Remisspieler und Kramnik im Kandidatenturnier

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Dieser Titel bezieht sich auf Runde 8-9, wobei die sieben anderen natürlich nicht alle zweimal Remis spielten – zwei trafen ja auf Kramnik! Big Vlad arbeitet weiter daran, die Prognose von Emil Sutovsky – am Ende des Turniers vier Siege und vier Niederlagen – zu erfüllen. Nun fehlen noch zwei Siege: in Runde 10 und 12 hat er Weiß gegen die Spieler, mit denen er nun den letzten Platz teilt – und ob der im Zeitraum dieses Berichts von Wesley So demonstrierte Eröffnungs-Nihilismus auch mit Schwarz im Remissinne funktioniert, wer weiß das schon.

Von Kramniks “Rochade” im Berichtzeitraum profitierten die beiden in Russland lebenden Russen – laut Regelwerk treffen ja Landsleute zu Beginn jeder Turnierhälfte aufeinander. Sonst tat sich in der Tabelle nichts, neuer Stand: Caruana 6/9, Mamedyarov 5.5/9, Grischuk 5, Karjakin und Ding Liren 4.5, Kramnik, So, Aronian 3.5. Vorne hat Caruana weiterhin die besten Karten – eine noch bessere Ausgangsposition war möglich, aber in Runde 9 machten sowohl er als auch Gegner Ding Liren “den Giri”. Ausblick auf die verbleibenden Runden am Ende des Beitrags.

Fotos stammen diesmal von Worldchess mit Fotografin Ewgenia Borodina. Caruana hatte ja bereits ein Titelbild, und Kramnik stand in den letzten beiden Runden im Mittelpunkt – auch wenn seine Partien nicht oder noch nicht oder nicht mehr “turnierrelevant” waren. Jedenfalls nicht im Kampf um Platz eins, der Kampf gegen den letzten Platz ist nun auch spannend.

Runde 8:

Elisabeth Paehtz durfte am Brett von Shakriyar Mamedyarov und Sergey Karjakin den symbolischen ersten Zug ausführen. Außerdem wurde sie laut Bericht des Schachbunds für Bronze bei der Schnellschach-WM geehrt. Klaus Deventer übernahm das in seiner Rolle als DSB-Vizepräsident, danach war er wohl wieder Schiedsrichter im Kandidatenturnier. Bei anderen Prominenten, die den ersten Zug ausführten, passte er auf, daß sie nicht etwa z.B. 1.g2-g5!? spielten – Frau Paehtz vertraute er offenbar diesbezüglich und ist daher auf diesem Foto nicht zu sehen.

“In seiner Laudatio erinnerte er [Deventer] auch noch an die vielen anderen Erfolge der 33-Jährigen.” Dazu beim Schachbund keine weiteren Details, von mir ein paar Stichpunkte: in Deutschland bei den Damen seit Ewigkeiten Nummer eins, weltweit bei den Damen meistens im Bereich Platz 20-30, mal etwas höher und mal darunter. Damen-magische Elo 2500+ (2502) hatte sie in einer Eloliste im Juni 2016, nun fehlt noch eine Norm zum GM-Titel. Wenn es soweit ist, ist sie in Deutschland etwa mit Ilja Zaragatski oder Jan Michael Sprenger vergleichbar. Vergleiche mit z.B. Robert Rabiega, Michael Prusikin oder Philipp Schlosser hinken bzw. sind den Herren gegenüber unfair – die hatten alle schon einmal Elo über 2550. Nach dieser objektiven Würdigung von Elisabeth Paehtz zurück zum Kandidatenturnier:

Mamedyarov-Karjakin 1/2 – Shak akzeptierte Paehtzs Vorschlag 1.d4, dann waren die Herren auf sich alleine gestellt. Es wurde Katalanisch und Remis nach 30 Zügen. Katalanisch gab es im Berichtszeitraum in vier von acht Partien, Kramnik – der neben Berliner Mauer auch das salonfähig machte – ist zumindest historisch nach wie vor relevant. Karjakin spielte 7.-c6, das war bisher ziemlich selten – gespielt wurde es bereits von Alexander Riazantsev, der jedenfalls zeitweise Karjakins Sekundant war. Ergebnis ein problemloses Schwarzremis.

Ding Liren – Aronian 1/2 – wir gehen nach China und Armenien und bleiben dabei in Berlin und Katalonien. Brexit war übrigens heute mal Thema im chess24-Livekommentar von Peter Svidler und Jan Gustafsson, katalanische Unabhängigkeitsversuche nicht (jedenfalls nicht, wenn ich mal zuhörte). Es war eine andere Variante, die beide dann würzten: 11.-Sg4!? 12.b4!? – so behielt Weiß einen Mehrbauern, und beide Könige blieben zunächst in der Brettmitte. Ob Weiß seinen materiellen Vorteil konkret nutzen konnte ist unklar, Ding Liren spielt ohnehin immer Remis. Im 36. Zug war der Mehrbauer weg, direkt danach eine Zugwiederholung – nach der Zeitkontrolle und nach weiteren 11 Minuten Bedenkzeit vom Chinesen vollendet.

So-Caruana 1/2 – dazu zunächst ein So-Zitat aus der Pressekonferenz hinterher: “I had nothing to lose. If Fabiano beats me then it’s good for USA; if I draw it’s not bad either!” [Ich hatte nichts zu verlieren. Wenn Fabiano mich besiegt ist es gut für die USA; wenn ich Remis halte ist es auch nicht schlecht.]. Das bezog sich auf das Endspiel, in dem nur Remis oder Schwarzsieg möglich war – aber schon in der Eröffnung deutete So an, jedenfalls nicht gewinnen zu wollen: 1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 (Caruanas neuestes Hobby) 3.Sxe5 d6 4.Sf3 Sxe4 5.De2 – lahmer geht nicht! So spielte zuvor auch Kramnik gegen Caruana, dann unternahm Vlad allerdings unberechtigte und dennoch beinahe erfolgreiche Gewinnversuche – mehr zur womöglich Schlüsselpartie des gesamten Kandidatenturniers hatte ich bereits und werde es vielleicht am Ende des Turniers noch einmal aufwärmen.

Wesley So schaffte es, ohne grössere Eskapaden nach 15 Zügen mit Weiß schlechter zu stehen, und hielt dann seinen Laden zusammen. Ich hatte geschrieben, daß nur in der deutschen Berichterstattung zum Kandidatenturnier Emanuel Lasker eine Rolle spielt – das stimmt nicht mehr: der “studienartige” Remisweg am Ende im Endspiel Springer gegen Turm und Bauer (So hatte noch einen eigenen Bauern, das war aber nicht nötig) stammt ursprünglich aus einer Partie Lasker-Lasker, New York 1924 – Emanuel hatte den weissen Springer gegen Eduards schwarzen Turm und Bauer.

Alle spielen Remis, alle? Nein, ein grossgewachsener Russe wollte kein Remis bzw. dieses nicht forcieren, also verlor er. Grischuk-Kramnik 1-0:

Gemeinsam wurden sie offenbar nicht fotografiert, vielleicht war oft einer im Raucherbereich? Zum Partieende allerdings sicher nicht mehr, da hatten beide nur noch Bonussekunden (30 pro Zug). Am Ende der Eröffnung gab Kramnik einen Bauern, das war spielbar. Insgesamt dreimal konnte er den Bauern zurückgewinnen und Remis forcieren, dreimal machte er es nicht. Diverse weitere Irrungen und Wirrungen, Kramniks entscheidender Fehler im 76. Zug und 1-0 nach 91 Zügen – bei weitem die längste Partie der Runde. Danach noch eine Pressekonferenz:

Erst zeige ich beide mit Anastasia Karlovich, und nun beide nochmals individuell:

Kramnik war für seine Verhältnisse relativ zurückhaltend – nein, er wollte nicht auf Gewinn spielen! Noch wortkarger war er tags darauf, man konnte sich auf gar nichts mehr verlassen – weder, daß er die längste Partie spielt, noch daß er dann in der Pressekonferenz eine originelle Version der Partie zeigt.

Runde 9 – erst zu den Partien eher aus der Rubrik “hiermit erwähnt”:

Aronian-Mamedyarov 1/2 war Katalanisch und wohl immer in der Remisbreite – Aronian suchte erfolglos nach einem Minivorteil.

So-Grischuk 1/2 begann mit 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 (Berliner Mauer in Berlin, auf dem Schachbrett gibt es sie noch) 4.0-0 Sxe4 und nun ist 5.d4 Sd6 6.Lxc6 dxc6 7.dxe5 Sf5 8.Dxd8+ Kxd8 üblich – früher Damentausch, aber das Endspiel kann noch interessant und kompliziert werden. Das wollte So nicht, es gibt ja auch die Schlafwagen-Variante 5.Te1 – So bekam das Remis, um das er bettelte.

Nun die Partie, die nicht Remis endete:

Karjakin-Kramnik 1-0 – was macht der weisse Bauer auf h5? In einem Semi-Tarrasch (Hobby von Kramnik) hatte Team Karjakin 9.h4!? cxd4 (11 Minuten) 10.cxd4 Sc6 11.h5 vorbereitet. Nun tauchte Kramnik wieder 22 Minuten ab und entkorkte dann 11.-f5!?, was immerhin den Gegner aus seiner Vorbereitung brachte: 12.exf5 nach knapp 26 Minuten. In späteren Verwicklungen gab Kramnik einen Turm: Karjakin hatte danach einen luftigen König, aber ein Turm ist ein Turm. Schon nach 41 Zügen war diese Partie vorbei.

Die Pressekonferenz begann mit Karlovichs “Kramnik kommt vielleicht noch”, was Karjakin mit einem Schmunzeln beantwortete – aber dieser Moment wurde offenbar nicht fotografisch festgehalten, und Kramnik kam nicht. Karjakin erklärte, daß sie 9.h4!? vorbereitet hatten – wichtig, daß es keine engere Engine-Wahl ist. Auf ihre Frage, ob frühes h4 ein neuer Trend ist, “kann sein”. Erwähnenswert hier vielleicht (er selbst tat es nicht), daß Karjakin bereits im Kandidatenturnier 2016 gegen Anand mit 9.h4!? erfolgreich war – natürlich eine andere Stellung, sonst hätte er Kramnik nun nicht überrascht. Laut Karjakin war damals die Hauptidee von 9.h4, 10.-f5 zu provozieren – Rest dieser Partie eher positionell mit späterem Endspielsieg.

Die Phase nach Kramniks Turmopfer war auch für einen “Verteidigungsminister” nicht ganz trivial: wie er in der Solo-Pressekonferenz erklärte, drohte immerhin ständig etwas und einige mögliche Gewinnstellungen waren “unklarer” als die, die er in der Partie erreichte. Er konnte sich konsolidieren, auch ein weiteres Qualitätsopfer von Kramnik half nicht mehr.

Caruana – Ding Liren 1/2 war am heutigen Tag die längste Partie, insgesamt 67 Züge. Auch das war Katalanisch, auch mit 7.-c6 aber das ist in dieser Version (mit schwarzem -Lb4+) wohlbekannt, über 2600 Vorgänger. Später stand Weiß zumindest angenehmer, Schwarz konnte nur passiv abwarten. Konkret wurde es ab dem 55. Zug, und dann machten beide “den Giri”: Ding Liren, da er (in diesem Turnier) eben immer Remis spielt, Caruana, da er dreimal in Gewinnstellung den Remisweg fand. Das dritte Mal war es definitiv, zuvor behielt er jedenfalls genug Vorteil für weitere Gewinnversuche.

Somit noch keine (mögliche) Vorentscheidung im Berliner Kandidatenturnier, wie geht es da weiter? Mittwoch mit einem Ruhetag, dann in Runde 10 die Spitzenpaarung Mamedyarov-Caruana, das neue Verfolgerduell Grischuk-Karjakin (letztmals Russland gegen Russland) und das Duell um/gegen den letzten Platz Kramnik-Aronian. Bleibt noch Ding Liren – So, Revanche für das Weltcup-Halbfinale – aber das wird wohl Remis: Ding Liren macht das immer, und So hat bereits die Lust am Turnier verloren. Vor allem bei Grischuk-Karjakin 1-0 können Runde 13 (u.a. Mamedyarov-Grischuk) und Runde 14 (u.a. Grischuk-Caruana) noch interessant werden. Karjakin (Weiß in Runde 12 gegen Caruana) kann eventuell auch noch in den Kampf um den Turniersieg eingreifen, zumindest indirekt.

Letzteres kommt wohl im nächsten Zwischenbericht zum nächsten Ruhetag, danach die Schlussphase – in der Aronian vielleicht bereits Kräfte spart für Grenke Chess kurz danach, Caruana muss dagegen nach heutigem Stand eventuell bis zum Ende Vollgas geben.

 

 

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