Erstes Interview von Elisabeth Paehtz nach dem Gewinn der Europameisterschaft

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Zitat: Ich würde mir ein klassisches und ein Rapid-Rundenturnier mit den Top 10 Spielerinnen der Welt (ausgenommen Hou Yifan, die Frauenturniere derzeit meidet) und mir in Deutschland wünschen. Einfach nur um zu sehen, wie gut ich mich unter den Top 10 halten kann oder wie stark sich die Top 10 von den Top 25 wirklich abheben.

Von Franz Jittenmeier und Großmeister Gerald Hertneck

Die deutsche Spitzenspielerin Elisabeth Paehtz eilt derzeit von Erfolg zu Erfolg, wobei ihr besonders die Frauenturniere zu liegen scheinen. Im Oktober erzielte sie bei der Europäischen Mannschaftsmeisterschaft der Frauen auf Kreta am ersten Brett 7 Punkte aus 9 Partien – und setzte sich damit deutlich von der Mannschaft ab. Doch ihr jüngstes Meisterstück gelang ihr Ende März in Tiflis bei einem exklusiven Turnier der weltbesten Frauen im Schnell- und im Blitzschach.

(by Evgeny Surov)

Elisabeth, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zum Gewinn der Europameisterschaft im Schnellschach und zum Vize-Titel im Blitzen. Drei Tage höchste Konzentration. Wie bewertest du deine Leistung im Rückblick? Hattest du vor dem Turnier erwartet, dass du so gut abschneidest?

Paehtz-Gunina (by Evgeny Surov)

Ich bin mit der Qualität meiner Partien -vor allem im Schnellschach- sehr zufrieden. Objektiv betrachtet stand ich gegen Arabidze zwar auf Verlust, habe dafür aber einige volle Punkte, z. B. gegen Bodnaruk, Khotenashvili und Kosteniuk, liegen lassen. Es mag etwas arrogant klingen, aber rein spielerisch habe ich mir den Titel mehr als verdient.

Im Blitzschach bin ich ohne große Erwartungen an den Start gegangen. Blitz gehört nicht zu meinen Paradedisziplinen. Allerdings glaube ich an gewisse „Zeichen“. Als ich gegen Stefanova und Gunina im Rapid und gegen Gunina dann auch noch im Blitz gewann, wusste ich, dass die Chancen auf eine Medaille auch im Blitzschach sehr hoch sind. Diese beiden Spielerinnen habe ich zuvor noch nie im Rapid bzw. Gunina im Blitz schlagen können.

Im Vorjahr (im Oktober 17) in Monte Carlo lief es für dich weniger gut bei der Schnellschachmeisterschaft. Was hat dich diesmal so beflügelt, oder was hat dich damals gebremst?

Ich denke, Rapid und Blitz ist immer Tagesform abhängig. Aber wie bereits oben erwähnt, haben mich die Siege gegen Stefanova und dann einige Runden später gegen Gunina regelrecht beflügelt und ich fühlte, dass ich es schaffen würde! Die Medaille bei der WM in Riad hat mir zudem auch gezeigt, dass ich nicht „schlechter“ bin als die anderen.

Wie fandest du die Spielbedingungen in Tiflis? Es sah im Livestream so aus, als ob es sehr eng war und der Spielsaal keine Fenster hatte.

Das Spiellokal war kurioser Weise mit dem Kandidatenturnier gut vergleichbar. Es war weder eng, noch stickig, aber ein dunkler Raum mit Festtagsbeleuchtung:) Die Bedingungen insgesamt waren gut!

Vor allem im Schnellschachturnier hast du gegen sehr starke Konkurrenz gespielt (u.a. Stefanova, Cramling, Gunina, Muzychuk und Kosteniuk). Welche Partien aus beiden Turnieren wirst du in besonders angenehmer Erinnerung behalten?

Mein Schnellschachsieg gegen Gunina war taktisch sehr interessant. Aber auch mein Sieg gegen Stefanova kann sich sehen lassen:) Ich kann objektiv nicht wirklich sagen, welche Siege zu meinen besten gehörten, ich habe mir die Partien noch nicht richtig angeschaut.

Auf der Abschlussfeier hast du ein sehr gelungenes Duett mit Sutovsky vorgetragen, und man hat dir angesehen, wie glücklich du in dem Moment warst. Das Singen scheint ein zweites großes Talent von dir zu sein. Wie hast du denn diese Fähigkeit entdeckt und weiterentwickelt?

Singen ist für mich ein Hobby und eine Art von Stressabbau. Ich wollte als Teenager an einer Musikschule lernen. Aber damals hat es sich einfach nicht ergeben. Emil singt sehr gerne, auch in der Öffentlichkeit, und er hat ein großes Talent, andere davon zu überzeugen mitzumachen 🙂

Als Nächstes steht wieder eine Europameisterschaft, die im klassischen Turnierschach an, und zwar in der Slowakei. Was sind deine Ziele? Du scheinst mental gut drauf zu sein, was im Schach ganz wichtig ist.

Ich habe mir bereits in Tiflis keine Ziele gesetzt und werde es auch nicht für die Slowakei tun. Ich spiele einfach. Am Ende wird sich zeigen, was dabei heraus kommt.

Du nimmst als Schachprofi an sehr vielen Turnieren teil, die meisten davon im Ausland. Manchmal fragt man sich, ob dich das viele Reisen nicht ermüdet. Wie überstehst du zum Beispiel Langzeitflüge? Und wenn du dich gedanklich in 20 Jahren siehst: möchtest du dann noch immer durch die Schachwelt touren?

In 20 Jahren werde ich bestimmt nicht mehr so aktiv wie Pia sein, auch wenn das natürlich toll wäre. Pia Cramling ist und bleibt für mich -vor allem dieser Hinsicht- ein großes Vorbild!

An das Fliegen gewöhnt man sich und ich habe insgesamt eine gute physische Konstitution. Auch werde ich äußerst selten krank. Mentale Stabilität ist und bleibt meine Baustelle, allerdings scheint diese zur Zeit wirklich ziemlich klein zu sein 🙂

Weit und breit ist im deutschen Schach keine Nachfolgerin in Sicht, die deine Spielstärke in naher Zukunft erreichen wird. Doch irgendwann einmal wird es so weit sein, dass du von einer jüngeren Spielerin überholt wirst. Wem traust du das am ehesten zu? Wie denkst du allgemein über die Nachwuchsförderung im deutschen Schach?

Vincent Keymer ist die beste Antwort darauf. Er ist derzeit der einzige Hoffnungsträger im deutschen Schachsport. Im Frauenbereich haben wir leider nichts Vergleichbares. Ich kann mir aus heutiger Sicht auch nicht vorstellen, dass in den nächsten 10 Jahren eine andere Spielerin an meine Erfolgen –insbesondere auf internationaler Ebene- anknüpfen kann. Natürlich würde ich mich sehr freuen, wenn es einer jungen Spielerin dennoch gelingt. Aber wer das sein könnte, keine Ahnung.

Welchen Trainern hast du in deiner Schachkarriere am meisten zu verdanken? Dein erster Trainer dürfte dein Vater gewesen sein, der ja Großmeister ist. Und hast du auch selbst schon andere Spielerinnen über einen längeren Zeitraumtrainiert?

Natürlich hat mein Vater den größten Anteil an meinem Erfolg. Dass ich heute immer noch professionell spiele und das sogar noch mit Erfolg, habe ich Dorian Rogozenko zu verdanken. Er hat mich in den letzten Jahren nicht nur schachlich unterstützt, sondern auch meine mentale Instabilität reduzieren können. Er und auch meine französischen Teamkollegen, GM Riff, GM Gozzoli und meine beste Schachfreundin Mathilde Choisy, mit denen ich mich speziell auf die WM in Riad vorbereitet hatte, sind für meine letzten 3 Medaillen maßgeblich verantwortlich.

Wie sind deine Impressionen zum Kandidatenturnier in Berlin? Es wurden ja sehr spannende Partien geboten, und du hast ja in einer Runde den ersten Zug ausgeführt. Wie hat dich die Präsentation des Turniers angesprochen?

Es war eine sehr moderne Interpretation eines Schachturniers und durchaus passend für unsere heutigen Zeit. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob die einzelnen Spieler gut mit den Beleuchtungsverhältnissen zurecht kamen. Ich kann mir vorstellen, dass es für den einen oder anderen schon eine extreme Umstellung gewesen sein muss.

Wenn du dir einen Wunsch frei erfüllen dürftest – welcher wäre das?

Ich würde mir ein klassisches und ein Rapid-Rundenturnier mit den Top 10 Spielerinnen der Welt (ausgenommen Hou Yifan, die Frauenturniere derzeit meidet) und mir in Deutschland wünschen. Einfach nur um zu sehen, wie gut ich mich unter den Top 10 halten kann oder wie stark sich die Top 10 von den Top 25 wirklich abheben.

So eine Veranstaltung ist allerdings sehr teuer. Auch ist das Frauenschach in Deutschland leider nicht so attraktiv 🙂

 

Elisabeth vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!

Elisabeth Paehtz und Anna Muzychuk (by Evgeny Surov)

Giorgi Georgadze, Anastasia Bodnaruk, Anna Muzychuk, Elisabeth Paehtz, ,Monica Socko (3.), Zurab Azmaiparashvili (by Evgeny Surov)

 

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