Tal Memorial Blitz: Karjaking!

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Wieder einmal kommt ein Bericht ziemlich verspätet: Montag direkt nach dem Turnier hatte ich Vereinsabend, ausserdem war der Foto-Bericht des russischen Schachverbandes auch spät, ausserdem dauerte es, das Material aufzuarbeiten. Zwei Spieler dominierten insgesamt, jeder auf seine Weise – Karjakin hatte dabei vor allem durch den Sieg im direkten Duell gegen Nakamura die Nase vorn und stand bereits eine Runde vor Schluss als Turniersieger fest. Der Dritte Ian Nepomniachtchi, auf dem Titelfoto links, war eher Erster unter Gleichen mit einem halben Punkt Vorsprung auf die nächsten drei. In den Kampf um den Turniersieg konnte er nie eingreifen.

Das und weiteres in Zahlen: Karjakin 10/13, Nakamura 8.5, Nepomniachtchi 7.5, Artemiev, Grischuk, Kramnik 7, Dubov und Andreikin 6.5, Anand und Svidler 6, Morozevich, Mamedyarov, Fedoseev 5, Gelfand 4. Von den “Neulingen” (beim Schnellturnier nicht dabei) begann Andreikin stark mit 4.5/5, danach allerdings noch 2/8. So wurde er von u.a. Artemiev überholt, der so aufhörte wie Andreikin begann aber zuvor einen halben Punkt mehr auf seinem Konto hatte – 2.5/8 + 4.5/5. Um beim Buchstaben A zu bleiben: Anand gewann seine ersten zwei Partien, aber danach nur noch eine bei vier Niederlagen – zusammen weniger als 50%. Die beiden anderen Neulinge Morozevich (anfangs 0.5/5) und Fedoseev (0/4) hatten beide einen schlechten Start und konnten das kaum kompensieren.

Noch ein Gruppenfoto mit dreizehn Spielern (wer fehlt oder versteckt sich vielleicht komplett hinter Karjakin?) und sechs Pokalen – nach Siegerehrung für beide Turniere, nur Karjakin braucht zwei Hände. Diese beiden Fotos von Vladimir Barsky aus dem aktuellen Bericht des russischen Schachverbands, weitere von Eteri Kublashvili aus dem später erschienen mit mehr Bildern (und auch Diagrammen, aber da habe ich meine eigenen – teilweise dieselben Partien, auch ich zeige nicht nur Karjakin und Nakamura).

Gleich noch ein Foto: Beim Livekommentar hatte Miroshnichenko diesmal Gesellschaft von Alexandra Kosteniuk. Hier lächelt sie – wie meistens – freundlich, aber sie konnte auch charmant-zynisch werden. Mitunter fragte ich mich, ob sie auch Schachlehrerin ist oder in einem anderen Leben den Beruf Lehrerin gewählt hätte – mehrfach Bemerkungen wie “Kids, lernt erst die Regeln – Figuren entwickeln, Rochade, dann vielleicht h4 und g4 – und dann die Ausnahmen. Beachtet (zunächst) nicht die Partien von Morozevich!”. Morozevich bekam mit seiner Art, Schach zu spielen (machte er nicht in allen Partien) durchaus gute Stellungen – im Computer-Zeitalter geht alles – und auch den einen oder anderen Punkt.

Zum Turnierverlauf zunächst die Zwischenstände (generell bis einschliesslich geteilter dritter Platz) ab Runde 5:

Runde 5: Andreikin 4.5, Kramnik 4, Anand und Karjakin 3.5

Runde 6: Karjakin und Andreikin 4.5, Kramnik, Grischuk, Nakamura 4 [in dieser Runde u.a. Nakamura-Andreikin 1-0]

Runde 7: Karjakin 5.5, Andreikin 5, Dubov, Kramnik, Grischuk, Nepomniachtchi 4.5 [u.a. Karjakin-Nakamura 1-0]

Runde 8: Karjakin 6.5, Kramnik 5.5, Nakamura und Andreikin 5 [u.a. Nakamura-Grischuk 1-0, Karjakin-Nepomniachtchi 1-0]

Runde 9: Karjakin 7, Nakamura 6, Kramnik, Grischuk, Dubov 5.5 [u.a. Grischuk-Kramnik 1-0]

Runde 10: Karjakin 7.5, Nakamura 7, Dubov 6, Nepomniachtchi, Grischuk, Kramnik 5.5

Runde 11: Karjakin 8.5, Nakamura 7.5, Nepomniachtchi und Dubov 6

Runde 12: Karjakin 9.5, Nakamura 8, Dubov und Nepo 6.5, Grischuk, Svidler, Kramnik, Anand, Artemiev 6 (Gold und Silber bereits vergeben, sechs Spieler hatten noch Chancen auf Bronze)

Neben Andreikin konnte also auch Kramnik sein Anfangstempo nicht durchhalten. Karjakin ab Runde 6 geteilt und ab Runde 7 alleine in Führung, der zweite Platz für Nakamura deutete sich ab Runde 9 an, Bronze wurde erst in der letzten Runde vergeben (Nepo in einigen Zwischenständen gar nicht erwähnt, Dubov nach 1/4 Finish am Ende nur oder immerhin 50%).

Zur Auflockerung eine Bildergalerie mit Turniersaal/Bühne und/oder Publikum:

Fotos von einzelnen Partien gibt es nur sporadisch, u.a. wurde Karjakin-Nakamura 1-0 offenbar nicht abgelichtet – daß es die Schlüsselpartie des gesamten Blitzturniers war, war zu diesem Zeitpunkt möglich aber nicht zwangsläufig. Nach 11.c4 stand es so:

Das (Maroczy-Struktur) entstand aus anfangs 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Dxd4!? – was Karjakin im Kandidatenturnier eventuell gegen Najdorf plant, will er der Konkurrenz wohl nicht verraten. Miroshnichenko – auch anderswo Kommentator und da gehört “Hype” vielleicht zu seinen Aufgaben – lobte Nakamura dafür, daß er den Gegner in der Eröffnung ausgetrickst habe und eine bekannte Stellung mit Mehrtempo für Schwarz erreicht hätte. Kosteniuk erklärte ihm mehrfach geduldig, daß es eine bekannte Stellung sei (“diese Variante spiele ich selbst”) oft mit weißer Dame auf e3, und Weiß spielt dann mitunter De3-e2. Wie der Tempotanz zu bewerten ist – Weiß spielte Dd1xd4-d3-e2 (letzteres auf das seltene 6.-Sb4) und c2-c3-c4, Schwarz spielte Sb8-c6-b4-c6 (letzteres nach 10.c3), sei’s drum. Im weiteren Verlauf bekam Karjakin jedenfalls Oberwasser.

Taktisch stark ist er dabei, wenn es sein muss oder möglich ist, auch – nach 28.-Lc3 29.Sd5! war die Entscheidung quasi gefallen. Engines empfehlen Schwarz dann, sich nach 29.-exd5 30.Lb6 von seiner Dame zu trennen, und betrachten auch 30.-Se5 31.Dxc3 Dxc4 als weniger schlecht als das gespielte 30.-Dc8. Weiß bekam zwei Mehrbauern, der Rest war Technik – am Ende harsche Engine-Kritik für Karjakin:

So stand es kurz vor Schluss. Nakamura spielte 42.-b6 und gab nach 43.Txa7? auf – dabei ist das nur etwa +50, 43.Txf7 dagegen fünfzügig Matt.

Karjakin in typischer Konzentrationspose, so sass er oft am Brett, Kosteniuk empfand das als übertrieben – “man muss sich natürlich konzentrieren, aber dabei auch locker bleiben!”. Zu seinem Spiel insgesamt: betont positionell, wenn taktische Chancen auftauchten nutzte er sie.

Runde 1 gegen Grischuk – volle Konzentration noch nicht angesagt. Es begann mit 1.b3!?, später im Endspiel erwies sich sein Turm als stärker als das schwarze Läuferpaar – auch eine Ausnahme zu gängigen Regeln. In Runde 2 gegen Kramnik kassierte er dann seine einzige Niederlage im Blitzturnier – im Schnellturnier blieb er ja bei +1=8 ungeschlagen. In schlechter(er) Stellung stellte er eine Qualität ein.

Einige weitere Diagramme aus seinen Partien:

Runde 3 gegen Artemiev – in symmetrischer Stellung konnte er plötzlich mit seinen Schwerfiguren auf der achten Reihe eindringen (natürlich hatte der Gegner dabei geholfen).

Runde 4 gegen Morozevich, Karjakin hat Schwarz. Derlei Stellungen inspirierten Kosteniuk zu zuvor genannten Bemerkungen. Engines glaubten dabei an das weiße Konzept, kritisierten allerdings zuletzt 16.g5 – das Ganze entstand aus einem Dc2 Nimzo-Inder.

Nach 32 Zügen – Weiß hat inzwischen künstlich lang rochiert, nun noch den Lf1 entwickeln. Den Anfang machte Moro mit 33.h4, was allerdings einen Bauern kostet.

Kurz vor Schluss: 52.-Dg3 war auch als Damenopfer gut spielbar, nach 53.Dxg3 käme dasselbe wie in der Partie auf 53.Dh1 – was, das darf der Leser selbst finden.

Karjakin-Nepomniachtchi 1-0 in Runde 8 war auch eine Schlüsselpartie, auch hier hat Karjakin (wieder mit anfangs 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Dxd4) seinen Gegner erst positionell überspielt und fand dann ein taktisches Motiv:

Nach 30.-d4!? kam 31.Txc6! Txc6 32.Txc6 Lxb3 33.axb3 dxe3 34.Txg6 usw. – das war dann die Schlusstellung:

Wenn ein Läufer einen Springer so dominiert, reicht manchmal (siehe ein späteres Diagramm) auch ein Mehrbauer. Noch einen Russen besiegte er in Runde 11: Dubov-Karjakin 0-1 – allerdings auf Umwegen.

Im Mittelspiel stand Karjakin durchaus mal schlechter, im Endspiel kam gerade 52.Lxf6 – was tun? Richtig war 52.-Tg4+ nebst 53.-Sxf6, Turm und Springer gegen Turm ist mit Bauern auf dem Brett gewonnen. Später konnte Dubov einige Züge lang (aus seiner Sicht) Turm gegen Turm und Springer ohne Bauern erreichen, und das wäre Remis. Das wollte er anscheinend nicht – nicht etwa mehr als Remis, das war wirklich nicht drin, aber einen bequemeren Remisweg. Nachdem er mehrfach auf Txb4 verzichtet hatte, kostete der schwarze b-Freibauer den weissen Turm – und Läufer gegen Turm und Springer ist nicht remis. Etwas Technik musste Karjakin noch zeigen, da Weiß noch einen h-Freibauern hatte.

Nakamura, hier ebenfalls konzentriert, spielte eher nach dem Motto “kleine Fallen stellen, vielleicht fällt der Gegner ja darauf herein”. Und mitunter grub sein Gegner sich auch seine eigene Grube, das gab es bei Karjakin (Partie gegen Svidler) auch.

So machte es in Runde 4 der generell unglücklich-erfolglos agierende Gelfand mit Schwarz. Nakamura hatte mit 1.b3 rein gar nichts erreicht, dann hat der Gegner geholfen: 17.-Sd3? 18.Lxd3 Lxd4? (auch nach 18.-Lxd3 19.Lxg7 Kxg7 kostet die Fesslung auf der d-Linie Material, jedenfalls den Bauern auf c7) 19.Sc4! Lxe3 20.Dxe3 Lxd3 und zugleich 1-0.

Gelfand hat ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl. Später (Runde 12) verlor er auch gegen Karjakin nach einem verunglückten Figurenausflug, der ebenfalls eine Figur kostete. Zurück zu Nakamura:

Nakamura-Andreikin 1-0 in Runde 6 war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls eine Schlüsselpartie – das Ende von Andreikins Lauf zu Turnierbeginn. Die Livekommentatoren hatten es wohl nicht registriert, sonst hätte Kosteniuk vielleicht wieder die Lehrerin gespielt: “Kids, wenn ihr die Wahl habt zwischen Dauerschach und Matt: entscheidet Euch für Matt, wenn ihr Matt setzen könnt – aber für Dauerschach wenn ihr sonst matt gesetzt werdet.” Richtig war hier 43.-Tg4+ mit Dauerschach, falsch war 43.-Se3?? – zwar ist dieser Springer tabu, aber 44.Se6+ Kg8 45.f7+ 1-0. Auch diese Partie begann mit 1.b3!?, wieder hatte Weiß eigentlich nichts damit erreicht.

Nakamura-Grischuk 1-0: Diesmal, Runde 8, hatte Hikaru spät b3 gespielt (1.Sf3 Sf6 2.b3) und an sich “weniger als nichts” erreicht – zuvor stand Schwarz besser. Hier hatte Grischuk allerdings wohl bei 23.-Sc6 (23.-Thc8!) 24.Sc2 übersehen und gab nun auf c2 die Qualität. Dafür hatte er bei bestem Spiel durchaus Kompensation, aber fand dann nicht die besten Züge.

Zu Nepomniachtchi-Nakamura 0-1 kein Diagramm, nur eine kurze Zusammenfassung: Manchmal spielt Nepo richtig schlecht, an solchen Tagen bzw. (bei mehreren Partien am selben Tag) Momenten kann man sogar mit 5.Te1 gegen die Berliner Mauer verlieren. Dafür eine Reihe Diagramme zu Nakamura-Kramnik 1-0 aus Runde 10:

29.Lf8!?, was ist das denn? Nakamura mag Showeffekte – Idee ist natürlich, die schwarze Dame zu fangen. Wieder begann es mit 1.b3, und im 22. Zug hatte Kramnik – um in eine langweilige Stellung etwas Würze zu bringen – mit 22.-Sxg4 23.hxg4 Lxg4 eine Figur für mehrere Bauern geopfert. Kramnik bekam reichlich Material für die Dame:

Hier sind es Turm und sechs (6) Bauern – Schwarz steht keinesfalls schlechter und kann eventuell gar auf Gewinn spielen. Aber Kramnik verlor den Faden:

Nach 57.e6 musste Schwarz mit dem f-Bauern nehmen, auch wenn es unlogisch (strukturaufweichend) aussieht, aber dann behält er den einzugsbereiten b-Freibauern. Nach 57.-Lc7+ (noch OK) 58.Kh3 Txe6?! 59.Dxb2 ging es bergab, bis zu dieser Schlusstellung:

Hier überschritt Kramnik die Bedenkzeit, aber das war nun recht irrelevant.

Zu Nakamuras drei letzten Runden schreibt chess24, daß er “nur drei mühsame Remisen aus schlechten Stellungen erzielte” – zu Runde 11 gegen Fedoseev ist das recht milde ausgedrückt. Aus einem sizilianischen Drachen (Nakamura hatte Schwarz) entstand diese Stellung:

Schwarz am Zug, was tun – angreifen oder verteidigen? Richtig war 20.-Tf7, wobei diverse andere Züge wohl nicht total falsch waren, allerdings das gespielte 20.-Tfc8?? Zwei Züge und dann das nächste Diagramm: 21.Sd5 (Weiß hat eine gute “Verteidigung” gegen die Drohung – cxb3 nebst -Dxc3+) 21.-cxb3 22.axb3 Kf7

Weiß am Zug, was tun – angreifen oder verteidigen? Nach 23.Sxf6 ist 23.-Dc3+ nur ein Schachgebot, mehr nicht – vielleicht befürchtete Fedoseev, daß der trickreiche Nakamura auf 24.Kb1 Tb8-a1 matt “findet”? Sonst steht Schwarz in allen Varianten hoffnungslos, aber nach 23.Dd2?? war das Endspiel ausgeglichen.

Nakamura hat auch in Russland Fans und darf Autogramme geben – Foto-Zeitpunkt offenbar eine der Pausen zwischen den Runden. Auch Gelfand war dazu während einem für ihn misslungenen Turnier bereit.

Und auch Kramnik – zu ihm nun eine Diagrammserie, da er nicht nur in der Partie gegen Nakamura kuriose Stellungen hatte:

Das war in Runde 3 gegen Nepomniachtchi (Kramnik hat Schwarz) nur der Anfang. Italienische Konturen noch erkennbar, auch wenn die weißfeldrigen Läufer auf e6 abgetauscht wurden, und nun kam 13.-Lxf2+ 14.Txf2 Txa1 15.bxc6 bxc6 – was ist besser, zwei weisse Leichtfiguren oder für Schwarz Turm und zwei verdoppelte Bauern? Schwarz konnte mit seinen Figuren eindringen, Weiß erzeugte dann mit 27.Sxg7 Kxg7 28.Lxe5+ dxe5 29.DxDb3 TxTe2 die nächste Materialverteilung:

Zwei Türme für die Dame, wobei der Se1 auch noch verloren geht – einziges schwarzes Problem ist die Bauernstruktur (sagte ich “Struktur”?). Nächstes Diagramm:

Die weiße Dame konnte ganz alleine diverse schwarze Bauern fressen, anschliessend marschierten weisse Freibauern – Schwarz am Zug, was tun? Am einfachsten war 43.-Sxe4 – dann hat Weiß die Wahl zwischen Dauerschach und Matt. Wer zuvor aufgepasst hat und einen Blick auf diese Stellung wirft weiß, daß Dauerschach hier die richtige Entscheidung ist. 43.-Th1+ 44.Kg3 Tc3+ 45.Kf2 Sxh3+ usw. ist offenbar auch Remis. Es kam 43.-Sf3+?! – wollte Kramnik immer noch gewinnen? Weiß spielte natürlich 44.Kg3 – Schwarz hatte danach einige Schachgebote aber so wurde es weder Matt noch Dauerschach. Dann sagten Engines “Weiß gewinnt!”, aber Nepo sah offenbar nicht wie und gab selbst Dauerschach. Kramnik stand danach lachend und kopfschüttelnd auf – generell hatte ich den Eindruck, daß er bei wechselhaften Resultaten seinen Spass hatte.

Besser lief es in Runde 6 gegen Mamedyarov:

Shak spielte mit Weiß ebenfalls das von Kosteniuk nicht empfohlene Schach – gut, seine Figuren hat er entwickelt. Nun kam nach 14.f4? Lxf4! – bumm!

Eventuell war für Schwarz noch mehr drin, aber das – zwei Mehrbauern – reichte zum Sieg.

Kramniks nächstes Abenteuer, Schwarz gegen Grischuk in Runde 9, mit bösem (und vom vorangegegangenen Partieverlauf her “falschem”) Ende:

Stellung nach 12.h5 – Engines sagen “ausgeglichen”, aber später war 15.d4 offenbar ein weisser Bauernzug zu viel, kurz danach:

Gerade kam 19.-Txf2, bumm! Auf 20.De3 war 20.-Tbf8 wohl besser als das gespielte 20.-Tf5, aber auch so bekam oder behielt Kramnik eigentlich Oberwasser, bis zu diesem Zeitpunkt:

Schwarz am Zug, was tun – vorwärts oder rückwärts? 27.-Db3 hätte Weiß nicht überlebt, stattdessen gewann er nach 27.-Dc6? 28.Dd4 Tf7 29.g6 hxg6 30.hxg6 Te7 31.Dh4 usw. . Kramniks Niederlage in der nächsten Runde gegen Nakamura hatten wir bereits, dann verlor er auch noch gegen Artemiev und seine zuvor recht gute Ausgangsposition war komplett dahin – wobei er in der dreizehnten und letzten Runde noch ein auf andere Art kurioses Erfolgserlebnis hatte:

Die siebenhundertachundzwanzigste Partie gegen Anand – nein, ich übertreibe etwas (laut chessgames.com ist es die 193.). Sie diskutierten italienische Feinheiten, am Ende war das Engine-Urteil 0.00 und das Ergebnis 1-0, warum? Weil Anands Uhr ebenfalls 0.00 anzeigte, und das ist mit Schwarz oder auch mit Weiß keine gute Nachricht – Zeitüberschreitung!

Zwischendurch einige noch nicht gezeigte Spieler:

Und nun weitere Diagramm-Momente von “anderen” Spielern – zu zwei etwas ähnlichen Partien aus der ersten Runde gibt es auch ein Foto:

Mamedyarov-Dubov 0-1 – diesmal hat Shak Dubovs Benoni mit 1.d4 Sf6 2.c4 c5 3.e3 “abgelehnt”, bzw. Dubov bestand nach den weiteren Zügen 3.-e6 4.Sc3 nicht mehr darauf (4.-d5). Bis zum 23. Zug war es ausgeglichen – Weiß hatte die bessere Struktur, Schwarz Läuferpaar und Aktivität, und dann:

Zuletzt 24.b4? Lxf2!?? – mit seinem 24. Zug hatte Mamedyarov seine Dame ausgesperrt, stark war für Schwarz 24.-Ld4 25.Tad1 Tbe8 und Weiß wird Material verlieren. Das Läuferopfer war objektiv gut für ein Remis, es kam 25.Kxf2 Tbc8 (Besuch auf der c-Linie) 26.Tad1? (26.Dd1 Tc2+ 27.Kg1 Dh3 – mit 27.-Td8!? kann Schwarz weiter spielen – 28.Sf2 Txf2 29.Kxf2 Dxh2+ 30.Kf1 Dh3+ 31.Kf2 Dh2 Dauerschach) 26.-Tc2+ 27.Ke3 Lxe4 28.Lxe4 Df2+ 29.Kxd3 Td8+

0-1 – frische Luft ist für den weissen Monarchen tödlich.

Bei Nepomniachtchi-Andreikin 1-0 setze ich schon vor dem analogen Moment Diagramme:

Schwarz hat bisher ein paar Bauern und die Dame entwickelt, Weiß bis auf den Ta1 alle Figuren – Urteil ausgeglichen, da Schwarz Versäumtes schnell nachholen konnte:

So stand es wenig später, dann wurde manövriert und dann:

36.-Lxf3!? war ebenfalls ein objektiv remisliches Figurenopfer – Weiß musste Dauerschach anstreben, bevor die schwarze Initiative zu stark wird. Das versäumte er und verlor Faden und Partie.

An fünf der neun weiteren erwähnten Partien war Morozevich beteiligt, mal so und mal so. Als Individualist wurde er im Hochformat fotografiert und passte daher nicht in die Spielergalerie.

Nepomniachtchi-Morozevich 1-0 – mit Französisch stand Moro erst schlecht, dann gut – ich verzichte aus Zeitgründen und da ich diese Eröffnung nicht verstehe auf Details. So stand es dann nach 39.Lf4?:

Schwarz am Zug, was tun? Warum bekam 39.Lf4 ein Fragezeichen? Wer hier 39.-h5 spielen will, hat Engine-Niveau (jedenfalls in dieser Stellung), aber die nächsten beiden Fehler machte Schwarz: 39.-Kh7? 40.Dd8 a5? 41.Lxh6! und plötzlich hatte Weiß vernichtenden Königsangriff.

Auch im Endspiel kann eine Partie plötzlich komplett kippen, das bewiesen zwei andere Russen ebenfalls in Runde 5: Dubov-Grischuk 1-0 0-1:

Weiß am Zug, was tun, wohin mit dem König? Richtig war 46.Kd4, der König unterstützt dann den c-Freibauern und Weiß gewinnt. Es kam allerdings 46.Ke5? Sg4+ 47.Kd4 Sxe3 48.c7?? (nach 48.Kxe3 wäre das Bauernendspiel bzw. ein daraus entstehendes Damenendspiel noch Remis) 48.-Sf5+ 0-1, da der schwarze Springer den c-Bauern aufhalten kann. Der Leser darf selbst untersuchen, welche springergeometrischen Motive Schwarz nach 47.Ke4 oder 47.Kf4 und jeweils 48.c7?? hat.

Nun ein Turnier-Höhepunkt für Moro(zevich) – nächste Runde gegen Fedoseev:

Richtig geraten, ein Najdorf-Sizilianer. Moro machte einen anderen ungewöhnlichen Randbauerzug (9.a4 war in einer noch hinreichend bekannten Stellung selten). Nach 9.-b6 10.Lc4 war 10.-Dc7 zwar Najdorf-typisch, aber eine Einladung zu 11.Lxe6 fxe6 12.Sxe6, die Morozevich annahm. Nun war 12.-Dc6 unklar, nach dem Partiezug 12.-Dc4 bekam Weiß mit 13.Sxf8 Txf8 14.Dxd6 einen dritten Bauern für die Figur und stand besser. Das kam am Ende dabei heraus:

Nach 28.Dh8 1-0

Das ist Andreikin-Grischuk aus Runde 7 – Weiß am Zug, was tun? Matt ist 39.Dxf8+ Kxf8 40.Txf7+ Kg8 41.Te8, ebenfalls siegbringend ist vor allem 39.Dxf7+. Aber Andreikin spielte 39.Txf7, und nach 39.-Lxf2+! 40.Kh1 Lb7+ 41.Dxb7 Dxb7+ 42.Txb7 Lxe1 war sein kompletter Vorteil weg. Wieder ein verlorener halber Punkt für Andreikin, in Runde 6 hatte er ja gegen Nakamura zu Unrecht auf ein Dauerschach verzichtet.

Zu Morozevich-Dubov in Runde 8 wieder Endspielmotive:

Weiß hat einen Mehrbauern bei stark reduziertem Material, der schwarze König ist abgeschnitten – Schwarz am Zug, was tun? Richtig war 66.-Sc7 wonach Weiß nur Turm und Läufer gegen Turm erreichen kann: 67.Tc6 Sxb5 68.Tb6 usw. (67.b6 Txb6! 68.Txb6 Sd5+ ist sofort remis). Das kann man vor allem aber nicht nur in einer Blitzpartie natürlich noch weiterspielen – Dubov wollte ja gegen Karjakin auch nicht Turm gegen Turm und Springer. Es kam 66.-Sc5? 67.Td4+ Txd4 68.Kxd4 und das ist für Weiß gewonnen, da der Läufer den Springer dominiert – so stand es am Ende:

Bei Gelfand-Morozevich 1-0 in der nächsten Runde wurde Moro mit seinen eigenen Waffen geschlagen:

So stand es nach neun Zügen, und hier war 9.-gxh5 Pflicht – nach 9.-exd5 10.hxg6 hxg6 11.Dxd5+ stand Weiß quasi bereits auf Gewinn. Das kam am Ende dabei heraus:

Mamedyarov-Nepomniachtchi: Nepo ist ein talentierter Spieler – mit Weiß verlor er nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.0-0 Sxe4 5.Te1 gegen Nakamura, mit Schwarz konnte er nach 1.d4 d5 2.c4 e5!?? gewinnen (lag allerdings auch daran, daß Shak nach dem üblichen 3.dxe5 d4 4.Sf3 Sc6 5.a3 Sge7 das seltene und nicht allzu gute 6.Lg5 spielte). Alle Momente kann ich nicht zeigen, nur einen – Schwarz am Zug, was tun?

Nach 26.-Sxf3! 27.Dxb6 (27.c5 Db3!, und auf 28.Lc2 das starke 28.-Dxb2#) 27.-Sxe1 bekommt Schwarz viel mehr als genug für die Dame. Diese Chance verpasste Nepo, wie auch andere in der Partie. Eventuell auch nach eine ganz zum Schluss im Endspiel.

Zu Grischuk-Morozevich 0-1 nur die Schlusstellung:

Dumm gelaufen für den Weisspieler

In der letzten Runde ein Ende in Moll für Morozevich:

Schwarz gegen Artemiev – dieses Endspiel entstand nach 38.Txe4. Moro hat später Remis angeboten, aber Artemiev lehnte ab, und so endete die Partie dann:

Ab hier 52.-Sxd4 (musste das sein?) 53.exd4 Te2+ 54.Kf5 Td2 55.Kg6 – Moro berührte seinen Turm, Idee sicher 55.-Txd4 aber dann kommt 56.Tb8+ nebst Matt, und gab auf. 55.-Kf8 war ebenso erzwungen wie auch hoffnungslos.

Nach so vielen Diagrammen abschliessend nochmals Bilder:

Noch ein Gruppenfoto, und nun eine Pokal-Galerie:

Anand, Svidler und Nakamura hinter (nicht mit) den Pokalen. Dann bekommt Blitzkönig seinen, Anand und Svidler klatschen Beifall (hat Nakamura sich verkrümelt, oder ist er völlig verdeckt?). Dann ist Schnellschachsieger Anand an der Reihe, und auch auf weiteren Fotos andere Spieler im Hintergrund.

Wie geht es weiter? Auch wenn ich mich wiederhole: ab Samstag Kandidatenturnier. Wie aussagekräftig Tal Memorial insgesamt für die Chancen einiger Kandidaten ist, dazu mal kein Kommentar – ansonsten bekommt “die Schachwelt schaut nach Berlin” noch einen eigenen Vorbericht.

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