Adhiban gewinnt Reyjavik Open

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Die ganze Schachwelt schaut seit Samstag nur auf das Kandidatenturnier in Berlin – stimmt nicht ganz: einige schauten auch auf ihr eigenes Brett anderswo, sei es am Wochenende an verschiedenen Bundesliga-Spielorten, sei es bis Mittwoch in Reykjavik. Darunter auch Großmeister, darunter auch einige der Kategorie 2700+ – auch wenn der Titelverteidiger Anish Giri in Reykjavik fehlte, wohl wegen Verpflichtungen in Berlin.

In Reykjavik hat dann keiner der beiden 2700er (Rapport und Eljanov) gewonnen, sondern der Inder Baskaran Adhiban. Einerseits ist er konstant – praktisch immer gute Laune. Andererseits ist er schachlich inkonstant – oft ändert sich seine Elozahl in einem Turnier zweistellig, in die eine oder die andere Richtung. Zuletzt lief Wijk aan Zee A-Gruppe nicht wie letztes Jahr, und davor Isle of Man Open auch nicht nach Wunsch. Letzteres lag vor allem an nur 50% (3/6) gegen Landsleute, die durchgehend mindestens 100 Elopunkte weniger auf ihrem Konto hatten als er selbst.

Das wiederholte er nun in Reykjavik – in Runde 1 und 3 zweimal Remis gegen 2275 und 2427 aus Indien, damit zunächst eher kein Kandidat für den Turniersieg. Weitere Inder bekam er nicht, gegen Spieler aus anderen Ländern erzielte er 6/6 und dann noch das für den alleinigen Turniersieg nötige Remis.

So stand es am Ende insgesamt: Adhiban 7.5/9, Lagarde und Yilmaz 7/9, dann 17 mit 6.5/9. Die nenne ich nicht alle, nur einige: Perelshteyn hatte die beste Wertung vor den Favoriten Erwin l’Ami, Eljanov und Rapport. Jedenfalls vom Endergebnis her ein gutes Turnier für Jungstar Praggnanandhaa, ebenfalls in dieser Gruppe Nodirbek Abdusattorov, der etwas ältere Elo-Mitfavorit Gata Kamsky und vielleicht am überraschendsten IM Cornette (also Deimante, nicht GM Matthieu). Wertung ist nebenbei etwas Unsinn: Erster Tiebreaker ist direktes Resultat, aber bei neun Runden spielten diese siebzehn natürlich kein komplettes Miniturnier. Dann meiste Siege – im Schweizer System Quatsch: eventuell kann man mit 0/2 beginnen und dann 6.5/7 gegen jedenfalls zunächst recht schwache Gegner und liegt vor Spielern, die durchgehend vorne mitmischten. Meiste Schwarzpartien ist auch Losglück, TPR ist erst der nächste Tiebreaker.

Der Turnierverlauf kurz zusammengefasst: Nach drei Runden hatten nur noch drei Spieler 100% – Yilmaz, Vaibhav und Moradiababi, alle nicht engerer Favoritenkreis, aber nominell stärkere Spieler hatten bereits Federn gelassen. Nach Runde vier lag Yilmaz alleine vorne – Sieg gegen Vaibhav, Moradiababi wurde heruntergelost und spielte gegen Rapport nur (oder immerhin) remis. Nach Runde fünf führte der Türke Yilmaz wieder zusammen mit einem Inder und einem Amerikaner (Moradiababi kommt aus dem Iran, aber spielt inzwischen für die USA) – der Amerikaner hiess allerdings nun Alexandr Lenderman, und der Inder … immer noch nicht Baskaran Adhiban, sondern IM Nihal Sarin. Nach Runde sechs lagen dann sechs Spieler vorne – darunter Adhiban, der ab hier das Kommando übernahm.

Fotos ab Turnierseite auf Facebook gefunden – fotografiert haben in Runde 1-4 Lennart Ootes (danach vielleicht in Berlin), ab Runde 6 Fiona Steil-Antoni – in der späteren Spielergalerie jeweils angegeben, das Titelfoto zeigt Baskaran Adhiban abgelichtet von Fiona Steil-Antoni.

“Runde für Runde” weitgehend im Schnelldurchlauf, in Runde 1 noch weitgehend Favoritensiege, unter den wenigen Ausnahmen Das(2275)-GM Adhiban(2650) 1/2

Der Amerikaner (armenischer Abstammung?) Haik der Manuelian, links auf dem Foto, verlor demnach gegen Richard Rapport. Für einen Spieler mit Elo 2279 lohnte sich das Turnier wohl insgesamt – 0/4 gegen Großmeister (später l’Ami, Hamitevici und Hjartarson) erzielte er dank 5/5 gegen titellose Spieler (bzw. einer war CM).

Zu dieser Runde zeige ich nur noch, was Fiona Steil-Antoni in Reykjavik sonst noch machte: Kommentar zusammen mit Simon Williams.

In Runde 2 bereits deutlich mehr Remisen an den vorderen Brettern, und auch eine komplette Überraschung: GM l’Ami – IM Ravi Haria 0-1. Der Name des Schwarzspielers klingt indisch, aber er spielt für England. Erwin l’Ami übersah in besserer Stellung einen gegnerischen Grundreihentrick – das kostete ihn Qualität und Partie. Ravi Haria ärgerte später noch weitere Großmeister, verlor allerdings gegen Adhiban und Stefansoon und verpasste zum Schluss durch etwas zu eloschwache andere Gegner knapp eine GM-Norm. Carlsen (Elo 2031, also nicht Magnus sondern Papa Henrik) konnte er eventuell noch verkraften, zumal die niedrigste gegnerische Elozahl für Normzwecke auf 2200 angehoben wird, in der letzten Runde hatte sein isländischer Gegner Bardur Orn Birkisson nur 2212.

l’Ami erzielte insgesamt in dieser Runde immerhin 50%, da IM Alina eine verdächtige bis verlorene Stellung gegen Hamitevici noch umdrehen konnte – bzw. das machte ihr großmeisterlicher Gegner selbst.

Zu Runde 3 ein Foto von zwei jungen Indern, die schon vor Adhiban im Mittelpunkt standen – der eine aufgrund seines Turniers, der andere aufgrund seines bekannten Namens (nicht nur weil dieser “Anand” enthält).

Nihal Sarin (links) an Brett 1 gegen Rapport, Praggnanandhaa (rechts) an Brett 2 gegen GM Cornette (IM Cornette hat auch mitgespielt, dazu komme ich noch). Daß der an acht gesetzte Matthieu Cornette bereits an Brett 2 spielte zeigt, wieviele Favoriten zuvor jedenfalls nicht 2/2 hatten. Beide Partien endeten Remis, zu Praggnanandhaa nur noch soviel: am Ende wieder keine GM-Norm – Karjakin behält ohnehin seinen Rekord, vielleicht wird sich der Rummel um Praggnanandhaa nun etwas legen. Nihal Sarin wird auch später erwähnt.

In Runde 4 am Spitzenbrett Vaibhav-Yilmaz 0-1: in einem positionellen Najdorf-Sizilianer erhoffte Weiß wohl zuviel von seinem Bauern auf d6 – der war allerdings sicher blockiert, und quasi überall sonst auf dem Brett sammelte Schwarz eigene Trümpfe. Rapport-Moradiababi 1/2 – der Ungar spielte eine “normale” Eröffnung (Katalanisch) nebst frühem Damentausch und konnte seinem nominell unterlegenen Gegner damit keinerlei Probleme stellen. Das war vielleicht eine “halbe” Überraschung, ganze an einigen weiteren Brettern:

Eljanov-Hjartarson 0-1! Kurz und knapp: Königsindisch endete zugunsten von Schwarz, dessen Aktivität am Königsflügel mehr einbrachte als entsprechende weisse Versuche am Damenflügel.

Nihal Sarin – Adly 1-0, erster GM-Skalp des jungen Inders! Er hat den Ägypter positionell überspielt und verwertete am Ende einen Mehrbauern im Springerendspiel. Nihal Sarin ist weniger bekannt als Praggnanandhaa, hinterließ aber in diesem Turnier den deutlich besseren Eindruck – warum er am Ende einen halben Punkt weniger hat, dazu komme ich noch. Dazu passt auch, daß Praggnanandhaa in derselben Runde auf ähnliche Weise gegen Lenderman verlor wie Nihal Sarin gewann – nur war es da am Ende ein Turmendspiel.

Runde 5 offenbar ohne Fotograf oder Fotografin, zu einigen Partien: Das türkische Duell Yilmaz-Can am Spitzenbrett war wohl eher scheinbar umkämpft, nach 31 Zügen einigten sie sich in vereinfachter Stellung auf Remis – dabei hatten beide fast gar keine Bedenkzeit verbraucht. In Reykjavik gilt Remisverbot vor dem 30. Zug.

Dahinter reihenweise Siege, viele mit Schwarz – oft war Schwarz dabei Elofavorit, z.B. Hjartarson-Lenderman 0-1 (materiell aber nicht positionell ausgeglichenes Endspiel), Hari Ravia – Adhiban 0-1 (dito) und auch Hamitevici-Rapport – ähnlich, wobei es nicht langsam, sondern durch einen weissen Fehler entschieden wurde. Ebenfalls ähnlich, nur ohne Elo-Unterschied, Moradiababi – Nihal Sarin 0-1.

GM Cornette gelang dagegen kein Schwarzsieg gegen IM (Name kommt gleich) mit 173 Elopunkten weniger – lag vielleicht daran, daß er gegen eine Dame spielte, die seit einiger Zeit ebenfalls Cornette heißt und keinen Ehekrach wollte. Ähnlich wie am Spitzenbrett: ohne viel nachzudenken (Weiß maximal 1 Minute 40 Sekunden, Schwarz nie mehr als 35 Sekunden) machten sie 30 Züge und vereinbarten dann Remis – plausibel in der Schlusstellung mit ungleichfarbigen Läufern. Für weitere Punkte gegen GMs musste Deimante Cornette (früher Daulyte) mehr zeigen. Das andere Schachpaar Alina und Erwin l’Ami war übrigens nach einigen Runden ebenfalls punktgleich, aber wurde nicht gegeneinander eingeteilt. In Runde 8 sassen sie nebeneinander, beide mit den schwarzen Figuren.

Runde 6 – die entscheidende Turnierphase begann. Am Spitzenbrett zwischen Lenderman (der dann noch weit zurückfiel) und Yilmaz ein durchaus ausgekämpftes Remis, am Ende nur noch zwei Könige auf dem Brett.

Brett 2 Nihal Sarin – Kamsky 1/2 mit noch mehr Material auf dem Brett, aber total verrammelter Stellung. Rapport gewann mit Schwarz gegen Friedel, Adhiban bekam seinen ersten “vollwertigen” GM im Turnier (Landsmann Sundararajan in Runde 3 hatte zwar einen GM-Titel, aber aktuell nicht ganz dazu passende Elo 2427).

Adhiban-Ramirez 1-0 war ein Sturmsieg in 27 Zügen.

Noch ein Turniersaal-Foto aus dieser Runde, vorne Alejandro Ramirez gerade nicht am Brett.

Runde 7: Am Spitzenbrett hat Rapport Lenderman mattgesetzt, ein Grund warum der Amerikaner zurückfiel. Brett 2:

Lagarde-Adhiban 0-1 – (mir) unklar, ob das Läuferendspiel für Schwarz wirklich gewinnträchtig war, aber dann erlaubte der Franzose ein total verlorenes Bauernendspiel und gab direkt nach der Zeitkontrolle auf (Zeitnot spielte zuvor vielleicht eine Rolle). An den nächsten beiden Brettern Jugend gegen etablierte GMs:

Yilmaz – Nihal Sarin 1/2, wobei der Inder wohl den Sieg verpasste – aber auch so hatte er anscheinend bereits nach sieben Runden eine GM-Norm über neun Runden sicher.

Abdusattorov-Eljanov 1/2 ohne allzu große Aufregungen. Der junge Usbeke hat alle Voraussetzungen für den GM-Titel erfüllt, wird aber derzeit nach wie vor als IM geführt. Für Nihal Sarin wurde es die zweite GM-Norm, Elo 2500+ hat er bereits.

Was passierte unter anderem noch? Erwin l’Ami verlor im Endspiel gegen Daniel Howard Fernandez – Läuferpaar war besser als Springerpaar und partieentscheidend. Cornette erzielte auch in dieser Runde 1/2 – für Matthieu war ein Schwarzremis gegen den fast 200 Punkte eloschlechteren Ravi Haria wohl nicht so toll, Deimante freute sich vermutlich auch mit Weiß über ein Remis gegen GM Can (nach 51 Zügen und deutlich mehr investierter Bedenkzeit als tags zuvor).

Nochmal Turniersaal und Turniersaal:

Runde 8 brachte die Vorentscheidung im Turnier:

Adhiban-Rapport 1-0: Im slawischen Damengambit ist (1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3) 4.-dxc4 üblich, und 5.e4 dann klar zweite Wahl nach 5.a4 – Weiß will den Bauern auf c4 nicht unbedingt zurück. Auch nach Damentausch hatte Weiß gute Kompensation, dann bekam er den Bauern zurück und außerdem – mit gegnerischer Hilfe – zwei Läufer für einen Turm. Das war nach 20 Zügen der Fall, der Rest war Technik bis zum 27. Zug.

Adhiban hinterher beim Livekommentar

Und für dieses T-Shirt bekommt er auch noch ein individuelles Foto.

Fünf Spieler hatten zuvor einen halben Punkt Rückstand auf das Führungsduo Adhiban/Rapport. Lange sah es danach aus, als ob Adhiban vor der letzten Runde einen Punkt Vorsprung auf den gesamten Rest haben würde: Nihal Sarin remisierte gegen Landsmann Vaibhav (heute mal nicht ausgekämpft), der Ungar FM Antal wurde heruntergelost und verlor erwartungsgemäß gegen GM Eljanov. Das dritte Verfolgerduell schien ebenfalls remislich, dann allerdings

Fernandez-Yilmaz 1/2 0-1 – da der Engländer (früher spielte er für Singapur) mit 53.a6?!? gnaden- und etwas sinnlos überzog. Daniel Fernandez verzichtete danach auf die letzte Runde. Stand vorne damit Adhiban 7/8, Yilmaz 6.5/8, 12 Spieler mit 6/8. Vor der Schlussrunde noch zu zwei anderen Partien:

Praggnanandhaa erreichte gegen GM Can zwar mit Schwarz eine Gewinnstellung, sowohl im Mittelspiel als auch im Endspiel mit aus seiner Sicht Läufer und drei Bauern gegen Turm, konnte diese jedoch nicht gewinnen. So war es sein drittes Remis gegen Großmeister, neben der erwähnten Niederlage gegen Lenderman und vier Siegen gegen Elo 2300 oder weniger. In der Schlussrunde bekam er wieder einen Gegner dieser Kategorie, auch ein Sieg reichte da nicht für eine GM-Norm. Zum Vergleich: Nihal Sarin hatte nach Runde 8 vier Remisen und zwei Siege gegen GMs, Abdusattorov vier Remisen, beide hatten dabei teilweise stärkere großmeisterliche Gegner als Praggnanandhaa.

Cornette erzielte in dieser Runde 2/2. Der Sieg von GM Matthieu gegen Hjartarson war “normal” – der lokale Altmeister hatte insgesamt ein normales Turnier: ein Punkt ‘zu wenig’ gegen nominell schwächere Gegner (zwei Remisen), ein Punkt ‘zu viel’ gegen stärkere (der Sieg gegen Eljanov) war am Ende relativ Elo-normal. IM Deimante gewann dagegen mit Schwarz gegen Lenderman – hatte ich bereits erwähnt, daß Lenderman nach anfangs 5/6 am Ende 5.5/9 hatte? Entscheidend war die wacklige weiße Königsstellung, Weiß hatte diese bereits mit 1.f4!? freiwillig geschwächt. Das war natürlich nicht partieentscheidend, aber 30.Kf3? war zu viel des riskanten – Ergebnis erst Figurenverlust für Weiß, dann zwar Turmgewinn aber das kostete seinen König, das Matt ließ er sich noch zeigen.

Fiona Steil-Antoni hatte danach Damenbesuch beim Livekommentar.

Runde 9 wieder ohne Fotos. Vor der Runde war bereits klar, daß es einen alleinigen Turniersieger geben würde – egal wie die Spitzenpaarung Yilmaz-Adhiban ausgeht. Mit einem Weissieg würde Yilmaz Turniersieger, mit beiden anderen Ergebnissen Adhiban. Bei einem Remis konnten bis zu sechs Spieler Platz zwei mit Yilmaz teilen, fragwürdige Tiebreaks die auch das Preisgeld nach Hort-System beeinflussten hatte ich bereits genannt. Ein Kurzremis nach Zügen ging nicht – Remisverbot vor dem 30. Zug. Ein Kurzremis nach verbrauchter Bedenkzeit (wie zuvor Yilmaz-Can und Cornette-Cornette) war denkbar – aber beide überlegten mehrfach und einigten sich dann nach 31 Zügen auf Remis.

Nur einer konnte Yilmaz dann ein- und nach Tiebreak (meiste Siege) überholen: Lagarde – Nihal Sarin 1-0 – Ende in Moll für den indischen Jungstar, er verlor doch noch eine Partie da seine Berliner Mauer erstürmt wurde. Lagarde hatte so insgesamt sechs Siege, Yilmaz nur fünf – und das war mehr wert als Yilmaz’ deutlich bessere Turnierleistung.

Sechs andere Partien mit Beteiligung von Spielern mit zuvor 6/8 endeten Remis, vier davon trotz Elo-Unterschieden von über 150 Punkten. Der Reihe nach: Rapport-Stefansson 1/2 – zwischenzeitlich hatte der Ungar überzogen und schwebte in Verlustgefahr, auch wenn er am Ende vom 61. bis zum 108. Zug versuchte, im Endspiel eine Mehrqualität zu verwerten. Das Material war allerdings zu stark reduziert.

Vaibhav-Eljanov 1/2 bekommt ein paar mehr Worte und zwei Diagramme, Thema war über weite Strecken der Partie das immergrüne zwei Leichtfiguren gegen Turm – das hatte ich vor kurzem in der Vereinsmeisterschaft, ein Vereinskollege hatte es zweimal in Mannschaftskämpfen, auf GM-Niveau gibt es das auch. Es begann mit 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.Dc2 – soweit normal und auch noch 4.-0-0 5.a3 Lxc3+ 6.bxc3. Dann allerdings nicht mehr die absolut üblichen Züge, weder 6.-d6 noch 7.g3 und erst recht nicht 7.-Ld7 – sieht krumm aus, gab es das bereits? Ja, auf höchstem Niveau zweimal von einem gewissen Pavel Eljanov. Letzter Vorgänger war l’Ami-Eljanov aus dem B-Turnier in Wijk aan Zee 2007, dann wich Eljanov (der damals später im Damenendspiel verlor) im 10. Zug ab.

Weiß erarbeitete sich positionelle Vorteile und konnte im 24. Zug seinen Turm gegen zwei Springer tauschen – da Schwarz zuvor Nimzo-typisch sein Läuferpaar abgegeben hatte hätte er dann Läufer und Springer gegen Turm. Vorläufig verzichtete er darauf (warum, das müsste man Vaibhav fragen), nach dem 29. Zug stand diese Materialverteiligung doch auf dem Brett – die zweite Einladung 27.-Sd5!? konnte Weiß kaum ablehnen. Jedenfalls nun war es eine für Schwarz “akzeptable” Version, ein kritischer Moment genau im verflixten 40. Zug:

Zuletzt war 40.Dd4? falsch, und nun hatte Eljanov die richtige Idee aber in der falschen Ausführung: Damentausch ist gut für Schwarz, angesichts seines gefährlichen Freibauern (das wurde mit 25.-Dxa3 eingeleitet). Richtig war 40.-Dd5!, wonach Engines Weiß 41.Dc3 Dxf5 42.Dxa3 empfehlen – sonst ist der a-Bauer zu gefährlich – aber auch danach nicht an die weisse Stellung glauben. Eljanov spielte 40.-Db2?, und nach dem erzwungenen 41.Dxb2 axb2 war der b-Bauer bei weitem nicht so gefährlich wie zuvor ein a-Bauer. Im 51. Zug war der b-Bauer dann weg mit dieser Stellung:

Schwarz erntete zwischenzeitlich am Königsflügel, und konnte nun nach 52.Sd2 mit 52.-Tf4 auch den letzten weissen Bauern erwischen. Nach 52.-Td3 (Doppelangriff auf gegnerische Figuren, dabei kein Problem für Weiß) 53.Lc3 Tg3 54.Sc4 war der g-Bauer durch Se5+ indirekt gedeckt. Immer noch ging 54.-Ke6 55.Lxg7 Txg4 =, aber das wollte Eljanov nicht. Im 72. Zug fiel ein schwarzer g-Bauer (der auf g5), im 91. Zug hob 91.g5 die 50-Züge Regel auf. So dauerte die Partie insgesamt hundertzweiundvierzig Züge, da Weiß nun plausible aber erfolglose Gewinnversuche unternahm.

Nach verpasster Chance im 40. Zug bekam Eljanov für den geteilten 4.-20. Platz nur ein bisschen Preisgeld, wie viel oder wenig habe ich nicht ausgerechnet. Ob er nun Konsequenzen zieht und sich z.B. wieder rasiert (siehe Foto oben gegen Hjartarson und später in der Galerie), muss er selbst entscheiden.

Cornette erzielte wieder zwei Remisen, nach Eloschnitt waren sie auch nur ganz leicht favorisiert (2533 zu 2520). GM Sundararajan(2427) – GM Cornette(2620) 1/2 war leicht enttäuschend, zumal Schwarz da vorübergehend besser stand, es allerdings nicht konkretisieren konnte. IM Cornette(2447) – GM Landa(2613) 1/2 war dagegen wohl ein Wunschergebnis, zumal Deimante noch einen halben Punkt für eine GM-Norm brauchte. Ihr Tarrasch-Franzose (1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sd2 c5 4.exd5 Dxd5) war bis zum 17. Zug noch auf hohem Niveau bekannt, in Biel 2017 einigten sich Navara und Harikrishna kurz danach auf Remis durch Zugwiederholung – in Reykjavik wurde es dann ein “unfriedliches” Remis. Die Dame (im doppelten Sinne, auch die auf dem Brett) schnappte sich weisse Bauern am Königsflügel und erlaubte dadurch den Einschlag 23.-Txf2 – nach diesem Figurenopfer wurde der weisse König ins Freie getrieben. Beide befürchteten bzw. hofften wohl, daß Schwarz danach mehr als Dauerschach hat, aber er hatte nur Dauerschach – was Landa nach knapp 28 Minuten für 31.-Dg5+ akzeptierte.

Ob Deimante Cornette weitere GM-Normen erzielt und auch Elo 2500 knackt (für Damenverhältnisse “magisch”, unter Männern bzw. geschlechterübergreifend etwa Platz 760 in der Weltrangliste), das wird die Zukunft zeigen. Bei Nihal Sarin gehe ich davon aus, daß er irgendwann demnächst seine dritte Norm erzielt, Großmeister wird und danach eventuell noch “mehr erreicht” – gilt ähnlich für Praggnanandhaa, der noch zwei Normen braucht.

Auch das US-Duell unter Spielern mit zuvor 6/8 Ramirez-Perelshteyn wurde remis. Dahinter konnten einige Spieler mit zuvor 5.5/8 ihre Partien gewinnen und so noch Platz 4 teilen, aber eben mit 16 anderen – preisgeldtechnisch nicht mehr allzu effektiv. Darunter Erwin l’Ami, der den Franzosen IM Loiseau in der Botvinnik-Variante mit dem wohl zu Recht seltenen 17.b3 verwirrte – nach 50 Minuten nicht das zuvor auf Niveau bis 2340 gespielte und gute 17.-c3 sondern 17.-exd5. l’Ami spielte danach auch nicht engine-perfekt, aber die Chance im 23. Zug nutzte er und die Schlusstellung nach 27.Tc7+ suggeriert einen souveränen Sieg. Erwin profitierte wertungstechnisch von seinen zwei Niederlagen, so hatte er als einer von zwei Spielern mit am Ende 6.5/9 sechs Siege – in seinem Fall gegen Elo 2272-2427.

Der Leser erwartet vielleicht auch – eventuell schon zuvor im Bericht – eine Rubrik “deutsche Spieler”. Insgesamt haben 14 mitgespielt, neben IM Mark Kvetny fünf FMs, WFM Dr. Tena Frank und sieben Titellose. Sie spielten teils im Rahmen ihrer Elo-Möglichkeiten, teils darunter. FM Loew dabei im Eloplus, da er am konsequentesten das machte, was im Schweizer System oft passiert: fünf Siege gegen nominell ihm klar unterlegene Gegner, vier Niederlagen gegen Titelträger (drei GMs, ein IM). IM Kvetny spielte dagegen zu Beginn viel Remis: gegen Elo 2123, 2632, 1977 und 2643 (eigene Elo 2408, die hat er auch so insgesamt bestätigt).

Blick auf die nahe Umgebung war im Foto mit Nihal Sarin und Praggnanandhaa bereits enthalten, nun noch drei weitere Fotos (links und Mitte von Lennart Ootes, rechts von Fiona Steil-Antoni):

Und noch Spielergalerien in Hoch- und Querformat:

Deimante und Matthieu Cornette habe ich aus galerietechnischen Gründen getrennt, Pavel Eljanov kommt nochmals, da er auf dem Foto im Hochformat etwas fast versteckt:

Der erste Herr natürlich wegen dem bekannten Nachnamen – 5/9 für ihn war eigentlich 3.5/7, außerdem ein “Bye” für das es einen halben Punkt gibt und ein kampfloser Sieg. Doluhanova hat erwartungsgemäss gegen Kamsky, auf den sie hier wartet, verloren, und später immerhin GM Gledura besiegt.

Wie geht es weiter? Auf sehr hohem Niveau läuft weiterhin das Kandidatenturnier, auf niedrigerem Niveau (immerhin bis Elo fast 2750) wollen sich einige eventuell für das Kandidatenturnier 2020 qualifizieren – dafür müssen sie bei der Europameisterschaft ab Samstag unter den besten 23 von 319 landen (zweite Chance die EM 2019) und dann beim Weltcup 2019 unter den besten 2 von 128. Jedenfalls auf den ersten Blick spielt dabei niemand Reykjavik Open (bis Mittwoch) und EM in Batumi, Georgien.

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