EM-Zwischenbilanz: Sieben liegen vorne

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Auch die Europameisterschaft in Batumi, Georgien steht – wie zuvor das Reykjavik Open – im Schatten des Kandidatenturniers. Selbst einige Teilnehmer dort blicken offenbar nebenbei nach Berlin: Jeweils auf chess24 hatte Grigoriy Oparin das dortige Geschehen kommentiert, und Niclas Huschenbeth meldete sich im Chat der Liveübertragung – sie haben allerdings nicht während ihrer eigenen Partie das Kandidatenturnier im Internet verfolgt, sondern spielten in der jeweiligen Runde in Batumi ein Kurzremis (für beide war es ihr einziges im Turnier). Großmeister verfolgen vielleicht auch die neuesten eröffnungstheoretischen Entwicklungen in Katalanisch oder gar Russisch (5.De2), aber nun zur EM:

Wie im Titel erwähnt, nach sechs Runden und vor dem einzigen Ruhetag führen sieben Spieler mit 5/6: Nabaty, Najer, Jones, Inarkiev, Bok, Wojtaszek, Sjugirov. Dahinter dann 21 Spieler mit 4.5/6 – zusammen also 28, wobei 23 sich für den Weltcup qualifizieren. Buchholz-Unterschiede sind natürlich noch klitzeklein, nach derzeitigem Stand nicht dabei wären aus diesem Kreis u.a. Dubov und Navara. Derzeit dabei wäre Elofavorit Jakovenko, bei ihm reicht die bisherige Strategie – Absicht oder nicht – mit Schwarz Remis (auch in Runde 1 gegen einen IM) und mit Weiß gewinnen. Sonst nenne ich aus dieser Gruppe nur die recht unbekannten Namen: Skoberne aus Slowenien, Martirosyan aus Armenien, Yuffa aus Russland, Santos Ruiz aus Spanien – alle besiegten bereits nominell bessere GMs, der Spanier ist oben in der Tabelle der einzige IM unter Großmeistern.

Bei den deutschen Teilnehmern nenne ich nur die, die Großmeister sind oder es demnächst definitiv offiziell werden: Huschenbeth, Bindrich, Fridman 4/6, Svane, Wagner, Meier, Donchenko 3.5, … Sprenger 2 (und dabei bleibt es nun anscheinend bis Turnierende). Wertungsunterschiede teils vorhanden, teils nicht – Svane und Wagner nach allen Kriterien auf dem genau geteilten 90. Platz (bessere TPR für Svane, 2544 zu 2543). Mehr zu deutschen Spielern, auch wer wann seinen Rhythmus verlor, am Ende des Artikels – nun erst aus internationaler Sicht, deutsche Spieler werden in diesem Teil nur selten erwähnt.

Alle Fotos ab Turnierseite auf Facebook gefunden. Zu Runde 1 wird Fotograf oder Fotografin nicht genannt, Runde 2 verwende ich nicht, Runde 3 und 4 Seyran Barojan, Runde 5 und 6 Sophie Nikoladze. Das Titelbild gebe ich dem nach Wertung momentan zusammen mit Evgeniy Najer (auch hier alle Wertungen identisch) führenden Tamir Nabaty. Wer ist Tamir Nabaty? Vielleicht der unbekannteste der derzeit glorreichen sieben (bei Benjamin Bok bin ich – Wohnsitz Niederlande – voreingenommen). Ich war überrascht, daß er sich in den letzten gut zwei Jahren von Elo 2603 auf Elo 2690 verbessert hat – Emil Sutovsky (Sieg am 2.3. in der israelischen Mannschaftsmeisterschaft gegen Nabaty) ist schuld daran, daß Nabaty live-aktuell noch nicht ganz nah dran ist an 2700 und Israel-intern derzeit Nummer 2 ganz knapp hinter Gelfand. Ein Jungtalent ist Nabaty (*1991) eher nicht mehr, weitere Details eventuell später.

“Runde für Runde” wird naturgemäss zunehmend ausführlicher, zu Runde 1 vor allem Fotos:

Das als Hinweis, wie stark die Europameisterschaft in der Breite besetzt ist – bekannte Großmeister relativ weit hinten lag hier natürlich am Platz in der Setzliste, noch nicht an Ergebnissen im Turnier. Alexander Kovchan (*1983) ist an sich nicht alt, aber schon im Vergleich zu Volodar Murzin (*2006). Donchenko, Svane, Wagner und Huschenbeth in der Setzliste noch hinter Mchedlishvili und Kovchan – Weltcup-Qualifikation kann man da nicht “einfordern”… .

Kovchan-Murzin wurde remis, auch diverse andere GMs gewannen oder verloren in dieser Runde einen halben Punkt (IM Sargsyan-GM Jakovenko 1/2 am Spitzenbrett hatte ich bereits). Komplette Überraschungen waren selten – eine war (aus deutscher Sicht leider) GM Fridman-IM Kalashian 0-1. Weiß stand besser und erlaubte dann zuviel Gegenspiel, der Armenier fand das starke Figurenopfer 36.-Se5!.

Der Turniersaal erst fast ohne Spieler, später wurde Schach gespielt

Runde 2 die erste komplette Überraschung bereits am Spitzenbrett, das nun dem an zwei gesetzten Radoslaw Wojtaszek “gehörte”. Zu Deac-Wojtaszek 1-0! nur die Schlusstellung:

Zunächst schien in der Partie wenig los, dann hat der Rumäne den Polen überspielt bzw. der Favorit hatte vielleicht zu viel riskiert.

Keine Überraschung war Ivanchuk-Wagner 1-0 an Brett 3 – zum Turnier von Dennis Wagner später mehr. Wieder eine Überraschung war Skoberne-Cheparinov 1-0 an Brett 5. Soviel zu Runde 2.

Runde 3:

Da auch Navara in Runde 1 gegen einen IM remisiert hatte, “gehörte” das Spitzenbrett nun dem an vier gesetzten Paco Vallejo – auf dem Foto fehlt er im Gegensatz zu seinem Gegner Marin Bosiocic, dahinter hat Romanov Weiß gegen Ivanchuk. Auch Vallejo wurde verdrängt, dabei begann es gut für ihn:

Das war ein Taimanov-Sizilianer, hier gewann 35.Txg7!! in allen Varianten – für Engines eine Fingerübung. Nach in der Partie 35.Tg6 Sxd3 36.Txh6+ gxh6 37.Dxd3 war das weisse Angriffspotential dagegen reduziert, später erschien der schwarze Läufer auf d5 und Bosiocic hatte so ebenfalls taktische Motive/Tricks:

42.-Te4 erinnerte Weiß, der zuvor auf b2-b3 verzichtet hatte, an seine schwache Grundreihe. Nun war 43.Da7+ nebst Dauerschach Pflicht, stattdessen 43.Tf1? Df2! (nur so, sonst gewinnt Weiß, nun jedoch gewinnt Schwarz).

An Brett 11 geriet Bogdan-Daniel Deac gegen Gawain Jones übel unter die Räder, Jones machte es also besser als sein Landsmann und in dieser Runde Brettnachbar:

McShane-Skoberne 0-1 – Schwarz stand ab einem gewissen Zeitpunkt irgendwie einfach besser, daraus entstand ein gewonnenes Endspiel.

Brett 22 Svane-Nabaty 0-1 wurde später “turnierrelevant” – Weiß stand über weite Strecken der Partie besser, in der Schlusstellung eindeutig nicht mehr:

Rasmus Svane hatte total den Faden verloren, Nabaty hatte das Glück des Trickreichen.

Noch eine kleine Fotogalerie:

Die Spielernamen verraten nicht unbedingt, woher die Spieler an Brett 71 kommen: Gert Schnider ist Österreicher, Alexander Donchenko (im Karohemd) Deutscher. Es wurde Remis: die erste Zugwiederholung hatte Schwarz in keinesfalls für ihn besserer Stellung noch abgelehnt, Dauerschach musste er dann akzeptieren – für Weiß war offenbar auch mehr drin. Das hatte für Donchenko Folgen: in der nächsten Runde Degradierung an Brett 72, und wieder Remis gegen einen IM (dann ein “Plusremis”, aber auch dafür gibt es einen halben Punkt). Der Leser fragt sich nun vielleicht “wo bleibt das Positive zu deutschen Spielern?” – das kommt im Rahmen des vorhandenen Materials noch.

Nach dieser Runde eine erste Zwischenbilanz: noch sechs Spieler hatten 100%, und zwar Bosiocic, Hovhannisyan, Jones, Skoberne, Vocaturo und Indjic – Platz 30 (Jones) bis 97 (Skoberne) der Setzliste.

Runde 4: Bosiocic-Jones am Spitzenbrett war ein ausgekämpftes Remis – Weiß hatte am Ende nicht mehr und nicht weniger als Dauerschach. Im Duell auf Elo-Augenhöhe Hovhannisyan-Indjic gewann Weiß im Endspiel, Vocaturo-Skoberne wurde wieder Remis (19 Züge, nicht voll ausgekämpft).

Die erste Überraschung an Brett 5:

Ivanchuk-Alekseenko 0-1! Kirill Alekseenko rechts auf dem Foto, vorne links der Däne Mads Andersen (Remis gegen Dubov).

Spanische Konturen sind wohl noch erkennbar, hier hat Alekseenko 19.g3 einfach ignoriert (19.-Df6).

Und einige Züge später hatte er dann (zuletzt 23.-f5) mehr als ausreichende Kompensation für die Figur.

Brett 7 Nabaty-Abasov 1-0 wurde turnierrelevant, diese Partie kippte einzügig:

Zuvor geschah 15.-b4 (22 Minuten) 16.Se5 (28 Minuten) 16.-bxc3 (23 Minuten) 17.Sc6 cxb2 18.Tb1 – die drei letzten Züge wieder flotter gespielt, und nun? Schwarz am Zug, was tun? Richtig war 18.-Sxd4 oder 18.-Lb4+, zu den Varianten danach nur so viel: man kann (sicher in der Vorausberechnung) leicht den Überblick verlieren, wieviele Figuren bereits geschlagen wurden, wieviele beiderseits hängen, wie es materiell steht. Am Ende behält Schwarz verbundene Freibauern auf b2 und c3 und steht besser.

Stattdessen kam 18.-Db6? (logisch aber…) 19.Lxd6 – beides relativ flott gespielt, nun sah Schwarz wohl, was er angerichtet hatte, und brauchte 23 Minuten für das “automatische” 19.-Sxd6, Weiß danach 16 Sekunden für 20.Lxh7+!:

Bumm! 20.-Kxh7 21.Dh5+ Kg8 22.Se7# (das von der schwarzen Dame vernachlässigte Feld) geht gar nicht, aber 20.-Kh8 (4 Sekunden, Lxh7+ kam also nicht überraschend) 21.Dh5 usw. ging auch nicht, und andere legale Züge hat Schwarz hier nicht.

Baadur Jobava gestikuliert-diskutiert, vielleicht über sein glückliches Remis gegen Shevchenko. Auch das ein Fall, wo Engines – im Gegensatz zum Jobava 140 Elopunkte unterlegenen Schwarzspieler – mehr als Dauerschach sehen. Im Gewinnsinne musste Shevchenko einige einzige Züge sehen. Jobava in der späteren Galerie doppelt, warum erwähne ich noch nicht.

Stand nach vier Runden: Hovhannisyan (Nummer 69 der Setzliste) 4/4, dahinter 13 Spieler mit 3.5/4 – am überraschendsten wohl der an 121 gesetzte GM Djukic (zuletzt Siege gegen die etwa 100 Elopunkte “besseren” Solak und Lupulescu), schlechteste Wertung für den an 11 gesetzten Nabaty (auch er in Runde 1 Remis gegen einen IM).

Runde 5:

Brett 1 Nabaty-Hovhannisyan 1-0 – 1.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.Lf4 und danach etwas Chaos führte letztendlich zu einem für Weiß gewonnenen Turmendspiel:

So stand es nach 33 Zügen, 1-0 nach 50 Zügen. Bei Paravyan-Inarkiev 1/2 reichte ein Mehrbauer im Läuferendspiel dagegen nicht zum schwarzen Sieg, Inarkiev versuchte es bis zum 79. Zug.

Saric-Bosiocic 1-0 war der Beweis, daß der Kroate (gemeint ist Bosiocic) in einem Taimanov-Sizilianer auch spektakulär verlieren kann. Zwei Momente:

Hier verzichtete Schwarz auf 19.-hxg6 zugunsten von 19.-Lxc3 20.gxh7+ Kxh7 21.Dxc3 Lxe4.

Und das hatte er letztendlich davon – 25.b3 war hier nicht Verteidigung sondern Teil des weissen Angriffs, es verschaffte dem Lc1 ein Feld auf der einladenden langen Diagonale.

Skoberne-Bok 0-1:

Es ging (vorläufig) nicht mehr weiter aufwärts für den Slowenen, am Ende dieses verlorene Bauernendspiel – hier sind schwarze entfernte Freibauern (einer am Königsflügel entsteht natürlich) besser als weisse verbundene. Benjamin Bok, der letztes Jahr am Rande der NL-Meisterschaft berechtigt stolz sagte “ich habe mich bei der EM für den Weltcup qualifiziert!”, hält auch diesmal jedenfalls bisher Kurs.

Alekseev (rechts) und Jakovenko zeigten, wie Landsleute auch miteinander umgehen können – Kontrast zum kroatischen Derby Saric-Bosiocic, die Partie dauerte ab hier nur noch wenige Züge:

Das ist die Schlusstellung – hier hat nicht etwa ein Handy geklingelt, nein man einigte sich nach 12.Lc2 auf Remis! Eine wohlbekannte Stellung aus dem Breyer-Spanier, gut 9000 Vorgänger in denen meistens bis immer noch weitere Züge folgten. Unter ECU-Präsident Danailov galt bei der EM Remisverbot vor dem 40. Zug, das hatte 2012 Folgen für einen Spieler – der anno 2018 wegen Verpflichtungen in Berlin bei der EM fehlt. Kurzremisen sind nun wieder erlaubt und werden im weiteren Turnierverlauf vielleicht häufiger, wenn beide Spieler die Weltcup-Qualifikation absichern wollen.

Weiter hinten – Brett 25 – machte der zuvor bereits erwähnte Bogdan Daniel Deac vielleicht bereits im siebten Zug den entscheidenden Fehler, auch wenn er erst nach 22 Zügen gegen Guseinov aufgab. Nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 (wird ausser in Berlin also auch in Batumi gespielt) 4.0-0 Sxe4 5.d4 Sd6 6.dxe5 (6.Lxc6 ist üblicher) 6.-Sxb5 7.a4 ist 7.-Sd6?! wohl zu Recht selten (7.-Sbd4 ist die übliche Methode, die vorübergehende Mehrfigur zu retournieren). Auch wenn ein Spieler mit Elo 2697 damit mal erfolgreich war (Horvath-Naiditsch 0-1, Mainz Ordix Open 2009 – das waren noch Zeiten und Schwarz stand zuvor mehr als verdächtig). Noch ein Brett:

Alexander Donchenko an, ja genau, Brett 71 gegen FM Bernotas (Elo 2436) – das wurde remis und blieb diesmal ohne Folgen: in Runde 6 wieder Brett 71, nun ein Sieg gegen IM Zavgorodniy (2430) und zur Belohnung nach dem Ruhetag Brett 55 gegen FM Zarubitski (2425). Die EM wird für Donchenko lehrreich – gegen diese Gegner hat er sich zuvor vermutlich nie vorbereitet.

Nach dieser Runde hatten Nabaty, Bok und Saric 4.5/5, dahinter 18 Spieler mit 4/5.

Runde 6 etwas ausführlicher, so kam es vorne zum Zusammenschluss:

Hier Nabaty und Saric jeweils mit Schwarz, Bok hatte demnach Weiß und zwar gegen Nabaty. Hier ist ein Teil der ungewöhnlichen Stellung erkennbar, Nabaty spielte gerade 7.-Sa5 nach zuvor 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 (soweit bekannt aus z.B. Alekseev-Jakovenko tags zuvor) 4.-b5 (ungewöhnlich, aber Weiß antwortete ohne zu zögern) 5.Lb3 g6!? (zuvor offenbar nur 15-mal gespielt) 6.d4 (nach 21 Minuten) 6.-exd4 7.Sxd4. Das waren dann fast genug Aufregungen für eine Partie, nach 19 Zügen wurde in verflachter Stellung Remis vereinbart.

Hier war -g6 ein Thema, in einigen anderen Partien -g5 – mal gut und mal nicht. Wojtaszek-Saric 1-0 – der Kroate wurde heruntergelost und traf auf einen der Elofavoriten. Zunächst stand er durchaus OK, und dann:

Hier spielte er gerade 23.-g5? (natürlich stand der Bauer davor auf g6, und statt der schwarzen Dame stand auch mal ein Läufer auf g7) und das funktionierte gar nicht – die Schlusstellung nach 34.Lxe4:

An sich bereits ausreichend, dabei nicht das einzige schwarze Problem, daß er hier eine Figur weniger hat.

Inarkiev-Romanov 1-0 etwas ähnlich – Stellung nach 21.-g5?!:

Das war noch nicht unbedingt oder direkt partieentscheidend, ein späterer Damenausflug war zuviel – die Schlusstellung nach 35.-gxh4 (spielte Schwarz noch und gab dann auf):

Hier könnte der Freibauer auf a3 eventuell eine Minusfigur kompensieren, aber da ist auch noch die luftige schwarze Königsstellung.

Vocaturo-Najer 0-1 ähnlich aber anders, Stellung hier mal vor 22.-g5:

Im 22. Zug war es (im Gegensatz zum 21. und 23. Zug) eine gute Idee – wobei natürlich andere Stellungsfaktoren eine Rolle spielen, z.B. daß die Damen bereits abgetauscht wurden und daß Schwarz nun die d-Linie übernimmt (23.Txd8 Txd8 24.Le5 Td2+). Das war die Schlusstellung nach 38.-Tf5+:

Weiß hat demnächst zwei Figuren weniger und dann, da der h-Bauer marschiert, drei weniger. Vocaturo glaubte seinem erfahrenen Gegner, daß er die technische Phase beherrscht.

Dann ein paar Remisen, die Spitzenbretter nochmal aus der anderen Richtung fotografiert:

Brett 6 Rakhmanov-Paravyan 1/2, dahinter Hovhannisyan-Demchenko 1/2 – so schafft man es nicht unter die glorreichen Sieben! Brett 5 war milde ausgekämpft (19 Züge), Brett 6 voll (118 Züge, die letzten mit für Weiß Turm und Läufer gegen Turm).

Zu Sjugirov-Arutinian 1-0 wieder zwei Diagramme:

Zuvor war 8.-g5 nicht falsch sondern gängige Theorie in der Caro-Kann Vorstossvariante – gut 600-mal gespielt u.a. von Caruana, der aus gleich zwei Gründen bei der EM fehlt: nicht mehr teilnahmeberechtigt und ein Termin in Berlin. Nun war 20.-Sf5? 21.Txc6! keine gute Idee – Schwarz hat den c-Bauern wohl nicht aus Versehen eingestellt sondern danach entstehende Verwicklungen falsch beurteilt. Das kam dabei heraus:

Schwarz hat momentan einen Turm mehr und kann/muss trotzdem aufgeben.

Djukic-Jones 0-1:

Hier war zuvor 20.-g5 spielbar, und nun steht Schwarz natürlich gut – das kam später dabei heraus:

Noch hat Weiß nur einen Bauern weniger, aber dabei würde es nicht bleiben.

Das waren die turnierrelevantesten Siege (zu diesem Zeitpunkt), nun zu den nächsten Brettern:

Die Favoriten Navara (Brett 12) und Jakovenko (Brett 11) nebeneinander, mit Weissiegen konnten sie Boden gut machen.

Zwei Fragmente/Momente von anderen Brettern, noch eines dann im “deutschen” Teil:

Bosiocic-Dubov 0-1, Brett 14 – hatte ich bereits erwähnt/gezeigt, daß Marin Bosiocic auch schön verlieren kann? Er spielte früh 13.h4, 14.h5 und 16.hxg6 gegen Grünfeld-Indisch, sein eigener König blieb derweil in der Mitte. Spätestens nach zuletzt 26.-Sf2xTh1 war Matt auf der h-Linie nicht mehr drin, Weiß musste mit Motorschaden aufgeben.

Boruchovsky-Kuzubov – Weiß am Zug, was tun nach zuletzt 22.-Dd8?? – er fand den richtigen Zug und Schwarz gab auf, für Leser mache ich daraus eine Taktikaufgabe.

Noch zwei Fotos aus dieser Runde:

Der Turniersaal mit u.a. Altmeister Beliavsky – in Weiß (Hemd, Haare soweit vorhanden, Kaffeetasse) und mit Weiß

Brett 113 usw. – nein, soweit hinten spielte Korobov nicht, aber er ist vielleicht Vorbild des Polen FM Janik (*2000).

Nun zu den deutschen Teilnehmern: Was meinte ich mit “rhythmisch”? Bis Runde 5 gewannen Dennis Wagner und Lev Yankelevich konsequent mit Weiß und verloren mit Schwarz – das lag allerdings wohl auch daran, daß sie (oft im Schweizer System) mit Weiß relativ schwache und mit Schwarz starke Gegner hatten. Die Namen der nominell schwachen Gegner nenne ich nicht, da sie mir kein Begriff sind – OK, Yankelevich besiegte FM Sargissyan den man nicht mit dem gleich noch erwähnten GM Sargissian verwechseln sollte. Wagner – obere Hälfte der Setzliste – verlor gegen Ivanchuk und Jakovenko, Yankelevich – untere Hälfte – verlor gegen Demchenko, Kravtsiv und Esipenko (offiziell noch FM, aber sicher GM-Niveau). In Runde 6 hatten beide nominell unterlegene Gegner – Wagner remisierte mit Schwarz, Yankelevich verlor mit Weiß.

Georg Meier stolperte bereits in Runde 5 – nach vier Remisen gegen Elo 2413-2464 tatsächlich ein Sieg gegen 2445, diesen Eindruck hat er dann mit Remis gegen immerhin 2542 korrigiert. Partien habe ich mir nicht angeschaut, sicher war es nicht geschoben sondern er wollte durchaus gewinnen und schaffte es nicht.

Und nun “deutsche Diagramme”: Huschenbeth-Rzayev 1-0 aus Runde 4 hat Bundestrainer Rogozenco bereits analysiert, daher zeige ich nur einige Diagramme:

Vor dem ersten Diagramm war 16.Sxe6!? Geschmackssache – in die aus einem Kan-Sizilianer entstandene schwarze Igelstellung hinein opfern (der weisse Springer stand also davor auf d4). 16.f5 war gut und weniger riskant-kompliziert-abenteuerlustig. Ab dem zweiten Diagramm ging nach 21.bxc5 Lc8 neben dem in der Partie gespielten 22.Dxf7+ und dem von Rogozenco erwähnten 22.cxd6 eventuell auch 22.Dxc8+!? Dxc8 23.cxd6 usw. .

Auch tags darauf spielte Huschenbeth eine etwas turbulente Partie. In Runde 6 wusste er dann, daß Alekseev nach Lc2 mit Remis einverstanden ist:

Hier im 16. Zug in schon recht vereinfachter Stellung – ein Symmetrie-Ästhet hätte Remis abgelehnt, 16.-Te8 gespielt und selbst Remis angeboten.

Am besten sah es zwischendurch für Falko Bindrich aus, wenn auch noch nicht nach Runde 2:

Bindrich hat Schwarz gegen IM Golubov, aus Königsgambit entstand diese Stellung – Weiß am Zug, was tun? Kleiner Hinweis: Weiß darf noch rochieren, wobei sofort 15.0-0 natürlich keine gute Idee ist (jedenfalls wenn Schwarz danach mit der richtigen Figur den Le2 frisst). Der richtige Zug brachte Weiß einen Mehrbauern, den er dann verwerten konnte.

So bekam Bindrich danach noch zwei nominell unterlegene IMs und traf nach Siegen in diesen Partien auf GM Sargissian. Auch das hat Rogozenco inzwischen analysiert, daher von mir wieder nur die zuvor bereits generierten Diagramme:

Ab dem ersten Diagramm 16.d5!? – wie Huschenbeths 16. Zug (in der ersten erwähnten Partie!) mutig-risikofreudig und von Engines eher bedingt akzeptiert, wobei Bindrich keine Vorteil bringende Alternative hatte. Den geopferten Bauern bekam er zurück, im zweiten Diagramm steht er offensichtlich besser – Läuferpaar in offener Stellung, anfälliger schwarzer König. Daraus wurde kurz danach eine Mehrfigur, aber Sargissian wühlte weiter. Der Weg zum vierten Diagramm durch die Engine-Brille betrachtet: 41.g4 (gut 16 Minuten nach der Zeitkontrolle) war richtig, nach 41.-Dh3 (Diagrammstellung) gewann nur 42.Se6. Das droht Dg7#, nach 42.-fxe6 ist 43.Df6 sehr stark. Ich hätte spekuliert, daß Bindrich einigen anderen Engine-Varianten nach 42.-Se5 nicht vertraute, in denen sein König bis nach c4 wandern muss – aber laut Bericht des Schachbunds sah er nicht, wie es nach 42.Se6 fxe6 43.Df6 Tg8 44.Tc7 Tg7 genau weitergeht. Immerhin musste er, um den schwarzen König anzugreifen, auch seinen eigenen König entblössen.

Nach 42.Lf6? Txd4! (42.-Txe1+ 43.Txe1 Sf4 44.Db2 Txd4 45.Lxd4 Dxf3 usw. wird auch Dauerschach) 43.Txe8 (alles andere verliert gar) 43.-Txg4+! 44.fxg4 Dxg4+ hatte Schwarz Dauerschach.

In Runde 6 hatte Bindrich dann Schwarz gegen Berkes, wieder ein starker GM – und das wurde ohne große Aufregungen in 18 Zügen remis. In Runde 7 wartet der bisher über seinen nominellen Verhältnissen spielende Portugiese IM Ferreira. Der hat ebenfalls 4/6 bzw. eigentlich 4/5, da er wie Landsmann IM Sousa die erste Runde kampflos verlor – beide sassen offenbar im selben verspäteten Flieger? Auf dem Papier die Chance, wieder voll zu punkten.

Daniel Fridman hat ebenfalls 4/6. Diesmal spielt er, milde ausgedrückt, nicht so stark wie bei der EM 2017 – damals drei “Pflichtsiege” zu Beginn, später im Turnier gegen Großmeister zwei weitere Siege und keine Niederlage, das war Platz 4 und natürlich Weltcup-Qualifikation. Diesmal nach der Auftaktniederlage noch zwei Remisen gegen nominell unterlegene Gegner, und der Sieg in Runde 6 gegen den Tschechen (mit wohl vietnamesischen Wurzeln) IM Nguyen war durchaus glücklich. Der entscheidende gegnerische (Zeitnot-)Fehler im 36. Zug:

Gerade spielte Weiß 36.Sh4-f3?? und dachte vielleicht “der Bauer auf d4 ist gedeckt, ich habe im Endspiel einen aktiven König, alles in Ordnung”. Es folgte (noch) 36.-Tf4+ 37.Ke5 (37.Sf5 geht ja nicht mehr) 37.-Ke7 0-1.

Zu den Spielern mit derzeit 3.5/6: Rasmus Svane machte es ähnlich wie Dennis Wagner – Siege gegen nominell unterlegene, Niederlagen gegen starke Gegner (nach Nabaty noch Grandelius), außerdem ein Remis gegen Olga Girya etwas unter dem Elodurst. Alexander Donchenko hatte dagegen nach einer ziemlich glatten Auftaktniederlage gegen Elo 2295 bisher noch keine Gegner mit Elo über 2450.

Fehlt noch ein Großmeister, der sich von den anderen doppelt unterscheidet: Er ist es offiziell noch nicht, sondern bekommt den Titel wohl demnächst. Und er ist für DSB-Leistungssportreferent Andreas Jagodzinsky nicht “im Blickfeld für die Nationalmannschaft” – nachvollziehbar: Jan Michael Sprenger ist Amateur mit vermutlich weniger Restpotential. Sprenger begann zumindest “ordentlich”: Pflichtsieg zu Beginn, Remis gegen Sergey Zhigalko, über eine Niederlage gegen Benjamin Bok kann man nicht meckern. Dann erwies er sich allerdings als guter Gast – nur 0.5/3 gegen nominell ihm unterlegene Georgier(innen).

In Runde 6 wurde er wohl deshalb von hinten fotografiert, da seine Gegnerin IM Sofio Gvetadze fotografiert wurde. Hier war noch nicht allzu viel passiert, 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.f3!? ist “weder gut noch schlecht”. Viel später machte er, im Gegensatz zu Fridmans Gegner wohl unfreiwillig, denselben Fehler – zu aktiver König im Endspiel:

Trotz Mehrturm musste er hier seiner Gegnerin gratulieren und hat danach das Turnier verlassen – zu eventuellen nicht-schachlichen Hintergründen habe ich (noch) nicht recherchiert.

Kurz noch zu Martin Gebigke: Er staunte wohl nicht schlecht, daß er nach 1/4 GM Ivanisevic bekam – zu diesem Zeitpunkt mit ihm punktgleich, nun Aufholjagd und nach wie vor im Turnier.

Prognosen aus deutscher Sicht und Vergleich mit 2017: Damals hatte zu diesem Zeitpunkt im Turnier Fridman überragende 5/6. Donchenko, Buhmann, Svane und Kunin hatten wie nun Huschenbeth, Bindrich und Fridman 4/6, Bluebaum und Elisabeth Paehtz 3.5/6, Dennis Wagner nur 3/6. Neben Fridman konnten sich durch starken Schlusspurt auch Kunin und Bluebaum für den Weltcup qualifizieren – das ist dieses Jahr also auch möglich (wichtig sind da immer die letzten Runden, etwas Losglück – ein Gegner, der auch gewinnen will und etwas riskiert – schadet nicht). Dennis Wagner konnte durch ein solides Finish (drei Remisen gegen GMs mit Elo 2650+) immerhin den Eloschaden in erträglichen Grenzen (-3) halten.

Prognosen aus internationaler Sicht: Weltcup-Qualifikation – viel zu kompliziert. Titel und Medaillen – auch zu kompliziert. Nicht nur für deutsche Spieler gilt: entscheidend am Ende die letzten Runden.

Was bleibt ist eine Bildergalerie:

Jobava machte eine einschneidende Erfahrung zwischen Runde 4 (siehe Foto oben) und 5, warum dazu habe ich nicht recherchiert. Sonst diverse Bartversionen, Girya ausser Konkurrenz.

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