Remisspieler, Verlierer und Sieger in Shamkir

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In dieser Reihenfolge stimmt es quantitativ: Fünf von zehn Spielern hatten bisher nach jeder Runde 50% – auch nach der fünften und nun ist Ruhetag. Nach drei Runden hatten noch alle zehn 50%, dann haben drei eine Partie verloren, und zwei haben Partie(n) gewonnen. [Dieser Bericht war “zum Ruhetag” geplant, aber erscheint aus technischen Gründen verspätet]

Veselin Topalov

So steht bzw. stand es nach fünf Runden: Topalov 3.5/5, Carlsen 3, Radjabov, Ding Liren, Giri, Karjakin, Mamedov 2.5, Wojtaszek, Mamedyarov, Navara 2. Vorne also ein semi-inaktiver Spieler, demnach nicht unbedingt Favorit. Hinten mit Mamedyarov ein Spieler, der zu den Favoriten zählte (verloren hat er nicht etwa wie oft gegen Carlsen, sondern gegen Topalov) sowie zwei, die nach Elo (“nur” 2744 und 2745) wie Topalov Aussenseiter waren und im Gegensatz zu ihm nach wie vor sind – zu Topalov später noch ein paar Worte.

Wie gesagt, Gashimov Memorial 2018 begann mit fünfzehn (15) Remisen. Chess.com schrieb dazu, wie toll doch vergleichsweile viele entschiedene Partien bei den US-Meisterschaften sind – vor allem im “B-Turnier” für Elo unter 2450. Das sind die Damen, das kann man wahrlich nicht vergleichen. Chess24 betrieb etwas Ursachenforschung, vier Punkte (im Original 1, 2, 4 und 5) nenne ich hier kurz: 1) Kramnik hat kurzfristig abgesagt – gesundheitliche Gründe und Erschöpfung nach dem Kandidatenturnier. Da – und auch bei anderen Gelegenheiten – hatte er alles gegeben und dadurch jede Menge Siege und auch Niederlagen, wieder mal fiel das Short-Zitat “betrunkener Maschinengewehr-Schütze”. Kramnik war nicht immer in seiner Karriere so drauf, Topalov früher eher. Eine andere Folge von Kramniks Absage war: in den Pressekonferenzen dominierte ein ehemaliger Weltklassespieler (letzte Elo-ausgewertete Partien mit klassischer Bedenkzeit im August 2010).

2) “Carlsen hat Ladehemmung” – was auch daran lag, dass seine Gegner keine groben Fehler machten. 3) Topalov nutzte seine Chancen (bis einschliesslich Runde drei) nicht, man kann es auch so formulieren: gegnerische Geschenke hatte er nicht ausgepackt. 4) Giri und Ding Liren spielen immer Remis – egal ob sie besser/gewonnen oder schlechter/verloren stehen. Am besten hatten sie es in ihrem jeweiligen Kandidatenturnier hinbekommen. Das sind dabei zwei von zehn Spielern, damit maximal zwei von fünf Partien pro Runde. In einer Runde gab es auch noch ein freundschaftliches Remis unter Landsleuten (Radjabov-Mamedov in Runde zwei). Den letzten Punkt “Es passiert eben” kann man auch zur Kenntnis nehmen.

Bevor ich – relativ kurz und knapp – das bisherige Geschehen beschreibe eine Bildergalerie “draussen”. Alle Fotos von der Turnierseite, das Titelbild bekam Topalov.

Wer hat wen mitgebracht? Carlsen wie üblich seinen Papa und seinen Sekundanten PH Nielsen (andere jüngere Personen gehören wohl nicht zu seiner Delegation). Giri laut diesem Foto niemand, wobei er auf Twitter zumindest andeutete, dass Erwin l’Ami ebenfalls vor Ort ist (und demnach wie sein Chef Solingen beim entscheidenden letzten Bundesliga-Wochenende fehlen könnte?). Karjakin wie beim Kandidatenturnier Khismatullin, Mamedyarov (neu?) Fedoseev. Navara wieder alleine, Topalov in Begleitung eines inaktiven IMs – später hat Silvio entdeckt, dass man als Schachpolitiker à la Danailov mehr Geld verdienen kann?

Runde 1: Alles Remis, nur zu drei Partien: Mamedyarov-Carlsen 1/2 da zwar Carlsen Verwicklungen wollte, sein Gegner diese jedoch mit einer Staubsauger-Fortsetzung ab dem neunten Zug entschärfte. Mamedyarov ist in letzter Zeit vorsichtig gegen den Norweger, früher hatte er gegen ihn oft schlecht gespielt und schön verloren. Navara-Mamedov 1/2 trotz offensichtlich vorbereitetem weissem Figurenopfer in der sizilianischen Drachenvariante – bis einschliesslich 17.Lxf7+ brauchte der Tscheche für keinen Zug mehr als 30 Sekunden. Er konnte zwar den schwarzen König nach e5 treiben, aber Matt (oder Material mit Zinsen zurückgewinnen) war nicht drin. Ding Liren-Wojtaszek 1/2 trotz weisser Gewinnstellung, der Sieg (Figur gewinnen ohne gegnerisches Dauerschach zu erlauben) war dabei ebenso “studienartig” wie das schwarze Dauerschach, nachdem der Chinese diese Chance nicht nutzte.

Runde 2: Alles Remis, nur zu einer Partie: Topalov-Giri 1/2 siehe oben Punkt 3) und 4). Giri halluzinierte, spielte eine Kombination mit Loch und hatte danach eine Qualität weniger. Der Rest war Technik, Topalov scheiterte an dieser Aufgabe – vielleicht auch, weil er nur noch sporadisch spielt und daher eingerostet ist.

Runde 3: Alles Remis, nur zu drei Partien: Mamedyarov-Karjakin 1/2 war ausgekämpft – vielleicht überraschend, da sie gut befreundet sind und in letzter Zeit öfters friedlich Remis spielten. Aber beim Kandidatenturnier gewann der Azeri (mit Schwarz), heute wollte er wohl mit Weiß gewinnen – lange Rochade war in dieser Nimzo-Indischen Variante neu, 16.g4!? demnach auch, aber Karjakin konnte das neutralisieren. Mamedov-Carlsen 1/2 obwohl Schwarz Pirc entkorkte, aber Mamedov machte keinen Fehler. Welche Folgen das auch hatte, dazu komme ich noch. Ding Liren-Topalov 1/2 siehe oben Punkt 3) und 4) – auch wenn ich mich wiederhole: der Chinese wollte verlieren, aber der Bulgare konnte nicht gewinnen. Es lag offenbar auch daran, dass er zwar den Gewinnweg 42.-Sg4 43.f3 Db8! jedenfalls ansatzweise sah, aber zu Unrecht dachte, dass sein sofortiges Springeropfer 42.-Sxf2 auch gewinnt. Derlei Überfälle am Königsflügel hatte Ding Liren freundlicherweise ermöglicht.

Zwischendurch noch einmal eine Spielergalerie:

Die beiden inzwischen Führenden, Lokalmatador und Titelverteidiger Mamedjarov, die beiden Remisspezialisten sowie Navara – der als Einziger den offiziellen Dresscode “Anzug und Krawatte” konsequent einhält. Topalov zwar zunächst (siehe Titelfoto) mit überdimensionaler Krawatte, später dann auch er ohne.

Runde 4: Zuerst zu den vier Remispartien: Am schnellsten fertig waren Radjabov und Carlsen – Remis durch Zugwiederholung nach 19 Zügen. Diesmal hatte Carlsen Schwarz, bei Morelia-Linares 2007 spielte er genau dieselbe “Partie” mit Weiß gegen Leko. Was danach kam, dazu komme ich noch. Giri-Ding Liren 1/2 – na klar doch, wobei der Chinese zweimal klar besser stand und im Endspiel einen studienartigen Sieg verpasste. Karjakin-Navara 1/2 – ausgekämpft bzw. vorher ausanalysiert. Auf dem Brett war es ab dem 16. Zug neu, aber Navara konnte Karjakins neue Idee in der Caro Kann Vorstossvariante entschärfen. Wojtaszek-Mamedov 1/2 – etwas mehr als “hiermit erwähnt”, aber auch das wurde Remis.

War da noch was? Topalov-Mamedyarov 1-0, obwohl der Azeri den wilden bulgarischen Angriff zunächst neutralisieren konnte und mit bis zu vier Bauern für eine Figur besser stand. Aber dann verlor er Übersicht, Bauern und Partie.

Runde 5: Da ignoriere ich mal die Remispartien, schliesslich gab es zwei Sieger und zwei Verlierer! Navara-Topalov 0-1 – wieder stand der Bulgare wohl zunächst schlechter und gewann dann. Sein Bauernopfer war (laut Engines) nicht ganz korrekt, aber der Tscheche verlor dann den Faden. Carlsen-Wojtaszek 1-0 begann mit 1.e4 c5 2.Sc3 d6 3.d4!? cxd4 4.Dxd4 Sc6 – so spielte vor allem ein gewisser Vugar Gashimov, später u.a. auch sein noch lebender Landsmann Guseinov. “Normal” ist hier nun 5.Lb5, Carlsen entkorkte 5.Dd2 Sf6 6.b3 nebst 7.Lb2 und 8.0-0-0. Wojtaszek behandelte das wie einen Najdorf-Sizilianer, aber 9.-h5 und 11.-h4 gefiel ihm selbst dann auch nicht. Mit dem sizilianisch-typischen 17.Sd5 konnte Carlsen den Sack bereits zumachen – aber auch wenn er es mitunter versucht oder andeutet, ein “Dynamiker” ist er nicht unbedingt. Wojtaszek spielte später ungenau genug, dass Carlsen am Ende doch gewann.

Anfangs nicht geplant, aber Runde 6 kann ich nun kurz erwähnen: wieder alles Remis bis auf … Giri-Navara 1-0 – der Tscheche halluzinierte mit 23.-Lc2?!? so dolle, dass selbst Giri diese Gewinnstellung nicht Remis halten konnte.

Zu Topalov: Seit er sich langsam aus der top10 verabschiedete und immer inaktiver wurde, hatte er durchaus mal +1 in Superturnieren. Ob es diesmal noch mehr wird, wissen wir nach dem Turnier. Bei anderen Gelegenheiten auch sehr schlechte Ergebnisse, z.B. 2/9 in London 2016, sein letzter Auftritt bei der Chess Tour – stimmt nicht ganz, aus alter Verbundenheit (ähnliche schachpolitische Ansichten) durfte er auch 2017 in Paris mitspielen, aber das war Schnell- und Blitzschach. Danach noch eine finanziell attraktive Schnell- und Blitzschach-Niederlage in St. Louis gegen Nakamura.

Pressekonferenzen hatte ich bereits erwähnt, dazu die dritte und letzte Bildergalerie:

Der bereits genannte ehemalige Weltklassespieler ist Ljubomir Ljubojevic – Livekommentator und Gastgeber der Pressekonferenzen. Diese Rolle gefiel ihm so gut, dass er viele und z.T. merkwürdige Fragen stellte, und dann auch noch Fragen von Journalisten aus dem Publikum. Das wurde Carlsen zu viel, deshalb schwänzte er nach dem “verlorenen halben Punkt gegen Mamedov” die vertraglich vereinbarte Pressekonferenz. Carlsen-Adjutant Tarjei Svensen hat ihn dafür zwar auf Twitter leise kritisiert (auch für die geschwänzte Pressekonferenz beim WM-Match gegen Karjakin), gleichzeitig sagte er, dass Carlsen ja VIEL Reklame für Schach betreibt. Das ist dann immer auch oder vor allem Reklame für Carlsen, aber für Carlsen-Fans ist das ein und dasselbe. Als da wäre Interviews mit Carlsen-freundlichen Boulevardzeitungen, Simultans für die er wohl fürstlich entlohnt wird, ….. . Für mich keine Kompensation für bei anderen Gelegenheiten “es gibt Regeln für alle, und Ausnahmen für Carlsen”.

Bei anderen Pressekonferenzen erschien Carlsen, die nach dem Kurzremis gegen Radjabov dauerte länger als das Partiechen zuvor. Autogramme gab er diesmal auch, bei ihm immer Glückssache. Dazu gibt es auch Fotos, aber aus technischen Gründen heute nur eine eher kleine Galerie – zweite Reihe: Gesamtbild, Publikum und freiwillige Turnierhelfer.

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