Saric Europameister, kein Deutscher im Weltcup

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Diesmal kann ich bei der Europameisterschaft (Runde 7-11, alles nach dem Ruhetag) nicht oder kaum auf  Schlüsselpartien eingehen – es sind oder wären zu viele in jeglicher Hinsicht: Kampf um die Medaillen, Weltcup-Qualifikationsplätze und auch (am Ende keine Überschneidung) Abschneiden der deutschen Teilnehmer. Den Turnierverlauf, und sei es nur die vorderen Plätze, genau zu besprechen, ist auch eine zu große Herausforderung – ein bisschen mache ich es, aber eher im Schnelldurchlauf.

Erst, was dabei herauskam – nicht zufällig oder wahllos 23 Namen, alle bis auf den IM Großmeister: Saric 8.5/11, Wojtaszek, Sjugirov, Jones, Matlakov, McShane, Korobov, Safarli 8, Nabaty, Najer, Demchenko, Grandelius, Yuffa, Navara, Inarkiev, Hovhannisyan, Cheparinov, Bok, IM Santos Ruiz, Abasov, Pashikian, Sarana, Anton Guijarro, Parligras 7.5 – wie auch 8 weitere Spieler, aber das sind die 23 Weltcup-Qualifikationsplätze. Beziehungsweise es sind 24 Namen, aber die beiden letzten Anton Guijarro sind nach beiden Wertungen gleichauf. Was nun passiert, da bin ich überfragt: beide im Weltcup und bei der EM 2019 ein Qualifikationsplatz weniger, oder einer bekommt einen der Freiplätze, oder eine auf chess-results nicht erwähnte Drittwertung, oder etwa Losentscheid?

Für den Spanier Miguel Santos Ruiz (nicht mit dem diesmal weniger erfolgreichen IM Jaime Santos Latasa verwechseln) ist es auch eine GM-Norm, laut spanischen Quellen seine dritte – Elo 2500+ hatte er bereits und hat es nach dem Turnier wieder, damit ist er nun (nicht in diesem Turnier aber allgemein) vergleichbar mit Jan Michael Sprenger. Der Portugiese Jorge Viterbo Ferreira, einer von acht mit 7.5/11 und zu schlechter Wertung, bekommt als Trostpflaster für die verpasste Weltcup-Qualifikation auch eine GM-Norm, das gilt auch noch für einige weitere Spieler.

Das Titelfoto (“Archivfoto” aus Runde 6) bekommt Ivan Saric – alle Fotos von Sophie Nikoladze, ab Turnierseite auf Facebook gefunden.

Die deutschen Großmeister überall in der oberen Tabellenhälfte (bzw. Dennis Wagner wurde 152. von 302 Teilnehmern), nur nicht ganz oben: 31. Fridman 7.5/11, 39. Svane 7, 66. Huschenbeth 6.5, 86. Meier 6.5, 114. Donchenko 6, 134. Bindrich 5.5, 152. Wagner 5.5. Wer eventuell mal Chancen auf einen Platz unter den ersten 23 hatte, dazu komme ich noch.

Der Turnierverlauf nach dem Ruhetag nur gestreift: Nach Runde 7 führte Gawain Jones alleine mit 6/7 vor zehn Spielern mit 5.5/7. Partien will ich kaum erwähnen, also sage ich nur, daß Jones bei seinem Sieg gegen Inarkiev geopfert hat – nicht unbedingt korrekt oder jedenfalls nicht vorteilhaft, aber erfolgreich.

Als eines von diesmal recht wenigen Fotos zeige ich mal die Spitzenbretter aus Runde 8 – vorne Dubov-Jones und dahinter Wojtaszek-Demchenko. Dubov-Jones wurde remis, Wojtaszek gewann – wie auch Nabaty gegen Rakhmanov und McShane gegen Najer. Damit lagen nun Jones und diese drei Sieger vorne mit 6.5/8, dahinter sechs Spieler mit 6/8: Sjugirov, Dubov, Navara, Korobov, Matlakov und Mamedov.

In Runde 9 verlor Nabaty seine einzige Partie in diesem Turnier, mit Schwarz gegen Matlakov. McShane verlor mit Schwarz ebenfalls, gegen Korobov. Damit eine kleine Rotation an der Tabellenspitze – vorne nun Wojtaszek, Jones, Korobov und Matlakov mit 7/9, dahinter 15 Spieler mit 6.5/9 – einer davon Rasmus Svane auf dem nach Wertung letzten Platz, aber auch das ist Weltcup-Zone. Leider aus deutscher Sicht werden bei der EM mehr als neun Runden gespielt. Svane verdankte das einem Weissieg gegen den erweiterten Weltklasse-Spieler Inarkiev, Donchenko und Huschenbeth hatten bei etwa vergleichbarem Elonachteil Schwarz gegen Saric und Guseinov, beide verloren.

Nach Runde 10 lagen durch Remisen vorne und vier Schwarzsiege dahinter acht Spieler mit 7.5/10 auf dem geteilten ersten Platz: Wojtaszek, Navara, Sjugirov, Jones, Saric, Korobov, Matlakov und McShane. Die an zwei und drei gesetzten Wojtaszek und Navara nach Wertung vorne, der an eins gesetzte Jakovenko dagegen mit 6.5/10 auf Platz 29. Einer der Schwarzsiege war Svane-Saric 0-1, ein erfreulicherer aus deutscher Sicht dahinter Predke-Fridman 0-1. Fridman damit einer von sechzehn auf dem geteilten 9. Platz, relativ klar schlechteste Wertung bedeutete den Weltcup-qualifikationstechnisch undankbaren 24. Platz. Aber es wurde ja noch eine Runde gespielt.

In der elften und letzten Runde immer die Frage: Wer will eine Medaille, und wer will eher die Weltcup-Qualifikation absichern? Spieler mit zuvor 7.5/10 konnten sich auch in diesem Sinne eventuell eine Niederlage leisten, Spieler mit 7/10 nicht (je nach Wertung reichte ein Remis aber eventuell auch nicht). Spieler mit 6.5/10 brauchten auf jeden Fall noch einen Sieg, und auch Remis ist da fast eine Niederlage.

An den ersten vier Brettern hatten die Elofavoriten Schwarz, Brett 4 Korobov-Jones war nach Elo etwa ausgeglichen – auf dem Brett auch, Remis nach 12 Zügen (bzw. 8 plus Wiederholung). Sjugirov-Wojtaszek wurde auch Remis, wie auch McShane-Matlakov – da hatte der Engländer seinen nominell überlegenen Gegner mit einer altmodischen Remisvariante im Italiener ausgebremst. Dagegen Saric-Navara 1-0: Schwarz musste eine Figur geben, wählte die falsche Methode und der Rest war dann (nicht triviale) Technik für Saric.

Der Kroate Ivan Saric war Europameister, der neunzehnte Name bei der neunzehnten Auflage und diesmal kein Russe. Zuvor konnte sich Russland bei acht der neun letzten Turniere in die Siegerliste eintragen, die Ausnahme war 2013 der Ukrainer Alexander Moiseenko. Wer ist Ivan Saric? Elomässig hat er seit gut vier Jahren Elo etwa 2650, nach diesem Turnier ist er wieder nahe an seinem persönlichen oberen Elolimit. Europameister war er bereits mal, Weltmeister auch – jeweils in der Altersklasse U18, 2007 bzw. 2008. Neueren Datums ist sein ebenso souveräner wie überraschender Sieg in der B-Gruppe in Wijk aan Zee 2014, später ärgerte er Carlsen zweimal: mit einem Sieg gegen ihn bei der Olympiade 2014 und mit einem Remis 2015 in der letzten Runde Wijk aan Zee A (dafür hatte er sich ja qualifiziert) – Carlsen hatte vor allem deshalb bei seiner anschliessenden Sieger-Pressekonferenz schlechte Laune. Insgesamt ein durchaus respektabler Großmeister, bei der EM auf Platz 26 der Setzliste.

Partien zwischen Spielern mit 7/10 teils ausgekämpft, teils nicht: Demchenko-Ferreira 10 Züge, Melkumyan-Bok 19, Hovhannisyan-Anton Guijarro 12, Sarana-Guseinov 8. Jeweils natürlich Remis – einige der beteiligten Spieler hatten sich vielleicht verrechnet oder verspekuliert, es reichte für sie nicht für top23 (Melkumyan fehlte ein halber Buchholz-Punkt).

Andere kämpften, auch wenn am Ende nur eine Partie Sieger und Verlierer hatte – Safarli-Ivanchuk 1-0! nach dem zu kreativ-trickreichen 27.-Sexd5. Das war als Scheinopfer geplant – Figurenverlust konnte Chucky dann auch vermeiden, aber im Endergebnis neben Bauernverlust auch ein zu luftiger schwarzer König. Ivanchuks dritte Niederlage im Turnier nach zuvor gegen Alekseenko und Mchedlishvili, für ihn Platz 36.

Daniel Fridman (rechts) wusste wohl, daß er eine schlechte Wertung hat und daß Remis für Weltcup-Qualifikation nicht reicht. Ob das Turmendspiel (bzw. ein Bauernendspiel, das daraus entstehen konnte) gegen Tamir Nabaty mal gewonnen war, kann ich nicht beurteilen (bei knapper Zeit für diesen Bericht erst recht nicht), Turm gegen Turm ohne Bauern nach 90 Zügen war remis.

An Brett 13 Jakovenko-Abasov 0-1! Das war der Beginn der Zone mit zuvor 6.5/10, in der Spieler für Weltcup-Qualifikation auf jeden Fall einen Sieg brauchten. 9 von 12 Partien hatten dann auch Sieger und Verlierer, nicht immer gewann dabei der Elofavorit. Für den an eins gesetzten Jakovenko nach sieben Remisen gegen mindestens 100 Elopunkte “schlechtere” Gegner auch noch eine Niederlage und damit Platz 52.

Auch zwei deutsche Spieler in dieser Gruppe – Svane Remis gegen Kravtsiv (zu wenig für beide), Huschenbeth Niederlage gegen Grandelius (zu wenig für den Deutschen).

Das bereits die Überleitung zum “deutschen” Kapitel. Ich bespreche sie mal nach Endplazierung sortiert: Daniel Fridman hatte am Ende Kontakt zur Weltcupzone, nicht weniger und nicht mehr. Nach schlechtem Start hatte er eine schlechte Wertung – am Ende brauchte er daher 3/3 für einen Weltcup-Platz und erzielte 2.5/3: Siege gegen Skoberne (der nach gutem Start in der zweiten Turnierhälfte etwas durchgereicht wurde) und Predke, dann das Remis gegen Nabaty. So immerhin ein Elo-neutrales Ergebnis.

Rasmus Svane hatte vor dem Ruhetag gegen Nabaty und Grandelius verloren, dann zuerst 3/3 (mit Sieg gegen Inarkiev), dann wieder eine Niederlage gegen Saric und zum Schluss remis. Für Weltcup-Qualifikation zu wenig, immerhin sieben Elopunkte im Rückreisegepäck.

Niclas Huschenbeth hatte auch nach dem Ruhetag ein abwechslungsreiches Turnier – 2.5/3 gegen Elo 2600+ bei zwei Siegen und zwei Niederlagen. Insgesamt im Eloplus – liegt auch ein bisschen daran, daß er im Februar durch ein schlechtes Turnier in Gibraltar und 0.5/4 in der deutschen und tschechischen Liga 32 Elopunkte eingebüsst hatte.

Dann auch elomässig weniger gute Nachrichten: Georg Meier Elo -12 – neben vielen Remisen gegen Elo 2400-2600 und immerhin drei Siegen auch eine Niederlage gegen einen IM in Runde 10. Alexander Donchenko Elo -13 – gemischte Ergebnisse gegen nominell unterlegene Gegner und Niederlagen gegen Saric und Motylev. Falko Bindrich Elo -14 trotz recht gutem Start, aber nach dem Ruhetag lief es nicht mehr: drei Remisen und in den letzten Runden zwei Niederlagen gegen IMs. Dennis Wagner Elo -16: zunächst abwechselnd Siege gegen relativ schwache und Niederlagen gegen starke Gegner (Ivanchuk und Jakovenko), dann sieglose 2.5/6 gegen durchweg nominell unterlegene Gegner.

Vor dem Ruhetag schrieb ich aus deutscher Sicht: Es kann, wie bei der EM 2017, in der zweiten Hälfte besser werden. Das war dann auch ansatzweise der Fall, aber es blieb letztendlich bei Ansätzen. Nun kann es z.B. bei der EM 2019 besser werden – von Anfang an oder durch ein starkes Finish einiger Spieler.

Zum Abschluss noch eine kleine Spielergalerie – deutsche Spieler habe ich auf Anhieb nicht entdeckt:

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