Kovalev gewinnt Aeroflot-Open und Dortmund-Ticket

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Wer ist das denn? Ein bisschen was zu ihm später, einleitend (Bezug zu Aeroflot später) ein Zitat aus dem Chessvibes-Abschlussbericht zum Londoner Kandidatenturnier 2013 – inzwischen nicht mehr online, aber ich kenne “zufällig” diese Sekundärquelle. Peter Doggers schrieb damals “A Hollywood blockbuster couldn’t have had a more dramatic scenario with the hero of the story going down just before the end, only to emerge as the winner after all.” [etwas frei übersetzt: Ein Hollywood-Film mit dramatischem Ende: der Held stolpert kurz vor Schluss und gewinnt dann doch]. So konnte man es nur sehen, wenn man sich vor dem Turnier auf Carlsen als Held (und Kramnik als Schurke?) festgelegt hatte – lang lebe der Carlsen-Hype, schon bevor er Weltmeister wurde!

Wie passt das zum Aeroflot Open? Kaum, Kovalenko spielte zwar Eröffnung und auch spätere Partiephasen oft wie Carlsen, aber potentieller Held war er zuvor allenfalls ein weissrussischen Schachkreisen (und auch da vielleicht nicht unbedingt, aber dazu habe ich nicht recherchiert). Aber er stolperte nie und behielt – im Gegensatz zu Carlsen 2013 – auch in der Schlussrunde die Nerven. Und er wurde alleiniger Turniersieger, Tiebreaks irrelevant. Ein Start-Ziel-Sieg war es dabei nicht, angekündigt hat es sich ab Runde sechs von neun.

Das war der Endstand: Kovalev 7/9, Sethuraman und Gordievsky 6.5, Xu Xiangyu, Petrosian, Artemiev, Lysyj, Sargissian, Korobov, Mamedov 6, usw. . Aus deutscher Sicht: Svane 47. mit 4.5/9 (nach Wertung direkt hinter Elofavorit Fedoseev), Bluebaum 63. mit 4/9 (wertungsbesser u.a. die Jungstars Esipenko, Abdusattorov und auch – bei unauffälligem Turnier – Praggnanandhaa). Im Vorbericht nannte ich die ersten 15 der Setzliste, von diesen konnten nur Artemiev und +- Korobov in den Kampf um den Turniersieg eingreifen, wobei Sethuraman, Sargissian und Mamedov auch noch unter den ersten 10 landeten. Den 16. der Setzliste Kovalev hatte ich – da ich kein Hellseher bin – nicht erwähnt. Dass Fedoseev seinen Vorjahressieg nicht wiederholen würde, war spätestens nach sieben Runden klar, danach für ihn noch zwei Kurzremisen.

Alle Fotos vom russischen Schachverband, bzw. da erwähnt und auf photos.google.com veröffentlicht. Fotografiert haben (habe ich mir leider nicht per Foto notiert) Eteri Kublashvili, Boris Dolmatovsky und Vladimir Barsky. Titelfoto natürlich für Vladislav Kovalev. Zwei Runden fehlen noch, und zwar die entscheidenden:

Runde 8:

Kovalev-Tabatabaei 1-0 – der junge Iraner erlitt dasselbe “Schicksal” wie Eesha Karavade: zwischendurch weit oben dabei, am Ende nicht mehr. Beide hatten dennoch ein für ihre Verhältnisse gutes Turnier. Das erste Diagramm setze ich schon nach sieben Zügen:

Zuvor geschah 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Ld3!? dxe4 4.Lxe4 Sf6 5.Lf3 c5 6.Se2 Sc6 7.Le3 Sd5?! – naheliegend und doch falsch! Dabei wurde es auch auf hohem Niveau gespielt, in einer Partie hatten beide Spieler Elo 2808. Carlsen war nicht beteiligt, der hat ja noch etwas mehr – es war eine Blitzpartie Kramnik-Caruana vor Norway Chess 2017. Nicht ganz so hochkarätig aber turnierrelevanter war IM Vavulin-GM Duda – so wurde im Dezember 2017 überraschend nicht Schwarz, sondern Weiss Schnellschach-Europameister. Aus deutscher Sicht: Jan Christian Schroeder tappte knapp zwei Jahre zuvor beim Katar Open 2015 in diese Falle, gegen eine gewisse Eesha Karavade.

Warum ist 7.-Sd5 falsch? Nach 8.Lxd5! Dxd5 9.Sbc3 hat Schwarz ein Problem: 9.-Dxg2, wozu sich Tabatabaei nach gut 28 Minuten durchrang (Caruana konnte nicht soviel Zeit investieren), ist äusserst riskant, aber andere Damenzüge verlieren einfach den Bauern auf c5. Stellung nach 20.Txd5:

Kovalev hat es nicht ganz optimal behandelt – immerhin besser als Kramnik, der eine Figur einstellte und die Blitzpartie noch verlor. Ist der “halbe” weisse Mehrbauer gewinnträchtig? Nicht unbedingt, aber nun spielte Kovalev wie Carlsen und gewann sein nur etwas besseres Endspiel – so stand es nach 39.b6:

1-0

Korobov-Artemiev 1/2 wurde zwar Remis aber bekommt trotzdem ein paar Worte und ein Diagramm. Auch Tabatabaei wundert sich offenbar “was ist hier denn los?”. Ein symmetrischer g3 Grünfeld-Inder (Schwarz spielt -c6 und -d5, hier übrigens in umgekehrter Reihenfolge) explodierte dann. Beide hatten eventuell Chancen auf mehr, kurz nach der fotografierten Stellung endete es mit Dauerschach – das ist die Schlusstellung:

Schwarz hat gleich zwei gute Gründe, um Dauerschach zu geben: er hat eine Figur weniger, und anders kann er Dg7# nicht verhindern.

Da Lysyj-Sargissian und Matlakov-Petrosian ebenfalls Remis wurde, jeweils weniger spektakulär, hatte Kovalev vor der Schlussrunde einen vollen Punkt Vorsprung auf seine Verfolger. Es waren/wurden insgesamt neun, da aus der Gruppe mit zuvor 4.5/7 drei Spieler mit Weissiegen aufschliessen konnten – zweimal war es harte Arbeit bzw. “Energieleistung”:

Bologan-Najer 1-0 – beide im weissen Hemd, der Moldawier hatte die farblich dazu passenden Figuren (und der Russe die zu seinen Figuren farblich passende Hose). Fotografiert wurde die Partie nach dem 43. weissen Zug. Ich verzichte mal auf Bemerkungen zum Mittelspiel zuvor, in dem Bologan bereits den Sack zumachen konnte, und zeige zwei Stellungen mit weiter reduziertem Material:

So stand es nach 52.Sxe4 – kann man das nun entstandene bauernlose Endspiel mit Mehrfigur gewinnen? Es gibt zwar einige praktische Beispiele, dennoch ist es schwer einzuschätzen.

Bologan gewann jedenfalls, so stand es nach 94.Tg1+ und Najer gab auf – Matt ist unvermeidlich und zwar bevor die 50 Züge Regel eingreift: 94.-Ka2 95.Sb2+ Ka3 96.Ta1+ Kb4 97.Sd3# oder auch 95.Tg3!? Lb4 96.Sd2+ Ka1 97.Tg1#, jeweils ab 52.Sxe4 45 Züge. Schwarze Figurenopfer könnten es leicht verzögern und dabei die 50 Züge Regel aufheben.

Schneller beendet – nach Zügen und Restbedenkzeit – war das indische Duell Sethuraman-Karthikeyan 1-0

Stellung nach 53.-Dxb3+ – weisser Mehrbauer im Damenendspiel, kann Weiss gewinnen?

Nach 74.Kxc5 die letzte Partiephase – wieder erübrigt es sich zu untersuchen, was Schwarz wann und warum falsch gemacht hatte.

Und nach 92.c7 war Schluss, da Schwarz c8D nicht verhindern (nur mit 92.-Db7 93.Kd8 noch einen Zug verzögern) kann.

Zwischendurch ein Foto von den Schwarzspielern an den vorderen Brettern Tabatabaei, Artemiev und Petrosian – wenn er am Brett sass, dann neben dem hier fehlenden Landsmann Sargissian an Brett 4.

Gordievsky-Romanov 1-0 war etwas schneller beendet. Schwarz wurde am Königsflügel zu aktiv und schwächte so nur seine eigene Stellung, zum Schluss versuchte er noch einen kleinen Trick:

Hier musste Weiss noch 43.Sf5+ Txf5 44.Tg6+! finden – laut Engines reicht auch 44.exf5 fxg2+ 45.Kxg2 usw., aber nun war es direkt aufgabereif (44.-Kxg6 45.exf5 mit Schach nebst 46.c7). Die neun Verfolger von Kovalev (6.5/8) waren damit Petrosian, Bologan, Artemiev, Tabatabaei, Sethuraman, Sargissian, Gordievksy, Lysyj und Korobov (alle 5.5/8).

Noch einige weniger turnierrelevante Partien kurz erwähnt – drei Fotos und ein Diagramm:

Esipenko-Goryachkina wurde remis. Beide spielten im Turnier oft remis – Esipenko anfangs viermal gegen Elo über 2650, und nun auch zweimal gegen Elo unter 2500 (jedenfalls vor dem Turnier), Goryachkina hatte dagegen durchgehend starke Gegner. Neben Esipenko sitzt Grigoriy Oparin – heute sein zweiter Sieg im Turnier gegen IM Shinkevich, zuvor besiegte er auch IM Dragnev. Das brachte zusammen 6 Elopunkte, die sieben anderen Runden (=5-2 gegen ebenfalls nominell unterlegene Gegner) kosteten ihn insgesamt 20. Per Saldo -14 nach zuvor in Gibraltar +15, insgesamt weiterhin in der Schublade “Elo über 2600”. Neben Oparin IM Triapishko – mir eher kein Begriff, aber auch er hatte das Motto “Tag der weissen Hemden” mitbekommen.

Karavade-Kulaots 0-1 – wieder ein K-K Duell, wieder gewann der Grossmeister. Zum Schluss hat Karavade natürlich nicht das regelwidrige 42.Kd4 gespielt, sondern zuvor im glatt verlorenen Bauernendspiel aufgegeben.

Praggnanandhaa – Nihal Sarin 1/2 – viel interessanter als in dieser Stellung (gleich forciert Weiss mit 30.c4+ Remis) war die Partie zuvor auch nicht unbedingt, aber es sind nun einmal zwei indische Jungtalente. Bei Praggnanandhaa (oft mit P.R. abgekürzt) stimmt die PR – zwei GM-Normen fehlen dabei weiterhin, in diesem Turnier war er nie nahe dran. Sein Gegner Nihal Sarin hielt anfangs Kurs auf eine GM-Norm, sechsmal Remis gegen Elo über 2600, aus den letzten drei Runden allerdings 0.5/3 (dies war sein relatives Erfolgserlebnis gegen das nominell etwa gleichwertige Landskind).

Letztes Diagramm zu dieser Runde, der entscheidende Moment in Sorokin-Vidit 0-1. Weiss hat hier zwar nicht allzu viele gute Züge, aber 29.Sd1? Sxd5! war ein schlechter – es verliert nicht nur einen Bauern, im weiteren Partieverlauf hüpften die schwarzen Springer munter weiter. Der erste Sieg für Giri-Sekundant Vidit nach sieben Remisen gegen Elo unter 2600 (Karavade in Runde zwei hatte viel weniger). Dafür herbe Kritik auf Twitter von einem gewissen Anish Giri, prompt spielte Vidit tags darauf wieder Remis (Gegner GM Alexandrov hatte immerhin Elo 2619).

Noch einige Bilder nicht aus dem A-Turnier bzw. diesem Turniersaal:

Das Ende eines FM-Duells an Brett 53 im B-Turnier – hier gratuliert Oleg Zilbert (*1939) seinem Gegner Volodar Murzin (*2006), für Murzin ist FM vielleicht nicht der letzte bzw. höchste Schachtitel im Leben. Daneben spielt noch WIM Puchari (rechts) gegen WGM Mary Ann Gomez – die Schwarzspielerin ist bekannter und hat etwa 150 Elopunkte mehr zu bieten, aber Weiss gewann dieses indische Duell.

Und ein Galerie-Blick in den Analyseraum:

Etwas andere Atmosphäre als hinter den Kulissen in Wijk aan Zee – dort ja nur 28 Teilnehmer in den GM-Gruppen, und semi-öffentliche Analysen insgesamt eher selten.

Runde 9:

Ein Turniermotto war offenbar auch, dass die Schwarzspieler an den ersten vier Brettern mal komplett aufstehen sollen, damit die Weisspieler fotografiert werden – von links nach rechts und vier bis eins Bologan, Petrosian, Artemiev und Sargissian. Auf diesem Foto nicht unbedingt der Fall,

aber hier ist es offensichtlich.

Sargissian-Kovalev 1/2 – auf dem ersten Foto zu dieser Runde erkennbar, dass Weiss die Partie ruhig anlegte: 1.d4 Sf6 2.Sf3 g6 3.g3 Lg7 4.Lg2 c5 5.c3 (auch ein Zug) 5.-Sa6 6.0-0 0-0 und nun kam nach 11 1/2 Minuten 7.a3 – beide verbrauchten in der untheoretischen und unkonkreten Stellung früh Bedenkzeit. Dann wollte Weiss es doch am Königsflügel wissen und schwächte sich dabei nur selbst – das ist die Schlusstellung:

Warum hat Schwarz mit 17.-Sc7 remis angeboten? Weil es in der Turniersituation reichte. Warum war Weiss einverstanden? Weil er bereits schlechter steht.

Zu den Remispartien Artemiev-Lysyj und Petrosian-Korobov nur ein paar Worte. Artemiev investierte knapp 35 Minuten für 11.d5!? – was zwar vielleicht gefährlich aussah, aber Lysyj konnte es mit etwa ebenso viel Bedenkzeit neutralisieren und dann verflachte die Partie. Korobov überraschte Petrosian offenbar mit (1.d4 Sf6 2.Sf3 e6 3.c4 b6 4.g3 La6 5.b3) 5.-b5!? – bereits gespielt von (jeweils mehrfach) Anand, Karpov, Carlsen usw., allerdings nicht in Partien neueren Datums. Petrosian brauchte viel Bedenkzeit und erreichte nichts. Später stand er allerdings mehrfach vorübergehend besser, aber verpasste seine Chancen – auch das wurde remis.

Korobov zeige ich individuell.

Bologan-Sethuraman 0-1 war ein Giuco Piano, in dem beide zunächst recht zügig spielten. Schwarz konnte problemlos ausgleichen, unklar ob Bologan dann in einem schlechten Endspiel landete weil er zuviel wollte, oder ob er überspielt wurde. Jedenfalls ab dem 38. Zug ein Turmendspiel mit für ihn Minusbauer – wiederum (mir) unklar, ob er das Remis halten konnte, am Brett schaffte er es nicht. Damit fiel Bologan vom dritten auf den geteilten 11.-20. (nach Wertung 15.) Platz zurück. Praktisch durchgehend hatte er oben mitgespielt, am Ende neben vier Siegen auch zwei Niederlagen (zuvor gegen Artemiev), immerhin noch 13 gewonnene Elopunkte und auch etwas Preisgeld – für den 11.-15. Platz gab es 1200 Euro, für den 16.-20. Platz 700 Euro und das wird dann nach Hort-System verteilt.

Tabatabaei-Gordievsky 0-1 war dramatischer. Die Cambridge Springs Variante im halbslawischen Damengambit funktionierte für Gordievksy besser als für Naiditsch gegen l’Ami im Bundesliga-Spitzenduell Baden-Baden – Solingen, der Iraner wählte ein anderes Abspiel. Schwarz opferte mit 21.-Lxh3 eine Figur, die er sofort zurück erhielt – es blieb ausgeglichen-unklar, bis zu dieser Stellung:

Weiss hatte die halboffene g-Linie übernommen, Schwarz konnte das neutralisieren. Hier war 33.e4 angesagt, aber der junge Iraner spielte 33.Sg4?! f5! und ab hier war Schwarz am Drücker. Weisse Bauern wurden schwach und fielen, am Ende ein Turmendspiel mit zwei schwarzen Mehrbauern – verbunden auf g6 und h7. Weiss spielte das noch weiter – manchmal ist ja auch das remis, hier nicht. Ob Tabatabaei am Ende tatsächlich 70.Tc8??! spielte und dann vor 70.-Txc8 aufgab war für die Stellungsbewertung irrelevant. Ich zeige beide:

Tabatabaei dennoch mit insgesamt gutem, dabei dreigeteiltem Turnier: Niederlagen in Runde eins (gegen Karavade) sowie acht und neun, dazwischen 5.5/6.

Gordievsky am Ende geteilter Zweiter, nach Wertung Dritter – wenn ich es im Hort-System richtig berechnet habe, 7750 Euro Preisgeld. Sein Turnier werde ich später noch zusammenfassen.

Kamsky und Matlakov sassen nebeneinander an Brett an Brett acht und sieben – beides nicht mehr die fette Preisgeldzone, beide spielten Remis. Matlakov konnte gegen Jumabayev eine Mehrqualität im Endspiel nicht verwerten, ohnehin spielte er fast immer Remis – Siege nur zu Beginn gegen Chigaev und (kampflos) gegen Gupta. Für den letzten Sieg gab es keine Elopunkte, insgesamt hat er nun live 2699.6 (das würde auf genau 2700 aufgerundet, aber Aeroflot wurde für die März-Liste nicht ausgewertet).

Khalifman-Kamsky wurde in 13 Zügen remis. Ex-Weltmeister Khalifman spielte, ausser in den ersten beiden Runden, immer Remis – oft ohne sich zu verusgaben. Der ehemalige WM-Kandidat Kamsky mit neben einer Auftaktniederlage gegen Shevchenko letztlich drei Siegen, dabei bis auf Khalifman (2614) alle Gegner Elo unter 2600.

Noch zu einigen Partien, in denen es auf unterschiedliche Weise noch um etwas ging:

Najer-Paravyan 1-0 0-1 war ein Najdorf-Sizilianer. 12.a3 war selten, wenn auch bereits auf hohem Niveau gespielt: zweimal Caruana – Vachier-Lagrave war allerdings Blitz und Bullet auf chess.com – aus meiner Sicht nicht allzu relevant-aussagekräftig, aber eben in Datenbanken. Für Najer funktionierte es wunderbar, da der Gegner 25 Minuten abtauchte und dann das suboptimale 12.-Tb8 spielte. Idee später Angriff auf der b-Linie gegen den lang rochierten weissen König, dazu kam es auch aber es musste aus weisser Sicht nicht sein.

Das die kritische Stellung – nach 22.Ld3 g6 23.f5 hätte Weiss weiter Oberwasser. Aber er spielte 22.Sd4 – der soll wohl beim eigenen Königsangriff mitmachen aber fehlt beim Schutz des weissen Königs. Wie oft in scharfen Najdorf-Stellungen kippte die Partie: 22.-Te8 23.Df3? (22.Dg2 Se3 kostet eine Qualität, Engines sagen dann “etwa ausgeglichen”) 23.-Te3 24.Df2 Sxb2!

Schwarze Figuren mitten in der weissen Stellung! Warum der weisse Sb3 fehlt, zeigt sich in der Variante 25.Kxb2 Dc3+ 26.Kb1 b4 27.a4 b3!so spielte Najer nicht, aber auch in der Partie hatte Schwarz das Kommando übernommen und gewann in 32 Zügen. Für Paravyan so immerhin (nach Wertung) Platz 11, für den an acht gesetzten Najer nach zwei Niederlagen in den letzten beiden Runden Platz 54, 16 Elopunkte waren auch weg.

Sjugirov-Esipenko 1-0:

Die Schlusstellung nach 29.Tc7 ist eindeutig. Falsch – viel zu optimistisch oder naiv – war aus schwarzer Sicht 13.-Ld3?. Er dachte wohl, dass er eine Qualität gewinnt, stattdessen verlor er die Partie. So für Esipenko am Ende ein Platz etwa laut Setzliste, ein Ergebnis im Rahmen der Elo-Erwartung und keine GM-Norm (braucht er auch nicht mehr, FM Esipenko hat alle Voraussetzungen für den GM-Titel erfüllt).

Das war Brett 20, daneben an Brett 21 Chigaev-Bluebaum 1-0. Lange war es unklar-ausgeglichen, in beiderseitiger Zeitnot lachten Engines dann beide Spieler aus und am Ende lachte Chigaev (Bluebaum vielleicht auch):

Zuletzt 38.Dg1 und nun kam 38.-Sh5?? – den Rest verrate ich nicht, oder nur indirekt: Chigaev sagte “Schach” (zumindest auf dem Brett, mit dem Mund ist ja unter GMs nicht üblich), Bluebaum sagte vielleicht “Oops” und gab auf.

So wurde statt Bluebaum Svane bester von zwei deutschen Teilnehmern, dank Sieg gegen den Norweger Johan Salomon – dazu drei Diagramme:

Zuletzt 37.-Da5-a2, und nun war 38.Dd3 ausgeglichen, aber es kam 38.Sc1? Db2 39.Tf2 Db1 40.Dd2 Tc3

Wieder schwarze Figuren mitten im weissen Lager, Weiss bereut nun auch seine Aktivität zuvor am Königsflügel. Dabei hatte zuvor vielleicht Schwarz Zeitnot, Weiss dagegen nicht (12 Minuten für 38.Sc1, nochmals drei für 39.Tf2). Die schwarzen Figuren bewegten sich alle Richtung weisser König, auch der Springer via e6 nach g5. Das war die Schlusstellung:

Schade eigentlich, dass Weiss sich 48.Sxh3 Sf3# nicht mehr zeigen liess.

Zu Predke-Goryachkina 1/2 kein Diagramm – es war nicht allzu aufregend – aber ein Bild der “Siegerin”:

Warum Remis für Aleksandra Goryachkina quasi ein Sieg war, dazu komme ich noch.

Das war Brett 25, nebenan an Brett 26 war mehr los und am Ende IM Gallego Alcaraz – GM Maghsoodloo 1-0.

Diese Stellung nach 15.Da3 beurteilen Engines mit etwa +2, können die nicht zählen? Schwarz hat einen Mehrbauern – unklar allerdings, welcher der drei f-Bauern der Mehrbauer ist. Das war Ergebnis einer Abwicklung ab 12.Sf5. Der Kolumbianer Andres Felipe Gallego Alcaraz genoss dann seine schöne Stellung, ohne offensichtliche Fortschritte zu machen – gleich viermal spielte er Dc7 und zwang den schwarzen Turm wieder von b8 nach a8. Stellungswiederholung war es nicht, da andere Figuren und Bauern nicht auf denselben Feldern standen, aber auch so war sein Vorteil später für Engines dahin.

Der nächste Diagramm-Moment im 46. Zug:

Gerade hat Schwarz endlich mit 44.-Lb7 45.Lxb7 Txb7 seinen Damenläufer entwickelt und abgetauscht, und nun kam 46.Se8+ – was will der Springer denn da? Nicht viel, nur eine schwarze Qualität gewinnen. Nächster Moment:

Nun ist Schwarz auch seinen anderen Turm los – zuletzt 61.-d6 62.Txb7 – dafür hat er Damenschachs (das erste auf e5) und hoffte sicher, dass die nie aufhören würden, aber es wurden nur deren sieben. Kurz vor Schluss musste Weiss nochmals aufpassen:

Nach dem letzten Trick 79.-g3 80.Tc3!, nur so! So bekommt der Turm schachforciert beide schwarze Bauern am Königsflügel, sonst kann der gegnerische König einen Bauern zur Grundreihe begleiten und es wird remis. Parham Maghsoodloo, der in der ersten Turnierhälfte oben mitspielte, so nach zuletzt drei Niederlagen auf Platz 59 und noch leicht im Elosoll. Was es für seinen Gegner bedeutete, siehe unten.

Nach all den Mittelspiel-Stellungen noch ein Endspiel, Nihal Sarin – Sorokin 0-1, Entscheidung ab hier:

Gerade kam 38.-Lxb4, bumm! Einige Engines verstehen noch nicht, dass Schwarz nun glatt auf Gewinn steht, aber dem war so. Acht Züge später:

Nach 46.-e3+ und das Bauernendspiel nach 47.Kxe3 c1D+ (47.-c1L+ wäre sadistisch, geht dabei auch) 48.Lxc1 Kxc1 ist für Schwarz gewonnen. Folgen für den Verlierer hatte ich bereits (nach 3/6 am Ende 3.5/9 für den jungen Inder, keine GM-Norm), zum Sieger muss sich der Leser immer noch gedulden. Ich erwähne noch das happy end für Nihal Sarins Landsfrau Eesha Karavade: Gegen den bereits fotografierten Alexandr Triapishko hatte sie ab dem 42. Zug Turm, Läufer, b- und e-Bauer gegen Turm, Läufer und c-Bauer – die Läufer waren ungleichfarbig. Das spielte sie weiter, weiter, immer weiter und gewann es tatsächlich! So zwar keine GM-Norm, die war bereits ausser Reichweite, aber immerhin Elo plus 20 aus diesem Turnier.

Das Stichwort hatte ich bereits: Wer erzielte alles GM-Normen? Lange Liste, nach Endstand sortiert: Tabatabaei, Hakobyan, Xu Yi, Gallego Alcaraz, Firouzja, Yakuboev, Goryachkina und im B-Turnier Moskalenko. Beim Aeroflot-Open (A-Gruppe) sind bei entsprechender Lesitung GM-Normen “einfach”: man bekommt in neun Runden garantiert mindestens drei GMs vorgesetzt. Unterschiedliche Spieler auf unterschiedliche Weise: sieben sind Baujahr 1998 oder jünger, die Ausnahmen sind Gallego Alcaraz (*1989) und Moskalenko (*1988). Einige spielten im A-Turnier vor allem Remis, am ausgeprägtesten der Armenier Hakobyan (+1=8), die anderen Extreme sind Tabatabaei (+5=1-3) und Moskalenko – im B-Turnier hätte 50% oder ein bisschen mehr nicht gereicht, also 7/9 (+5=4). Bei Gallego Alcaraz, Sorokin (beide TPR 2605) und Goryachkina (TPR 2601) war es knapp, sie brauchten noch (bei Goryachkina mindestens) dieses Ergebnis in der letzten Runde. Wieviele Normen hatten sie bereits? Diese FIDE-Liste ist offenbar unvollständig, laut Shoreh Bayat auf Twitter hatten die Iraner Tabatabaei und Firouzja bereits genug GM-Normen und auch Elo über 2500, Aeroflot war dann nur Zugabe.

Für Hakobyan, Goryachkina – beide nun auch Elo 2500+ – und Moskalenko ist es offenbar die dritte und letzte Norm. Goryachkina ist dabei effiziente Minimalistin, und für die beiden anderen Normen wurden legitime Tricks angewendet: Bei der ersten Norm (russische Damen-Meisterschaft 2015) wurden zwei Siege gegen Bodnaruk und Ovod einfach durchgestrichen – so reichten drei Gegnerinnen mit “männlichem” GM-Titel in statt elf noch neun Runden, und die Turnierleistung war immer noch 2601. Bei der Damen-Europameisterschaft 2017, ebenfalls elf Runden, wurden die Remisen in den letzten beiden Runden gegen Hoang Thanh Trang und Elisabeth Paehtz durchgestrichen – damit statt 8/11, was wohl nicht gereicht hätte, 7/9 was reichte (TPR 2608). Nun TPR 2601 – wer es nicht wusste, 2600 ist das Minimum und knapp daneben ist vorbei. Die 19-jährige nun auf Platz 13 der Damen-Weltrangliste, in der top50 sind nur Abdumalik (Platz 32) und Tsolakidou (Platz 38) jünger. Lei Tingjie auf Platz 7 ist etwas älter, 20 – demnächst (*3.3.1997) 21.

Siegerfoto der A-Gruppe, Kovalev am Mikrofon eingerahmt von Sethuraman und Gordievsky

Siegerfoto der B-Gruppe, neben Mozharov (mit Pokal) Moskalenko und Rogozenco

Auch wenn der Bericht bereits Überlänge hat (wie schafft es eigentlich die kommerzielle Konkurrenz von chess24 und chess.com, recht kurz und knapp einmal zu Aeroflot zu berichten? Indem sie vieles weglassen), noch ein paar Worte zu den drei Besten im A-Turnier:

Zu Kovalev zunächst allgemein: Er ist 24 Jahre alt oder noch jung und hat sich die letzten Jahre langsam aber sicher verbessert: Januar 2016 Elo 2538, Januar 2017 Elo 2595, Januar 2018 Elo 2639, und nun live 2667. Damit ist er nun besser als seine Fast-Namensvettern Kovalenko (hatte mal bis knapp über 2700, aktuell 2642) und Kovalyov (der mit den kurzen Hosen, Elo 2660). Er ist nun auch bester Weissrusse, was auch daran liegt, dass Sergey Zhigalko etwas schwächelt (auch bei Aeroflot unauffällige 5/9, +1=8). Kovalev spielt viel und überall – seit 2016 vor allem in der ehemaligen Sowjetunion (Kasachstan gehört auch dazu) und Polen, daneben auch zweimal Philippinen, einmal Portugal, St. Louis Fall Classic 2017, Europameisterschaften, Mannschaftskämpfe (auch mal in der türkischen Liga). Kennt er Deutschland bereits? Ja, im März 2016 hat er neben Aeroflot auch das Grenke Open gespielt, damals allerdings nicht ganz vorne dabei und so neben Shirov keine sehr bekannten Gegner. Grösste Erfolge bisher wohl neben einmal weissrussischer Meister der geteilte zweite Platz beim Aeroflot Open 2017.

Wie geht es für ihn weiter? Das wird die Zukunft zeigen, auf jeden Fall spielt er im Sommer in Dortmund. Elomässig: Letztes Jahr gewann Fedoseev Aeroflot als 18. der Setzliste, für ihn ging es danach weiter aufwärts (wenn auch nicht in diesem Turnier). Der andere Überraschungssieger war 2012 der Pole Mateusz Bartel, er hatte kurz danach sein Elohoch mit 2677 und hat sich dann wieder im Bereich 2600-2650 einsortiert.

Zu seinem Turnier: “im Stil von Carlsen” hatte ich bereits. Das bezieht sich auf die Eröffnungen, jedenfalls mit Weiss: zweimal 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Dxd4!?, gegen Artemiev dann hier 3.Lb5+ – üblicher aber auch à la Magnus N.n.d. (Najdorf nein danke) Carlsen. Ausserdem gegen Svane 1.e4 c6 2.d4 d5 3.exd5 cxd5 4.Ld3, gegen Tabatabaeis Franzosen bereits 3.Ld3. Damit erzielte er 5/5, mehr geht nicht. Mit Schwarz Königsindisch oder verwandt, damit vier Remisen. Wie gewann er mit Weiss? Meistens positionell, oft im Endspiel. So überwand er Eesha Karavade, die zu diesem Zeitpunkt (Runde 5) noch gut drauf war, so auch sein wichtiger Sieg gegen Artemiev.

Da wohl die für ihn turnierrelevanteste Partie, zeige ich dieses Foto aus Runde 7 nochmals. Nur gegen Rasmus Svane glänzte er taktisch – das kann er also auch wenn es die Stellung verlangt.

Sethuraman ist wohl bereits bekannter, da er viele auch starke Opens spielt (z.B. Gibraltar) und beim Weltcup 2017 Ponomariov, Harikrishna und fast auch noch Giri eliminierte. Seine Partien teilweise turbulenter: Sieg in Runde 1 gegen IM Sychev nach taktischem Schlagabtausch, Runde 2 gegen Kulaots sizilianischer Drache aber dann Bauerngewinn und Endspielsieg, in Runde 3 hatte er gegen Bologan taktisch das Nachsehen. In Runde 6 hatte er dafür gegen Landsmann Aryan Chopra das Glück des Glücklichen:

Was zuvor in einem Königsinder alles passierte, tut hier nichts mehr zur Sache. Nun hatte Schwarz vier Möglichkeiten, das Schach zu parieren: 36.-Txe6 ist natürlich nicht empfehlenswert, 36.-Kh7 oder 36.-Kh6 ist OK, aber es kam 36.-Kf7??? 37.Tf8#! Danach hatte er Schwarz gegen Khalifman, der fast immer Remis spielte – diese Partie dauerte immerhin 17 Züge. Und dann die oben erwähnten Endspielsiege gegen Karthikeyan und Bologan.

Gordievsky ist vielleicht einigermassen bekannt, da er gerade in der Challenger Gruppe in Wijk aan Zee mitspielte. Er spielte rhythmisch: zweimal Remis, zwei Siege, drei Remis und nochmals zwei Siege. Dabei war ihm – im Gegensatz zu Kovalev – “egal”, mit welcher Farbe er spielte. Seine Siege hatte ich alle bereits besprochen: Kontersieg aus verdächtiger Stellung gegen Salomon, königsindischer Sieg nach zuvor Theorieduell gegen Aryan Chopra, zum Schluss die beiden gehaltvollen Partien gegen Romanov und Tabatabaei.

Nochmals kurz zu den beiden deutschen Teilnehmern: Svane und vor allem Bluebaum (in dieser Reihenfolge genannt, da Svane am Ende vorne lag) beide im Elosoll, beide hatten kaum die wohl erhofften starken Gegner. Svane nur Vidit (der fast immer Remis spielte, auch diesmal) und im Nachhinein Kovalev, am Ende +2=5-2. Bluebaum eigentlich niemand – stärkster Gegner war Chigaev (Elo 2560), diese Partie verlor er nach zuvor acht Remisen.

Und das war’s immer noch nicht, zum Schluss das Ergebnis des Blitzturniers: Nepomniachtchi 15/18, Nakamura und Andriasian 14, Mamedov, Artemiev, Gelfand, Maghsoodloo, Vidit 13, usw. – Svane 10/18 (Platz 61), Bluebaum 9.5/18 (Platz 80). Nepomniachtchi drehte in den letzten vier Doppelrunden auf – 7.5/8, Karjakin schaffte ein Remis, Pichot (Aussenseiter), Mamedyarov und Mamedov verloren 0-2. Nakamura in der entscheidenden Phase 0.5-1.5 gegen Mamedyarov und 1-1 gegen Kamsky. Mamedyarov hat nach 0-2 gegen Nepo auch noch 0.5-1.5 gegen Artemiev verloren, Karjakin verlor gleich drei Mini-Matches: früh 0-2 gegen Inarkiev, bereits erwähnt 0.5-1.5 gegen Nepo und auch noch 0.5-1.5 gegen Maghsoodloo.

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