Deutsche Schach-Amateurmeisterschaft DSAM in Kassel 2018 beendet

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Der Frühling wollte sich noch nicht recht einstellen, aber apropos einstellen … nein, so negativ soll es hier nicht losgehen! Denn viel Positives war zu sehen in den zwei Kasseler Turniersälen, die von den Schachspielern plus Analyseräumen locker in Beschlag genommen waren. Erleben konnte man einen A-Gruppen-Sieger, mit dem keiner gerechnet hatte (Patrick Lick), eine junge Berlinerin als Siegerin der C-Gruppe, über die sich auch der Texter erst noch informieren musste (Cecilia Lange), einen geteilten Dritten der B-Gruppe, der laut kollektivem Gedächtnis vor “vielleicht zehn, zwanzig Jahren” in der Zweiten Bundesliga spielte und jetzt in kaum noch in irgendeiner Datenbank zu finden ist (Matthias Niesel, “Verein”: Köln), einen mit unheimlicher Ruhe und größter Freundlichkeit in der B-Gruppe dauersiegenden Buxtehuder (Ralf Schöngart), kurz gesagt: Es war richtig was los bei den 326 Spielern auf der Wilhelmshöhe in Kassel!

In der A-Gruppe jedenfalls siegte besagter Patrick Lick. Vier aus fünf, ein halber Punkt Vorsprung vor dem auch nicht gerade an der Favoritenbörse gehandelten Zweiten Richard Scheftlein vom ESV Lok Meiningen. Was ist denn los? Kann man sich auf gar nichts mehr verlassen? Wer also ist dieser Patrick? Hmm… Im nun auf Tiefe gehenden Facebook gibt es anscheinend Einträge einer gleichnamigen (realen?) Person, in der Datenbank 365chess.com ist Patrick präsent – und zwar mit Turniereinträgen bis 2007 mit der Niederstsachsen-U16. Das war, wenn man jetzt einmal ganz konzentriert nachrechnet, vor elf Jahren und einer Ewigkeit. Die FIDE rückt das Geburtsjahr rüber: 1991. Hach ja, “schön ist die Jugend” (H.Hesse) … Also ein jetzt 27jähriger, der zwischendrin mit Schach aufhörte, aber noch immer richtig gut ist – ein zurück gewonnenes Talent! Bleib dabei, Patrick. Es läuft gerade.

“The winner takes it all”, sang einmal ein glänzend arrangiertes Schweden-Quartett. Eben das war aber nie das Motto der DSAM, die jeden Teilnehmer gleich gut behandelt, was aber bei der Preisverleihung natürliche Grenzen findet. Nur haben in der sehr ausgeglichenen Gruppe B die ersten SECHS Spieler 4,0 Punkte “geschossen” und trotz der Illusionen, die durch die Feinwertung hervorgerufen werden (sollen): Natürlich hat der Sechste keine schlechtere Leistung als der Erste abgeliefert. Dennoch wird schon wenige Momente nach Turnierschluss niemand mehr, von engen Freunden abgesehen, vom Sechsten der B-Gruppe der DSAM Kassel 2018 sprechen, aber:

Albrecht Töpfer schaffte doch ebenso 4,0 Punkte wie der Erste. Oder sagt jemand, dass sein Lauterbach irgendwie weniger wert als Buxtehude sei?? – Ich hätte hier natürlich ebenso gut den Fünften, Vierten usf. als Beispiel nehmen können, dass die Umsetzung der geradezu programmatischen “Gleichbehandlung” trotz bestem Willen manchmal einfach scheitern muss. Aber von Albrecht Töpfer, 1989 geboren und vielfach noch für den Ilmenauer SV eingetragen, von dem hat der Leser nun schon mal gehört. Nur unser Foto-Team nicht … kein Bild. Wir hätten aber noch eins mit einem Mann mit Sonnenbrille im schwarzen Kapuzenpullover nachts um drei in einem düsteren Berliner Schachhaus – das könnten wir ja nehmen!

Herausragend von der “nackten” Punktezahl her war das 4,5-Punkte-Ergebnis und damit der erste Platz von Robert Schumann in der C-Gruppe. 1986 geboren, Elo 1935, fast ebenso viele Siege (wir hätten eben nur noch ein bisschen länger spielen müssen) – Grund genug, zu schauen, wo sich sein Schachklub Weida eigentlich befindet. Antwort: Am Schafturm. In Thüringen, passend zur Jahreszeit scheint Osterburg (aber auch Zeulenroda) nicht fern zu sein. Rasse-Geflügel-Züchterverein, Pferdesport, Bläserquartett; es ist ja alles da, was man zum Mattsetzen braucht.

Bevor es jetzt Proteste hagelt: In Weida gibt’s auch einen Edeka-Laden (Geraer Straße) und es gab mit Frank Stolzenwald (Gruppe G), Gerald Arnold und Wilfried Arndt (beide F), Jens Trabert (E) aus 36277 Schenklengsfeld (grenzt an den Landkreis Fulda und, schon gut, hat auch einen Edeka) gleich vier weitere Sportler, die ihre Gruppe mit ebenfalls 4,5 Punkten gewannen! Wer jetzt sagt: Naja, das sind ja eher untere Gruppen, der möge es nachmachen. Ist ja ganz einfach … Aber in fünf Runden kann eben auch viel passieren, wie schon so mancher Titelträger erkennen musste. An diesen Titeln trägt man eben schwer.

Eine junge Dame spielte sich zumindest einige Schritte weiter nach vorne. Noch nicht ganz bis ins Scheinwerferlicht, aber doch schon so, dass es nicht mehr weit dorthin ist: Cecilia Lange, Oberschöneweide. Weniger ihr schöner Erfolg, mit 3,5 aus 5 in der schwierigen C-Klasse (ah, den doppelten Wortsinn hast Du erkannt!) lassen uns das vermuten, der sie zur besten Dame des Turniers machte, sondern die stürmische Entwicklung ihres schachlichen Niveaus. Vor zwei Jahren noch finden wir bei der Deutschen Jugendeinzel Turniereinträge, die ihr ein 1500er Rating bescheinigen, jetzt ist es schon eine gute 1850 – und der Weg dieser 18jährigen ist ja noch lange nicht beendet. Wir behalten das im Auge!

(Text: Ralf Mulde, Fotos: Ingrid Schulz & Frank Jäger, Turnierseite https://www.dsam-cup.de/kassel/ )

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Veröffentlicht unter DAM |