Am Ende doch Carlsen in Shamkir

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Nach dem Ruhetag geschahen in Shamkir merkwürdige Dinge: nicht dass Carlsen am Ende gewann, das gab es bereits. Auch nicht dass Topalov auf Normalmass zurechtgestutzt wurde, das hatte ich quasi vorhergesagt. Mehr entschiedene Partien gab es, da zwei Spieler – erst Navara, dann auch Topalov – plötzlich mehrfach in Serie verloren, und da speziell in Runde 8 gepatzt wurde. Ebenfalls in dieser Runde vergeigten zwei Spieler mit Weiß die Eröffnung – beim Hobbyspieler Topalov nicht allzu überraschend, allerdings beim normalerweise gut vorbereiteten Giri. Letzteres lag auch daran, dass plötzlich Aronian mitspielte – nicht vorab angekündigt und ausgerechnet in Aserbaidschan.

Nach ‘Geplauder’ nun die nackten Fakten, am Ende stand es so: Carlsen 6/9, Ding Liren 5.5, Karjakin 5, Mamedyarov, Wojtaszek, Giri, Radjabov 4.5, Topalov und Mamedov 4, Navara 2.5. Damit haben vier Spieler 50%, aber nur einer erzielte dies mit perfekten =9. Topalov hatte ein Polster aus der ersten Turnierhälfte, in einem doppelrundigen Turnier bekäme Navara vielleicht noch Konkurrenz im Kampf um/gegen Platz 10. Fotos wieder von der Turnierseite, Titelfoto für Magnus Carlsen.

Runde 6 hatte ich bereits kurz im Zwischenbericht, nun etwas ausführlicher – aber erst Bilder:

Diesmal wurden Spieler so fotografiert, dass eines kaum auffällt: niemand hielt sich an den Dresscode Krawatte. Die alphabetische Reihenfolge habe ich etwas verändert, damit Leser Mamedov und Mamedyarov direkt miteinander vergleichen können.

Immerhin waren sie schicker gekleidet als (links) Karjakins Sekundant Khismatullin.

Und auch Carlsen-Sekundant PH Nielsen – er, Carlsen und Carlsen werden offenbar von einem Polizeiauto eskortiert oder zur Eile angetrieben. Beeilt haben sich drinnen dann auch einige Spieler – schnell Remis spielen oder auch schnell verlieren.

Carlsen mal gut gelaunt – auch das gibt es: “Heute mache ich gegen Karjakin ein lockeres Marshall-Remis, ich werde schon noch Geschenke bekommen – in knapp acht Monaten ist schliesslich Weihnachten”.

Das Ergebnis dieser “WM-Revanche” hatte ich bereits. Ebenfalls schnell Remis wurde Ding Liren-Mamedyarov, nicht so schnell Remis wurde Radjabov-Wojtaszek – aber die Najdorf-sizilianische Bauernraub-Variante ist eben Remis, wenn beide es gut kennen.

Diese Herren spielten Sveshnikov-Sizilianisch, schuld daran war natürlich Schwarzspieler Mamedov. Auch das gilt als remislich, auch Topalovs Qualitätsopfer (er kann es nicht lassen) änderte das nicht. War da noch was?

Giri-Navara 1-0 – Giri erlaubte das “geniale” 23.-Lc2?? bewusst, da es genialer Schrott war. Unter umgekehrten Vorzeichen – er hatte eine geniale Idee, die nicht funktionierte – konnte Giri zuvor gegen Topalov eine schlechte Stellung dann Remis halten, nun hat er eine Gewinnstellung gewonnen.

Runde 7:

Carlsen diesmal gewohnt mürrisch – wann macht mein Gegner endlich einen Fehler? Geduld Magnus, das wird schon noch, im ersten Zug muss es ja noch nicht sein.

Das Ergebnis dieser Partie habe ich quasi bereits verraten, wie kam es dazu? Carlsen-Topalov 1-0 – erst gab der Bulgare unnötig seine Dame gegen Turm und Läufer, dann nutzte er nach nicht ganz perfekter Carlsen-Technik vorhandene Festungs/Remischancen nicht.

Früher hatte Topalov eine Zeit lang “brav” gegen Carlsen verloren, 2015 gewann er allerdings zweimal mit Schwarz. Bei Norway Chess hatte Carlsen in klar besserer/gewonnener Stellung die Bedenkzeit überschritten – mit Grundlage für Topalovs damaligen Elo-Höhenflug und die damit verbundene Chance, im Kandidatenturnier Letzter zu werden. Norway Chess hatte sich danach bei Carlsen dafür entschuldigt, dass dieser die Zeitkontrolle nicht kannte. Aber auch sie konnten nicht verhindern, dass es zu jeder Regel Ausnahmen gibt, selbst zu “es gibt Regeln für alle, und Ausnahmen für Carlsen” – auch bei ihm bedeutet Blättchenfall Partieverlust. Später 2015 beim Sinquefield Cup konnte Topalov Carlsen zu dynamischem Schach provozieren, das kann der Norweger nicht unbedingt – jedenfalls nicht besser als andere Weltklassespieler. Aber ich schweifte ab, zurück nach Shamkir 2018:

Noch einmal Topalov. Lang rochiert hatte er zuvor gegen Giri, eine rundenübergreifende lange Rochade sollte folgen.

Mamedyarov wirkt auf allen drei Fotos entspannt – seine Partien gegen seinen Kumpel und Landsmann Radjabov werden ja immer Remis.

Navara vollendete die “lange Rochade” (drei Niederlagen nacheinander) bereits in dieser Runde, warum verlor er heute mit Weiß gegen Ding Liren? Weil ihm die Eröffnung misslang. Warum misslang ihm nach eigener Aussage die Eröffnung? Die Spieler wurden fotografiert, Navara wollte seinen nicht so fotogenen Kugelschreiber verstecken und spielte dann etwas, das er nicht vorbereitet hatte.

Die Bühne zeige ich auch mal.

Und zwei mir bekannte Gesichter: rechts wieder David Navara, in der Mitte Jeroen van den Berg – Turnierdirektor in Wijk aan Zee auf Besuch bei Kollegen in Shamkir. Und wer ist das links?

Laut Jeroen van den Berg auf Twitter wird Jeroen van den Berg hier von WGM Elmira Mirzoeva interviewt, auf dem Foto oben wohl dieselbe Dame.

Mamedov-Giri 1/2 war nicht unbedingt der Rede wert, wobei Mamedov versuchte, gegen Russisch schlechter zu stehen, und Giri nicht einverstanden war – selbst bezeichnete er es später als verpasste Chance. Aber zu dieser Runde ein paar Pressekonferenz-Fotos:

Erst Einmarsch von Mamedov und Giri, später kommen andere dazu, was war da denn los? Mamedovs 30. Geburtstag. Ansonsten: Magnus’ Antwort auf die Frage von Ljubojevic nach seiner Lieblingsnummer war “die eins”, das wurde offenbar registriert. Mamedyarov immer noch entspannt bei seiner Pressekonferenz, und auch Carlsen erschien – Grund zu schlechter Laune hatte er ja nicht, Topalov war lieb zu ihm.

Runde 8 – endlich wurde gepatzt, dadurch vier Partien mit Sieger und Verlierer. Aber zuerst nochmal Spielerfotos, diesmal alle zehn:

Da Adams, Anand und Aronian nicht mitspielten, ist Carlsen im Alphabet die Nummer eins (sein direkter Nachbar in dieser Hinsicht Caruana spielt ja in St. Louis).

Sagte ich Aronian? Bei Giri-Carlsen 0-1 gewann quasi der Armenier. Carlsen übernahm nämlich dessen Eröffnungsidee aus einer Partie gegen Nepomniachtchi beim FIDE Grand Prix Turnier in Genf 2017, und Giri war darauf erstaunlicherweise nicht vorbereitet. Aronian schaffte es damals, eine zeitweise vielversprechende Stellung zu verlieren – lag wohl an seiner schlechten Form in diesem Turnier und meistens in WM-relevanten Turnieren. Carlsen spielte danach suboptimal, Giri konnte wieder ausgleichen und verlor dann erneut den Faden.

Ein Foto von beiden während der Partie gibt es offenbar nicht, dafür einige von der anschliessenden Pressekonferenz:

Hier wüsste man nicht unbedingt, wer gewonnen hat und wer verloren – Körpersprache, Benimmregeln und Pressekonferenzen sind nicht unbedingt Carlsens Stärke.

Karjakin und Radjabov beide gut gelaunt, wer hat gewonnen? Keiner, ihre Remispartie war der ruhende Pol im heutigen Chaos.

Topalov-Wojtaszek 0-1 – der Pole überraschte den Bulgaren mit einer seltenen spanischen Variante, die er noch nie zuvor gespielt hatte. Danach war es, anders als bei Giri-Carlsen, eine Einbahnstraße und/oder Autobahn zum schwarzen Sieg.

Topalov in der Pressekonferenz: “Ich bin nun einmal Hobbyspieler, arbeite nicht mehr an meinem Schach und spiele nur noch sporadisch finanziell attraktive Turniere. Ab und zu gewinne ich dann trotzdem Partien.”

In den beiden bereits erwähnten Partien wurde eher insgesamt schlecht gespielt als grob gepatzt, es ging auch anders:

Mamedyarov-Navara 1-0, warum hat der Tscheche heute verloren? In scharfer Stellung (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.Sf3 Lg7 5.h4!?) konnte er zunächst mithalten, dann übersah er 24.Txh7! mit Bauerngewinn (24.-Kxh7 25.Sg5+ nebst 26.SxTe6). Da Mamedyarov nicht energisch nachsetzte, hatte Navara später im Endspiel eventuell (ungenutzte) Remischancen.

Ding Liren – Mamedov 1-0 wurde in einer Sekunde entschieden – so lange brauchte Schwarz für 37.-Kh6?? mit Selbstmatt oder entscheidendem Materialverlust im Endspiel (37.-Kf6 war völlig OK). In Shamkir Inkrement erst ab dem 61. Zug, aber extreme Zeitnot war es nicht – Mamedov verwendete 5 Minuten für seinen 38. Zug, aber es war bereits zu spät.

Stand nach dieser Runde: Carlsen 5.5, Ding Liren 5, dann sechs Spieler mit 4/8, dann Mamedov (3.5/8) und Navara (2/8). Karjakin und Radjabov hatten bisher achtmal Remis gespielt, wie würde es weiter gehen? Im Kampf um den Turniersieg war Carlsen – Ding Liren Armageddon umgekehrt: Schwarz muss gewinnen, Weiß reicht ein Remis.

Runde 9:

Die Bühne wurde schnell fotografiert, noch sitzt an jedem Tisch mindestens ein Spieler – das sollte sich schnell ändern:

Carlsen – Ding Liren 1/2 – Weiß wollte es so, Schwarz hatte wohl auch nicht allzu viel dagegen. Letztes Jahr hatte Carlsen zweimal (Weltcup und Schnellschach-WM) mit Weiß gegen Ding Lirens Landsmann Bu Xiangzhi verloren, nun spielte er sehr konsequent auf Remis. Der Turniersieger hat immer Recht, Carlsen hat ohnehin immer Recht. Diese Partie dauerte 20 Minuten – und wirkte vielleicht ansteckend.

Mamedov-Mamedyarov 1/2 – zum einen “na klar doch unter Landsleuten”, zum anderen: 5.Te1 gegen die Berliner Mauer ist eben remis. Wie bei Carlsen-Ding Liren 27 Züge, demnach am Ende eine Wiederholung (sonst gilt ja Remisverbot vor dem 40. Zug).

Wojtaszek-Giri 1/2 in 32 Zügen, einschliesslich der auch hier notwendigen Wiederholung im Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern – mit gleichfarbigen Läufern wäre es bei jeweils noch fgh-Bauern allerdings auch tot remis. In den beiden anderen Partien rechnete ich eventuell mit Sieger und Verlierer, erst das vierte Remis:

Navara zuvor gut gelaunt, trotz vier Niederlagen nacheinander und unattraktivem Kugelschreiber.

Navara-Radjabov 1/2 – azerische Remisneigungen waren relevanter als tschechischer Selbstmord, bzw. Navara verzichtete heute darauf.

War da noch was?

Karjakin-Topalov 1/2 1-0 – das durchgestrichene Resultat hier mal nicht weil es logischer war, sondern weil es besser zu dieser Runde (und zum Turnier insgesamt) gepasst hätte. Topalov hatte dabei im Endspiel mit Minusbauer eventuell durchaus Remischancen, aber Karjakin gewann. Und nun eine Serie wie im Kandidatenturnier? Nein, dieses Turnier ist nun vorbei.

Topalovs Turnier insgesamt: zwei gegnerische Geschenke nicht genutzt, zweimal aus schlechterer Stellung heraus gewonnen, im Restturnier dann eben die andere Seite der Medaille. Karjakin wie oft: insgesamt unauffälliges Turnier, und dann gewinnt er plötzlich doch. Zu anderen auch nur kurz und knapp: Carlsen – mal wieder ein Turniersieg, nach eigener Einschätzung eher glanzlos. Ding Liren – definitiv in der Weltklasse angekommen, wobei der Sieg gegen Mamedov natürlich sehr glücklich war. Dass er viel Remis spielt – Absicht unterstelle ich da weder ihm noch Giri. Bekommt er nun regelmässig hochkarätige Einladungen? Jedenfalls Norway Chess hat ihn auch “entdeckt”. Mamedyarov – diesmal kein tolles Turnier. Navara durchaus ein “Farbtupfer”, aber bei ihm lief es eben gar nicht. Zu anderen “kein Kommentar”.

Wie geht es weiter? Norway Chess habe ich bereits erwähnt, das ist in einem Monat. Ab morgen ja das zentrale deutsche Bundesliga-Wochenende – momentan wissen nur Insider, wer alles mitspielt (und auch die kennen dann nur die Aufstellung der eigenen Mannschaft). Wojtaszek, Giri und/oder Navara könnten aus Shamkir anreisen und wenn nicht Sonntag, dann Montag oder Dienstag mitspielen. Ab 1. Mai auch die russische Mannschaftsmeisterschaft, auch da sind Aufstellungen momentan offenbar noch geheim (weder ich selbst noch ein Kenner der russischen Schachszene fanden sie im Internet).

 

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