Tata Steel Chess Vorschau

Alle Jahre wieder im Januar in Wijk aan Zee – seit 2014 für die Teilnehmer der A-Gruppe (und damit auch viele Journalisten) zwei Runden anderswo in den Niederlanden. Tradition ist inzwischen auch, dass 12 der 14 Teilnehmer der A-Gruppe (offiziell “Tata Steel Masters”, die B-Gruppe heisst “Challengers”) frühzeitig bekannt gegeben werden und dass es dann oft – hier und anderswo – bereits erwähnt wird, aus meinem eigenen Vor-Vorbericht werde ich später zitieren. Tradition ist bei mir mittlerweile auch, dass ein Spieler, der nicht zum engeren Favoritenkreis zählt, das Titelbild bekommt – dazu gleich mehr.

Zuerst das, was Leser wohl gerne wissen wollen, was viele allerdings wohl bereits wissen – Teilnehmerlisten: Masters Carlsen, Caruana, Mamedyarov, So, Kramnik, Svidler, Anand, Karjakin, Giri, Wei Yi, Matlakov, Hou Yifan, Adhiban, Jones. Das Titelfoto stammt aus dem Archiv und zeigt Maxim Matlakov bei der Russischen Meisterschaft 2017 – da konnte er, im Gegensatz zu diversen anderen Turnieren 2017, nicht überzeugen. Ein anderer, im Vorbericht noch nicht genannter Teilnehmer der A-Gruppe hat vielleicht in St. Petersburg auch nicht “total” überzeugt, aber immerhin gewann er am Ende – ich begrüsse es, dass der eine sich für Tata Steel Masters qualifizierte und dass der andere eingeladen wurde. Generell gilt ja: Organisatoren können einladen, wen sie wollen – mal begrüsse ich es, mal nicht unbedingt oder eher nicht (aber es bleibt ihre Sache und ich habe auch kein “Meinungsmonopol”).

Challengers Vidit, Amin, Krasenkow, Korobov, Bluebaum, l’Ami, Xiong, Jorden van Foreest, Gordievsky, Bok, Tari, Harika, Girya, Lucas van Foreest. Einen habe ich, da ich ja für eine deutsche Seite schreibe, hervorgehoben, nur bei zwei Spielern nenne ich aus konkretem Anlass auch den Vornamen. Bei Chinesen/Chinesinnen ja immer der komplette Name, nicht jedoch für Jeffery Xiong (US-Amerikaner mit chinesischen Wurzeln).

Alle (oder jedenfalls fast alle) Spieler der A-Gruppe sind wohl beim Publikum hinreichend bekannt, wobei die Turnierseite bei Teilnehmerlisten – mit der Maus über “Players” fahren – jeweils auch Spielerporträts hat, Bild und Text (auch für die Challengers). Nur zu einigen Spielern ein paar Worte. Zu Caruana schreiben sie, dass er Ende 2017 das “sehr starke London Chess Classic” gewann – das ist Kontext für später. Wijk aan Zee (jedenfalls die A-Gruppe) hat er, im Gegensatz zu fünf anderen Teilnehmern anno 2018, noch nie gewonnen – beste Ergebnisse bei sechs bisherigen Versuchen zwei geteilte zweite Plätze. Mamedyarov erzielte bei drei Versuchen (2006, 2008 und 2016) jeweils 50% oder weniger – nun ist für den Aufsteiger anno 2017 vielleicht mehr drin? Bei seinem mutig-riskanten Stil und diesem recht starken Feld (für die 80. Auflage konnten sie offenbar etwas mehr investieren) wäre 50% oder weniger für mich allerdings auch keine (grosse) Überraschung.

Dann die (für mich) gute Nachricht, im frühen Vorbericht schrieb ich: “Über/auf zwei Spieler freue ich mich auch besonders: Kramnik und Anand sind zwei Weltklassespieler, denen ich noch nie persönlich begegnet bin, nun fehlt auf meiner Liste eigentlich nur noch Peter Svidler.” – und sie haben auf mich gehört! Oder auch nicht, jedenfalls ist er der damals noch nicht bekannte oder bekannt gegebene nach Einladungs-Reihenfolge dreizehnte Teilnehmer – vermutlich eine Bereicherung für das Turnier, wenn nicht am Brett dann im Pressebereich.

Maxim Matlakov hat sich über die ACP Tour 2017 qualifiziert – generell ist (siehe auch unten) die ACP mitschuldig daran, dass diesmal recht viele Russen in Wijk aan Zee mitspielen. Zum Zeitpunkt des frühen Vorberichts war es noch ein Rennen zwischen ihm und Baadur Jobava – der Georgier ist zwar sicher eine Bereicherung für jedes Turnier (egal wie er abschneidet), aber der Russe hat eine Superturnier-Chance verdient, so sehe ich es. Wie Landsmann Fedoseev (der als Aeroflot-Sieger in Dortmund dabei war) muss er sich qualifizieren und wird nicht einfach so eingeladen (auch nicht für die Russische Meisterschaft). Eine andere Chance ist ja die B-Gruppe in Wijk aan Zee, aber da hat er nie mitgespielt. Die russische Meisterschaft lief für ihn nicht nach Wunsch – das hatte ich bereits erwähnt, die Turnierseite macht es ebenfalls.

Direkt hinter Matlakov bzw. trotz russischer Meisterschaft noch deutliche 38 Elopunkte hinter ihm Hou Yifan – zu ihr auszugsweise das offizielle Spielerporträt und dann zum Vergleich mein eigenes. Offiziell: “Hou Yifans Name ist in der Schachwelt sehr bekannt. Man bezeichnet sie als zweitbeste Schachspielerin aller Zeiten, nach der grossartigen Judit Polgar. Beide kann man als absolut phänomenal bezeichnen. Und was wir vielleicht vergessen: Hou Yifan ist nur 23 Jahre alt! Sie kann immer noch (viel) stärker werden, dieses Gefühl haben viele Schachfans. … Einer ihrer grössten Erfolge war im Sommer 2017 der Sieg in einem sehr starken Rundenturnier in Biel. … Mit ihrem strahlenden Lächeln und bescheidenen Charakter ist sie eine Bereicherung für jedes Schachturnier.”

TR: “Hou Yifan hat eine Lobby bei Organisatoren und Schachjournalisten. Im Gegensatz zu früher Judit Polgar ist sie dabei bei Superturnieren mit Herren nach Elo nach wie vor ein Fremdkörper [Welche Rolle spielt Vera Menchik in der Damen-Schachgeschichte? Gut, das ist lange her.]. Inzwischen ist sie bereits immerhin 23 Jahre alt und hat nach wie vor Elo unter 2700 – was ihre Fans nicht daran hindert, weiterhin zu behaupten dass sie ‘eigentlich’ viel besser ist oder jedenfalls garantiert wird [Ich will das nicht ausschliessen, wenn es soweit ist – siehe z.B. Matlakov oder Fedoseev – dann sollte sie vergleichbare Einladungen bekommen.]. 2017 gewann sie ein mittelstarkes Turnier in Biel [wahrlich nicht vergleichbar mit London Classic]. Wenn es für sie nach Wunsch läuft, hat sie gute Laune – sonst entpuppt sie sich auch manchmal als Zicke.” Wijk aan Zee erspart ihr die Zumutung, (regelkonform im Schweizer System) gegen andere Damen spielen zu müssen. Aber gut, das alles ist meine Meinung, nicht die (gefühlte) Mehrheitsmeinung.

Baskaran Adhiban darf wieder im A-Turnier mitspielen, das begrüsse ich: am Brett und im Pressebereich eine Bereicherung, auch wenn er das – für seine Verhältnisse – Super-Ergebnis 2017 (Platz drei geteilt mit Aronian und Wei Yi, vor u.a. Karjakin und Giri) vielleicht nicht wiederholen kann. Er bekam ja das Titelbild zum frühen Vorbericht.

Bleibt noch Gawain Jones, Sieger der Challenger Gruppe 2017 nach Tiebreak vor Markus Ragger – manchmal dürfen dann mehrere Spieler aus der B-Gruppe im A-Turnier mitspielen, tendenziell nur mit Elo 2700+ und das ist bei Ragger nicht (mehr) der Fall. Zu ihm schreibt die Turnierseite “sein erstes Eliteturnier”. Stimmt nicht ganz – 2012 spielte er beim London Chess Classic, damals drei Remisen gegen Nakamura, Aronian und Polgar und u.a. eine Niederlage gegen Carlsen nach Damenopfer für die Galerie. Später entschied sich dann London als Teil der Chess Tour für “Engländer raus” (Ausnahme Mickey Adams, und auch das 2018 nicht mehr der Fall).

Da ich einige andere Namen bereits nannte: Levon (Aronian – Verhandlungen mit Wijk aan Zee haben sich offenbar aufgrund von Missverständnissen zerschlagen), Hikaru (Nakamura) und Matlakovs Fast-Vornamensvetter Maxime (Vachier-Lagrave) spielen in Gibraltar, teilweise parallel zu Wijk aan Zee. Wie auch einige Damen, die nach Elo besser zur Tata Steel Challenger Gruppe passen würden als die beiden die mitspielen (ich würde nicht meckern, wenn Hou Yifan die Chance bekäme, sich über die Challenger Gruppe für die Masters zu qualifizieren). Wie auch viele deutsche Spieler(innen). Zu Gibraltar später ein eigener Vorbericht des Schachtickers.

Zum B-Turnier leicht durcheinander, um nun das zweite Foto einzubauen:

Matthias Bluebaum, hier (steht auch auf dem Foto) beim Weltcup 2017, vertritt Deutschland – in der B-Gruppe quasi als Nachfolger von Nisipeanu anno 2016 (damals bereits Deutscher) und Naiditsch anno 2013 (damals noch Deutscher). N&N waren jeweils Elofavorit – Naiditsch konnte es dann am Brett beweisen/umsetzen, Nisipeanu nicht. Bluebaum ist nun Nummer 5 der Setzliste – Sieg und Qualifikation für die A-Gruppe kann man vielleicht erhoffen, aber eher nicht erwarten oder einfordern.

Nun zu anderen relativ im Schnelldurchlauf: Sie haben Giri den zweiten Sekundanten geklaut – Erwin l’Ami spielt immer in der B-Gruppe (es sei denn, er spielt – zuletzt 2013 – in der A-Gruppe), nun auch Santosh Vidit. Der Ägypter Bassem Amin ist der erste Afrikaner, der Elo 2700 hat oder jedenfalls hatte (aktuell 2693). Krasenkow bekam den Veteranenplatz. Dass mehrere Niederländer mitspielen ist logisch – Lucas van Foreest hat sich (vor Praggnanandhaa) als Sieger des “Toptienkamps” der Amateure qualifiziert.

Zwei Ausländer – Jeffery Xiong und Aryan Tari – hatten bereits 2017 mitgespielt, das sehe ich leicht kritisch. Vielleicht 100 oder mehr Spieler haben ein zur B-Gruppe passendes Niveau, warum dann zweimal in Serie dieselben? Es gibt wohl einen USA-Bonus (zuvor wurde Samuel Sevian 2015 UND 2016 eingeladen) und nun auch einen Norweger-Bonus. Vielleicht sagte Carlsen – und den wollen sie unbedingt – “ich spiele nur, wenn ein Landsmann in der B-Gruppe mitspielt”? Kann sein, muss nicht sein, eine offizielle Bestätigung werde ich nicht bekommen. Ich habe mir die Mühe gemacht, zu untersuchen wer seit 2011 in der B-Gruppe mitspielte: sonst nur wenige mehrfach und da jeweils ein paar Jahre Pause dazwischen (Grandelius 2013 und 2017, Harika 2012 und nun 2018, Navara 2011 und 2015, Potkin 2012 und 2015, Wojtaszek 2011 und 2014). Niederländer sind natürlich ein anderes Thema, z.B. viermal Benjamin Bok, fünfmal Erwin l’Ami (sonst auch mal A-Gruppe), viermal Jan Timman (früher mal A-Gruppe, sein letzter Auftritt 2015 war dramatisch), dreimal Jorden van Foreest.

Relativ unbekannt ist der 21-jährige Russe Dmitry Gordievsky, laut Turnierseite “dark horse of the Challengers”. Auch er hat sich über die ACP Tour qualifiziert, als da bester Spieler mit Elo unter 2650. Er spielt sonst vor allem in Russland, grösster Erfolg 2017 wohl der Sieg beim Moscow Open (geteilt mit Artemiev, vor u.a. Khismatullin, Kamsky, Grachev, Sjugirov, …). Im Juli/August 2017 war er auch auf USA-Tournee – vier Opens nacheinander.

Schon bin ich fast am Ende der Setzliste bei den Damen – wie gesagt, nach Elo besser passende spielen in Gibraltar. Einen Vorteil hat es: eventuell kann ich Harika und/oder Girya zu ihren Eindrücken aus Riad befragen, die wiederholte Melodramatik einer Ex-Weltmeisterin (mit verkürzten Bedenkzeiten, auch im Namen einer Ex-Weltmeisterin mit klassischer Bedenkzeit) vielleicht zumindest relativieren. Damit bereits angedeutet: ich bin wieder einige Tage als Reporter vor Ort – muss allerdings diesmal etwas improvisieren, da ich es mit anderen bezahlten schachlichen Aktivitäten (nein, nicht als Profispieler …) kombiniere.

Nun die üblichen nackten Fakten: Gespielt wird vom 13.-28. Januar generell ab 13:30, mit einer Reihe Ausnahmen. Am 18., 22. und 25. gar nicht (Ruhetage), am 17. und 24. die Masters ab 14:00 (Auswärtsrunden in Hilversum und Groningen), Schlussrunde bereits ab 12:00. Damit danach noch Zeit für einen eventuellen Stichkampf um den Turniersieg – letztes Jahr bei den Masters vorgesehen aber dann gewann Wesley So alleine. Ob gegebenenfalls auch in der B-Gruppe ist unklar – 2017 nicht der Fall, eventuell damals für 2018 geplant aber das erfahre ich erst vor Ort. Bedenkzeit relativ grosszügig: 100 Minuten für 40 Züge, 50 Minuten für die nächsten 20 und nochmals 15 bis Partieende – 30 Sekunden Zugabe pro Zug von Anfang an (haben sie vor einigen Jahren eingeführt, zuvor gab es mal Zeitnotdramen/Streitfälle). Das heisst, dass Partien lange dauern können und ich das Ende vor Ort nicht immer mitbekomme.

Offizieller Internet-Livekommentar auf Englisch von Robin van Kampen (erste Woche, offenbar nimmt er auf der Uni frei) und Eric Hansen (zweite Woche, am 19. und 20.1. beide) sowie teils anderen – anscheinend noch nicht komplett bekannt. Yasser Seirawan diesmal nur als “special guest” an den ersten beiden Tagen, und da pendelt er (zweimal erwähnt) offenbar zwischen dem englischen Kommentar im Internet und dem niederländischen für Zuschauer vor Ort. Die Frage kommt immer wieder mal: Zuschauer sind vor Ort willkommen bei freiem Eintritt.

Und das war’s immer noch nicht, ein paar Worte zu den über tausend Amateuren die diverse Zehnerturniere spielen bzw. zuvor Vierkämpfe (am ersten Wochenende oder zu Beginn der ersten Woche). In der endlos langen Liste (einige momentan mit Status “waiting list”, die Turniere sind komplett ausgebucht) immer mal wieder mir bekannte Namen, aber ich nenne nur ein paar Titelträger. Im Toptienkamp noch ein Russe – GM Vasily Papin, mir auch bzw. eher als Fotograf/Journalist ein Begriff. Sonst offenbar noch nicht klar, wer da mitspielt – sicher wissen es derzeit nur zwei andere, die letztes Jahr Gruppe 1A und 1B gewannen.

Nun noch einige Namen: IM Afek hat inzwischen nach Elo nicht mehr IM-Niveau, also spielt er Amateurgruppe 2. IM Beerdsen, IM Beukema (aus Belgien), IM Dale (aus Australien), IM Kuipers, IM Pijpers, FM Warmerdam – alle derzeit in Amateurgruppe 1 eingeteilt, aber wohl Kandidaten für den (Sieg im) Toptienkamp. Ari Dale hatte diesen schon einmal gewonnen und durfte dann in der Challenger Gruppe mitspielen. Dieses Jahr kein international sehr bekannter Name wie Praggnanandhaa (auch er spielt in Gibraltar) oder auch Vincent Keymer. Bei “Federation” dominiert natürlich NED, daneben auch Deutsche, Belgier, … neben Ari Dale noch mehr mit weiter Anreise – Indien, Peru (neben den Töchtern von GM Harmen Jonkman auch ein Peruaner aus Peru), USA, Philippinen, Hongkong, Neuseeland, Kanada, Singapur, China. Viele Nachnamen beginnen NL-typisch mit “Van”, wobei einer ja diesmal fehlt bzw. nur als Gast/Zuschauer vor Ort ist: Loek van Wely.

So und das war’s dann – Tata!!!

 

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