Kandidatenturnier!

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Beim vorgestern erschienen Artikel “Der Countdown läuft” dachte ich, daß sich das bereits auf das Kandidatenturnier bezieht, zumal das Logo des “Unser Fritz” Opens – bewusst oder nicht – gewisse Ähnlichkeiten mit AGON-Design hat. Aber nein, das ist ein relativ kleines Turnier Ende Mai/Anfang Juni in Wanne-Eickel, Preisgeld für den Sieger 500€. Ab Samstag geht es in Berlin um mehr Geld und mehr Prestige, wobei die Spieler im Vorfeld auch höhere Kosten hatten – obwohl man es niemand verbieten kann, zur Vorbereitung auf das Turnier im Ruhrgebiet zusammen mit Großmeistern ein Trainingslager auf den Malediven durchzuführen.

Was soll ich zum Kandidatenturnier schreiben? Die Teilnehmer sind hinreichend bekannt, Prognosen schwierig bis unmöglich – die Meinung einiger, daß ein Spieler klarer Favorit ist, teile ich nicht. Also – wobei wohl auch bekannt – nochmals wer sich wann und warum qualifizierte und dann vor allem Hinweise auf andere Quellen.

Als erster Teilnehmer stand Karjakin fest – Verlierer des WM-Matches gegen Carlsen bzw. (sonst hätte er diese Chance, die er fast nutzte, ja gar nicht bekommen) Sieger des Kandidatenturniers 2016. Nach eigener Aussage begann schon kurz nach dem WM-Match seine Vorbereitung auf das nächste Kandidatenturnier – noch nicht konkret auf einzelne Gegner, die waren ja noch nicht bekannt. Ergebnisse zwischendrin nicht so toll, aber das war im Vorfeld des letzten Kandidatenturniers auch der Fall. Der Sieg zuletzt im Tal Memorial Blitzturnier vielleicht gut fürs Selbstvertrauen, sonst nicht unbedingt aussagekräftig.

Die beiden Eloplätze bekamen Caruana und So, am Ende eines etwas kuriosen Rennens. Zusammen mit Kramnik hatten sie im Januar 2017 die beste Ausgangsposition, alle drei liessen im Laufe des Jahres Federn (So ab Februar, zuvor noch Sieg in Wijk aan Zee) aber für diese beiden reichte es. Das lag auch daran, daß Aronian und Vachier-Lagrave 2017 neben Erfolgen auch Misserfolge hatten – Mamedyarov hatte zuviel Nachholbedarf.

Weltcup-Finalisten waren Aronian und Ding Liren. Ding Liren profitierte vielleicht etwas davon, daß in seiner Paarungshälfte andere Favoriten eliminierten – sonst hätte er in Runde 4 statt Wang Hao Mamedyarov bekommen, und in Runde 5 statt Rapport Caruana (oder eventuell Wei Yi). Aronian hatte auf dem Weg ins Finale stärkere Gegner, etwas Glück war vielleicht auch dabei – daß er im Viertelfinale einem anderen Ivanchuk begegnete als dem, der zuvor Kramnik und Giri besiegt hatte, und danach im total ergebnisoffenen Halbfinale gegen Vachier-Lagrave. Aber wer im Weltcup-Finale steht, hat zuvor alle Gegner in seiner Paarungshälfte besiegt – direkt oder indirekt ist am Ende egal.

Chronologisch kam dann (bzw. bevor das Elorennen offiziell-definitiv entschieden war) der Freiplatz für Kramnik. Dazu wurde viel geschrieben – die Extreme wohl Colin McGourty für chess24 (pro Kramnik) und Dennis Monokroussos – kontra Kramnik, jedenfalls was diese Entscheidung betrifft. Zwischen Schwarz und Weiß (Ansichtssache, was Schwarz ist und was Weiß) gibt es da viel Grau, von mir nur das: 1) Ich betrachte eine wildcard als notwendiges Übel, um Sponsoren zu finden. 2) Die entscheiden dann natürlich nach subjektiven Kriterien, ein “Recht” auf einen Freiplatz gibt es nicht – sonst wäre es, mit welcher Mischkalkulation auch immer, ein achter Qualiplatz. 3) Wenn Vachier-Lagrave oder eventuell Aronian zu 90+% davon ausgehen könnten, daß sie wenn nötig einen Freiplatz bekommen, wäre die Spannung in Weltcup-Halbfinale und letztem Turnier der Grand Prix Serie “künstlich”. Jeder hat bis zu drei Chancen, sich zu qualifizieren, knapp daneben ist da jeweils vorbei! Niemand hat ein Recht auf die vierte und letzte Chance.

Um bereits eine andere Quelle – mehr Linksammlung als eigene Inhalte – zu erwähnen: für den US-Schachverband schreibt Ian Rogers unter anderem, daß Vachier-Lagrave die Wildcard verdient hatte, aber leider Franzose ist und nicht Russe. So kann man das sehen, aber auch dann hat man nicht verstanden, daß es keinen Anspruch auf eine Wildcard gibt und daß diese manchmal “wild” ist (über eine wildcard für Nakamura, der sich nicht ansatzweise qualifizieren konnte, hätte Rogers sich im Namen der USCF wohl nicht beschwert?).

Dann die Entscheidung in der Grand Prix Serie – zugunsten von Mamedyarov und Grischuk, da der bereits und später nochmals erwähnte MVL sowie Radjabov im letzten Turnier nicht das erreichten, was sie noch erreichen mussten. Jedenfalls Grischuk hatte damit nicht mehr gerechnet, aber es reichte auch für ihn.

Nur Text ist blöd, also nun ein paar Bilder – wie ist die Atmosphäre vor Ort? Alle Fotos hier gefunden.

So wohl nicht, das ist die “Nullversion” des Kubus im Kühlhaus Berlin.

So – Kleidermesse – auch nicht.

So auch nicht – auch wenn die Eröffnungsfeier vielleicht musikalisch umrahmt wird.

Dito – und wer von den Kandidaten die erste Geige spielt, wird sich im Laufe des Turniers herausstellen, Führungswechsel dabei durchaus möglich.

So – Thema Schachboxen – auch nicht. Die Spieler selbst, Journalisten und zahlende Zuschauer vor Ort, zahlende Agon-Zuschauer im Internet erfahren es Samstag mittag, andere wohl etwas später wenn aktuelle Fotos erscheinen.

Nun die Rubrik “im nicht-deutschen Internet gefunden”: New In Chess hat ein 46-seitiges Special gratis – hier (offenbar muss man sich, wenn man es nicht bereits mal gemacht hat, erst registrieren) – mit Beiträgen von Jan Timman und Anish Giri. Timman bezeichnet Aronian als Favorit – auf das Argument, daß er in Kandidatenturnieren nie überzeugen konnte: “es war Nervosität, das legt sich mit zunehmendem Alter, weiß ich aus eigener Erfahrung”. Das in Berlin erscheinende SCHACH bezeichnet den (Ex-)Berliner Levon Aronian auch als Favorit. Giri findet zu allen Kandidaten neben Stärken auch Schwächen und hat dadurch keinen Favoriten. Daß er ausführlich schreibt ist eventuell etwas kurios: Ich hatte den Verdacht, daß er im Kandidatenturnier doch eine Rolle spielt – er fehlte bei den beiden letzten Bundesliga-Wochenenden und verteidigt auch seinen Titel beim Reyjavik Open nicht. Meine Nase hatte recht: er ist Kandidaten-Sekundant von Kramnik.

Zu Kramnik schreibt er unter anderem “I am sure the representative of the old guard will come up with something new again. Let’s see what it is.” [Ich bin mir sicher, daß der Vertreter der alten Garde wieder neue Ideen hat. Abwarten, was es ist.] – geschrieben hat er das wohl vor einiger Zeit, inzwischen weiß er etwas mehr und verrät es natürlich nicht. Einen Vorgänger hat Giri immerhin: Jan Gustafsson kommentierte das WM-Match Carlsen-Karjakin “aus einem Studio in Hamburg” – sagte er jedenfalls, hinterher wurde verraten, daß er als Carlsen-Sekundant in Norwegen war.

Wenn wir schon bei chess24 sind: Sie haben Kurzprofile aller acht Kandidaten – ich verlinke den letzten Artikel zu Mamedyarov, darin Links zu den sieben anderen. Jede Menge Zahlen und Daten, was das für das Kandidatenturnier bedeutet ist unklar. Daneben nahm sich Jan Gustafsson 3 1/2 Stunden Zeit – netto, so lange dauert seine Videoserie. Die gibt es – wenn man kein Premium-Mitglied ist – für 2,99$ (je nach Spiellokal ein oder zwei Getränke weniger am Vereinsabend?). Kommentar von Gustafsson und Svidler bzw. (jedenfalls einige Runden) Dominguez, Vallejo und David Anton auf Spanisch oder auch Lubbe und Lubbe auf Deutsch während dem Turnier offenbar gratis für alle – was andere bieten, dazu habe ich nicht recherchiert.

Vachier-Lagrave hat sich etwas Neues einfallen lassen: seit gut zwei Wochen ist seine Homepage zweisprachig, neben Französisch auch Englisch. Letzter Beitrag seine Kandidaten-Vorschau, zuvor auch einer zum letzten Bundesliga-Wochenende. Die Kandidaten betrachtet er durch seine eigene Brille – die hat er, wie auch Kramnik, Aronian und Caruana. Zwecks Parität hätte sich statt Grischuk MVL über die GP-Serie qualifizieren müssen, aber das ist nun wirklich ein irrelevantes Kriterium. Am Ende bezeichnet er Aronian und Caruana als leichte Favoriten, eventuell Mamedyarov (“aber ich glaube er ist nicht konstant genug”), Kramnik gibt er Außenseiter-Chancen. Zuvor schreibt er das ketzerische “In my opinion, Vlad is probably the player in the world who best understands chess.” [Meiner Meinung nach ist Kramnik wahrscheinlich der weltbeste Spieler qua Schachverständnis]. Ein Norweger war beleidigt. Da die kommerzielle Konkurrenz es macht (chess24 auch auf Deutsch) erwähne ich “Twitter-Diskussionen der Nicht-Kandidaten” (neben Carlsen auch Giri und in Nebenrolle Nakamura) und habe sie hiermit erwähnt.

Emil Sutovsky äusserte sich auf Russisch – Google Translate funktioniert recht gut, und zu einem Punkt habe ich nachgefragt: zu Kramnik bedeutet “brightest player in the modern elite” “attraktivster Stil”. Das ist wie vieles Geschmackssache – danach schreibt er, daß Kramnik wohl zu viel riskieren und neben Siegen auch Niederlagen haben wird (“und +4-4 sind genauso viele Punkte wie alles langweilige Remisen”). Andere vermuten eher, daß Kramnik konditionelle Probleme haben wird. Nicht ganz klar wer Sutovskys Favorit ist, eventuell Karjakin. Abschliessend schreibt er (in etwa) “nun könnte ich auch noch vorhersagen, welche Eröffnungen vor allem gespielt werden, aber das ist reine Spekulation. Fest steht, daß alle Spieler und ihre Helfer gut vorbereitet sind. Möge der Beste gewinnen!”.

Dem schliesse ich mich an und verzichte auf eigene Prognosen, nur dieser “historische” Hinweis: Nur beim Kandidatenturnier 2013 hat der “haushohe Favorit” gewonnen – und Carlsen brauchte damals Tiebreak-Glück. 2014 gewann Anand, mit dem wohl niemand gerechnet hatte (er selbst vielleicht auch nicht), 2016 gewann Karjakin [nur wenige hatten ihn damals auf der Rechnung, neben Thomas Richter immerhin Sergey Shipov und Magnus Carlsen]. Diesmal sage ich, um etwas zu sagen, Kramnik – wie immer wird sich das als richtig oder falsch erweisen. Aronian würde ich es durchaus gönnen, aber warum ausgerechnet diesmal? Die ihm allgemein zugeschobene Favoritenrolle ist vielleicht eher Bürde.

Und noch die reinen Fakten: Gespielt wird vom 10.-27. März, mit jeweils nach drei Runden Ruhetag, ab 15:00 Ortszeit in Berlin (oder Hamburg oder Wien oder Amsterdam oder ….). Am 25. März ist demnach Ruhetag, damit können sich die Teilnehmer an die ab dann geltende Sommerzeit gewöhnen. Nach 14 Runden ist Schluss, es sei denn es gibt tags darauf einen Stichkampf um den Turniersieg – unwahrscheinlich, nur bei Gleichstand auch nach direktem Vergleich, Anzahl Siege und Sonneborn-Berger. Dann können die Kandidaten sich ausruhen – bis auf Aronian und Caruana, die schon kurz danach in Karlsruhe und Baden-Baden wieder am Brett sitzen. Bedenkzeit ist 100 Minuten für 40 Züge, dann 50 Minuten für die nächsten 20 und nochmals 15 Minuten für den Rest, plus 30 Sekunden Inkrement von Anfang an.

Turnierseite

P.S.: Wer noch andere Quellen kennt, darf sie gerne per Kommentar nennen.

 

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One thought on “Kandidatenturnier!

  1. Danke für die Bilder, aber was ist das für eine schäbige Atmosphäre dort?!
    Man hat ja den Eindruck man befinde sich in einem unterentwickeltem Land.
    Wer kassierte eigentlich die unverhältnismäßig hohen Eintrittsgelder und wofür frage ich mich?9

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