Kandidatenturnier: Traumstart für Kramnik

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Drei Runden sind gespielt, und schon ist Ruhetag – den haben sich die Spieler bereits verdient, es ging bereits zur Sache. “Traumstart” für den ältesten Teilnehmer bezieht sich neben dem Ergebnis auch darauf, daß Kramnik nicht im Traum damit rechnete, eine lange vorbereitete Neuerung im siebten Zug ausgerechnet gegen diesen Gegner, und ausgerechnet in einer sehr wichtigen Partie spielen zu können. Als Titel war eventuell auch schlicht und ergreifend “7.-Tg8!!?” vorgesehen. Warum das in der gegebenen Situation goldrichtig war, da muß der Leser sich noch etwas gedulden – es sei denn, er informiert sich auch anderswo.

Zunächst der Zwischenstand: Kramnik 2.5/3, Mamedyarov und Caruana 2, Grischuk und Ding Liren 1.5, Karjakin und Aronian 1, So 0.5. Perfekte Tabellensymmetrie – eine Vorentscheidung, wer das Kandidatenturnier gewinnt, ist natürlich noch nicht gefallen (zumal Kramnik konditionelle Probleme gegen Ende des Turniers unterstellt werden). Eventuell ist durchaus schon eine Vorentscheidung gefallen, wer das Kandidatenturnier nicht gewinnt.

Der Bericht kommt etwas spät – das liegt u.a. daran, daß es dauerte, die zahlreichen Fotos zu sortieren, die Frank Hoppe vom Schachbund dem Schachticker dankenswerterweise zur Verfügung stellte. Fotos von Eröffnungsfeier und Pressekonferenz hat er auch, aber davon verwende ich nur eines – das Titelbild zeigt natürlich Vlad Kramnik. Nebenbei: im chess24-Livekommentar sagte Svidler (seit Montag dabei, davor spielte er Bundesliga), daß Russen eher Tkachiev Vlad nennen (der heißt komplett Vladislav), Vladimir Kramnik dagegen eventuell Volodya. Und Alexander Grischuk ist auch Sascha – Russisch verstehe wer will. Zu Runde 1 werde ich anhand zahlreicherer Fotos auch “eine Geschichte erzählen”, wobei ich nicht vor Ort in Berlin bin, zu den anderen Runden dann vor allem das rein schachliche Geschehen.

Runde 1, worum geht es eigentlich in Berlin?

Eventuell ist es die vorletzte Station für den Nach-Nach-Nachfolger dieses Herren, der 2018 seinen 150. Geburtstag feiern würde – so unsterblich ist ja niemand, aber bekannt ist Emanuel Lasker durchaus.

Publikum erscheint, nur am Rande (rechts “Can…”) ist erkennbar, warum oder wofür eigentlich.

Für das FIDE World Chess Kandidatenturnier in Berlin, das natürlich auch (hinreichend bekannte) Sponsoren hat – (nur) deshalb darf auch Kramnik mitspielen.

Das sahen die Zuschauer von oben, eine ungewöhnlich aufgeteilte Bühne – Spieler können Partien der sechs anderen nicht direkt betrachten! Noch spielt es keine allzu grosse Rolle, später in der entscheidenden Phase eventuell durchaus. Den Herrn, der schon vor den Spielern die Bühne betrat, zeige ich nochmal grösser:

Hauptschiedsrichter Klaus Deventer.

Ein anderer hat weder Haare noch – jedenfalls auf diesem Foto – Krawatte noch Elopunkte (Deventer hat jedenfalls eine DWZ), aber auch er stand (oder stellte sich) im/in den Mittelpunkt:

Agon CEO Ilya Merenzon

Nochmals die zahlenden Zuschauer

Ding Liren erschien offenbar als Erster im Spielerbereich….

und bekam dann Gesellschaft nicht nur von Levon Aronian. Soviel Rummel um eine Partie, die dann in 22 Zügen Remis endete? Nun, ohne Aufregungen war es nicht, Absicht kann man den Spielern nicht (oder erst am Ende) unterstellen. Und jetzt zu den Partien, wobei ich mit der nach Zügen und Stunden längsten beginne – Fotos vorläufig noch in chronologischer Reihenfolge, dann nicht mehr.

Titelverteidiger Karjakin hatte einen Gegner, den ich natürlich nicht nur von hinten zeige:

Shak(riyar) Mamedyarov, der hier vielleicht leichte Probleme mit der unvermeidlichen isklar-Wasserflasche hat. Um das bereits zu erwähnen: Probleme mit dem Gegner hatte er nur im Sinne von “reicht der Vorteil mit den schwarzen Figuren zum Sieg?”.

Beide zusammen und ein bisschen mehr Stellung auf dem Foto. Es begann mit 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 g6!? (selten, wobei neben Carlsen – nicht nur in Blitzpartien – auch Mamedyarov bereits so spielte, mit klassischer Bedenkzeit allerdings offenbar nur einmal im Schachleben) 4.c3 a6 5.Lxc6 dxc6 6.d4 exd4 7.cxd4 – und das ist die fotografierte Stellung, ab hier verbrauchten beide Bedenkzeit und kurz danach bekam auch Weiß einen Doppelbauern. Nun Fotos nicht mehr chronologisch:

Wieder Zuschauer – wenn das auf einem Kreuzfahrtschiff wäre, könnte der Eindruck entstehen, daß viele seekrank sind und Fische füttern. So haben sie die Großmeister unter ihnen aber nicht belästigt, durchaus offenbar mit Geräuschkulisse – links auf dem Foto ist ja auch “Dynamik” erkennbar, und generell ist es ein offenes Gebäude. Bei anderen Veranstaltungen kein Problem, nicht (siehe Vorbericht) Kleidermesse oder Schachboxen, wohl auch nicht bei Konzerten. Da sitzen Zuschauer/Zuhörer still, bei sechs Stunden Schach ist das eben nicht der Fall. Was sahen die Zuschauer eigentlich?

Im Prinzip das, mit Fernglas oder (wie wohl Frank Hoppe) Tele-Objektiv eventuell auch z.B. das:

Wir sind wieder bei Karjakin-Mamedyarov, immer noch (siehe Bedenkzeiten) früh in der Partie – Züge seit dem letzten Foto 7.-Lg4 8.Db3 Lxf3 9.gxf3 (wie versprochen, auch Weiß hat einen Doppelbauern) 9.-Lg7. Das gab es offenbar noch nie auf einem Schachbrett – nur noch auf zwei mit vielen Kilometern dazwischen: eine Fernpartie zwischen Peter Tobler (Australien/Neuseeland) und Michael Egner (Deutschland). Sergey Karjakin interpretierte es dann anders als Peter Tobler – in seinem Fall war die Idee von 8.Db3 13.Dxb7 und 14.Dxc7. Beiderseits verschwanden weitere Bauern am Damenflügel, Schwarz behielt im Damenendspiel einen b-Bauern (der zuvor ein c-Bauer war).

Mamedyarov stand sicher besser, aber das sollte der “Verteidigungsminister” Karjakin doch remis halten? Am Ende schaffte er es nicht, nach 71 Zügen Karjakin-Mamedyarov 0-1! – das Ausrufezeichen für den Schwarzsieg, und einige hatten Mamedyarov trotz seiner Erfolge in letzter Zeit derlei nicht zugetraut.

Daß die guten Freunde Karjakin und Mamedyarov bereits in Runde 1 gegeneinander spielten, war wohl Zufall, zwei andere Paarungen dagegen manipuliert:

Grischuk spielte gegen

Kramnik – hier vielleicht leicht überbelichtet, liegt dann an weissem Hemd und Lichtverhältnissen im Gebäude.

Caruana traf auf So, diese Stellung noch wenig aussagekräftig. So kompensiert Caruanas dritte Wasserflasche (hat er etwa frech sein eigenes Wasser mitgenommen?) mit einer Kaffeetasse. Kandidatenturnier-Regeln enthalten, daß Landsleute früh im Turnier aufeinander treffen – das gilt für Russen und auch für US-Amerikaner. Mamedyarov wurde zwar, wie Annmarie Mütsch im Interview des Schachbunds verrät, bei der Eröffnungsfeier als Russe bezeichnet – die Auslosung hat es nicht beeinflusst, sonst gäbe es in Runde zwei neben dann Kramnik-Karjakin (Karjakin-Grischuk in der dritten Runde) auch Grischuk-Mamedyarov oder Mamedyarov-Grischuk, das war nicht der Fall.

Kramnik-Grischuk 1-0: Hier war (nach 1.d4 Sf6 2.Sf3) 2.-g6 relativ normal, im Gegensatz zu 3.b3!? was den Gegner früh nachdenken ließ – Grischuk hat spätere Zeitnot früh vorbereitet, Kramnik und/oder sein Sekundant Giri haben da etwas nachgeholfen? Zum Fotozeitpunkt noch 3.-c5 4.dxc5. In später unklarer Stellung – unklar im Sinne von “was sind eigentlich Pläne für beide Seiten?” – wurde Grischuk seine Zeitnot vielleicht zum Verhängnis. Nach einem zu aktiv-provokativen schwarzen Turmmanöver gewann Kramnik eine Qualität, gab diese freiwillig zurück und erreichte ein besseres Endspiel – das er dann gewann, in insgesamt 48 Zügen.

Nach dem Motto “erst die Entscheidungen, dann das Remis” oder auch “umgekehrt nach Partielänge” sind nun die Amerikaner wieder dran: Caruana-So 1-0 – noch ein Foto habe ich nicht, aber ein paar Worte zur Partie: So hat den gegnerischen Königsangriff wohl unterschätzt, so [sic] fiel die Entscheidung zu seinen Ungunsten bereits vor der Zeitkontrolle. Mitunter wurde bereits 18.-Lxc5, was im Gegensatz zu 18.-Sxc5 19.Sg5 erlaubte, als Fehler bezeichnet. Entscheidend dann 23.-La6? statt den Gegner mit 23.-Ta2! am Damenflügel zu beschäftigen.

Ich sagte bereits, daß Aronian-Ding Liren 1/2 durchaus gehaltvoll war, nun fotografische Beweise:

Ding Liren war nach eigener Aussage von (1.c4 Sf6 2.Sc3 e6 3.e4 d5 4.e5 d4 5.exf6 dxc3 6.bxc3 Dxf6 7.d4 b6) 8.h4!? total schockiert – prompt kam er ins Schwitzen und hat sein Jackett ausgezogen. Nach dem relativ seltenen 7.-b6 ist 8.h4 fast neu, in der Hauptvariante mit 7.-e5 kannte Aronian frühes h4 bereits – aus schwarzer Sicht und er machte schlechte Erfahrungen, also nun mit Weiß versuchen. Ohnehin hatte er versprochen, h4 zu spielen wann immer es geht. Zum Fotozeitpunkt noch 8.-Lb7 9.Lg5 gespielt – mit Angriff auf die schwarze Dame, die weiter gejagt wurde.

Aronian grübelte danach auch, wobei die nächsten paar Züge offenbar noch Vorbereitung waren.

Foto von oben, inzwischen steht die schwarze Dame auf a5 und Weiß hat mit 11.Kf1 sowohl g2 gedeckt als auch -Dxc3 entschärft. Rochieren wollte er ohnehin nicht, 8.h4 hat neben 9.Lg5 auch das spätere 17.Th3 vorbereitet. Danach wurde es kompliziert, beide verbrauchten nun viel Bedenkzeit und ab dem 19. Zug wiederholten sie. Einige bezeichneten das als schade – jedenfalls am Brett unklar, wer sonst besser steht und warum, und in der ersten Runde noch kein extremes Risiko nehmen!?

Nun zu Runde 1 noch zwei Galerien:

Kommentiert haben vor Ort auf Deutsch Ilja Zaragatski und Niclas Huschenbeth, Zuhörer hatten sie (in Berlin und im Internet). Auf Englisch machte es Judit Polgar mit bisher zweimal Yannick Pelletier und einmal Lawrence Trent, aber da hat Frank Hoppe offenbar nicht fotografiert. Stattdessen über den Nachmittag und Abend (Runde lief von 15:00 bis etwas nach 21:00) noch den einen oder anderen VIP – viele erkenne ich nicht, einen durchaus:

Mit roter Krawatte DSB-Präsident Ullrich Krause – erstens wurde er in letzter Zeit mehrfach “namentlich” fotografiert, zweitens hat er sich seit den Zeiten (1990er Jahre), als er und der Autor dieses Beitrags beide in Kiel studierten und den Vereinsabend der Kieler SG besuchten, äusserlich nicht sehr verändert (jedenfalls nicht im Sinne von Glatze oder Vollbart oder Kilos mehr oder weniger im deutlich zweistelligen Bereich). Weiß hatte er damals natürlich in der einen oder anderen Schnell- und Blitzpartie, im Anzug erschien er soweit ich mich erinnere damals nicht – in Berlin ist er ja in anderer Rolle. Gefilmt wurden er und andere auch, und wer sind die beiden jungen Damen auf dem rechten Foto? Da bin ich überfragt, sachdienliche Hinweise gerne per Kommentar.

In Runde 2 hatte nur eine Partie Sieger und Verlierer, wieder kann man den Remisspielern nicht Absicht unterstellen (jedenfalls nicht allen) aber mit dieser Partie beginne ich:

 

Grischuk-So 1-0: Schwarz hat weissen Königsangriff total unterschätzt – ich wiederhole mich, da Wesley So sich wiederholte. Spektakulär war es zum einen durch den doppelten “rook lift” Te1-e4-g4 (das hatte So freundlicherweise mit 18.-Sf6 und 19.-Sxe4 20.Txe4 ermöglicht) und Tc1-c5 – dieser Turm wollte eventuell nach z.B. h5, dazu kam es nicht aber 22.Tc5 machte auch Platz für 23.Dc1, die Dame beäugte nun zusammen mit dem Ld2 den schwarzen Bauern auf h6. Grischuk zu diesem Moment: “Ich greife mit allen Figuren an, Schwarz verteidigt nur mit dem Lf6. Wenn das nicht gewonnen ist, höre ich auf mit Schach spielen.” Zum anderen stiftete So mit 24.-Te4 Verwirrung – Grischuk spielte das im Gewinnsinne fast erzwungene 25.Txc7 nur widerwillig nach 8 Minuten und landete so in seiner üblichen Zeitnot. Mehrfach hatte er danach weniger als eine Minute auf der Uhr und bekam jeweils wieder 30 Bonussekunden. So überlebte bis zur Zeitkontrolle und machte auch danach noch ein paar Züge.

Kramnik-Karjakin 1/2 begann mit 1.e4!?, was Kramnik eher selten spielt – dann sass er gegen die Berliner Mauer an der “falschen” Seite des Bretts. Er erlaubte das Endspiel und erreichte gewissen Vorteil bzw. stand zumindest angenehmer. Aber präzise verteidigen, das kann Karjakin – jedenfalls oft oder meistens und an diesem Tag auch.

Kramnik noch einmal individuell – hier setzt er bei noch fehlendem Gegner bereits an zu 1.e4.

Mamedyarov-Aronian 1/2 – der Geheimfavorit gegen den (jedenfalls vorher) allgemein so bezeichneten Favoriten im Kandidatenturnier. Weiß konnte zwar mit zwei Schwerfiguren auf der gegnerischen siebten Reihe eindringen, aber dann gab Aronian “Dauerschach” auf die weiße Dame, also remis. Gestern 22 Züge für Aronian, heute 24, tags darauf immerhin 27.

Ding Liren-Caruana 1/2: Gegen Katalanisch spielte Caruana ein theoretisch bekanntes Qualitätsopfer und hatte immer ausreichende Kompensation – aber nicht mehr, auch wenn Weiß angesichts weissfeldriger Schwächen um seinen König vielleicht eher aufpassen musste.

Nochmal ein Zuschauerfoto – und sei es nur um zu zeigen, daß Frank Hoppe auch Hochformat beherrscht.

Runde 3: Eine Partie stand klar im Mittelpunkt, und ein Ehrengast, der da den symbolischen ersten Zug ausführte, wurde vielleicht bekannter als andere an anderen Tagen – der russische Schachverband wählte als Titel des RundenberichtsНе стреляйте в пианиста!”. Pianista kann ich auch noch entziffern, zumal oben beim URL auf nicht-kyrillisch “ne_strelyayte_v_pianista” steht, Google übersetzt es mit “Schieß nicht auf den Pianisten”.

Gemeint ist der Luxemburger Francesco Tristano, der hier Kramnik begrüsst (oder umgekehrt), zuvor war Aronian an der Reihe.

Und dann spielte er für Aronian 1.e2-e4!?.

Kramnik konnte es kaum glauben, das spielt Aronian selten bis nie – aber Levon akzeptierte es bzw. bestand darauf, Heiterkeit auch beim Schiedsrichter Klaus Deventer. Ruchess.ru hat im Artikel zu diesen Sekunden auch ein Video des armenischen Journalisten Agashi Inants und ein paar erläuternde Worte: Oft berät sich der Ehrengast mit “seinem” Spieler, aber Aronian machte (im Video erkennbar) nur eine Geste “Mach was Du willst!”. Also spielte Francesco Tristano – qualifizierter und als Jugendlicher recht aktiver Schachamateur – seinen Lieblingszug 1.e2-e4, Aronian kann das ja danach korrigieren aber dabei blieb es, Aronian stellte die Uhr an. Die nächsten Züge weniger überraschend im Duell der beiden “Berliner”: Aronian lebte ja zumindest jahrelang in Berlin, Kramnik popularisierte die Berliner Variante im Spanier und spielte außerdem in den 90er Jahren Bundesliga für Empor Berlin. Warum dieser Verein dann seinen Namen nicht mehr umsetzen konnte, steht in einem Blogbeitrag von Frank Hoppe (der schon wieder) – es lag nicht direkt an der Wiedervereinigung.

Jedenfalls kam 1.-e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 und nun 4.d3. Die weiße Welt war noch in Ordnung, die schwarze natürlich auch. Aber schon wenig später grübelte Aronian:

7.-Tg8!?, was ist das denn? Aronian hatte Kramnik mit 6.0-0 und 7.h3?! dazu eingeladen – diese Kombination ist, wenn Schwarz noch nicht kurz rochiert hat, zumindest riskant.

Da Frank Hoppe auch das fotografiert hat, zu den Eröffnungen in allen vier Partien: Mamedyarov spielte gegen Caruana Najdorf-Sizilianisch und dann ein auf höchstem Niveau etwas aus der Mode gekommenes Abspiel. Ding Liren hat gegen So gerade einen Bauern eingestellt – Quatsch, das ist das bekannte Marshall-Gambit im Spanier. Karjakin und Grischuk achten auf Symmetrie, als nächstes kam da 6.-d6 – normalerweise steht allerdings im Italiener kein Springer, sondern ein weisser Bauer auf c3. Bei Aronian-Kramnik könnte man fast auf Fischer Random tippen: Schwarz spielte Ld8-e7-c5 und Df8-e7, nun kommt gleich die kurze Rochade. Dazu passt allerdings nicht, daß die weissen Figuren alle auf normalen Ausgangsfeldern stehen. Aronian hat 7.-Tg8 recht flott mit 8.Kh1 beantwortet, nun brauchte Kramnik 13 Minuten für 8.-Sh5 und Aronian dann 22 Minuten für 9.c3.

Noch einmal Kramnik, und nun der Rest der Partie: Schwarz spielte natürlich 9.-g5 und dem weissen König ging es an den Kragen. Aronian wollte nun doch die Damen tauschen, auch wenn er zuvor das Berliner Endspiel abgelehnt hatte, Kramnik war nicht einverstanden. Maximalen Widerstand leistete er dann nicht, Kramnik konnte zaubern – wobei Aronian ihm das schönste Mattbild nicht gönnte:

So wäre es nach (statt 26.exd5 De2 27.Te1 g2+ 0-1) 26.Txd3 Dxe4 27.Te3 (Damengewinn durch Fesslung auf der e-Linie!) 27.-f2+ (meinetwegen) 28.Txe4 Lxe4# gekommen. Wenn Kramnik den letzten Zug beidhändig spielt, kann er eventuell mit der rechten Hand 28.-Lxe4 spielen und mit der linken Hand den Sh5 vom Brett entfernen, der wäre nun überflüssig! Wobei er zuvor eine Rolle spielte: 8.-Sh5 ermöglichte 9.-g5 und machte auch Platz für 18.-f5, außerdem wurde er vielleicht in einigen Varianten für -Sxg3+ oder als Deckung für -Dg3# gebraucht.

Viel Lob für Kramnik: chess24 nennt es eine “unsterbliche Partie”, chess.com titelt “Kramnik besiegt Aronian in brilliantem Stil”, Europe Echecs schreibt “eine superbe ‘moderne’ Partie: erst angreifen, dann Figuren entwickeln”, und auch von Großmeistern, u.a. Grischuk: “eine der besten Partien, die ich je gesehen habe” und “von Anfang bis Ende unglaublich”. Zwei sahen es relativ nüchtern: Kramnik selbst sagte hinterher “Ehrlich gesagt: es war hübsch, aber nicht extrem schwierig. Die weisse Stellung war einfach zu schlecht.” Außerdem sagte er, daß er 7.-Tg8 bereits vor einiger Zeit entdeckt hatte und nie und nimmer damit rechnete, es ausgerechnet im Kandidatenturnier und ausgerechnet gegen Aronian – der selten 1.e4 spielt – anzuwenden. Eher betrachtete er 1.e4-Spieler wie Anand oder Carlsen als potentielle Opfer.

Emil Sutovsky schreibt auf Facebook (verbesserte Google-Übersetzung aus dem Russischen): “Heute bewundern alle seinen brillianten Sieg gegen Aronian – ehrlich gesagt, ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Ja, Kramnik spielte gut aber musste eigentlich nichts zeigen. 7.-Tg8 findet jeder Computer, und dann spielte Levon so hässlich, daß Volodya nur den klarsten Gewinnweg finden musste. Es war sehr spektakulär, aber Kramnik wird es wohl kaum in eine Sammlung seiner besten Partien aufnehmen.” Sutovsky lobte bei anderen Gelegenheiten eher positionelle Meisterleistungen, vielleicht spielt auch das eine Rolle: er ist selbst Angriffsspieler und bewundert eher das Schach, das er nicht so gut beherrscht oder jedenfalls seltener selbst aufs Brett bekommt.

Wie dem auch sei, die anderen Partien im Schatten dieser – zwei zu Recht, eine nicht unbedingt.

So-Ding Liren 1/2 – hiermit erwähnt, Marshall wird eben remis. So hatte So nun auch einen halben Punkt – er gab zu, daß er nicht in der Stimmung war für einen Kampf auf Biegen und Brechen. Karjakin-Grischuk 1/2 – ohne Foto, ebenfalls hiermit erwähnt.

Caruana-Mamedyarov 1/2 dagegen ein Najdorf-Drama der leicht anderen Sorte. Weiß rochierte lang, Schwarz kurz – soweit durchaus üblich, wobei Schwarz manchmal auch gar nicht rochiert. Aber dann gingen beide Damen auf Bauern-Einkaufstour vor dem jeweils eigenen König. Es entstand eine Stellung mit weisser Mehrqualität – vor der Zeitkontrolle stand Weiß jedenfalls für Engines besser, aber Schwarz verweigerte eine angedeutete Zugwiederholung (sonst konnte auch Caruana noch abweichen, vielleicht wollte er nur etwas Bedenkzeit gewinnen bzw. die Zeitkontrolle erreichen). Nach der Zeitkontrolle war es ausgeglichen, wobei angesichts schnellerer schwarzer Freibauern eher Caruana aufpassen musste und froh war, daß er sein Schiff in den Remishafen steuern konnte. Am Ende wäre forciert ein remises Bauernendspiel entstanden, das hatten beide sicher gesehen aber es kam nicht mehr aufs Brett.

Ein letztes Foto mit mehreren Botschaften: Zuschauer können auch selbst Schach spielen. Für ihr leibliches Wohl ist – siehe links hinten – bestens gesorgt. Und die Liveübertragung funktionierte – aber das hatten wir bereits – vor Ort ebenfalls. Agon schaffte es allerdings nicht im Internet und empfahl stattdessen diverse andere einschlägige Seiten (allerdings, um eines anzudeuten, weniger als 24).

Aber wieder zum rein schachlichen Geschehen, das kaum Wünsche offen lässt. Mittwoch geht es weiter mit Grischuk-Ding Liren, Mamedyarov-So, Kramnik-Caruana und Karjakin-Aronian. Mamedyarov kann Sos Hoffnungen auf ein WM-Match gegen Carlsen (jedenfalls in diesem WM-Zyklus) weiter reduzieren, Kramnik kann weitere Fortschritte machen, Aronian könnte ein Comeback gelingen – gegen Karjakin hat er einen satten Plusscore. Die vierte Partie zwischen zwei Spielern, die eher nicht zu den Favoriten zählen – wobei es im Kandidatenturnier keine echten Aussenseiter gibt und Ding Liren eventuell auch als Geheimfavorit getippt wurde. Der Schachticker bleibt dran.

 

 

 

 

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3 thoughts on “Kandidatenturnier: Traumstart für Kramnik

  1. Das war mir ein Begriff, auch wenn ich weder Jahr noch Schauspieler und Handlung des Films parat hatte. Natürlich bezieht es sich auch oder vor allem darauf, daß der für Aronians 1.e4? “verantwortliche” Francesco Tristano Pianist ist (hatte ich als bekannt bzw. aus dem Kontext ersichtlich vorausgesetzt).

  2. Schießen Sie NICHT auf den Pianisten ist eine Anspielung auf: »Tirez sur le pianiste«, einen Film von François Truffaut aus dem Jahr 1959. Den Pianisten spielt der französisch-armenische Musiker und Schauspieler Charles Aznavour(ian), der in dieser Rolle vom Klaviervirtuosen zum Barpianisten herunterkommt und in kriminelle Geschäfte verwickelt wird. Ob der russische Verband den Titel wegen wegen Aronians armenischen Wurzeln oder weil Kramnik kurzen Prozess gemacht hat, gewählt hat, bleibt jedem selbst überlassen.

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