Überraschungen bei US-Meisterschaften

  • 7
    Shares

Zu diesen Turnieren kein detaillierter Turnierbericht, sondern nur allgemeine Impressionen und kurze Bemerkungen zu einigen Spieler(inne)n und dem, was sie geboten haben. In beiden Turnieren führte vor der letzten Runde jemand, mit dem man eher nicht rechnen konnte (bei den Herren also keiner der drei Teilnehmer mit Elo über 2750). Der Aussenseiter behielt seine Führung, die Aussenseiterin stolperte in der letzten Runde und verlor den danach fälligen Stichkampf im Armageddon. “Doch keine totale Überraschung” bei den Damen war dabei, wenn man aus den Runden zuvor neben Ergebnissen auch die jeweiligen Partien betrachtet, auch nicht sooo überraschend.

Das kam dabei heraus: Herren bzw. offenes Turnier Shankland 8.5/11, Caruana 8, So 6.5, Robson, Nakamura, Lenderman 5.5, Izoria und Xiong 5, Akobian, Zherebukh, Liang 4.5, Onischuk 3.

Damen: Paikidze und Wang 8/11, Krush 7, Zatonskih und Yu 6.5, Abrahamyan 5.5, Foisor 5, Sharevich, Feng, Gorti 4.5, Goletiani 3.5, Derakshani 2.5. Danach zwei Weißsiege im fälligen Schnellschach-Stichkampf Paikidze-Wang, und im Armageddon gewann wiederum Weiß – Spiel, Satz, Sieg und Meistertitel damit für Nazi Paikidze.

Alle Fotos von Lennart Ootes, ab Turnierseite auf Flickr. Das Titelfoto stammt aus der elften und (bei den Herren) letzten Runde – Awonder Liang hat zuvor aufgegeben, Sam Shankland ist damit US-Meister. Ich mache weiter mit einer Fotoserie – relativ egal wann diese Fotos entstanden, Ladies first:

Diese Fotos chronologisch, auch wenn es galerietechnisch anders besser wäre – Annie Wang hatte im Turnierverlauf immer mehr Grund zum Lachen (wobei es auch aus späteren Runden Fotos gibt, auf denen sie während Partien konzentriert wirkt). Wer ist Annie Wang? Vor dem Turnier war mir der Name kein Begriff, ob man ihn sich nun langfristig merken muss wird die Zukunft zeigen.

Zuletzt lachte dann allerdings Nazi Paikidze – hier nicht, da während einer Partie abgelichtet. Sie ist eine von zwei US-Spielerinnen, die auch oder vor allem aus nicht-schachlichen Gründen international bekannt wurden – “trotzdem” wurde sie nach 2016 zum zweiten Mal US-Meisterin.

Rusudan Goletiani, wie Paikidze mit Wurzeln in Georgien, hier vor Runde 1 gut gelaunt – wie auch ihre Gegnerin Anna Zatonskih. Diese Partie konnte Goletiani dann nach zwischenzeitlich glatter Verluststellung Remis halten, Runde 2 gegen Titelverteidigerin Foisor auch, aber dann zunächst fünf Niederlagen. Turnierschach spielte sie zuletzt vor drei Jahren ebenfalls bei der US-Damenmeisterschaft, das hatte vielleicht Konsequenzen – auch wenn es danach besser lief und in der letzten Runde konnte sie gar indirekt in den Titelkampf eingreifen.

Noch eine war massgeblich daran beteiligt, dass im Damenturnier viele Partien Siegerin und Verliererin hatten – wobei Dorsa Derakshani ihre sechs Niederlagen (wie letztendlich Goletiani, aber die Neu-Amerikanerin blieb sieglos) gleichmässiger über das Turnier verteilte. Ansonsten kann man sich fragen, ob sie keine Zeit oder kein Geld für einen Besuch beim Friseur hat oder ob sie Iraner auch oder erst recht nach ihrem Verbandswechsel provozieren will. Auch sie meinte ich mit “vor allem aus nicht-schachlichen Gründen international bekannt”. Zu den Herren:

Sam Shankland hatte ich bereits – hier lacht er ebenfalls, wobei dieses Foto nicht aus der letzten Runde stammt.

Warum Fabiano Caruana nicht US-Meister wurde oder zumindest einen Stichkampf erreichte, siehe nächste Bilderserie:

Diesen Herrn zeige ich nicht wegen seiner kuriosen Jacketts, Tatev Abrahamyan zeige ich auch nicht wegen bunter und auch nicht Anna Sharevich wegen blonder Haare (Paikidze war übrigens, siehe Wikipedia, nicht immer blond). Auch nicht wegen – passend zur Anzahl ausgewählter Fotos – drei Niederlagen, das ist im Vergleich zu den zuvor gezeigten Damen etwas zu wenig. Sondern wegen seiner beiden Siege – Runde 4 gegen Caruana und Runde 7 gegen Nakamura. Nakamura hatte Caruana noch nach Runde 4 gewarnt, dass man Izoria nicht unterschätzen sollte.

Wer ist Zviad Izoria? Seine elobesten Zeiten (bis 2660) hatte er als Georgier, als Amerikaner spielt er mittlerweile eher sporadisch. Aber St. Louis ist, auch aus dem fernen Kalifornien, eine Reise wert – Reisekosten bekommt man ja mit reichlich Taschengeld zurück.

Weitere Bilder aus Runde 1:

Titelverteidiger Wesley So vorher gut gelaunt, und das war wohl auch nach zwei Siegen in den ersten Runden der Fall. Danach machte er allerdings konsequent das, was er (es sei denn, der Gegner will verlieren) am liebsten macht: Remis spielen. Es bedeutete am Ende Platz drei.

Turniersaal Herren, Lennart Ootes fotografierte dabei auch (andeutungsweise) Fotografen

“Draussen” – Fotos gehören in St. Louis dazu, auch wenn es sie im Laufe der Jahre bereits reichlich gab. Dieser Herr – besser gekleidet als die Spieler – ist Cristian Chirila. Bei anderen Turnieren in St. Louis spielt er auch mal selbst, bei der US-Meisterschaft redet er.

Foto “Turniersaal Damen” aus Runde 3, das interessierte offenbar nur Lennart Ootes. Sharevich (vorne gegen Irina Krush) erkennt man wie Derakshani auch von hinten problemlos, Abrahamyan am fünften Tisch mit Weiß.

Nach sechs Runden war Ruhetag, zu diesem Zeitpunkt führte bei den Herren Shankland (4.5/6) vor Caruana mit 4/6, Caruana hatte bereits gegen Izoria gespielt (Shankland auch, aber er hatte gewonnen). Bei den Damen führte Annie Wang (5/6) vor Nazi Paikidze (4.5/6) und Irina Krush (4/6). Wang hatte dabei bereits gegen Goletiani und Derakshani gespielt und generell bisher ein relativ leichtes Programm. Der Plan für die Verfolgerinnen schien klar: in der zweiten Turnierhälfte Wang besiegen und Goletiani besiegen (Derakshani hatten sie bereits). Schachlich werde ich die am Ende “glorreichen Vier” später charakterisieren.

In Runde 7 verlor Nakamura gegen Izoria, und das trotz “Mehrfigur” – die allgegenwärtige Red Bull Dose. Schachlich lag es daran, dass er nach zuvor sechs Remisen Pirc spielte – damit kann man vielleicht gewinnen, aber eben auch verlieren. Konkret entstand daraus ein Turmendspiel mit weissem Mehrbauern – laut Engine-Orakel machte Nakamura offenbar im 72. Zug den entscheidenden Fehler und gab nach 92 Zügen auf.

Um das aus Runde 4 nachzureichen: auch Caruana verlor gegen Izoria im Endspiel – insgesamt schlappe 82 Züge, in Remisstellung lehnte Caruana ein Remisangebot ab und verlor dann den Faden.

In Runde 8 der bereits erwähnte “Showdown” Wang-Krush:

Zuvor spielte Annie Wang, milde ausgedrückt, “durchwachsenes” Schach – 6/7 trotz diverser Verluststellungen und auch wenn sie besser/gewonnen stand war es danach nicht gerade souverän. Andere wunderten sich darüber, dass sie zuvor bei einem Turnier in Charlotte, North Carolina in einem Feld mit Elo 2200-2400 (vergleichbar mit bis etwas schwächer besetzt als die Damen-Meisterschaft) abgeschlagen Letzte wurde. Partien aus diesem Turnier kenne ich nicht, aber diese Art Schach zu spielen kann eben auch mal komplett schiefgehen?

Diese Partie war vielleicht noch absurder: Mit Weiß spielte Wang erst gnadenlos-konsequent auf Remis und zog dann recht planlos hin und her – so kann man (oder frau) dann in einer Verluststellung landen, und so kam es auch. Aber dann verwandelte Krush diese Gewinn- kurzzügig in eine Verluststellung! Wang-freundlich ausgedrückt: diese Chance nutzte sie dann.

Wang-Krush 0-1 1-0

Danach ein Interview mit Maurice Ashley

Und wenn ich Ashley zeige (sowie zuvor Chirila), kann ich auch Jennifer Shahade und Yasser Seirawan zeigen.

Runde 9:

Hat Nakamura eigentlich auch mitgespielt? Natürlich, ich hatte ihn ja auch schon “fotografiert”. Nach zuvor einer Niederlage (gegen Izoria) und sieben Remisen (mit Weiß stand er gegen Shankland zumindest verdächtig, es lag nicht an 1.b3!? sondern an Zügen danach) war er nun mit Schwarz ausgerechnet gegen Caruana nahe am Sieg, aber es wurde remis.

Andere Turbulenzen bei den Damen: Remis durch dreifache Zugwiederholung ging zunächst nur mit Erlaubnis des Schiedsrichters, den sie nicht rufen wollten – 29 Züge sind weniger als 30, ab dann ist es erlaubt. Also wiederholten sie eine andere Stellung dreifach und machten nach genau 30 Zügen remis. Beide zögerten etwas (zwei bis fünf Minuten pro Zug) – Paikidze, da sie mit Weiß eigentlich gewinnen musste, Wang, da sie mit Schwarz leicht besser stand.

Zu Runde 10 nur noch ein “Draussen” – Foto

und der Stand vorne danach- jeweils konnten nur noch zwei Meister(in) werden: Bei den Herren führte Shankland (7.5/10) vor Caruana (7/10), bei den Damen Wang (8/10) vor Paikidze (7.5/10).

Die jeweiligen bisherigen Turniere (was Siege betrifft) kurz zusammengefasst: Shankland profitierte davon, dass ein gewisser Zviad Izoria gegen ihn plötzlich den Faden verlor und überwand seine Gegner sonst vor allem in Endspielen – in Reinkultur Runde 10 gegen Vizemeister 2017 Onischuk. Caruana zerlegte u.a. zweimal mit Weiß Französisch (von Lenderman und Akobian) und gewann als Schwarzspieler gegen Robson auch mal wieder mit Russisch. Da lag es daran, dass Robson Caruanas zweites Bauernopfer vorsichtig ablehnte – dieses “unvorsichtig” bzw. ohne Angst vor Gespenstern annehmen, und Weiß steht gut.

Annie Wang hatte ich bereits charakterisiert. Paikidze gewann bevorzugt mit Schwarz, zweimal (gegen Yu und Foisor) lag es daran, dass ihre Gegnerinnen die Eröffnung rein gar nicht kannten und nach neun bzw. elf Zügen bereits schlecht standen. Ausserdem ein Weißsieg gegen Sharevich, die unter Druck stehend eine ungewöhnliche Verteidigungsressource übersah (24.-Sg8!!) – ungewöhnlich war es, “unmenschlich” vielleicht nicht wenn man sieht, dass alles andere schnell verliert. Zuletzt verwandelte dann Abrahamyan in Zeitnot eine zumindest klar bessere Stellung (gesunder Mehrbauer) kurzzügig in eine Verluststellung. Und Paikidze besiegte, wie viele andere, Derakshani.

Runde 11 – Entscheidung bei den Herren, aber noch nicht bei den Damen

Caruana-Onischuk 1-0 war im Nachhinein nicht mehr turnierrelevant. Onischuk ging recht chancenlos unter – letztes Jahr Vizemeister nach verlorenem Stichkampf gegen So, dieses Jahr Letzter. Zur anderen relevanten Partie wieder eine Bilderserie:

Shankland spielte eine ruhige Variante gegen Caro-Kann (1.e4 c6 2.d4 d5 3.exd5 cxd5 4.Ld3), die Gegner Awonder Liang dann mit 7.-e5!? würzte. Das gab es bereits, immerhin fünfmal. Shankland kannte es und spielte a tempo 8.h3 (auch das gab es immerhin einmal zuvor), Liang grübelte 16 Minuten und landete schnell in einer schlechten Stellung. Dann wurde es aus schwarzer Sicht Agonie, dann beschloss Awonder nicht mehr auf ein Wunder zu hoffen und gab auf.

Im Interview hatte Shankland Gefühl für Pathos, schliesslich ist er Amerikaner: “Das ist die Krönung meines Lebenswerks, dafür habe ich jahrelang Blut und Wasser geschwitzt”. Dieses Turnier brachte ihm auch 30 Elopunkte, damit hat er (zuvor jahrelang im Bereich etwa 2650-2680) nun Elo 2701 – da dieser Artikel verspätet am 1. Mai erscheint ist es bereits offiziell. Wie es für ihn nun weitergeht, wird die Zukunft zeigen – Vergleiche mit etwa gleichaltrigen Spielern: Matlakov, ebenfalls Spätzünder, hat sich im Club 2700+ etabliert – zeitweise hatte er noch etwas mehr. Howell war mal im Club und dann mal wieder nicht. Ragger besuchte diesen Club und wurde dann wieder im Bereich 2650-2680 eingeordnet.

Die Damen mussten bzw. aus Paikidzes Sicht durften nachsitzen:

Das “Fernduell”

Foisor-Wang 1-0! Wie zuvor angedeutet, angesichts des Turnierverlaufs zuvor nur dann eine Überraschung, wenn man Wangs Ergebnisse betrachtet aber nicht, wie sie zustande kamen. Annie Wang machte vielleicht den “Fehler”, aus der Eröffnung heraus gut zu stehen. Damit kam sie nicht zurecht, Foisor konterte dann mit Weiß und bekam vernichtenden Königsangriff.

Paikidze-Goletiani 1/2 – auch hier stand Weiß eher schlechter als besser, da Goletiani diese Kan-sizilianischen Strukturen besser kannte. Vielleicht Pech für Paikidze, dass sie in dieser wichtigen Partie Weiß hatte – mit Schwarz stand sie ja zweimal schnell klar besser. Dann hatte die Wahl-Blondine das Gröbste überstanden, sofort nach Wangs Aufgabe bot sie Remis und Goletiani war einverstanden.

Beide posierten dann zusammen für die Kamera, und tags darauf – nicht direkt nach der letzten Runde – ging es weiter:

Los geht’s – in der ersten Partie konnte Paikidze dann den Schwarzvorteil nicht nutzen sondern ging chancenlos unter.

Paikidze gibt auf, keine Triumphgefühle bei Wang (vgl. oben Shankland) denn noch war nichts entschieden. Die zweite Schnellpartie gewann dann Paikidze mit Weiß, obwohl sie in einem königsindischen Angriff zunächst schlecht stand – aber Wang nutzte ihre Chance diesmal nicht. Im Armageddon dieselbe Eröffnung und diesmal gewann Weiß (Paikidze) glatt.

Wie geht es weiter für die 15-jährige Annie Wang? Das ist, so sehe ich es, noch unsicherer als bei Sam Shankland. Sie wird nun als “Supertalent” bezeichnet, hat dabei trotz des überragenden Ergebnisses neben Stärken auch offensichtliche Schwächen. Öffentlich werden sie es nicht sagen, aber US-Verantwortliche sind vielleicht insgeheim doch froh, dass sie nicht Meisterin wurde. Sonst bekäme sie automatisch einen Platz in der Nationalmannschaft, und dann vielleicht demnächst bei der Olympiade in Batumi wieder ein Wang-Ergebnis wie zuvor in Charlotte, North Carolina – im Fall des Falles dabei nur eine Möglichkeit. Sie ist ja noch jung … . Paikidze, die auch nur noch sporadisch Schach spielt, steht mal wieder im Rampenlicht. Dauermeisterinnen Krush und Zatonskih konnten diesmal nicht in den Titelkampf eingreifen – bei Krush wäre es vielleicht anders gekommen, wenn sie ihre Gewinnstellung gegen Wang nicht verloren sondern gewonnen hätte.

Print Friendly, PDF & Email

  • 7
    Shares