Aus dem Blickwinkel eines Frührentners

Ein erstes Fazit zum Pausentee der Saison 2017 / 2018

Text: Andreas Warsitz – Nun sind es schon reichlich mehr als eineinhalb Jahre her, seit am 29.04.2016 der damalige Lotse Andreas Warsitz und einige seiner Vorstandskollegen von Bord gegangen sind, der SC Hansa Dortmund e.V. seine 1. Mannschaft aus der Schachbundesliga trotz des sportlich gemeisterten Klassenerhalts freiwillig in die 2. Bundesliga West zurückzog, sich infolge einiger personeller Umbrüche schüttelte, sich neu sortierte. Noch immer, ehrlich gesagt, mit Blick auf das, was sich in der Schachwelt so tut, noch mehr als zuvor, genieße ich mein Frührentnerdasein als ehemaliger Schachfunktionär und beobachte vom heimischen Bauernhof aus nur noch aus der Entfernung und sporadisch, was sich in dieser Zeit bei meinem ersten und immer noch einzigen Schachverein tut.

Nach meinem Rückblick auf die Saison 2016 / 2017 bat mich nun mein sehr guter Freund und ehemaliger Vorstandskollege Michael Babar, der sich mittlerweile hauptverantwortlich um die Belange der 1. Mannschaft kümmert, erneut, etwas mit relaxtem Abstand zu Papier zu bringen, quasi als Halbzeitbilanz der laufenden Spielzeit 2017 / 2018. Da Michael Babar zu den wenigen Menschen in meinem Leben zählt, dem ich keine Bitte abschlagen kann, werde ich das sehr gerne tun, auch wenn wahrscheinlich viele andere Vereinsaktive, die viel näher am Ball sind, dazu viel besser in der Lage wären. Auf geht´s mit einer Natur der Sache eher oberflächlichen Betrachtung. Oder, wie es mein aktueller Arbeitgeber, für den ich hier namentlich selbstverständlich aus Gründen der Neutralität kein Product Placement betreiben möchte, mit seinem Slogan formulieren würde: Gesagt. Getan. Geholfen.

Nachdem der Teammanager Michael Babar in der letzten Saison die vorhandenen Ressourcen dergestalt punktgenau einsetzte, dass das Flaggschiff des Vereins schlussendlich auf dem 5. Platz landete und den Klassenerhalt sicherte, musste man auch zur neuen Saison personell weiter umstrukturieren. Dem Aderlass der Sponsoren und Unterstützer aus der selbsternannten Sportstadt Dortmund musste man mithin personell weiteren Tribut zollen. Der schwedische Großmeister (GM) Emanuel Berg sowie GM Misa Pap wurden von der Aktivenliste gestrichen. Von den ehemaligen Kaderspielern der 1. Bundesliga, der Schachbundesliga, blieben für die 1. Mannschaft nunmehr nur noch 6 Akteure übrig, nämlich GM Róbert Márkus, GM Bartlomiej Heberla, GM Romuald Mainka, Internationaler Meister (IM) Olaf Wegener, IM Dr. Arkadius Georg Kalka sowie FIDE-Meister (FM) Ralf Kotter. Alle anderen hatten sich ja bereits nach dem freiwilligen Rückzug aus der stärksten Schachliga der Welt in den Dienst anderer Vereine und Teams gestellt. Die Zeit der jungen Wilden: Lang, lang ist´s her.

Michael Babar gehört aber erfreulicherweise zu denjenigen, deren Lebensmotto “Geht nicht, gibt´s nicht.” lautet. Die Flinte ins Korn zu werfen, kommt für ihn niemals in Betracht. So begab es sich, dass sich 5 neue Akteure, 2 von ihnen wohlbekannt, dem Verein und dem Team anschlossen.

Ein ganz alter Bekannter ist der ukrainische IM Vyacheslav Klyuner. Der 48-jährige, mit einer stattlichen ELO-Zahl von 2443 ausgestattet, kann schon bald als Ur-Hanseat bezeichnet werden, denn er hat schon etwa 2 Hansa-Jahrzehnte auf dem Buckel. Nach dem ersten Abstieg aus der 1. Bundesliga zog es ihn nochmals zu anderen Vereinen wie SG Bochum 31 und SV Würselen. Nach dieser Odyssee erkannte der mit seiner Familie in Dortmund lebende IM wo er wirklich hingehört, nämlich zum SC Hansa Dortmund e.V.

Fast genauso bekannt in Dortmund ist der 44 Jahre alte IM Dr. Christian Scholz (ELO 2371). Scholz, ein “Junge” aus dem Ruhrgebiet. Er spielte viele Jahre lang bei den Schachfreunden Essen-Katernberg 04/32 e.V., auch noch, nachdem sich der Verein aus der Schachbundesliga freiwillig, aus den gleichen Gründen wie das Hansa-Flaggschiff, zurückgezogen hatte. Nachdem die Katernberger in der letzten Saison aus der 2. Bundesliga West abgestiegen sind, den bitteren Gang in der Oberliga NRW antreten mussten, entschied sich der im Übrigen sehr vereinstreue Scholz am Ende des Tages für seine noch immer lebendigen sportlichen Ambitionen und wechselte zu den Hanseaten, nach Dortmund, wo der promovierte Mathematiker als Abteilungsleiter bei einem Versicherer auch seinem Beruf nachgeht.

Der eine serbische GM  – Misa Pap –  ging verloren, der andere serbische GM wurde gefunden. Der 41-jährige Borko Lajthaim, mit einer ELO-Zahl von 2437 die Nr. 42 der serbischen Rangliste, schloss sich den Hanseaten an.

Darüber hinaus lernte Teammanager Michael Babar auf einem Turnier 2 niederländische Schachspieler kennen und schätzen: die weibliche FIDE-Meisterin (WFM) Mariska de Mie sowie Juan de Roda Husman. Die 38 Jahre alte de Mie belegt mit einer ELO-Zahl von 2234 die Nr. 8 der Damenrangliste unseres Nachbarlandes. Der 52-jährige de Roda Husman bringt 2258 ELO-Punkte ans Brett.

Zu den arrivierten Titelträgern und den Neuzugängen gesellen sich mit FM Hans-Werner Ackermann, FM Michael Babar  – Ja, ja… Anders noch als der ehemalige Vorsitzende und Teamchef Andreas Warsitz ist Babar ein guter Schachspieler, der in der 2. Bundesliga durchaus mithalten kann. – , Wolfgang Burchert, Wolfgang Prüske und Walter Linker.

Wiederum muss Babar mit diesem Team eine Herkulesaufgabe bewältigen. Denn nach dem Rückzug zahlreicher Gönner sind lediglich eine Handvoll Unterstützer dem SC Hansa treu geblieben:
die Sparkasse Dortmund, die Wirtschaftskanzlei Audalis Dortmund, deren Partner Christian Witte ein ehemaliger Abiturfreund der ausgeschiedenen Hansa-Vorstände Andreas Warsitz und Dr. Pouya Majdpour ist, DEW 21 sowie Lukas Frankenberger GmbH Futterstoffe aus Aschaffenburg, deren Geschäftsführer Ralf Frankenberger einen engen Bezug zu Dortmund hat und weiß, was es bedeutet, sich ehrenamtlich für einen Schachverein zu engagieren. Die nicht unerhebliche Lücke im Etat des Zweitligisten schließt Michael Babar höchstpersönlich. Er ist damit nicht nur Organisator und Mannschaftsführer, sondern auch gleichzeitig honoriger Mäzen. Ihnen allen gebührt ein besonderer Dank, denn ohne das großzügige Engagement wäre überhaupt nicht an eine sportlich sinnvolle Bundesligaspielzeit zu denken gewesen.

Dies ist um so bedauerlicher, als dass sich die Stadt Dortmund seit jeher und noch immer als die Sportstadt rühmt. Nichtsdestotrotz wird  – wie auch in den vielen Jahren zuvor –  das Vereinsspitzenschach trotz zahlreicher vollmundiger Ankündigungen wie immer im Regen stehen gelassen. Das fängt bereits damit an, dass der Dortmunder Spitzenclub nach wie vor keinerlei Unterstützung von der Stadt Dortmund erhält, was eine attraktive und sinnvolle Spielstätte für das Vereinsleben betrifft. Damit droht nicht nur das Spitzenschach, sondern auch das Vereinsleben immer weiter auszubluten.

Aber das war ja zu meiner eigenen Aktivenzeit schon nicht anders. Im besten Shakespeare´schen Sinne fällt mir dazu “Much ado about nothing” ein.

Doch kommen wir zurück zu den sportlichen Gesichtspunkten.

Nach 4 Runden in der 2. Bundesliga West gelingt Babar nun offenbar erneut ein Glanzstück. Wie in der vergangenen Saison kalkuliert er mit den begrenzten Mitteln bislang blendend. Denn mit 5:3 Punkten belegt das Team aktuell den 3. Tabellenplatz. Vom Aufstieg zu träumen, verbietet sich sowohl aus wirtschaftlichen als auch aus sportlich-realistischen Gründen. Denn von dem ersten Abstiegsrang, Platz 8, trennen das Team gerade einmal 2 Zähler. Der Klassenerhalt in der mit Abstand stärksten Gruppe der vierteiligen 2. Bundesliga ist das einzig realistische und sinnvolle Ziel.

Dass Michael Babar mit den vorhandenen Ressourcen bisher bestens jongliert zeigen die nachfolgenden Zahlen. Mit dem ELO-Durchschnitt der ersten 8 Bretter von 2457 belegen die Hanseaten Platz 2 der Setzliste. Der reale ELO-Schnitt aller im bisherigen Saisonverlauf eingesetzten Spieler beträgt 2354, womit man sich in diesem Ranking nach 4 Runden auf Platz 5 wiederfindet.

Das Hansa-Pferd springt also nicht höher, als es sein muss. Mit den Siegen gegen den SV Koblenz und den Aachener SV, einer Punkteteilung gegen den Klub Kölner SF und einer Niederlage gegen den Aufstiegsaspiranten TSV Schott Mainz liegt man im Soll. Maximal 3 weitere Mannschaftspunkte dürften für den Klassenerhalt ausreichend sein. Die nächste Gelegenheit bietet sich beim Auswärtsspiel am 21.01.2018 bei der SG Köln Porz, die mit 1:7 auf dem 9. Rang einen Abstiegsplatz belegt. Sodann empfangen die Hanseaten daheim am 04.02.2018 die SG Solingen II, die sich mit 4:4 Zählern in direkter Tabellennachbarschaft befindet. In der 9. und allerletzten Runde am 15.04.2018 geht es dann zur SG Bochum 31, aktuell Tabellenletzter. Zwischenzeitlich misst man sich noch mit dem Düsseldorfer SK und DJK Aufwärts Aachen II.

Man hat es also selbst in der Hand, frühzeitig den Klassenerhalt unter Dach und Fach zu bringen. Ich zweifle keine Sekunde daran, dass dies Michael Babar mit seinen geschickten Zügen gelingen wird.

Nach den 4 bislang gespielten Runden ist der “Dortmunder Jung” IM Dr. Arkadius Georg Kalka mit 3,5 Punkten der Top-Performer. Mit 2,5 / 4 schlägt sich der Rückkehrer IM Vyacheslav Klyuner an Brett 3 bislang ebenfalls prächtig. Neuzugang IM Dr. Christian Scholz ist mit seiner Ausbeute von 1,5 / 4 bislang noch nicht mit sich zufrieden. Doch seine Partien zeigen, welches Potential er für die Hanseaten noch in die Waagschale werfen wird. Bei seinen 2 Einsätzen war der polnische GM Bartlomiej Heberla beide Male souverän erfolgreich, ist damit Mr. 100 %.

Die beiden Großmeister Róbert Márkus und Borko Lajthaim brauchten jeweils erst einmal eingesetzt zu wurden, während die beiden niederländischen Neuzugänge Mariska de Mie und Juan de Roda Husman bislang noch gar nicht an die Bretter gebracht worden sind. Teamchef Babar hat also noch viel Potential, mit dem er die restlichen Gegner bei der Aufstellung überraschen kann. Ein starkes Pfund, mit dem er wuchern wird.

Am Rande der Bande sei erwähnt, dass FM Ralf Kotter, der mit 2 / 4 bislang eine solide Saison spielt, bei der Meisterschaft der bundesdeutschen Polizeibeamten vom 29.10. bis zum 05.11.2017 in Bad Königshofen bereits zum 13. Mal triumphierte, in insgesamt 21 Auflagen. Als Serienmeister der deutschen Ordnungshüter ist Kotter damit bereits zu Lebzeiten eine Legende.

Weitere Informationen im “Netz” finden sich hier:

http://statistik.godesbergersk.de/statistik.pl?liga=1718_2blw&action=stat&id=0

Nicht vergessen möchte ich an dieser Stelle die 2. Mannschaft, die bisher eine sehr erfolgreiche Saison in der Regionalliga spielt. Als Aufsteiger steht man nach 4 Runden aktuell mit 6:2 Punkten ganz oben an der Tabellenspitze, auf Platz 1. Hut ab!

In der Bezirksliga, der höchsten Dortmunder Spielklasse, belegt die 3. Mannschaft mit 2:6 Zählern den 7. Rang, hat den Klassenerhalt im Visier. Und in der Kreisliga belegt die 4. Mannschaft der Hanseaten mit 6:2 Punkten den Tabellenplatz 1, hofft damit, weiter im Fahrstuhl nach oben zu bleiben.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass, jedenfalls aus der Ferne vom heimischen Bauernhof betrachtet, der SC Hansa Dortmund e.V. auch die 2. Saison nach dem vielschichtigen Umbruch gut meistert, vielleicht sogar besser als es viele erwartet haben. Es bleibt zu hoffen, dass das vorhandene Potential weiter genutzt wird. Ich werde weiterhin Auge und Ohr auf meinen ersten Schachverein, der mein Leben lang mein einziger Schachverein bleiben wird, neugierig richten.

Lasst Euch trotz aller widrigen Umstände nicht unterkriegen, macht weiter so und macht es gut!

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