigen Läufern, und wieder versäumt er es, den schwarzen König mit Läufer und Turm ins Visier zu nehmen. Statt dessen verläuft sich sein Turm auf Bauernjagd am Königsflügel, und nach einem weiteren unmotivierten Rückzug mit dem König ist die Stellung nicht mehr zu verteidigen. Schade!

Fazit und Ausblick

Matsrerind

Auch bei diesem Turnier zeigte sich, dass beim Schach der Schritt vom MASTERMIND zum HORNOCHSEN oft nur winzig klein ist. Die Enttäuschung über die vielen verschenkten Punkte wich ziemlich schnell der Einsicht, dass wir uns im Kreis der besten Vereinsmannschaften Deutschlands nicht zu verstecken brauchen. Und aus den Kämpfen mit den besten Spielerinnen und Spielern ihrer Altersklasse haben auch Jonas, Noel, Isabel und Luca wertvolle Erkenntnisse gewonnen, wo sie den Hebel ansetzen müssen, um noch besser zu werden und bestehende Schwächen auszumerzen. Zum Teil erfolgte eine Umstellung schon während des Turniers, so gelang es Isabel und Noel zum Schluss besser, die ständige Zeitnot zu bekämpfen, während Jonas sich in den letzten Partien deutlich mehr Zeit für die kritischen Momente der Partie nahm.

Für Patrick Gallas und mich als Betreuer war es insgesamt sehr angenehm, die Mannschaft während des Turnieres zu begleiten. An die Enttäuschung in der ein oder anderen Partie habe zumindest ich mich im Laufe vieler Turniere bereits gewöhnt, und der Kontakt mit unseren Zimmergenossen von Konz-Karthaus war durchweg angenehm. So können wir darauf hoffen, dass wir uns im laufenden Zyklus erneut für die Deutsche Endrunde qualifizieren und es dann noch besser machen als beim ersten Versuch.

Alle Ergebnisse der Meisterschaft, die von Porz gewonnen wurde, stehen auf der Turnierseite der DSJ. Dort gibt es auch die Partien zum Download. Nachstehend ein Foto von der Siegerehrung und alle SFK-Partien zum Nachspielen (mi Isabels Partie aus der 4. Runde).

 

Bernd Rosen
Schachfreunde Essen-Katernberg 04/32 e.V.
Vorsitzender
A-Trainer des Deutschen Schachbundes

Fotos:

 

Print Friendly, PDF & Email