Buntes Treiben beim Kandidatenturnier

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Ich habe beschlossen, nicht wie sonst üblich vor dem oder am (zweiten) Ruhetag wieder etwas zum Kandidatenturnier zu schreiben, sondern genau bei Halbzeit. Dann haben alle einmal gegeneinander gespielt, damit kann man eine Zwischenbilanz ziehen, eventuell Prognosen wagen und auch untersuchen, in wieweit Prognosen und Einschätzungen im Vorfeld (bisher) eintrafen. Dabei beziehe ich mich vor allem auf Experten (mit GM-Titel), ein bisschen auch auf mich selbst.

Was ist das Fazit aus Runde 4-7? Caruana und dahinter Mamedyarov haben sich oben abgesetzt, da der nach drei Runden führende Kramnik sich in die andere Richtung bewegte. Noch mehr eingebrochen ist Aronian – in der Geschichte der modernen Kandidatenturniere bei ihm nicht ungewöhnlich, nur zu einem frühen Zeitpunkt im Turnier. Ding Liren und inzwischen auch Grischuk remisieren dagegen fleissig, dabei nicht unbedingt absichtlich. Fehlen noch zwei: die Wiederauferstehung von Wesley So zwei Wochen vor Ostern war nur vorübergehend, danach gewann auch Karjakin eine Partie.

So steht es (demnach) momentan: Caruana 5/7, Mamedyarov 4.5, Kramnik, Ding Liren, Grischuk 3.5, Karjakin 3, So und Aronian 2.5.

Und nun “Runde für Runde” – Fotos wieder von Frank Hoppe, hier ist die Fotogalerie des Deutschen Schachbunds, Titelbild für Fabiano Caruana.

Zu Runde 4 erst etwas vor der Runde:

Security check für alle Spieler – mehrere wurden fotografiert, Aronian aus meiner Sicht am fotogensten. Diese Schuhe sind ja auch verdächtig?

Und es gab einen Werbestand des Deutschen Schachbunds. Der ist etwas jünger als Emanuel Lasker, wobei Verbände im Gegensatz zu Menschen im Prinzip unbegrenzt haltbar sind.

Zum rein schachlichen Geschehen erst Mamedyarov-So 1/2, dann haben wir das hinter uns. So spielte so-lide, Mamedyarov wollte nicht allzu viel riskieren, dann wurde es remis. Dabei war es ein durchaus interessantes, allerdings bekanntes Nimzo-Indisches Geplänkel, auf hohem Niveau eher alte Theorie (letzter hochkarätiger Vorläufer Bareev-Ivanchuk 0-1, Capablanca Memorial 2006).

Grischuk-Ding Liren 1-0 1/2 mit Bezug zu 2008: 12.Sxf7!? in der Anti-Moskau Variante gab es erstmals damals in Wijk aan Zee zwischen Topalov und Kramnik (jedenfalls am Brett, zuvor schon einige Fernpartien). Topalov war damit erfolgreich, Timman kopierte es einen Tag später im damaligen Ehrenturnier gegen Ljubojevic und erlitt mit Weiß Schiffbruch, später 2008 wurde Shirov-Karjakin remis – und das war’s dann, jedenfalls auf Weltklasseniveau.

Bis zum Berliner Kandidatenturnier – Grischuk hatte das ausgegraben und tief analysiert, vielleicht zu tief (siehe gleich). 16.a4 war seine Neuerung, später stand es nach 21.f4 gxf4? so:

Man ist geneigt zu sagen oder zu schreiben: nur Patzer oder (patzende) Weltklassespieler spielen hier nicht 22.Lh4+. Hier funktioniert es wegen 22.-Lf6 23.Dg4 – Grischuk hatte diese Stellung nach eigener Aussage hinterher am Analysebrett etwas anders, mit schwarzem Läufer auf a6 und weisser Dame auf c2. Außerdem dachte er, daß sein 21.Txf4 ebenfalls gewinnt. Dem war nicht so, eher stand Schwarz dann besser bzw. Weiß musste jedenfalls aufpassen. Wie oft, verrät die Schlusstellung – Remisendspiel mit ungleichfarbigen Läufern – nicht mehr, was zuvor alles passierte. Zum Beispiel erreichte der schwarze König das Feld b3 nicht auf dem kürzesten Weg, sondern ging von e8 (da steht er ja anfangs) über f7, b8, c4 und d6. Der weiße Monarch war vergleichsweise faul bzw. wurde nicht gejagt: 10.0-0, 20.Kh1 und weitere Züge erst ab 40.Kh2.

Karjakin-Aronian 0-1 war, jedenfalls im positiven Sinne, kein Beitrag zur Eröffnungstheorie. Auch da stand eine Figur auf dem falschen Feld und beeinflusste so das Ergebnis der Partie. In der Eröffnung (1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5 4.Sc3 Lb4 5.Lg5 dxc4 usw.) – blitzten beide bekannte Züge herunter, bis Aronian seinen Gegner mit dem seltenen 13.-Db4 auf dem falschen Fuss erwischte. Karjakin dachte, daß 14.Tb1 Dd6 15.Th3 a6 16.Le2 nur eine Zugumstellung zu wieder bekannten Stellungen sei, und wurde nun durch 16.-Sc5 unangenehm überrascht – normalerweise geht der schwarze Springer nach e5. Daraus entstand dann ein für Weiß schlechtes Endspiel, das auch “Verteidigungsminister Karjakin” nicht Remis halten konnte.

AiA (Aronian im Aufwind) aus Sicht von Schwarz, Aua aus Sicht von Weiß. Wie ging es für sie weiter? Das kommt noch in diesem Beitrag, aber erst zur vierten Partie aus Runde vier – ebenfalls eröffnungstheoretisch nicht allzu ergiebig, aber es gibt ja auch Mittel- und Endspiel.

Noch wusste Kramnik nicht, was passieren sollte.

1.e4 von Matthias Deutschmann war wohl auch von Kramnik beabsichtigt, jedenfalls akzeptierte er diesen Vorschlag – es gab auch keine Diskussionen mit Gegner Fabiano Caruana und/oder (rechts auf dem Foto abgeschnitten) Schiedsrichter Klaus Deventer. Es ist zwar nur dritte Wahl von Kramnik, aber er spielt es durchaus regelmäßig. Russisch (1.-e5 2.Sf3 Sf6) auch nicht überraschend, das macht Caruana in letzter Zeit öfters. Nach 3.Sxe5 d6 4.Sf3 Sxe4 war 5.De2 ebenso selten wie harmlos wie weltmeisterlich – so spielte Carlsen gegen Caruana dieses Jahr in Wijk aan Zee, Karpov spielte es auch gelegentlich, Spassky spielte es konsequent gegen Russisch (zwei von achtzehn Partien gewann er, die gegen Elo 2295 und 2340, Rest remis).

Kramnik-Caruana 1/2 0-1 1-0 1/2 0-1: Caruana wurde bereits von Rex $inquefield für seinen zweiten Verbandswechsel reichlich belohnt, nun gewann er auch noch in der Lotterie… . Die möglichen Ergebnisse der Reihe nach: Remis schien bei dieser Eröffnung unvermeidlich, aber dann wurde Kramnik zu kreativ. 23.c5?! funktionierte objektiv rein gar nicht – er bekam zwar vier (4) verbundene Freibauern, aber das kostete eine Figur und Schwarz hatte auch Freibauern. Da Caruana ungenau spielte, stand dann allerdings Weiß auf Gewinn – Kramnik fand jedoch nicht den besten Weg, seine Freibauern einzusetzen, und es war wieder ausgeglichen-remislich. Kramnik dachte “47.Tg8 und Weiß gewinnt/ich gewinne”, aber Caruana hatte noch die Ressource 47.-Lf6 – damit erinnerte er den lang rochierten weissen König daran, daß Bauernschutz fehlte (schliesslich mussten die abcd-Freibauern laufen), was auch bei reduziertem Material relevant war. 48.d8D (tschüss Freibauer) war der einzige Remisweg! Immerhin brachte es einen Turm ein, nun hatte Weiß eine Qualität mehr, Schwarz allerdings die besser koordinierten Figuren und gefährlicheren Freibauern.

Die erste Zeitnotphase, in der die Partie von -+ nach +- kippte, war da bereits vorbei, die zweite sollte folgen. Wie Kramnik einen Tag später verriet, hatte Caruana 52.-Sc2?! mit einem Remisangebot verbunden – nach ‘normalen’ 52. schwarzen Zügen wäre Kramnik nach eigener Aussage einverstanden, so investierte er zwei kostbare Minuten für “nein danke” und die richtige Reaktion. Dann fand er allerdings nicht den besten 54. Zug, auch sein 58. Zug war suboptimal und der 59., mit noch zwei Sekunden auf der Uhr ausgeführt, grottenfalsch (da gab es plötzlich wieder nur einen schmalen und präzisen Remisweg). Die zweite Zeitkontrolle war dann geschafft, die weisse Stellung allerdings hoffnungslos verloren – so hoffnungslos, daß die Partie nicht ein drittes Mal kippen sollte.

In Runde 5 hatten die Spieler vielleicht Mitleid mit viel beschäftigten Reportern – alles Remis, und nur eine Partie wirklich der Rede wert. Zu Caruana-Karjakin 1/2 und Ding Liren-Mamedyarov 1/2 nur “hiermit erwähnt” und der Hinweis, daß Weiß jeweils Katalanisch spielte.

Zu So-Kramnik 1/2 ein paar mehr Worte, auch wenn Kommentatoren zu “ohne Worte” neigten. So wirkt hier bereits gelangweilt, Kramnik dagegen konzentriert. Schwarz erreichte problemlos Ausgleich und wollte dann mehr, und zwar stundenlang – selbst Kramnik gab hinterher zu, daß das nicht ansatzweise berechtigt/sinnvoll war. Kräfte sparen war stattdessen eventuell angesagt, zumal nach den unerfreulichen Überstunden tags zuvor gegen Caruana.

Aronian-Grischuk 1-0 1/2 war die Partie des Tages, wobei “ohne Worte” zu einem Moment ebenfalls passte. Bevor es in diesem Bericht soweit ist, zur Eröffnung: aus Anti-Grünfeld (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.f3!?) wurde nach 3.-c5 quasi-Benoni. Aronian wich dann von seiner eigenen Partie gegen Li Chao beim FIDE Grand Prix in Genf, Juni 2017, ab und bekam später (an der Neuerung 11.Lf4 statt 11.Le3 lag es nicht) Oberwasser. Sein erster Elfmeter war, um bei Fussball-Analogien zu bleiben, eher ein Freistoss von der Strafraumgrenze:

Nur für Computer ist offensichtlich, warum 24.0-0-0 hier gewinnt, das gespielte 24.Td1 dagegen nur Ausgleich (das wieder im schachlichen Kontext) bedeutet. Wie Grischuk hinterher meinte: 24.0-0-0 ist naheliegend, aber dann steht der weisse König potentiell oder gefühlt auch unsicher – was Engines nicht beeindruckt, Menschen durchaus.

Die nächsten Züge nach 24.Td1: 24.-Sg5! (richtig, das kostete den ohnehin und immer zeitnotanfälligen Grischuk 9 1/2 Minuten) 25.c8D+ (muss sein) 25.-Lxc8 26.Dd8+ Kf7 27.Dc7+ Kg8? (falsch, dabei unmenschlich – jedenfalls bei aufkommender Zeitnot – daß Schwarz 27.-De7 28.Lc4+ Kf6 nicht nur überlebt, sondern dann gar besser steht) 28.Td6 (richtig, auch wenn Aronian am Brett anderer Meinung war) 28.-Df7

Nun sage ich mal “der Leser ist am Zug” – wer entscheidet sich hier gegen 29.Dxc8+ ? Das machen – auch wenn ich mich wiederhole – wohl nur Patzer oder patzende Weltklassespieler!? Aronian “fand” hier das nicht naheliegende 29.Dd8+ und erklärte seinen Lapsus hinterher so: Er ging davon aus, daß er mit 28.Td6 den Gewinn vergeben hatte – 28.Txg4!? fxg4 29.Td6 Df7 (hier hat Schwarz weniger schlechte Züge) 30.Dxc8+ Kh7 31.Ld3+ (Txg4 hatte diese Läuferdiagonale geöffnet) hatte er gesehen, nun kam 28.-Df7 für ihn überraschend und er haderte ohnehin mit sich.

Dabei war 28.Td6 richtig, und 29.Dxc8+ ebenfalls – was spricht denn dagegen, mit Schach eine Figur zu schlagen? Aronian berechnete danach 29.-Kh7 30.Dxc5 Se4 und betrachtete dies als “unklar”. Dem ist auch so, es sei denn Weiß findet 31.Txg4!! (das schon wieder) Sxc5 32.Txh4+ Kg8 33.Td8+ Lf8 34.Txh8+ Kxh8 35.Lxc5 – Turm und drei (3) Leichtfiguren für die schwarze Dame sollte reichen! Alternativ hatte Weiß auch 30.Dd7, das hatte Grischuk gesehen und betrachtete es zurecht als aus seiner Sicht hoffnungslos.

So allerdings umgekehrtes deja vu für Grischuk: Tags zuvor stand er nach verpasstem Gewinn eher schlechter, nun stand er nach verpasster Niederlage eher besser. Es entstand ein ziemlich unklares Endspiel – nach der Zeitkontrolle bot Aronian dann im 42. Zug Remis an und Grischuk war einverstanden.

Man kann diese Partie dabei auch anders interpretieren: Giri hatte als Kramnik-Sekundant Langeweile und hat daher als Aronian-Ersatz selbst mitgespielt – Anish ist schliesslich bekannt dafür, daß er auch in Gewinnstellungen den Remisweg findet!

Rein schachlich ist eine Partie zu Runde 5, selbst so eine, etwas wenig – daher noch ein paar Fotos vom Drumherum:

Deutscher Livekommentar mit Ilja Zaragatski und Georg Meier (Meier inzwischen, wie auch der zuvor kommentierende Huschenbeth, bei der Europameisterschaft in Georgien)

Sie hatten Zuhörer.

Auf Englisch kommentierten für Agon Lawrence Trent und Alexandra Kosteniuk (von links nach rechts statt “Lady first genannt”).

Wer etwas mehr Eintrittsgeld zahlte (oder Ehrengast war?) hatte auch Zugang zur “Gold Lounge”

Da jede Menge Platz, im Pressezentrum nicht unbedingt

Ein weiteres Rätsel aus dem ersten Zwischenbericht hat sich geklärt: Horst Metzing (rechts) damals mit Ulrich Krause, nun mit Israel Gelfer.

Runde 6 hatte wieder je zwei Sieger und Verlierer, vier spielten demnach Remis.

Ding Liren-Karjakin 1/2 in 18 Zügen, buh!? Immerhin ein Beitrag zur Eröffnungstheorie – Karjakin entschärfte die chinesische Suche nach einem Minivorteil, indem er mit der Dame auf b2 schlug. Weiß hatte danach nicht mehr (und nicht weniger) als eine frühe Zugwiederholung. Beide Protagonisten müssen natürlich, wenn sie um den Turniersieg mitspielen wollen, auch mal eine Partie gewinnen – Karjakin mehr als eine, ich vermute mindestens drei.

Caruana-Grischuk 1/2 – schon wieder Benoni, diesmal eine verbesserte Version für Schwarz – da Weiß 4.e3 und dann 11.e4 spielte. Diese Idee stammt von Grischuk selbst, wobei seine Gegner (zweimal Nepomniachtchi im Schnellschach, einmal beim FIDE Grand Prix 2013 in Paris ein gewisser Fabiano Caruana) auf -c5 verzichteten. Beide forderten sich gegenseitig und überforderten die Agon-Liveübertragung (die ansonsten mittlerweile funktioniert): wenn man dieser glaubt, hatte Schwarz nach 18.axb6 e.p. Txb6 einen Mehrbauern, und 19.Sa4 war ein grober Fehler – der schwarze b-Bauer blieb nämlich auf dem Brett!? Am Ende hatte dann Weiß einen (echten) Mehrbauern, Schwarz dafür einen freien c-Bauern und sie wiederholten. Weiß konnte abweichen, verzichtete allerdings darauf – wohl auch da er (das gibt es!) weniger Restbedenkzeit hatte als Grischuk.

Grischuk bekommt für seine unterhaltsamen Partien nun ein indivuelles Foto.

So-Aronian 1-0 – soso, auch Wesley So gewann eine Partie, für Schwarz war es AiA (Aronian im Abwind) und Aua. Sie spielten Spanisch Anti-Marshall – das kennt Aronian gut, aber So war diesmal besser vorbereitet – Schwarz hatte einen Mehrbauern, Weiß bekam Königsangriff. Auf 18.-bxc3 19.bxc3 exd4 20.cxd4 c4!? 21.Sxc4 Sxe4 mit Ausgleich hatte Aronian nach eigener Aussage hinterher freiwillig verzichtet (stattdessen direkt 18.-exd4), auf spätere Züge mit etwa Ausgleich wohl unfreiwillig. In der Pressekonferenz zeigte sich, daß Aronian eigentlich der bessere Spieler oder jedenfalls der bessere Dynamiker ist – er hatte mehr als So gesehen! Das bezog sich dabei auf Momente, in denen er schneller und schöner verlieren konnte… .

Mamedyarov-Kramnik 1-0, die beiden hier mit Martin Hoffmann (Geschäftsführer der Vereine Petersburger Dialog und Deutsch-Russisches Forum), der dann den symbolischen ersten Zug ausführte. Auch auf diesem Foto wohl ein bisschen Klaus Deventer, aber zu wenig um ihn sicher zu erkennen.

Hoffmann spielte 1.d4, Kramnik wählte darauf Semi-Tarrasch und erreichte schnell ein ausgeglichenes Endspiel. Warum hat er dann verloren? Weil er unberechtigt auf Gewinn spielte – Optimismus am Brett ist eine von Kramniks Stärken und eine seiner Schwächen. Die Partie, jedenfalls das Ende, erinnerte mich dabei an Kramnik-Mamedyarov 1-0, Kandidatenturnier Khanty-Mansiysk 2014 unter quasi-analogen oder spiegelbildlichen Vorzeichen. Jeweils hatte Weiß einzugsbereite Freibauern, und Schwarz bastelte an einem Matt mit Turm und Leichtfigur – 2014 hatte Mamedyarov dabei deren zwei, und zwar Mehrfiguren. Dann fiel er allerdings auf Kramniks letzten Trick herein:

48.-Kg6!, nur so! Dann hat Weiß keine gute Verteidigung gegen 49.-Tg4#, am besten noch und dabei hoffnungslos 49.Tg8+ Kh6 50.Txg5 Th2+ 51.Kg3 Lxd7. Es kam allerdings 48.-Kxf8? 49.c8D+, und danach hatte Schwarz nur ein paar Racheschachs und gab dann auf. Nebenbei: Nach 49.d8D+ würde wieder Schwarz gewinnen, der Unterschied ist für mich nicht auf Anhieb deutlich – aber Kramnik machte nicht quasi denselben Fehler wie Aronian vier Jahre später gegen Grischuk.

Mag sein, daß diese Analogie konstruiert ist, manchmal bin ich konstruktiv… . Tatsache ist, daß dies Kramniks letzter Sieg gegen Mamedyarov mit klassischer Bedenkzeit war, danach verlor er (neben Remisen) viermal: zweimal beim Gashimov Memorial, einmal beim Tal Memorial und nun beim Lasker Memorial – nein, so heisst das Kandidatenturnier nicht, Bezug zu Lasker auch nur bei deutschen Quellen.

Immerhin dominierte Kramnik danach die Pressekonferenz. Laut Kramnik stand Kramnik besser, nach und nach wurde daraus mitunter “OK es ist remis”, auf Verlust stand er nur am Brett. Dieses (bekannte) Verhalten kritisierten vor allem Leute, die Kramnik ohnehin nicht mögen. Aus meiner Sicht war durchaus interessant, wie/warum Kramnik überzog – eventuell mehr als, wie sein Gegner davon profitierte. Hatte ich bereits erwähnt, daß Kramnik zu Optimismus neigt?

Noch zwei Fotos zu dieser Runde:

Grischuk und dahinter-darüber die Zuschauer

Quasi dasselbe Fotomotiv aus der anderen Richtung und auf Zuschauerniveau

Auch Runde 7 hatte zwei Sieger, zwei Verlierer und vier Remisierer – wobei die Remisen unterschiedlich entstanden.

Grischuk-Mamedyarov 1/2 – beide hatten vergessen, sich zu rasieren und wollten das schnell nachholen, daher nur 16 Züge. Eine andere Version näher an der Wahrheit ist: Grischuk schaffte es zwar, eine seltene und unbalancierte Variante aufs Brett zu bekommen. Aber dann konnte er von einer frühen Zugwiederholung nicht sinnvoll abweichen, und für Mamedyarov mit Schwarz war ein frühes und damit kräftesparendes Remis OK.

Aronian-Caruana 0-1 – bei einem Weissieg in dieser Partie wäre (zumal wenn Grischuk auch gewonnen hätte) im Turnier wieder alles offen. Das wollte Aronian offensichtlich, also hat er wild angegriffen. Anfangs waren Engines damit einverstanden (das grosse weltweite Interesse an dieser Partie zeigt sich u.a. an über 4000 “Besuchern” in der Chessbase Cloudfunktion), später hat er demnach den Bogen überspannt. Da Caruana auch nicht Engine-optimal spielte, hatte Aronian dann in beiderseitiger Zeitnot Dauerschach – aber er fand es nicht (zu diesem Zeitpunkt wollte er wohl nicht mehr als das) und verlor. So übernahm Caruana die alleinige Führung im Turnier, und Aronian teilt nun den vorletzten Platz. Was das kandidatenhistorisch für beide bedeuten könnte, dazu komme ich noch.

Karjakin-So 1-0: Weiss erreichte aus der Eröffnung nichts und hat den Gegner dann im Endspiel ausgetrickst, oder machte So das selbst? Wie dem auch sei: Fans von Wesley So, die nach dem Sieg in Runde 6 in Schachforen bereits wieder aufwachten, schlafen nun wahrscheinlich wieder. Und Karjakin hat den ersten von, wie ich zuvor schrieb, mindestens drei nötigen Siegen auf seinem Turnierkonto. Technik musste Karjakin mit am Ende Turm, Springer und zwei Bauern gegen Turm und drei Bauern nicht mehr zeigen, da So bei der Ausführung des 40. Zuges die Bedenkzeit überschritt. Weisspieler Karjakin hatte da bereits 50 zusätzliche Minuten auf der Uhr erhalten (Zeitkontrolle für ihn geschafft), das verwirrte So nach eigener Aussage in der anschliessenden Pressekonferenz.

Kramnik-Ding Liren 1/2 – Kramnik spielte mal wieder die längste Partie, Ursachenforschung im nächsten Absatz. Aus er Eröffnung erreichte er nichts, später nachdem er 19.-d5! wohl übersehen oder unterschätzt hatte weniger als nichts. Ding Liren spielte -Lf5 einen Zug zu spät – im 21. Zug war es vorteilhaft, im 22. nicht mehr unbedingt. Auch so musste Kramnik sich von seiner Dame verabschieden, dafür hatte er Turm und Springer und danach spielte er auf Gewinn! Berechtigt waren die Gewinnversuche eher nicht, riskiert hat er dabei allerdings (diesmal) auch nichts.

Jan Gustafsson vermutete im chess24-Livekommentar, daß Kramnik seinen Rückflug vom Flughafen Berlin-Brandenburg gebucht und daher viel Zeit hat. Meine These: Bedingung für seinen Freiplatz im Kandidatenturnier war “Remisverbot vor dem 55. Zug” – deshalb musste er zuvor auch Caruanas Remisangebot nach 52 Zügen ablehnen. Als Ausgleich für die lahmen 27 Züge gegen Aronian heute deren 74, im entstandenen Damenendspiel mit Minusbauer konnte er sich mit Dauerschach begnügen.

Noch ein atmosphärisches Foto draussen, ein Besucher ist umweltfreundlich angereist.

Und nun wie eingangs angedeutet: Was wurde aus Expertenprognosen? Emil Sutovsky hatte vorgeschlagen, daß Kramnik im Turnier viermal gewinnt aber auch viermal verliert – insgesamt netto das Ergebnis seines Sekundanten Giri vor zwei Jahren. Bisher hält Vlad mit zwei Siegen und zwei Niederlagen Kurs. Vachier-Lagrave bezeichnete Wesley So als Konterspieler, da ist was dran: Sein einziger Sieg gegen Aronian war gewissermassen ein Kontersieg mit den weissen Figuren. Zuvor kam er – Fussballanalogie – zweimal nicht aus dem eigenen Strafraum heraus. Zuletzt war die Partie gegen Karjakin das, was Fussballreporter “Rasenschach” nennen. Giri und andere glaubten nicht an Karjakin und auch nicht an Mamedyarov – im ersten Fall liegen sie insgesamt richtig, im zweiten Fall bisher nicht, wobei “Konstanz” sich auf die insgesamt 14 Runden bezieht, noch werden sieben gespielt. Viele glaubten an Aronian, ich war (nicht weil ich es ihm nicht gönnen würde, aber “kandidatenhistorisch”) skeptisch.

Die letzten drei Kandidatenturniere habe ich mir nochmals angeschaut – nicht die Partien, nur die Ergebnisse aufgeteilt nach erste und zweite Turnierhälfte. Alle nenne ich nicht, aber einige:

London 2013 Carlsen 5/7 + 3.5/7, Kramnik 3.5/7 (=7) + 5/7, Aronian 5/7 + 3/7, … Radjabov 3/7 + 1/7

Khanty-Mansiysk 2014 Anand 4.5/7 + 4/7, Karjakin 2.5/7 + 5/7, Kramnik 4/7 + 3/7, Mamedyarov 3/7 (+2=2-3) + 4/7 (+1=6), Aronian 4.5/7 + 2/7. Karjakin war nach schwachem Start dann plötzlich Anands einziger bzw. letzter Konkurrent – mit einem Sieg im direkten Duell in der vorletzten Runde (und der schien drin) konnte er sich eventuell bereits 2014 für ein WM-Match gegen Carlsen (glücklicher Tiebreak-Sieger 2013) qualifizieren. Mamedyarov war früher oft so drauf wie 2014 in der ersten Turnierhälfte, inzwischen hat er sich beruhigt bzw. wurde pragmatischer (siehe Berlin 2018 Runde 7).

Moskau 2016 Karjakin 4.5/7 + 3/6 + 1/1, Caruana 3.5/7 (=7) + 4/6 + 0/1, Anand 4/7 + 3.5/7, Aronian 4.5/7 + 2.5/7, Giri 3.5/7 (=7) + 3.5/7 (=7). Bei Karjakin und Caruana die letzte Runde gegeneinander abgetrennt, Karjakin reichte da tiebreaktechnisch ein Weissremis – auch oder vor allem deshalb hat er gewonnen bzw. hat Caruana verloren.

Was fällt (mir) auf? Auch nach sieben Remisen im ersten Durchgang kann man noch in den Kampf um den Turniersieg eingreifen – das schafften Kramnik und Caruana, nur Giri war zu konstant (jedenfalls was Ergebnisse betrifft). Was macht Ding Liren diesmal? Karjakin schaffte es 2014 gar nach anfangs 2.5/7, Hoffnung also auch noch für So und Aronian (zum Armenier allerdings siehe gleich). Kramnik hat aus den Erfahrungen 2013 gelernt – zu wenige Siege bzw. zu wenige Niederlagen sollte nicht nochmals passieren. Dabei hat er allerdings zwei Dinge nicht berücksichtigt: 1) Auch mit “meiste Siege” als Tiebreaker ist Remis besser als eine Niederlage. 2) Das ist nur zweiter Tiebreak nach direktem Resultat. Wenn er am Ende zusammen mit Caruana und/oder Mamedyarov vorne liegen sollte, darf er nur dann ein zweites WM-Match in London (nach dem 2000 gegen Kasparov) spielen, wenn er gegen einen bzw. beide in der Rückrunde gewinnt. Bei diesem Führungstrio am Ende reicht es auch dann nur, wenn Caruana und Mamedyarov gegeneinander wieder Remis spielen.

Und noch etwas: Immer ist ein Spieler, der bei Halbzeit die Führung teilte, in der Rückrunde eingebrochen – 2013 Aronian, 2014 Aronian, 2016 Aronian. Jeweils erzielte er in der Rückrunde zwei bis zweieinhalb Punkte weniger als in der Hinrunde – das schaffte sonst nur Radjabov anno 2013, bei Aronian wäre es diesmal wirklich “aua”. Wie gesagt, nicht daß ich es Aronian wünsche – ich nenne nur “historische Fakten”. Radjabov hat sich davon nie ganz erholt – auch wenn er sich in diesem WM-Zyklus beinahe wieder für das Kandidatenturnier qualifizierte.

Kandidatenhistorisch ist damit bisher in Berlin allenfalls eine Vorentscheidung gefallen (natürlich haben Caruana und Mamedyarov nun die besten Karten), aber noch keine Entscheidung zu Ungunsten anderer. Zwar hat am Ende bisher immer ein Spieler gewonnen, der bei Halbzeit bereits mit führte – aber 2013 nur dank Tiebreak, und 2016 war es auch bis zum Schluss spannend. Nur 2014 gewann Anand insgesamt souverän-ungefährdet (abgesehen von der vorletzten Runde gegen Karjakin). Nur eines ist sicher: Svidler wird nicht in den Kampf um den Turniersieg eingreifen, auch nicht indirekt – diesmal redet er nur, als Kommentator für chess24 zusammen mit Jan Gustafsson.

Zum Abschluss noch ein etwas bunteres, dabei weniger umweltfreundliches atmosphärisches Foto:

 

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