Rezension von Uwe Bekemann: Schach unter der Lupe

Dr. Hans-Joachim Krebs, Schach unter der Lupe – Zermelo trifft Steinitz

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Sagt Ihnen der Name Ernst Zermelo etwas oder geht es Ihnen wie mir, so dass sie ihn bisher noch nicht fest in Ihrem Gedankengut verankert haben? Er war, soweit überliefert, kein großer Schachspieler, und doch hat er einen Meilenstein in Verbindung mit dem Schachspiel gesetzt. Ernst Zermelo lebte von 1871 bis 1953 und war vor allem ein exzellenter Mathematiker. Er bewies im Jahr 1913 für Spiele wie das Schachspiel, dass es von Beginn an entweder für Weiß oder für Schwarz eine dominante Strategie gibt, wonach das Spiel unabhängig vom Spiel des Gegners gewonnen werden kann, oder aber beide Spieler ein Remis erzwingen können.

„Nett zu wissen, aber damit ist es dann auch getan“, könnte man nun vielleicht denken und dieser Feststellung für die Praxis keine weitere Bedeutung zumessen. Das aber wäre eine arg voreilige Reaktion, denn gerade auch in unserer vom Computer dominierten Zeit läge darin eine Unterschätzung. Mit seinem Buch „Schach unter der Lupe“ eröffnet der Schachamateur und promovierte Naturwissenschaftler Hans-Joachim Krebs den Erkenntnissen Zermelos eine neue Chance, die Beachtung der Praxis zu erringen. Mit Praxis meine ich gleich mehrere Bereiche, so etwa die Spielauffassung im Schach an sich, die grundsätzlichen Begriffe der Lehre und die Wortwahl bei der Kommentierung von Partien wie auch die Programmierung und den Einsatz von Programmen zur Berechnung von Zügen im Spiel (sogenannte Engines).

Bevor ich diese Aspekte konkretisiere, möchte ich das Vorgehen erläutern, mit dem Hans-Joachim Krebs seine „schwere Kost“ an Frau und Mann bringt.

Wie von einem Autor, der in den Naturwissenschaften und in der Mathematik zuhause ist, nicht anders zu erwarten, hat Hans-Joachim Krebs das Pferd mit den Zügeln der Logik aufgezäumt. Er beginnt mit der Annahme, dass die Ausgangsstellung im Schach ausgeglichen ist. Dies ist eine Annahme, da der wissenschaftliche Beweis hierfür bisher (noch) nicht erbracht worden ist. Wenn eine Stellung ausgeglichen ist, dann kann man in ihr logischerweise keinen Gewinnzug finden. Dieses Gleichgewicht muss sich also erhalten, wenn beide Spielpartner ausschließlich „korrekte“ Züge machen. Solange dem so ist, gibt es in jeder Folgestellung mindestens einen Zug, der das Gleichgewicht erhält.

Eine Partie kann folglich nur durch einen Fehler aus der Waage geraten. Aber was ist ein Fehler? Wir kennen in der Kommentierung mehrere Definitionen dazu, je nach den Folgen eines Fehlgriffs. In der Logik des Autors kann von einem Fehler nur dann gesprochen werden, wenn er die Partie von „=“ in „+-„ oder in „-+“ verändert, die Veränderung also etwas Absolutes in sich trägt. Alle Züge, die eine Partie für den Gegner gewinnbar machen, sind Fehler; demgegenüber sind alle Züge „korrekt“, die diese Konsequenz vermeiden. Es gibt somit keine kleinen Fehler oder große, es gibt Fehler und korrekte Züge, sonst nichts.

Aber wie können wir die absolute Wahrheit in der Partie erkennen? Wie können wir erkennen, wie eine Partie ausgehen wird, wenn die aktuelle Stellung mit ausschließlich fehlerfreien Zügen fortgesetzt wird? Wir können es außerhalb des Bereichs, für die das Ergebnis über Tablebases durch Berechnung ermittelt worden ist, in der Regel nicht. Dies aber ist unbefriedigend, denn wir wollen natürlich nur fehlerfreie Züge machen. Wir bedienen uns der Hilfsmittel, die der Erfahrung im Schach entsprungen sind und auch heute noch entspringen. Weil uns die „Zermelo-Lupe“ nicht zur Verfügung steht, nutzen wir die „Steinitz-Lupe“, also die Kriterien, die es uns hilfsweise erlauben, uns der „absoluten Wahrheit“ zu nähern. Die Auffassungen und Einschätzungen, die auf Wilhelm Steinitz zurückgehen, sollen unsere Ohnmacht mildern, das uns unbekannte theoretische Ergebnis in der Partie zu erkennen. Aber tun sie dies wirklich? Sind die Mittel der Stellungseinschätzungen, die verwendeten Kriterien und Begriffe, die Mittel der Kommentierung tatsächlich geeignet?

Wir kennen die Stellungseinschätzung „Weiß steht etwas besser“, wenn wir nach den Methoden von Steinitz etc. die Stellung einschätzen. Nach Zermelo gibt es „etwas besser“ aber nicht. Entweder die Stellung ist gewonnen oder sie ist gleich. Also kann „etwas besser“ nur bedeuten, dass die Einschätzung etwas aus dem Bereich der „Märchenerzählung“ ist oder dass der Gegner, in diesem Fall Schwarz, mehr in die Lage versetzt wird, einen absoluten Fehler zu begehen, die Partie also zu eigenen Lasten aus der Waage zu bringen. Hier verlässt der Ansatz die Objektivität und tritt in die Subjektivität ein.

„Schach unter der Lupe“ widmet sich auch der Frage, inwieweit sich die „Steinitz-Lupe“, die nach Positionsmerkmalen kleine Vorteile addiert, mit der „Zermelo-Lupe“ in Verbindung bringen lässt bzw. zu Widersprüchen führt.

Besonders erwähnt hatte ich eingangs auch die Schach-Engines, die heute aus der Realität nicht mehr wegzudenken sind. Dr. Hans-Joachim Krebs versteht sein Werk besonders als Grundlage, auf dessen Basis die Stellungsbewertung auf Korrekturbedarf überprüft und diskutiert werden kann. Dies geht keinesfalls an den Engines vorbei. Diese sind ebenfalls nicht in der Lage, die absolute Wahrheit in der Bewertung zu ermitteln, und damit ebenfalls nur Sammler von Indizien. Der Anwender, besonders auch im Fernschach, sollte sich dies klar machen. Seine Engine – egal welche – ist nicht in der Lage, das Dilemma der menschlichen Einschätzung für sich auszuschließen, sondern unterliegt ihm in gleicher Weise. Einer Engine-Hörigkeit wohnt die Gefahr inne, genau den Grat zwischen „Zermelo-Lupe“ und „Steinitz-Lupe“ unzulässig zu verwischen. Beides zusammen, menschliches Spielverständnis und Rechenkraft der Engine, verfeinert die Steinitz-Lupe und trägt damit die Chance in sich, der Wahrheit „etwas weiter näher zu kommen“.

Oder wird es der AlphaZero-Algorithmus sein, der die Steinitz-Lupe verwirft und neue Regeln schafft, die diese Nähe intensivieren? Allerdings nutzt dieser Algorithmus auch Methoden aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung. In einem streng deterministischen, also kein Zufallselement beinhaltenden Spiel wie Schach kann dies nicht zum Erkennen der „ganzen Wahrheit“ führen.

„Schach unter der Lupe“ wird von CM Manfred Herbold unter seinem Label “Der Schachtherapeut” herausgegeben. Er ist als Schach- und Fernschachspieler wie auch als Autor bekannt. Es ist erfreulich, dass dieses Werk mit auch seinem Engagement den Weg in die Öffentlichkeit findet. Es hat einen individuellen Wert in der Diskussion um das Schachspiel und verdient ganz klar Beachtung.

Wer das Schachspiel unter auch wissenschaftlichen Ansätzen verstehen möchte und in die Logik abseits des herkömmlichen Brettgeschehens eintauchen möchte, wird von „Schach unter der Lupe“ ausgezeichnet bedient.

Das Werk ist nicht leicht zu verstehen. Dies liegt nicht an ihm selbst, sondern an der Materie, die es enthält. Hans-Joachim Krebs legt seine Ideen und seine Kritik an vielen Beispielen dar, um den Leser in der Aufnahme des Stoffes zu unterstützen.

Das Buch hat rund 180 Seiten und ist vor allem beim Herausgeber Manfred Herbold erhältlich (E-Mail: mherbold@gmx.net / Tel.: 06351-125374). Als Softcover-Ausgabe kostet es 16,80 Euro, mit Hardcover: 19,80 Euro. Innerhalb von Deutschland erfolgt die Zustellung versandkostenfrei.

Fazit: „Schach unter der Lupe“ ist meine Kaufempfehlung an die Schachwelt.

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