Giri gewinnt, andere auch (UPDATE)

  • 1
    Share

Als Titel war eventuell “Spannung in Wijk aan Zee” vorgesehen, aber das geht aus zwei Gründen nicht wirklich: ich hatte das bereits im letzten Beitrag und wiederhole mich ungern, und eine der beiden in diesem Bericht besprochenen Runden war nicht in Wijk aan Zee sondern in Groningen. Der Reisebericht-Teil allerdings aus Wijk aan Zee am Dienstag – Groningen am Mittwoch war für mich zu weit für einen Tagesausflug, und niemand finanziert mir eine Hotelübernachtung.

Wie immer erst der aktuelle Zwischenstand in beiden Gruppen: Masters Giri, Carlsen, 7/10, Kramnik 6.5, Anand 6, So und Karjakin 5.5, Svidler 4.5, Wei Yi, Caruana, Matlakov, Jones 4, Adhiban 3, Hou Yifan 2. Also vorne ein Drei- bis Vierkampf. Hinten hat Hou Yifan nach wie vor die Chance, Schachgeschichte zu schreiben – was damit gemeint ist kommt später.

Challengers Vidit und Korobov 7/10, Amin, Bluebaum, Jorden van Foreest, Gordievsky 5.5, Xiong 5, l’Ami, Tari, Krasenkow, Bok 4.5, Lucas van Foreest und Harika 4, Girya 3. Vorne weiterhin ein Zweikampf. Hinten haben sich nun die drei nach Elo klar schlechtesten Teilnehmer(innen) einsortiert, dabei (im Gegensatz zu Hou Yifan) nach wie vor im Rahmen der Elo-Erwartung oder darüber. Im Rennen um bester van Foreest (und bester Niederländer) ist eventuell eine Vorentscheidung gefallen, GM-Norm für Lucas van Foreest nun unwahrscheinlich(er als zuvor im Turnier).

Dienstag war ich vor Ort, hatte allerdings meine (Handy-)Kamera vergessen, daher alle Fotos wieder von Alina l’Ami – ab Turnierseiteauf Facebook, bzw. zur Runde in Groningen bisher nur einige wenige Fotos auf Twitter verfügbar. Ich könnte das Titelbild Magnus Carlsen geben, zumal er endlich eine Partie ohne offensichtliche gegnerische Hilfe gewonnen hat. Aber ich habe mich für Vladimir Chancentod Kramnik entschieden, für ihn war im bisherigen Turnierverlauf durchaus mehr drin (für Carlsen nicht).

Anreise zu Runde 9 diesmal mit Vereinskollegen im Auto – später habe ich sie dann aber kaum mehr gesehen, da ich ja auch Aufgaben als Reporter hatte. Ich beginne mit zwei Fotos vor der Runde:

Zwei Generationen auf diesem Foto – auf der Badge steht (Foto vergrössern bzw. ich hatte es auch vor Ort gesehen) “Gruppe Tarantella”, wer oder was ist das denn? Nicht etwa giftige Spinnen, nein so heisst eine Pizzeria in Wijk aan Zee, während dem Turnier von Grossmeistern und Amateuren gleichermassen besucht. Dafür verzichten sie auch auf den üblichen Ruhetag am Mittwoch, dafür sind sie anschliessend vom 29.1. bis 7.2. geschlossen – auch für sie sind es anstrengende Tata Steel Chess Wochen. Der Eigentümer hatte am Dienstag seinen 35. Geburtstag und eröffnete die neunte Runde mit dem traditionell-offiziellen Gong.

Dieses Foto habe ich nicht wegen Aryan Tari ausgewählt (Badge des älteren Herren an seiner Seite kann ich nicht lesen und hatte ich vor Ort nicht registriert), sondern weil auf den T-Shirts im Hintergrund Optiver steht. Wer oder was ist das denn? “Global market maker”, irgendwas mit Finanzen und seit 2016 Sponsor von Anish Giri. Deshalb steht es auch auf Giris Jackett, etwas dezenter als bei Tari oder Carlsen oder Karjakin aber immerhin.

Giri steht später im Mittelpunkt, aber ich mache mit dem Reisebericht chronologisch weiter. Im Pressebereich bereitet sich Paul van der Sterren auf seinen niederländischen Livekommentar vor. Achtmal hatte er selbst in der A-Gruppe mitgespielt – erstmals 1978 (Sieger damals Portisch vor Kortschnoi und Andersson), zuletzt 1998 (geteilter Sieg für Anand und Kramnik, einige andere – Karpov, Judit Polgar, Piket und Salov – inzwischen mehr oder weniger inaktiv). 2001 hatte er dann seine Karriere als Schachspieler beendet, seit 2010 spielte er wieder Mannschaftskämpfe.

Livekommentar im Hotel Hoge Duin, wo ist das denn? Wie der Name sagt, oben auf der Düne – ab Hauptschauplatz De Moriaan etwa zehn Minuten zu Fuss. Trotz regnerischem Wetter mache ich mich auf den Weg dahin, im Gang begegne ich Kramnik, der während der Partie frische Luft geschnappt hatte. Auf dem Weg dahin Aussicht auf Wijk aan Zee, dann auch im “Panoramazaal” des Viersternehotels. Da ist es voll, auch andere liessen sich durch das Wetter nicht entmutigen und haben es gefunden. van der Sterren kommentiert ruhig-positionell, liegt vielleicht auch an den besprochenen Partien Anand-Carlsen und Matlakov-Giri. Dann wird Anand-Carlsen remis, einen halben Zug nachdem van der Sterren seine Analyse vorläufig (dachte er wohl) beendet hatte – ich muss zurück in den Pressebereich!

Was auch immer danach da passierte – Carlsen gab ein Kurzinterview, Anand offenbar nicht – habe ich allerdings verpasst. Vier Remispartien kann ich pauschal mit “hiermit erwähnt” abhandeln, neben Anand-Carlsen auch Mamedyarov-Kramnik, Karjakin – Wei Yi und So-Svidler. Bei So-Svidler war allerdings die Eröffnung interessant-ungewöhnlich: 1.d4 Sf6 2.Sf3 g6 3.Sbd2 (Grünfeld, nein danke) 3.-d5 4.e3 Sc6!? (nach 15 Minuten) 5.b3 (nach 11 Minuten) usw. . Zum Vergleich: bei Anand-Carlsen erst 15 Züge Theorie in der Breyer-Variante des geschlossenen Spaniers, erst Carlsens 15.-Sb6 war relativ selten.

Trotz beiderseitigem Doping war bei Anand-Carlsen nicht allzu viel los, bzw. der leichte weisse Vorteil verflüchtigte sich. Daneben grübelt Mamedyarov, der mehr oder weniger in Kramniks Remis-Vorbereitung landete und dagegen keine Mittel fand.

Im Gang zum Pressebereich hörte ich Norwegisch und musste dann, wie einige andere, am Eingang warten: Interview von Tarjei Svensen mit Aryan Tari. Ich verstehe da nur “Computer”, Svensen erklärt Taris Gegner hinterher dass “bok” auf Norwegisch ‘book’ bedeutet (“I was out of book”). Auf Deutsch bedeutet “Bock” ja Gurke oder schlechter Zug. Aryan Tari und Benjamin Bok hatten sich nach 18 Zügen auf Remis geeinigt, dennoch viel Gesprächsstoff. Sie analysierten dann am Brett und betrachteten die Partie dann auch noch mit dem Computer. Danach warfen sie auch einen Blick auf andere noch laufende Partien der Challenger-Gruppe, Bok interessierte sich vor allem für seine Landsleute: “Jorden stand erst schlecht und nun steht er gut – wie immer.”

Was war passiert? Zum Foto-Zeitpunkt noch recht wenig, auch wenn Krasenkow-Jorden van Foreest bekannte theoretische Geleise im angenommenen Damengambit bereits verlassen hatte. Später tauschte Schwarz ungünstig zwei Leichtfiguren gegen einen Turm – immerhin hatte er dafür einen (vom Gegner zuvor geopferten) Bauern. Später bekam Schwarz noch einen zweiten Bauern – Krasenkow hatte wohl 27.-Ld5! (Entfesslung dank Grundreihen-Mattdrohung) übersehen und fand direkt danach nicht die beste Fortsetzung. Jorden van Foreest verwertete seinen Vorteil im Endspiel sicher.

Zu Jordens Bruder Lucas sagte Benjamin Bok “ihm kann nichts passieren” – und Remis reichte für die dritte und letzte GM-Norm. Ich meinte “wenn die Stellung explodieren sollte, kann noch alles mögliche passieren” und sollte später recht bekommen. Mehr verrate ich noch nicht, aber ein Foto von Lucas van Foreest kommt nun:

Ich ging wieder in den Turniersaal und sah dort dann aus dem Publikum das Ende von Matlakov-Giri – nur den Händedruck, das Ergebnis kannte ich noch nicht. Aber ich musste wieder in den Pressebereich. Da Giri nun im Mittelpunkt steht, eine Reihe Fotos:

Die Eröffnungsphase von Matlakov-Giri 0-1. Die Eröffnung verlief zunächst ähnlich wie beim “offiziell” langweiligen Remis zwischen Matlakov und Karjakin in Hilversum und dann anders – da Giri 8.-dxc4 wählte und Matlakov darauf (Fotomoment) 9.b3!? entkorkte, definitives Bauernopfer! Damit hatte Giri offenbar nicht gerechnet, zuvor gab es das nur einmal auf hohem Niveau und überhaupt: Eljanov-So, Gashimov Memorial 2017 – So gab damals den Bauern sofort zurück und es wurde remis.

Mal wieder die typische Giri-Pose kurz danach – Weiss hat (9.-cxb3 10.Dxb3 Db6) 11.Da4 gespielt, Schwarz brauchte 18 Minuten für 11.-Sgf6 und nun verwendete auch Matlakov Bedenkzeit: knapp 16 Minuten für das logische 12.Tb1 (vertreibt die schwarze Dame), gut 25 Minuten für das naheliegende aber ungenaue 14.Tfc1. Weitere Irrungen und Wirrungen in dieser Partie später.

Giri ist im Pressebereich angekommen, oft gibt es dann als erstes sofort ein Interview – aber das recht plötzliche Ende der Partie kam für das Tata Steel Chess Presseteam vielleicht auch überraschend, daher konnte Giri erst Engines zur Partie befragen (was dann ins Interview einfloss). Wer sind die anderen Herren auf dem Foto? Vorne sitzend Tarjei Svensen, hinten fotografiert Schaack. Schaak ist Niederländisch für Schach (Angriff auf den König, das Spiel heisst schaken), aber der Herr ist Deutscher, schreibt sich mit ck, hat den Vornamen Harry und ist Herausgeber des kulturellen Schachmagazins KARL. Und wer ist Giris “älterer Bruder”? Das bin ich selbst.

Chess.com hat ein Foto von Maria Emelianova etwa zum selben Zeitpunkt aus der anderen Richtung (nicht genau zum selben Zeitpunkt, sonst wäre sie hier zu sehen) – von mir da nur eine Hand und ein bisschen Jackett zu sehen. Turnierfotografin Alina l’Ami wurde gebeten, dass auf ihren offiziellen Fotos – wenn irgend möglich – immer “Tata Steel Chess” erscheint.

Dann das Interview mit Giri, der anfangs leicht sprachlos war bzw. nach Worten suchte – auch das gibt es. Die Partie hat er so beschrieben: 9.b3 kam überraschend, 14.Tfc1 war dann ungenau (wegen später eventuell -La3, was Tb2 und Tc1 aufspiesst). Dann habe ich eine Zugwiederholung angeboten, er war nicht einverstanden (objektiv zu Recht). Ich spielte dann schlecht weiter (nicht riskant sondern schlecht) – ich bin nicht Shak Mamedyarov, der nach solchen Partien sagt, dass er für seinen Mut zum Risiko belohnt wurde. Aber dann nutzte er seine Chancen nicht – mit der zweiten Phase der Partie bin ich zufrieden. Dann erwähnte er Loek van Wely, “wer ist das denn?” bzw. warum hat er ihn erwähnt – dazu komme ich noch. Einmal allgemeines (im Video hörbares) Lachen aus dem Publikum, das abschliessende laute markante Lachen ist wohl von Loek van Wely selbst.

Matlakovs Ungenauigkeiten waren 25.Sd6?! – nach der danach forcierten Abwicklung muss Weiss jedenfalls aufpassen – und vor allem 35.Tc1?, wonach Schwarz entscheidend von der Fesslung auf der c-Linie profitierte. Beides übrigens relativ schnell gespielt – je ca. drei Minuten, seine Bedenkzeit wurde knapp.

Maxim Matlakov zeige ich auch individuell – im Zeitraum dieses Berichtes hatte er eine Schlüsselrolle, auf die er vermutlich verzichten könnte. Und so kann ich den Leserhinweis einbauen, dass sein deutscher Verein SK Schwäbisch-Hall über Matlakov berichtet. Im verlinkten Beitrag – ein zweiter folgt vielleicht noch – zu den ersten sechs Runden. Drei davon hatte ich in Hilversum mit Matlakov selbst besprochen, meine Sicht zum offiziellen Interview in Runde 6: Es haperte vielleicht nicht unbedingt mit dem englischen Wortschatz – sein Englisch ist absolut OK – eher war er eventuell nervös. “Home problems” ist ihm wohl herausgerutscht, und das wollte er dann – nachvollziehbar – nicht näher erläutern.

Loek van Wely hat in Wijk aan Zee doch Schach gespielt – Blitzpartien in entspannter Atmosphäre und mit altmodischer Uhr gegen Benjamin Bok (der war immer noch im Pressebereich). Hinterher fragte ich Loek, wie ihm seine neue Rolle gefällt – “gut, besser als letztes Jahr, nun dürfen andere leiden”. Auf meinen Vorschlag Hou Yifan “Und mal sehen, wie sich Gawain Jones von der Partie gegen Carlsen erholt … .” TR: “Dass Adhiban sein Ergebnis vom letzten Jahr nicht wiederholen kann, damit musste man wohl rechnen”. Laut Loek hatte Adhiban damals durchaus Glück und konnte auch viel schlechter abschneiden. TR: “Du hast das Turnier durchaus verfolgt?” Loek: “Schon einiges, aber ich war auch anderweitig beschäftigt – Umzug (offenbar noch nicht abgeschlossen), am Wochenende hier mit allen möglichen Leuten quatschen statt die Partien zu verfolgen, … .”

Dieses Gespräch/Interview war nicht unbedingt geplant, das nächste auch nicht: IM Kuipers aus Tilburg und IM Dale aus Northcote analysierten ihre turbulente Partie aus dem Toptienkamp der Amateure – dessen Sieger (nach derzeitigem Stand Kuipers, aber es werden noch drei Runden gespielt) qualifiziert sich für die Challenger-Gruppe 2019. Tilburg liegt im Süden der Niederlande, wo ist bitteschön Northcote? Genau weiss ich es nicht und dazu habe ich nicht recherchiert, jedenfalls weit weg in Australien. In der Analyse hatte Schwarz (Dale) tendenziell genug Kompensation für eine Minusfigur – offener weisser König und Türme auf der zweiten Reihe. Die Partie hatte er verloren – wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht, aber neben Ergebnissen fand ich später auch Partien des Toptienkamps, und zwar hier (oben “download pgn-file”). Ein diagrammwürdiger Moment:

Hier ist 29.-b6!, und nur das, für Engines 0.00 – das gespielte 29.-Tac2+ funktionierte gar nicht. Die Figur hatte Dale mit (kein Zweifel möglich) 19.-Lxh3 absichtlich geopfert, es war aus Engine-Sicht nicht nötig aber durchaus spielbar. Direkt danach spielte er ungenau und hatte “eigentlich” (wieder laut allwissenden Engines) nicht genug Kompensation, später dann wieder. Auch die Spieler sagten während der menschlichen Analyse “dazu müsste man Engines befragen”. Analysiert hatten sie dabei (soweit ich es mitbekommen habe) vor allem Stellungen mit weissem Springer auf a3.

Kuipers bin ich bereits gelegentlich begegnet, das Interview mit Ari Dale war dagegen überfällig. TR: “Ich wollte mich mit Dir unterhalten, als Du in der Challenger-Gruppe gespielt hast [Jahr hatte ich nicht parat, es war 2015], aber Du warst damals nie im Pressebereich.” Dale: “Einmal, um eine Partie zu analysieren.” (aber ich bin/war nicht täglich vor Ort) TR: “Gibt es einen besonderen Grund, warum Du immer wieder aus Australien zu diesem Turnier kommst?” Dale: “Ich spiele hier gut, und ich habe Familie in den Niederlanden.” TR: “Wie ehrgeizig bist Du als Schachspieler?” [englisches Original How serious are you as a chess player? – kann man kaum ganz genau übersetzen, aber an derlei denke ich bei englischen Interviews nicht …] Dale: “Inzwischen wieder mehr, seit ich meine erste GM-Norm erzielte. Aber es ist schwer, in Australien Titelnormen zu erzielen – zwei Chancen pro Jahr. Anton Smirnov wird vielleicht richtig gut, ich werde bereits langsam alt und machte die letzten vier Jahre kaum Fortschritte. Vor vier oder sieben Jahren war es noch eine andere Geschichte.” TR: “Wie war das Normturnier mit Praggnanandhaa?” Dale: “Für mich furchtbar – ich begann mit 0/7, am Ende dann immerhin 1.5/9.” TR: “Dein Eindruck von Praggnanandhaa?” Dale: “Er kann gut rechnen, manchmal verwendet er vielleicht zu viel Bedenkzeit für simple Züge.”

Ein paar Bemerkungen dazu: “Du” oder “sie” ist bei englischen Interviews einfach, immer “you”. Zu meinem Glück sprach er “normales” Englisch, mitunter (nicht oft, da ich selten mit Australiern rede) habe ich Probleme mit einem starken australischen Akzent. Dale ist inzwischen 19 (es sei denn, er hat im Januar Geburtstag), 2015 war er demnach 16. Damals brachte 3.5/13 (drei Remisen, fünf Niederlagen, viermal Remis und noch ein Verlust) in der Challenger Gruppe immerhin (mit K-Faktor 20) 27 Elopunkte – und er wurde nicht einmal Letzter, da Jan Timman ein katastrophales Turnier erwischte. Seinen Erstrundengegner in Wijk aan Zee GM Papin (wurde remis) kannte er bereits, da dieser im Dezember zwei Normenturniere in Adelaide und Melbourne spielte, wie auch der Franzose GM Demuth (sie brauchen ja keine Normen mehr, aber andere brauchen sie für Normchancen). Für Dale 1.5/9 in Adelaide, 2.5/9 in Melbourne und dann Anfang Januar 8.5/11 bei der australischen Meisterschaft – Elobilanz insgesamt genau plusminus Null.

Auch das noch: 2015 war er unter Grossmeistern betont schick gekleidet, nun unter IMs ‘casual’ mit Dreitagebart. Das waren verschiedene Turniere, und er hat seine Einstellung vielleicht geändert – dazu hatte ich ihn nicht befragt. Meine Mutter hat eine andere Theorie: “Damals hörte er noch auf seine Mutter (die offenbar mit vor Ort war), inzwischen nicht mehr.” Registriert hatte ich Dale erstmals 2014 – nicht weil er damals (als Letzter der Setzliste) den Toptienkamp gewann, sondern weil sein jüngerer Bruder in derselben anderen Amateurgruppe spielte wie ein Vereinskollege. Foto leider Fehlanzeige – wie gesagt, ich hatte meine eigene Kamera vergessen, und das hat Alina l’Ami nicht abgelichtet.

Noch nicht erwähnte Partien der Masters liefen noch, als ich abreisen musste, und wurden dann remis – “Giri gewinnt, andere auch” bezieht sich also (bei den Masters) auf Runde 9 und 10 zusammen.

Bei Caruana-Adhiban 1/2 hatte ich die Zeitnotphase vor dem 40. Zug mitbekommen, das Geschehen danach nicht mehr. Caruana stand wohl in einem ungewöhnlich-krummen Königsinder zeitweise besser – ob jemals gut genug, da will/kann ich mich nicht festlegen. Bei Jones – Hou Yifan 1/2 standen beide mal besser, und dann wurde auch das remis.

Bei den Challengers deutete sich eine Überraschung an – “Sensation” wäre vielleicht übertrieben. Korobov stand gegen Harika schlecht bis verloren, zu Unrecht dachte ich, dass er bereits aufgegeben hatte – denn nach der Zeitkontrolle lief er mit saurer Miene durch den Gang. Die Partie lief allerdings noch, er musste nur draussen ein dringendes Bedürfnis erfüllen. Dazu eine Diskussion im Presseraum – Alina l’Ami erwähnte, dass Kramnik und Korobov nie gleichzeitig draussen rauchen: mitunter wartet der eine, bis der andere wieder die Bühne betritt. Ausserdem ist ja immer ein Aufpasser von Tata Steel in der Nähe, cheating demnach unmöglich. Kurios allerdings, dass Kramnik in Hilversum auf dem Weg nach draussen während der Partie den Livekommentar hörte – da hatte wohl niemand dran gedacht oder es gab keinen anderen Weg (Kramnik hat wohl nicht, auch nicht unbeabsichtigt profitiert, zumal die Livekommentatoren keine Engines verwendeten).

Korobov zeige ich

Harika zeige ich auch. Später – das sah ich erst im Zug auf der Rückreise – wurde es im Damenendspiel remis: Harika – die einen sehr konkreten Gewinn verpasste – hatte zwei Mehrbauern, Korobov hatte Dauerschach.

So blieb es beim Rennen zwischen Korobov und Vidit, den ich ebenfalls zeige. War da noch was?

Noch ist es nicht soweit, aber später hat Erwin l’Ami gegen Jeffery Xiong eine Figur offensichtlich geopfert, nicht etwa eingestellt. Ob Carlsen bei 17.Sxf7?! ebenfalls kibitzte, weiss ich nicht. Kreativ und mutig war es, allerdings auch inkorrekt – so spielten sie nicht, wie sonst beide fast immer, remis sondern es wurde l’Ami-Xiong 0-1. Und fast hätte ich es vergessen zu erwähnen: Lucas van Foreest hat gegen Gordievsky überzogen – wohl weil er unbedingt gewinnen wollte – und verloren. Damit jedenfalls vorläufig keine GM-Norm, Pragmatismus zählt nicht unbedingt zu seinen Stärken.

Vor der Abreise noch ein letzter Blick in den Turniersaal – einige Partien auf der Bühne liefen noch, einige Amateurpartien auch. Darunter die von Marc Helder aus meinem Landesverband. Vor der Runde hatte er 4/4 und sagte mir darauf angesprochen “letztes Jahr begann ich mit 0.5/4 und hatte am Ende 50%, dieses Jahr wird es wohl auch 50%”. Das klappte dann nicht, denn später gewann er sein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern und zwei Mehrbauern. Im Zehnkampf werden ja neun Runden gespielt, und fünf ist bereits mehr als vierkommafünf.

Amateure interessieren mich auch, noch zwei Fotos vom Nebenschauplatz Cafe de Zon (Gruppe 8 und 9):

Beide vermutlich irgendwie bearbeitet

Und ein Action-Foto von IM Thomas Beerdsen aus dem Toptienkamp – Alina l’Ami macht es Spass, derlei Momente festzulegen.

Ich veröffentliche das bereits mal, später werde ich Runde zehn ergänzen und UPDATE beim Titel.

Zu Runde 10 ist das Fotoangebot nach wie vor (auch tags darauf 15:30) begrenzt, einige wenige auf Facebook und Twitter – da auch von anderen, nicht unbedingt frei verfügbar. Inzwischen hat auch der Groninger Harry Gielen Fotos auf Flickr veröffentlicht, die ich dankbar verwende.

Hauptschauplatz – Austragungsort der Runde – war das Academiegebouw der Universität Groningen. Da war später auch das übliche Gruppenfoto, aber zuerst noch ein anderes Rahmenprogramm.

Ankunft der Spieler per Bus – unklar ob aus Wijk aan Zee oder ob sie zuvor in Groningen übernachteten. Der Bustransfer aus Wijk aan Zee war anfangs für Dienstag 20:30 geplant, aber einige Partien dauerten so lange, dass Spieler dann kaum bis keine Zeit für davor Abendessen hatten. Nun übernimmt zunächst Harry Gielen:

Die Spieler zu Fuss unterwegs – vorne Giri diesmal nicht mit Svidler sondern mit Anand, auch das könnten Verhandlungen zu einem Vereinswechsel in Deutschland sein (oder auch nicht). Ihr Gleichschritt funktioniert, wenn man etwas genauer hinschaut, gar nicht. Dahinter u.a. Wesley So mit Ersatzmutter. Wohin liefen sie denn?

Museum muss bei Auswärtsrunden sein.

Sie sind drinnen angekommen, der Journalistentross auch – mit Kamera Dirk Jan ten Geuzendam, der Groningen tags zuvor im Pressebereich “my favorite Dutch city” nannte.

Alina l’Ami hatte ihre Kamera auch nicht vergessen, aber Fotos bearbeiten dauert.

Wesley So mit alten Meistern, Inspiration für die Partie?

Mamedyarov wohl mit Ehefrau, sie begleitet ihn jedenfalls bei diesem Turnier. Und noch drei offizielle Fotos:

Auf Museumsstücke darf man sich eigentlich nicht so ohne weiteres setzen, ich war geneigt zu schreiben “mal wieder Regeln für alle, und Ausnahmen für Carlsen”. Aber chess24 hat auch ein Foto von Giri auf dem “eisernen Thron” (keine Ahnung, wo sie das gefunden haben), und chess.com eines von Karjakin (Fotografin Maria Emelianova). Kramnik übernahm dann die Führung – noch nicht im Turnier, aber immerhin im Museum. Dann gönnte er diese Rolle Baskaran Adhiban. Und dann zum Hauptschauplatz:

Gruppenfoto draussen

Rundenbeginn, jedenfalls fast – weitere Fotos (bis auf eines) wieder von Harry Gielen.

Gong zum Rundenbeginn, das macht auswärts immer der Bürgermeister.

Und dann wurde Schach gespielt.

Dasselbe aus der Zuschauerperspektive, und nun zu den Partien:

Giri-Karjakin zeige ich, da Giri im Turnier führte – vor der Runde alleine, danach nicht mehr denn diese Partie endete eher geräuschlos remis. Auch zum (nicht so turnierrelevanten) Remis bei Wei Yi – Caruana reicht “hiermit erwähnt”. Andere mussten dagegen leiden:

Svidler öfters mal in dieser Pose, heute berechtigt: mit Weiss misslang ihm gegen Mamedyarov die Eröffnung – er wurde regelrecht überrollt und konnte/musste nach 21 Zügen aufgeben. Nach 10 Zügen stand Svidler bereits schlechter, am 15. Zug überlegte er satte 35 Minuten und dann war 15.Db3? partieentscheidend – zu seinen Ungunsten.

Gawain Jones zeigt sein Gesicht, blickt aber auch skeptisch drein, was war los? Svidler konnte er mit 1.e4 c5 2.c3 überraschen, Anand nun nicht mehr – Vishy war vorbereitet. Dennoch investierte er knapp 12 Minuten für 11.-0-0-0, vielleicht für “soll ich wirklich?”. Ob er sich an seine eigene Vorgängerpartie erinnerte? 1994 spielte er beim Amber-Turnier gegen John Nunn 11.-e6, das machte er nun einen Zug später nach nochmals 12 Minuten. Zuletzt noch zwei Fernpartie-Vorgänger – diese Spieler hatten genug Zeit um festzustellen, dass 16.d4? keine gute Idee ist und dass Weiss sich mit 16.d3 begnügen sollte. Jones spielte 16.d4?, Anand fand darauf ein Qualitätsopfer und hatte ab hier Oberwasser. 24 Züge machte Jones noch, teilweise war es schwer, überhaupt welche zu finden (26.Sa1 überzeugt eher nicht, aber etwas besseres gab es auch nicht). Direkt nach der Zeitkontrolle gab er auf.

Anand dann im Gespräch mit Livekommentator Eric Hansen (Assistent/Partner war sonst der Groninger Sipke Ernst). Spieler verbrachten viel Zeit beim Livekommentar, schliesslich konnten sie sich ohnehin nicht in ihr Hotel zurückziehen. Nur Shak Mamedyarov hatte andere Pläne – mit seiner Frau Groningen erkunden (das Academiegebouw mitten in der Stadt). Und Anand dachte später “Restaurants in Wijk aan Zee kenne ich” und wählte, wie zuvor auch in Hilversum, eines anderswo. In Groningen war er schon einmal, 1993 gewann er ebenda das PCA Qualifikationsturnier zusammen mit Michael Adams – war sich allerdings nicht sicher, ob es Restaurants aus dieser Zeit noch gibt. Im Wikipedia-Artikel zur “PCA World Chess Championship” noch weitere bekannte Namen: Kramnik war einer von fünf, die einen halben Punkt hinter Anand landeten und sich ebenfalls für Kandidatenmatches (gab es damals noch) qualifizierten. Die Viertelfinalmatches im Trump Tower in New York wurden von einem gewissen Donald Trump eröffnet. Den Austragungsort des WM-Matches Anand-Kasparov anno 1995 gibt es nicht mehr – das World Trade Center in New York.

Zurück nach Groningen, Livekommentar aus Zuschauer-Perspektive:

Das war in einem normalen Hörsaal.

Die dritte entschiedene Partie war spannender und dauerte fast bis zur Zeitkontrolle: Kramnik-Matlakov 1-0 – spannend war es, da Vladimir auch heute den Mittelnamen Chancentod hatte und mehrere Elfmeter verschoss. Dann war zunächst Matlakov in Zeitnot, später beide und in dieser Phase konnte Kramnik doch den Sack zumachen.

Auch er danach bei Eric Hansen.

War da noch was?

Ja, Carlsen-So 1-0, eine typische Carlsen-Partie: ins Endspiel abwickeln, vielleicht geht dann was. Einige bezeichnen es als Meisterwerk und singen Ave Carlsen Halleluja, Carlsen selbst nannte es einen hart erkämpften Sieg. Hart erkämpft vielleicht, da So diverse kleine Ungenauigkeiten begehen musste, um letztendlich zu verlieren – sonst reicht Carlsen mitunter ein grober gegnerischer Fehler. Die letzte Remischance hatte So im 49. Zug -49.-a4! statt nach gut 10 Minuten 49.-Txh2?. Man kann sich darüber streiten, wie schwer das zu finden war – unklar warum So nach recht reiflicher Überlegung darauf verzichtete. Insgesamt immerhin ein Carlsen-Sieg ohne offensichtliche gegnerische Hilfe, sein erster im Turnier (und er hat +4).

Dieses Foto – Carlsen im Interview mit Fiona Steil-Antoni – wieder von Tata Steel. Dann erschien auch Carlsen beim Livekommentar, da sich die Rückreise weiter verzögerte – zwei spielten noch (Foto wieder Harry Gielen):

Die Kellerkinder Hou Yifan und Baskaran Adhiban – Remis nach 102 Zügen. Adhiban stand über weite Strecken der Partie besser, unklar ob jemals gut genug und am Ende war ein Mehrbauer im Endspiel nicht gewinnträchtig. Er versuchte es, aber dieses Endspiel hat Hou Yifan nicht verloren.

Wie kann Hou Yifan Schachgeschichte schreiben? Mit dem schlechtesten Ergebnis aller Zeiten in der A-Gruppe in Wijk aan Zee. Im Livekommentar einer früheren Runde erwähnte Ivan Sokolov, dass Loek van Wely mal 3/13 erzielte, später nannte er auch Ivan Sokolov. Dritter im Bunde ist Baadur Jobava anno 2015. Offenbar stellte sich erst später heraus, dass Jan Timman 2003 (sein vorletzter Auftritt in der A-Gruppe) 2.5/13 hatte. Hou Yifan hat momentan 2/10, einen weiteren Ausrutscher kann sie sich in den verbleibenden Partien nicht leisten. Chancen hat sie bei ihrem Restprogramm durchaus: Schwarz gegen Anand, Weiss gegen Wei Yi und Schwarz gegen So.

Turnierrelevanter natürlich, was oben ansteht. Carlsens Hoffnungen beruhen u.a. darauf, dass Mamedyarov in Runde 11 auch mit Weiss gegen ihn nicht so spielt wie generell in letzter Zeit, sondern so wie er fast immer gegen Carlsen spielte. Dann noch Weiss gegen Matlakov – er kann nochmals indirekt in den Kampf um den Turniersieg eingreifen – und Schwarz gegen Karjakin. Mamedyarov hat danach noch Schwarz gegen Jones (findet er wie Anand ein Mittel gegen Remisgelüste des Engländers?) und Weiss gegen Anand. Giri hat wie Carlsen zweimal Schwarz bei relativ leichterem Programm – Schwarz gegen Caruana (in diesem Turnier nicht engere Weltklasse), Weiss gegen Adhiban und Schwarz gegen Wei Yi. Kramnik Schwarz gegen Karjakin, Weiss gegen Caruana und Schwarz gegen Adhiban. Zwei der drei Paarungen von Anand hatte ich bereits, dazwischen Weiss gegen So.

Die Challenger-Gruppe blieb in Wijk aan Zee und es tat sich vergleichsweise wenig, dabei ein guter Tag für Deutschland und ein schlechter für die Niederlande. Bluebaum verbesserte sich nach anfangs 0/2 nun durch einen Sturmsieg gegen Lucas van Foreest auf über 50%, van Foreests Hoffnungen auf eine GM-Norm erlitten dadurch einen weiteren Dämpfer. Benjamin Bok verlor gegen Dmitry Gordievsky, entscheidend ein Bock im 23. Zug: 23.Sd3? kostete eine Qualität, die er zwar dann wühlend zurückbekam aber die Stellung blieb hoffnungslos. Bok war vielleicht bereits in Zeitnot – das lag dann daran, dass er für seinen 22. Zug genauso viele Minuten verwendet hatte.

Restprogramm da: Turnierrelevant in Runde 11 Vidit-Korobov – da kann zumindest eine Vorentscheidung fallen, es sei denn es wird remis. Vidit hat danach noch Schwarz gegen Girya und Weiss gegen Jorden van Foreest, Korobov noch Weiss gegen Lucas van Foreest und Schwarz gegen Gordievsky. Von den Spielern mit derzeit 5.5/10 haben demnach JvF und Gordievsky noch gewisse Siegchancen aus eigener Kraft – die Schlussrunde könnte noch spannend werden zwischen mehr als zwei Spielern.

Nochmals zu den Amateuren: Stand im Toptienkamp nach sechs von neun Runden Kuipers 5, Beerdsen und Vrolijk 4.5, usw. . Zwei bzw. drei aus anderen Gruppen will ich noch erwähnen: Marc Helder hat nun 6/6 in Gruppe 3A, bei zwei Punkten Vorsprung auf die nächsten Verfolger scheint Gruppe 2 nächstes Jahr (da spielte er auch bereits mal) realistisch, womöglich reicht gar 6/9 (wenn er oben genannte Vorsätze doch noch umsetzt). Derzeit hat er eine mathematisch sinnlose TPR 2792 und wird wohl trotzdem nicht für Challenger oder gar Masters-Gruppe eingeladen. Noch einer hat 100%: ein gewisser Jonathan Chen, US-Amerikaner Baujahr 2007, mit Elo 1578 womöglich unterbewertet, in Gruppe 7E. Einen meiner Vereinskollegen traf ich am heutigen Ruhetag, er meinte: ja, der spielt im selben Saal, zum Glück nicht in meiner Gruppe. So hat Jon van Dorsten (momentan 5/6 in Gruppe 7G) durchaus Chancen auf nächstes Jahr Gruppe 6.

So, geschafft – Freitag bin ich wieder vor Ort in Wijk aan Zee.

 

 

 

Print Friendly, PDF & Email