Kandidatenturnier: Fünfkampf mit Vorteil Karjakin

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Wenn man die letzten drei Runden des Kandidatenturniers – vor dem letzten Ruhetag – aus der Siegerperspektive betrachtet kann man konstatieren: Kramnik hat eine Partie gewonnen – seine dritte bei vier Niederlagen, zu wenig bzw. zu viel um noch in den Kampf um den Turniersieg einzugreifen. Karjakin hat zwei Partien gewonnen – insgesamt nun vier, und damit hat er trotz oder wegen auch zwei Niederlagen nun die besten Karten. Ding Liren hat nun auch eine Partie gewonnen – da er als nun einziger Spieler ungeschlagen ist hat auch er noch eine Chance auf einen Termin in London im November. Das gilt auch für die im Berichtszeitraum sieglosen Caruana, Grischuk und Mamedyarov.

Aus der Verliererperspektive: Aronian zwei Niederlagen, Caruana und Mamedyarov je eine.

Der neueste Zwischenstand: Karjakin 7/12 (mit 1.5/2), Caruana 7/12 (mit 0.5/2), Ding Liren, Grischuk, Mamedyarov 6.5, Kramnik 5.5, So 5, Aronian 4. Fest steht eigentlich nur, wer das Kandidatenturnier nicht gewinnt: Kramnik (der den besten Start ins Turnier erwischte), So (noch vor einem Jahr bezeichneten seine Fans ihn als “einzige Gefahr für Carlsen”) und Aronian (allgemein vor dem Kandidatenturnier als Favorit bezeichnet). Kramnik hat dabei noch klitzekleine Chancen, aber nur wenn neben ihm selbst auch viele andere die richtigen Ergebnisse erzielen. Während dem Turnier übernahmen Caruana und Mamedyarov die Favoritenrolle, und nun plötzlich Karjakin. “Mit 1.5/2” bezieht sich auf das Ergebnis im direkten Vergleich gegen Caruana, direktes Resultat ist am Ende erster Tiebreaker. Zweiter Tiebreaker ist meiste Siege oder auch meiste Niederlagen, auch da liegt Karjakin vorne. Schlechte Tiebreak-Karten hat er nur, wenn er am Ende Platz eins nur mit Mamedyarov teilen sollte.

Fotos diesmal sowohl von Frank Hoppe vom Schachbund als auch von Ewgenia Borodina für Worldchess. Von Frank Hoppe vor allem “atmosphärische” Fotos, allerdings auch das Titelfoto – das zeigt Karjakin, nicht ganz passend vor der zehnten Runde.

Runde 10 stand nämlich eher nicht im Zeichen des korrekten Remis in Grischuk-Karjakin, und auch bei Ding Liren – So 1/2 war eher wenig los. So will es so, für den Chinesen war es im Berichtszeitraum die Ausnahme vor der Regel. Daß ausgerechnet So, der absichtlich Remis spielen will, Witze über Ding Lirens Remisserie und ihn als quasi-Nachfolger von Giri machte, ist hiermit erwähnt. Bleiben zwei Partien:

Kramnik-Aronian 1-0 (im Turnier nun 2-0 für Vlad, aber das ist ein irrelevanter Tiebreak). Diesmal wollte Kramnik es eigentlich ruhig angehen – ein Ruhetag zuvor reichte vielleicht nicht, um sich von den Niederlagen davor gegen Grischuk und Karjakin zu erholen. Also 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.Sc3. Aber Aronian wollte einen offenen Kampf – Kramnik sagte hinterher “was ich auch derzeit mache, es wird verrückt!”. Nach 28 Zügen hatte er eine Qualität weniger und Aronian außerdem einen einzugsbereiten Freibauern auf d2, warum war es trotzdem dynamisch-chaotisch ausgeglichen? Weil Aronians König nach den Zügen zuvor – 27.TxSf6 gxf6 28.Txf6 d2 – recht nackt stand. Angriff und Verteidigung hielten sich dann die Waage, bis Aronian u.a. Livekommentator Svidler (für chess24) mit 36.-Dc7? überraschte – Svidler kurz zuvor: “37.Se8+ wird er nicht zulassen, derlei Dinge sieht er!”.

Die chess24-Liveübertragung ist etwas verzögert – Svidler und Gustafsson erfuhren zunächst aus dem Chat, daß 36.-Dc7? 37.Se8+ auf dem Brett stand, wonach Aronian aufgab. Meinetwegen bekommt Aronians 36. Zug auch zwei Fragezeichen, es war ein abruptes Ende einer zuvor beiderseits auf hohem Niveau geführten Partie – und das im Duell der Tabellenletzten! Man kann die Partie so oder so beurteilen – nicht der Rede wert, da durch einen groben Patzer entschieden oder eben auch zuvor gehaltvoll und hochklassig mit abrupt-unnötigem aber hübschem Finish.

“Turnierrelevant” war die Partie nicht, dennoch eine anschliessende Pressekonferenz.

Mamedyarov-Caruana 1/2 war, wenn man nur die Engine-Urteile überfliegt, eher langweilig: immer etwa ausgeglichen. Wenn man sich die Partie selbst anschaut, war aber jede Menge los – beide wollten offenbar auf Gewinn spielen. In einem Katalanen hatte Weiß zunächst zwei Mehrbauern, dafür allerdings eine furchtbare Bauernstruktur und einen potentiell luftigen König (mit 9.Lxc6+ hatte Shak seinen Fianchettoläufer abgetauscht). Der in der Mitte verbliebene schwarze König stand dagegen sicher. Später eroberte Caruana eine Qualität, dafür hatte Weiß immer noch bzw. wieder zwei Bauern. Laut Livekommentator Svidler hatte Mamedyarov sehr gute Gewinnchancen – aber Caruana hatte genug Ressourcen, um das Gleichgewicht zu halten. Die Schlusstellung König gegen König war dann wirklich total ausgeglichen.

Auch zu dieser Partie hinterher eine Pressekonferenz.

Zu Runde zehn zeige ich noch zwei Fotos von Frank Hoppe – Besuch einer Schulschach-AG, ein spontanes und ein gestelltes Foto:

In Runde 11 eine Partie mit Sieger und Verlierer, ein verpasster Sieg bzw. ein glücklich erkämpftes Remis, ein mehr oder weniger korrektes dabei gehaltvolles Remis und ein sehr korrektes Remis. An der letzten Partie war mal wieder Wesley So beteiligt, soso. Er hatte Weiß gegen Mamedyarov, diese Partie ist hiermit erwähnt.

Caruana-Kramnik 1/2 war gehaltvoller, es begann mit 1.c4 e6 2.Sc3 d5 3.d4 c6 4.e4 dxe4 5.Sxe4 c5!?? – was ist das denn? Wie Kramnik hinterher zugab, etwas ein Bluff – Weiß konnte Vorteil erreichen. Das wollte Caruana nicht unbedingt, sondern sein Schiff sicher in den Remishafen steuern – es sei denn, Kramnik wird übermütig. Mein genereller Eindruck: Caruana wollte sich auf den Lorbeeren aus der Hinrunde ausruhen, durchremisieren und sich so im Schongang für ein WM-Match gegen Carlsen qualifizieren. In der nächsten Runde war einer damit nicht einverstanden, aber ich greife den Ereignissen voraus.

Auch zu dieser Partie (wie zu allen Partien) danach eine Pressekonferenz

Ding Liren – Grischuk 1-0 1/2: Für Grischuk ging bereits die Eröffnung schief – erst wollte er (noch) nicht rochieren, dann konnte er nicht mehr problemlos rochieren. Außerdem hatte er nach dem 18. Zug zwei Randspringer… . Später stand Ding Liren in üblicher Grischuk-Zeitnot und dann auch eigener Zeitnot überwältigend, konnte den Sack aber nicht zumachen. Kopierte er absichtlich Giri, der in Gewinnstellungen oft einen Remisweg findet? Grischuk verteidigte sich mit Sekunden auf der Uhr trickreich, er hatte dabei nichts mehr zu verlieren. Im 38. Zug war es plötzlich wieder völlig ausgeglichen, und nun war 38.-Sxh3+?! zu trickreich. Im Endspiel hatte der Chinese wieder Oberwasser, wenn auch nicht mehr so viel wie zuvor mal in der Partie. Und dann wurde es nach insgesamt 96 Zügen remis.

Auch dazu eine Pressekonferenz. Das Remis half keinem der beiden Spieler, schadete allerdings auch keinem.

Aronian-Karjakin 0-1: Karjakin konnte problemlos ausgleichen und stand dann zunächst nur leicht oder “potentiell” besser. Im 42. Zug gab Aronian den falschen Bauern, und nun konnte Karjakin ein Endspiel mit Mehrbauer kneten bzw. Technik zeigen. Später hatte Karjakin dann vier gegen null Bauern – Aronian spielte auch danach weiter aber warf im 74. Zug das Handtuch. Dieses war Karjakins dritter Streich (nach anfangs zwei Niederlagen in den vier ersten Runden), und der vierte … da muss sich der Leser noch etwas gedulden, erst weitere Fotos zu Runde 11:

Auch zu dieser Partie eine Pressekonferenz

Und eine Worldchess-Spielergalerie, nun eine von Frank Hoppe zum Drumherum:

Zuvor hatte Klaus Deventer über Elisabeth Paehtz geredet, nun redete sie selbst – zusammen mit dem im vorigen Artikel auch erwähnten Ilja Zaragatski beim Livekommentar.

Runde 12: Diesmal neben einem vergleichsweise gehaltlosen und relativ korrekten Remis ein etwas “inkorrektes” und gleich zwei Entscheidungen – danach im Turnier alles offen!

Bei Grischuk-Aronian 1/2 konnte Grischuk vielleicht einen (halben) Zug lang auf Vorteil spielen, eventuell seine eigenen Chancen im Turnier verbessern und Aronian den nächsten Dämpfer verpassen. Aber so kam es nicht – remis.

Die beiden Amerikaner im Turnier wollten wohl auch Remis spielen – So, weil er keine Lust mehr hat und Caruana, da es sich in seiner Turniersituation anbot. So schaffte es auf Umwegen, der immer noch unternehmungslustige Kramnik opferte eine Figur für Freibauern, stand besser, konnte dann aber nicht gewinnen.

Karjakin-Caruana 1-0! Der Italo-Amerikaner hatte sich das so schön ausgedacht: ich spiele Russisch, mache Remis und spaziere weiter Richtung Turniersieg. Aber Karjakin wollte gewinnen und schaffte es. Er opferte eine Qualität, für die er neben einem Bauern (einer der beiden verdoppelten c-Bauern) auch einen wunderschönen Läufer auf d5 bekam. Schwarz konnte nur zuschauen, wie Weiß seine Stellung verstärkte. Das wollte er nicht, also schwächte er seine eigene Stellung. Später gewann Karjakin einen zweiten Bauern und wickelte dann ab zu einem glatt gewonnenen Endspiel.

Die Pressekonferenz hinterher

Mamedyarov – Ding Liren 0-1!?? Wie bitte, der Chinese spielt doch immer Remis? Der Azeri überzog am Königsflügel bzw. unterschätzte schwarze Möglichkeiten am Damenflügel. Und dann stand Ding so gewonnen, daß auch er keinen Remisweg mehr fand. Damit hat auch er plötzlich Chancen auf Turniersieg und WM-Match gegen Carlsen.

Giris Reaktion auf Twitter: “Es kann nur einen geben” – bezieht sich vielleicht auf den Sieger des Kandidatenturniers, vielleicht auch auf etwas anderes. Nach sieben Remisen zu Beginn konnten Kramnik 2013 und Caruana 2016 jedenfalls noch in den Kampf um den Turniersieg eingreifen, nach elf Remisen zu Beginn wäre was Neues. Giri begann 2016 mit vierzehn Remisen, und dann war das Turnier bereits vorbei. Um das nochmals zu erwähnen: weder Giri noch Ding Liren unterstelle ich Absicht.

Karjakin schaffte es 2014 jedenfalls ansatzweise nach anfangs 2.5/7, 2016 verzichtete er auf eine schlechte erste Turnierhälfte, nun hatte er bei Halbzeit 3/7. Besser als 2014 – damals wurde Anand, nachdem er in der vorletzten Runde gegen einen gewissen Sergey Karjakin überlebte, recht souverän Turniersieger.

Und noch eine Pressekonferenz

Auch Worldchess hat ein atmosphärisches Foto (vermutlich ohne Großmeister, jedenfalls erkenne ich niemand).

Dieser Bericht war etwas kürzer und knapper als üblich – meine Zeit ist begrenzt. Zu dem, was in den zwei verbleibenden Runden passieren kann könnte ich Romane schreiben und die verschiedensten Tiebreak-Szenarios mit zwei oder mehr Spielern auf dem geteilten ersten Platz diskutieren. Aber warten wir ab, was tatsächlich passiert!

 

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3 thoughts on “Kandidatenturnier: Fünfkampf mit Vorteil Karjakin

  1. Die offizielle Liveshow war eigentlich von Anfang an kostenpflichtig. Dann gab es die ersten Runden (zu Reklamezwecken?) gratis, dann noch weitere u.a. da die Agon-Liveübertragung der Partien zunächst nicht funktionierte. Was diejenigen (offenbar nur wenige) die von Anfang an zahlten davon hielten, sei dahingestellt.Kosteniuk, die zwischendurch mit Trent kommentierte, fand ich auch gut, gezahlt habe ich nicht.

  2. Die ersten neun Runden konnte man auf der offiziellen Seite ohne Zeitverzug und ohne Paywall verfolgen.
    Dabei kommentierte die Runden 1-3 und 7-9 IM Trent mit Judit Polgar. Letzerer zuzuhören war ein Genuss ersten Ranges.
    Leider war ab Runde 10 eine Paywall – 20 Bucks – geschaltet.
    Mit dem expliziten und hervorgehobenen Hinweis, dass Teile dieser Gebühr den Preisfonds der Spieler erhöhen würden.
    Geht’s noch lächerlicher, Agon?

  3. Alle hätten es verdient, aber Kramnik war es schon und Karjakin hatte seine Chance bereits. Ich fände es am interessantesten, wenn Caruana, Ding oder Grischuk gegen Carlsen spielen würde.

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