Das Wimbledon des Schachs

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Es Ist Mai und es hat schon gute Tradition, eingebettet zwischen zwei Feiertagen  und zwei Wochenenden treffen sich die Schachspieler zum schönsten Amateuer-Event des Jahres. Wie jedes Jahr wenn die ACO ruft, reist man aus aller Welt auf die schöne Mittelmeer-Insel KOS, um sich im 5-Sterne Hotel Helona Resort zu treffen. 307 Teilnehmer aus 29 Ländern folgten dem Ruf des Veranstalters und reisten mit Ehefrau bzw. Lebensgefährtin an, in einigen Fällen waren auch die Kinder dabei.

Erstmalig waren auch drei Teilnehmer von den Bermudas vor Ort, darunter Nationalspieler Serguei Gontcharov (C-Gruppe), der sein Land unter anderem einst bei der Schach-Olympiade in Dresden vertreten hat. Der jüngste Teilnehmer Filip Ochedzan  war 7 Jahre alt und kam aus Polen, der älteste Louis Friedland, stolze  91 Jahre jung, kam aus Frankreich. Beide spielten in der Gruppe G, wo es auch ein direktes Duell zwischen den Spielern gab. Hier setzte sich die grössere Erfahrung durch.

Wie jedes Jahr erfreute sich der offizielle Empfang mit einem Glas Sekt oder Wein am Vorabend des Turniers grosser Beliebtheit, trifft man doch stets viele gute alte Freunde wieder. Auch wenn die letzten Teilnehmer aufgrund von Flugverspätungen erst nach Mitternacht eintrafen, sassen alle Schachspieler pünklich am nächsten Morgen um 10.00 Uhr am Brett. Gespielt wurden 9 Runden, in 7 Wertungsgruppen, A bis G. Die Wertungs-Gruppen wurden beginnend mit der Gruppe A Elo 2201 – 2400, abwärts gebildet. Die Bedenkzeit betrug 90 Minuten für 40 Züge und 15 Minuten für den Rest. Zudem gibt es einen Zeitaufschlag von 30 Sekunden pro Zug. Aufgrund des stets sehr fairen Umgangs der Spieler miteinander, gab es keine Streitfälle.

Ähnlich wie bei der legendären Tennisveranstaltung sind auch hier viele Dinge schon gute alte Tradition. Neben einem Vollpension-Verwöhn-Programm, gibt es die kostenlose Verpflegung während der Partie in einem wunderschönen, in Teppich ausgestattenen Turniersaal. Die Eröffnungsmelodie “Eloise”, die jeden Morgen vor Rundenbeginn gespielt wird, anwesende Grossmeister, mit denen man die eigene Partie analysieren kann, einen freien Tag, der stets zu einem Insel-Ausflug in der Gruppe oder in Eigenregie genutzt wird und mit einem griechischen Abend im Hotel endet. Simultan-Veranstaltungen anwesender Meisterspieler und diverse Blitz-Veranstaltungen waren auch dieses Mal ein fester Bestandteil des Rahmenprogramms. All dies findet stets in einer sehr familiären Atmosphäre statt.

Bereits vor Turnierbeginn weilte Schach-Weltstar Alexei Schirow zu Gast und bereitete 8 Schachspieler aus allen Leistungsgruppen 3 Tage auf dieses Turnier vor. Zudem war er ein Star zum anfassen, der sich nicht scheute,  auf Wunsch gegen andere Amateure eine Blitzpartie zu spielen. Auch wenn er in aller Regel gewann, war er nicht immer mit der eigenen Leistung zufrieden. Die ebenfalls anwesenden Grossmeister Spyridon Skembris und Zigurds Lanka waren stets gefragte Analyse-Partner, so manchem Amateur konnte mit Tips und Tricks geholfen werden. Beide Grossmeister hielten zudem Schachvorträge in deutscher und englischer Sprache, ein Angebot, welches sich grosser Beliebtheit erfreute.

Lebenskünstler Alex Günsberg aus der Schweiz, bekennender ACO-Fan und preigekrönter Literaturpreisträger, Autor von Büchern wie “Geschichten über Liebe , Krieg und Schach” oder “Von der Liebe und vom Teufel” stellte seinen neuen Roman “Mischa Turow oder die mörderische Suche nach Liebe” vor. Der Roman erzählt die Geschichte der Schachspielerin Mischa Turow, die die amtierende Weltmeisterin Pinyin To Chan aus China im Kampf um die weibliche Schachkrone herausfordert, wozu ihr jedes Mittel Recht ist. In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen einen Hinweis des Autors nicht vorenthalten, es soll Textstellen geben, die nicht ganz jugendfrei sind. Der Roman wird im nächsten Jahr erscheinen.

In der 8. Runde zur besten Mittagszeit, viele Schachspieler weilten bereits zu Tisch, trauten die verbliebenen Teilnehmer im Turniersaal vorübergehend ihren Augen nicht und der eine oder andere vermutete sogar eine “ungarische Fata Morgana”, als überraschend die beste Schachspielerin aller Zeiten im Turniersaal auftauchte. Judit Polgar mittlerweile 41 Jahre alt, vom aktiven Turnierschach längst zurückgetreten, besuchte ihre Freudin Maria im Turniersaal, um ihr höchstpersönlich die Daumen zu drücken. Hatte Maria im letzten Jahr nur bescheidene drei Punkte erzielt, dominierte Sie nun 8 Runden lang ihre Gruppe, lag vor der Schlussrunde punktgleich an der Spitze mit Simon Faber aus Deutschland und wurde am Ende aufgrund einer unglücklichen Niederlage nur Zweite hinter Simon Faber, der mit 7,5 Punkten die F-Gruppe gewann. In diesem Zusammenhang darf gerne spekuliert werden, belegen kann ich es nicht, aber gehen wir mal davon aus, dass Judit Polgar einen nicht unerheblichen Anteil an dieser positiven Entwicklung hat.

Judit Polgar

 

Das Highlight der Abschluss-Veranstaltung, mit Ehrengast Judit Polgar, war wie im letzten Jahr das Mini-Gratis-Konzert der chilenischen Künstlerin Maria Jose Yurar Rescaglio, die in Südamerika, somit weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus, als Künstlerin sehr bekannt ist und unter dem Künstlernamen Juga de Prima auftritt. Schon vor Beginn der 9. Runde gab es seitens der Künstlerin eine kleine Überraschung für alle Teilnehmer. Statt der bewährten und beliebten Eloise-Melodie hörten und sahen wir ein Musikvideo mit dem Titel “Oh my dear Capablanca” welches Sie aufgenommen hatte.

Flyer zum download

Die Würdigung der Sieger möchte ich einmal anders vornehmen. Sieger in der Gruppe A und G Familie Sarantos von der Insel Kos. Vater Vasileios gewann die Gruppe A mit 7 von 9 möglichen Punkten. Tochter Angeliki die Gruppe G mit 8 Punkten aus neun Partien. Sieger in der Gruppe C und E Familie Ochedzan aus Polen. Junior Tymon Ochedzan siegte in der C-Gruppe, wobei er auf stolze 8 von 9 möglichen Punkten kam und nur gegen den zweitplazierten Marco Siebarth, ebenfalls 8 Punkte, in der 5. Runde verloren hatte. Sein Vater Robert Ochedzan gewann die E-Gruppe mit 7,5 aus 9. Sieger in der Gruppe B wurde der schwedische Fide-Meister Bhengt Hammer, der zu seinen besten Zeiten mehr als 2400 ELO-Punkte aufwies. Sieger der Gruppe D wurde der Inder Ashwin Kumar Subramanian mit 7,5 aus 9 vor 2 weiteren Spielern mit jeweils 7 Punkten.

Das Schlusswort haben dieses Mal Teilnehmer, die zum ersten Mal vor Ort waren.

“Die Teilnehmer sind alle sehr entspannt. Es fehlt an nichts. Ein schönes Urlaubsturnier im weltmeisterlichen Ambiente, dazu ein tolles Preis-Leistungsverhältnis.”. (Peter Trzaska, Gruppe B)

“Eine perfekte Organisation” (Marco Siebarth, Gruppe C)

“Alles sehr gut, wenn nur die Niederlagen nicht wären.” (Barbara Kroll, Gruppe E)

Urlauber und Schachspieler Holger Lassahn vom SC Lindau, welcher zufällig im Nachbarhotel zusammen mit seiner Ehefrau seinen Urlaub genoss und gelegentlich im Turniersaal gesichtet wurde, urteilte “an dieser Veranstaltung kommt man als Schachspieler nicht vorbei”.

Eine sehr schöne Veranstaltung ist wieder zu Ende. Schade nur, dass Sie nicht dabei waren. Sofern ich Ihnen einen Rat geben darf, vielleicht probieren Sie es im nächsten Jahr einfach mal aus. Die Veranstaltung findet dann am gleichen Ort vom 11. Mai bis 20. Mai statt. Bis dann!

TurnierseiteResultate

Fotos: Wolfgang Hartmann

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