Russische Mannschaftsmeisterschaften

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Momentan verfolgen wohl viele Schachfreunde – in Deutschland und vielleicht auch anderswo – die Schlussrunde der Bundesliga mit Entscheidung im Meisterschaftskampf (oder auch noch nicht). Einige Russen fehlen allerdings: jedenfalls inzwischen, teilweise spielten sie am Sonntag noch in Berlin aber sitzen ab heute in Sotschi am Brett. Das ist Austragungsort einer fast ausländerfreien und dennoch stark besetzten nationalen Mannschaftsmeisterschaft (die paar Nicht-Russen beherrschen wohl zumindest die russische Sprache). Das Titelfoto Original Zhem.ru, gefunden beim russischen Schachverband.

Teamaufstellungen wurden offenbar erst heute verraten, die allerbesten russischen Spieler fehlen aber dennoch jede Menge Weltklassespieler – definiert als Elo 2700+, ehemalige Weltklasse definiert als “hatte früher 2700+”.

Elofavorit ist diesmal Mednyi Vsadnik alias St. Peter Svidlerburg, das einzige Team mit Eloschnitt (der ersten sechs Bretter) knapp über 2700. Hinter Svidler spielen zunächst Vitiugov, Fedoseev, Matlakov und Rodshtein. Bundesliga-Bezug: Svidler hofft vielleicht insgeheim, dass Baden-Baden erst nach Stichkampf deutscher Meister wird – er will bei der Meisterfeier nicht fehlen aber trotzdem auch in seinem eigenen Land Mannschaftsmeister werden. Matlakov und Rodshtein fehlen bei Schwäbisch-Hall, aber denen ist laut Blogbeitrag von Stefan Löffler ohnehin die Bundesliga-Puste ausgegangen. Dass Mednyi Vsadnik Favorit ist, liegt auch daran, dass zwar ein Team aus Sibirien mitspielt – aber das kann sich am Spitzenbrett nur Khismatullin leisten. Das war ein relativ unbekannter Name (immerhin Karjakin-Sekundant), nun wieder bekanntere:

An zwei gesetzt Sima-Land – Vereinsname mir kein Begriff, sie kommen (nominell) aus Jekaterinburg und haben offenbar einen neuen Sponsor. Deren internationale (dabei russischsprachige) Truppe wird angeführt von Gelfand, Tomashevsky, Shirov und Malakhov – Gelfand ist und bleibt Israeli, Shirov ist nach Krach mit dem lettischen Schachverband (bzw. konkret offenbar einem Funktionär) seit kurzem wieder Spanier. Die vier anderen Spieler sind “auch nicht schlecht”, aber alle Namen kann ich nicht nennen. Tomashevsky reiste über Berlin nach Sotschi – in Berlin hat er nach dem Blitzturnier auch noch zweimal in der Bundesliga gespielt, damit fehlt er heute in Sotschi.

Dritter der Setzliste ist Legacy Square Capital aus Moskau, ihr Sponsor war schon zuvor und auch bei anderen Gelegenheiten aktiv. Spitzenbrett Dubov ist nach obiger Definition ehemaliger Weltklassespieler (derzeit Elo 2696), aber ich meinte eher andere (bereits erwähnt und ein Name kommt noch). Dahinter Inarkiev – spielt heute noch in Berlin und damit nicht, das wäre sonst in Sotschi der Fall, gegen Tomashevsky. Der Rest auch hier respektable russische Großmeister.

Diese drei Teams werden vermutlich den Meistertitel unter sich ausmachen – bei Mannschaftskämpfen wäre eine Überraschung wie Shanklands Triumph bei der US-Meisterschaft noch überraschender. Ich nenne nur noch zwei Spielernamen – an Brett eins und zwei für Ladya Artemiev und Kamsky. Gata Kamsky will offenbar mal wieder Russisch reden und hat vielleicht deswegen auf die US-Meisterschaft verzichtet. Hinter diesen beiden hat Ladya allerdings nur Elo unter 2600 im Aufgebot.

Warum steht im Titel “Mannschaftsmeisterschaften” (Plural)? Es gibt noch diverse andere Turniere. Die bekanntesten Namen trotz Elo unter 2600 im Damenturnier, auch da wohl ein Zwei- bis Dreikampf um den Titel zwischen Legacy Square (Kosteniuk, Kashlinskaya usw.), XMAO (etwas niedrigerer Eloschnitt aber homogener besetzt, vorne Ushenina, Pogonina und Girya) und eventuell noch St. Petersburg (Spitzenbrett Bodnaruk). XMAO, wer oder was ist das denn? Als relativ erfahrener Schreiberling, auch über russische Turniere, ist es mir ein Begriff: Khanty-Mansiysk Administrativ Oblast. Die neun anderen Teams mit Eloschnitt maximal 2210, auch für Damen-Verhältnisse kein Spitzenwert.

Von den acht besten russischen Damen fehlen Lagno und Gunina. Goryachkina spielt am Spitzenbrett eines Teams in der “Higher League” (Zweite Liga). Außerdem noch Turniere für Senioren (einziger mir bekannter Name Evgeny Sveshnikov), Jungens und Mädels U15 (getrennt) sowie U11 (Jungens und Mädels zusammen in einem Turnier) – da keine mir bekannten Namen und viel Elo teils deutlich unter 2000. Wer in einigen Jahren eventuell Premier League oder zumindest Higher League oder (sofern spielberechtigt) Damen-Mannschaftsmeisterschaft spielen wird, das wissen wohl weder die Redaktion noch die Spieler(innen) selbst.

Gespielt wird vom 1.-10. Mai (Ruhetag am 6.5.) jeweils ab 14:00 mitteleuropäischer Zeit.

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