Am Ende doch Caruana

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Vom Ergebnis her überzeugend und mit Vorsprung, u.a. da Aronian doch noch in den Kampf um den Turniersieg beim Kandidatenturnier eingriff. Das waren die Ergebnisse der drei am Ende vorne liegenden Spieler gegen den abgeschlagenen Letzten: Caruana-Aronian 2-0, Mamedyarov-Aronian 1-1 (zwei Remisen), Karjakin-Aronian 1-1 (zwei Schwarzsiege, aber einmal hatte Karjakin ja Weiß).

Und das war der Endstand: Caruana 9/14, Mamedyarov und Karjakin 8, Ding Liren 7.5, Kramnik und Grischuk 6.5, So 6, Aronian 4.5. Man sollte es natürlich nicht auf das jeweilige Mini-Match gegen den klaren Favoriten (jedenfalls laut Expertenmeinung vor dem Turnier) Levon Aronian reduzieren, wobei Teil 2 des Matches Caruana-Aronian in den letzten Berichtzeitraum fällt. Was eine Rolle spielte und was aus Prognosen vor dem Turnier generell wurde am Ende dieses Beitrags.

Vorher schrieb ich – wenn nicht hier dann anderswo: Wer auch immer das Kandidatenturnier gewinnt hat es verdient, und dazu stehe ich. Gut auch, daß Tiebreaks keine Rolle spielten. Tiebreaks wurden diesmal kontrovers hinterfragt, da sie womöglich den “falschen” Spieler bevorzugen könnten. Das galt auch 2016 – Tiebreak-Vorteil Karjakin gegenüber Caruana vor der letzten Runde. 2014 war es kein Thema, da Anand dominierte. 2013 war es eher kein Thema, da ja der “richtige” Spieler, nämlich Magnus Carlsen, davon profitierte.

Fotos diesmal wieder von Ewgenia Borodina/Worldchess für “turnierrelevant” und von Frank Hoppe für den Schachbund zum atmosphärischen Drumherum in Runde 13 (Runde 14 derzeit noch nicht online), Titelfoto natürlich Fabiano Caruana.

Nun erst hinein ins Geschehen der beiden letzten Runden, relativ kurz und knapp:

Runde 13:

So-Karjakin 1/2 aus der Rubrik “hiermit erwähnt”, So spielte so-lide und Karjakin bekam ein problemloses Schwarzremis. Das betrachtete er zunächst als gutes Ergebnis, aber letztendlich hat So damit auch “Team USA” geholfen.

Ding Liren-Kramnik 1/2 – wieder ein Remis für den Chinesen, diesmal eher ein “Minusremis” mit Weiß. Kramniks Igel-Aufbau zeigte mit 18.-g5 und 19.-f5 seine Stacheln, Kramnik gewann dann zwei Leichtfiguren für einen Turm. Mit weiterhin Damen auf dem Brett hätte er bei anfälligem gegnerischem König klaren Vorteil, aber er erlaubte (musste nicht sein) Damentausch und das Endspiel war Remis – was auch Kramnik akzeptieren musste, diesmal bereits kurz nach der Zeitkontrolle. Ein “Verlierer” des Kandidatenturniers stand damit fast fest: Emil Sutovsky, dessen Prognose vorab (Kramnik gewinnt viermal und verliert viermal) nicht komplett eintrat, aber Emil (und Vlad) waren nahe dran.

Caruana-Aronian 1-0, das wusste der mitdenkende Leser bereits. Die Eröffnungskreativität von Team Caruana bestand darin, eine in der Runde zuvor von Grischuk gegen denselben Aronian gezeigte Idee zu verfeineren bzw. selbst zu analysieren – das ging, da dazwischen ein Ruhetag war. Gemeint ist das kuriose und optisch harmlose 9.Ld2 im spanischen Anti-Marshall, und dann war Schach etwas paradox: nach später 13.Lg5 dxe4 14.dxe4 h6 15.Lc1 stand der Läufer wieder auf demselben Feld wie zuvor, und da blieb er bis Partieende. Da stand er besser als der schwarze Damenläufer: der ging nach 11.h3 von g4 nach h5, dann nach g6, wieder nach h5 und nun hatte er eine Aufgabe: er opferte sich. Mit seinem freiwilligen Entwicklungsrückstand motivierte Caruana Aronian zu aktivem Spiel am Königsflügel, selbst widmete er sich nach Prophylaxe dort (18.g3, 19.Kg2) dem Damenflügel (21.b4, 22.a4).

Ganz korrekt war das schwarze Opfer nur, wenn Aronian im 30. Zug noch eine Figur geopfert hätte. Das sahen beide nicht, und so bekam Caruana Oberwasser. Am Ende hatte auch sein Lc1 eine Funktion – er hat das abschliessende 39.Txh6+! ein bisschen mit unterstützt oder ermöglicht.

Mamedyarov-Grischuk 1/2 1-0 – beide brauchten einen Sieg, Weiß bekam ihn da Schwarz patzte.

Anastasia Karlovich dann mal wieder von zwei Großmeistern umrahmt. Noch zwei Worldchess-Fotos und dann ist Frank Hoppe an der Reihe:

Kramnik individuell, als Anerkennung für sein spektakulär misslungenes Turnier, wobei er bis zum Ende alles versuchte (Wesley So zeige ich nicht)

Shak Mamedyarov, in dieser Runde Glückspilz

Und Frank Hoppe fotografierte für meine Galerien:

Szenen aus dem Gebäude (wohl der Bereich für VIPs bzw. Zuschauer mit teureren Eintrittskarten)

Hier noch einmal das Publikum auf den billigeren Stehplätzen

Drumherum zur Pressekonferenz von Kramnik und Ding Liren – auf einem Foto zusammen mit Anastasia Karlovich deutlich zu sehen

Runde 14 empfand ich etwas als Anti-Klimax – viermal Remis schien möglich.

Schnell fertig waren Aronian und So – Remisverbot vor dem 30. Zug kann man mit Zugwiederholung ab dem dreizehnten umgehen, so wurden es 17 Züge. Für beide ging es ja um nichts mehr.

Für die anschliessende Pressekonferenz eine andere Wanddekoration, vielleicht um beide etwas aufzumuntern.

Kramnik-Mamedyarov 1/2, anfangs hat mit Karpov noch ein Ex-Weltmeister mitgespielt. Die erste Überraschung brachte Mamedyarov mit dem im Katalanen seltenen 7.-Dd6, darauf war Kramniks am Brett gefundenes Bauernopfer 10.Dc2 in dieser Version neu, 10.Db3 Txd4 allerdings bekannt – u.a. aus einer Partie So-Ljubojevic vor bzw. nach dem Höhepunkt ihrer Schachkarrieren (Rising Stars vs. Experience 2010). Mamedyarov deutete eine Zugwiederholung an – ob er davon abweichen würde (schliesslich musste er, um Caruana eventuell einzuholen, gewinnen) werden wir nie erfahren, da Kramnik abwich. Kompensation hatte er, nach dem ungenauen 30.-Te8?! konnte er “bei anhaltender Kompensation” den Bauern zurück gewinnen (31.Lg5 Sh5 32.Sxc6 usw.).

Auf sofort 31.Sxc6?? ging 31.-Lg4 mit Damenfang, das (bzw. jegliches Motiv mit -Lg4 oder auch -Sg4) verhinderte Kramnik mit 31.h3 – und nun konnte Mamedyarov spektakulär in ein Endspiel abwickeln, in dem er eine Qualität weniger und zwei Bauern mehr hatte. Das war für Engines 0.00 und auch unter Menschen wurde es remis.

Karjakin-Ding Liren 1/2 – nach seinem Schwarzremis gestern wollte bzw. musste Karjakin nun mit Weiß gewinnen, aber daraus wurde nichts. Livekommentatoren Svidler und Gustafsson dachten, daß Weiß aus der Eröffnung heraus (d3-Spanier) gute Gewinnchancen hatte – guter Springer gegen schlechter Läufer, Schwarz hat nicht, Weiß kann langsam Druck machen am Königsflügel. Schwarz war damit nicht einverstanden und spielte selbst 21.-g5 und 24.-h5, vielleicht auch etwas von Ding Liren-Kramnik tags zuvor inspiriert? Nachdem Karjakin 27.-h3+! wohl übersehen hatte, stand er sicher schlechter. Aber im Endspiel war sein Springer verglichen mit dem schwarzen Läufer gut genug, um das mit zwei Minusbauern Remis zu halten.

Nun reichte Caruana (der bei Punktgleichheit mit Karjakin und/oder Mamedyarov den schlechteren Tiebreak hätte) ein Remis. Das wusste er offenbar schon vor seiner Partie, denn er spielte mit Schwarz gegen Grischuk 1.e4 e5 2.Sf3 2. sollen wir Remis spielen? – auch bekannt als 2.-Sf6 oder Russisch.

Grischuk-Caruana 0-1 wurde dann daraus, da Grischuk erst keinen Vorteil fand und später einen Nachteil. 31.Ta3?! war ein Abwartezug zu viel, nach 31.-d4 (latent möglich, nun gut) bekam Schwarz Oberwasser. Nach dem offiziellen Remisschluss bei Kramnik-Mamedyarov rechnete man damit, daß Caruana Remis anbieten und Grischuk akzeptieren würde. Aber die entstandene Stellung konnte er keinesfalls verlieren und eventuell gewinnen, er spielte weiter. Auf dem Spiel stand noch Elo live (und, da Grenke Chess erst für die Mailiste ausgewertet wird) mal wieder über 2800. Den schnellsten Gewinnweg fand er nicht, also dauerte es bis zum 69. Zug.

Ich zeige noch drei Spieler:

Karjakin war nahe an einem Rematch gegen Carlsen, Aronian und Kramnik (nach drei Runden “nahe am Sieg im Kandidatenturnier”) haben das Turnier anderweitig bereichert. Das als Einleitung zu “Spieler für Spieler” über das gesamte Turnier:

Caruana spielte letztendlich am effizientesten. Nach dem Auftaktsieg gegen So ein zweiter in Runde vier gegen Kramnik, das war ein Lotteriegewinn – Jackpot, da Caruana kurz vor Schluss Remis angeboten hatte, Kramnik ablehnte und dann nochmals patzte. Der dritte Sieg in Runde 7 gegen Aronian, der in seiner zu diesem Zeitpunkt schlechten aber noch nicht hoffnungslosen Turniersituation Alles oder Nichts spielte und nichts bekam. Dann konsolidierte er, bis zur Niederlage gegen Karjakin. Dann noch ein Sieg gegen (wieder) Aronian, der letzte Sieg eher “aus Versehen”.

Vor dem Turnier hatten Experten Caruana nicht unbedingt auf der Rechnung, da er zuvor in Wijk aan Zee ein schlechtes Ergebnis hatte – das galt 2016 auch für Karjakin, der danach das Kandidatenturnier gewann… .

Die Amerikaner sind ja unglaublich stolz darauf, daß sie ein junges Talent zur Ausbildung nach Europa schickten und als fertigen Weltklassespieler wieder einkauften. Das finanzielle Risiko, ob Caruana tatsächlich den Durchbruch schafft, überliessen sie dabei dem italienischen Schachverband. Und nun wird es ein WM-Match “mit großem Medieninteresse” geben.

Bei Mamedyarov zweifelten Experten trotz aller Erfolge in letzter Zeit daran, ob er im Kandidatenturnier oben mitmischen kann und unterstellten ihm mangelnde Konstanz. Ganz unrecht hatten sie nicht, in der entscheidenden Turnierphase überzog er ausgerechnet gegen “Remisschieber” Ding Liren gnadenlos. Der Sieg danach gegen Grischuk, durch den er eventuell wieder im Rennen war, durchaus glücklich. Die zwei Siege in der ersten Turnierhälfte gegen Karjakin, der in Runde eins kein “Verteidigungsminister” war, und gegen einen etwas durchgedrehten Kramnik. Insgesamt spielte er (Ausnahme Runde 12 gegen Ding Liren) ähnlich effizient wie Caruana, aber nicht erfolgreich genug.

Karjakins Turnier schien nach vier Runden (1/4) bereits gelaufen, Experten die ihm nichts zutrauten fühlten sich bestätigt. Dann allerdings ein enormes Comeback, aber chronologisch: Niederlage gegen Mamedyarov im Damenendspiel nicht unbedingt nötig, dann ein Eröffnungsdebakel ausgerechnet gegen Aronian. Der Endspielsieg gegen So war aus gegnerischer Sicht “vermeidbar”, aber damit begann Karjakins Aufholjagd. Danach ein spektakulärer Sieg gegen Kramnik u.a. dank kreativer Eröffnungsvorbereitung, und zwei eher technische Siege gegen Aronian und Caruana. Den Mut hatte er nie aufgegeben, das gilt ähnlich für Kramnik und sogar Aronian.

Ding Liren galt vorher als ‘dark horse’ und ist es vielleicht immer noch. Bei den vielen Remisen kann man ihm wahrlich keine Absicht unterstellen, darunter einige Gewinn- oder auch Verluststellungen. Zum Debüt im Kandidatenturnier mit Dank an Mamedyarov am Ende ein halber Punkt mehr als für Giri 2016 – dessen perfektes Remisturnier man ähnlich beschreiben konnte (Experten taten es teilweise auch).

Kramnik mit Höhen und Tiefen, dabei oft spektakulär. Man kann ihm auch nicht vorwerfen, daß er zu früh mit Remis einverstanden war, eher mehrfach zu spät – damit ermüdete er neben Kommentatoren auch sich selbst. Ein technischer Sieg gegen Grischuk zu Beginn, zwei spektakuläre gegen Aronian (der einmal von Anfang an mithalf, einmal erst kurz vor Schluss). Die Niederlagen gegen Caruana (Knackpunkt in Kramniks Turnier?), Mamedyarov und Grischuk alle “vermeidbar”, nur von Karjakin – gegen den er sich ohnehin schwer tut – wurde er überspielt. Die Erwartungen von Experten hat er in etwa erfüllt.

Grischuk hatte nach zwölf Runden nur einen halben Punkt Rückstand auf Caruana (und zu diesem Zeitpunkt Karjakin), daraus wurden zweieinhalb, warum siehe oben. Viele gehaltvolle Partien, das hatten Experten vorhergesagt wobei sie sich nicht festlegten, welches Ergebnis dabei herauskommen würde.

So hatte nach 0/2 zu Beginn mit einem Sieg gegen Aronian eine kurze Wiederauferstehung – seine beste und dabei einzige gute Partie im Turnier. Das hatte sich nach der vermeidbaren Niederlage gegen Karjakin erledigt, und danach spielte er betont so-lide, vielleicht nach dem Motto: “wenn schon nicht Sieg im Kandidatenturnier, dann zumindest weiterhin top10 in der Weltrangliste”. Für mich damit enttäuschender als Aronian, allerdings bei seinem generellen Spielstil nicht unerwartet.

Aronian – erst lief es nicht, dann lief es gar nicht mehr, dabei war er nach Expertenmeinung DER Favorit. Ich wies darauf hin, daß er sich in WM-Zyklen immer schwer tut – in diesem Zyklus war zuvor Weltcup die Ausnahme, Grand Prix Serie dagegen (bis auf das letzte Turnier) die Regel. Für zwei Spieler, die in Kandidatenturnieren abgeschlagen Letzte wurden (Radjabov 2013, Topalov 2016) war es quasi das Ende ihrer Karriere oder zumindest der Beginn eines langen Tiefs. Das hatte aus meiner Sicht allerdings auch andere Gründe, die ich hier mal nicht vertiefen will. Mit Aronian ist, so sehe ich es, weiterhin zu rechnen (schon früher hatte er ja neben Höhen auch Tiefen), vielleicht ist er zu Beginn das Kandidatenturniers 2018 wieder “klarer Favorit”?!

Wie geht es weiter? Für Caruana und Aronian schon demnächst mit Grenke Chess (wegen Osterurlaub von mir anfangs keine Berichterstattung), für andere ab dem 18. April US-Meisterschaft (So und auch da Caruana) bzw. Gashimov Memorial (Mamedyarov, Kramnik, Ding Liren, Karjakin). Ding Liren bekam also auch eine Superturnier-Einladung, Grischuk bekommt vorläufig keine – darf allerdings dann bei der Chess Tour mitspielen, Schwerpunkt Schnell- und Blitzschach aber das macht er ja gerne.

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