Norway Chess 2018

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Ab Sonntag ist die Weltelite unter sich in Stavanger – auch wenn sie durch Verschiebungen in den Elozahlen wieder nicht die komplette live-aktuelle top10 haben. Die Teilnehmer nach Elo sortiert: Carlsen, Caruana, Mamedyarov, Ding Liren, Vachier-Lagrave, Karjakin, So, Nakamura, Aronian, Anand – alphabetisch durcheinander und es passt auch nicht unbedingt zum “gefühlten” bzw. langfristigen Niveau einiger Spieler!

Vorstellen muss ich sie wohl nicht, Norway Chess hat (jedenfalls inzwischen) auch eine hohe “Alle Jahre wieder” Komponente. Neu dabei sind Mamedyarov (letztes Jahr zu spät in die top10 vorgestossen, da waren die Stavanger-Einladungen bereits vergeben) und Ding Liren (erst seit kurzem etablierter top10-Spieler) – für den Chinesen ist nun nach zuletzt 3/3 in der chinesischen Liga gar Elo 2800 in Reichweite. Sie ersetzen im Vergleich zum Vorjahr Kramnik (Pause nach dem Kandidatenturnier, offenbar bis Dortmund) und Giri (war zwischendurch nicht top10, erst nach Wijk aan Zee 2018 wieder).

Die drei Elo-letzten hatten zuletzt schlechte Turniere. Nakamura ist trotz US-Meisterschaft noch gerade so in der top10, Aronian (Kandidatenturnier) und Anand (Grenke Chess) sind es momentan nicht – was derzeit nicht ist, kann wieder werden, vielleicht schon nach diesem Turnier.

Zuerst die Fakten: Gespielt wird vom 28.5.-7.6. mit nach jeweils drei Runden einem Ruhetag. Nach dem zweiten Ruhetag am 4.6. zieht das Turnier um vom Clarion Hotel Energy (Titelfoto) in die Konzerthalle – dafür bräuchte man den Ruhetag nicht unbedingt, beides befindet sich in Stavanger (bei den ersten Auflagen waren einige Runden auch in der Umgebung, nun brauchen sie derlei bunte touristische Fotos offenbar nicht mehr). Rundenbeginn immer um 16:30, dann hat auch Carlsen ausgeschlafen – vielleicht wird er trotzdem während Partien flegelhaft gähnen, derzeit noch nicht bekannt. Zeitkontrolle ist 100 Minuten für 40 Züge, dann 50 Minuten für die nächsten 20 und 15 für den Rest, 30 Sekunden Inkrement erst ab dem 61. Zug. Das sollte auch Carlsen mittlerweile wissen, und wenn nicht dann eben nicht. Zu allen Regeln gibt es Ausnahmen, selbst zu “es gibt Regeln für alle, und Ausnahmen für Carlsen” – auch bei ihm bedeutet Zeitüberschreitung Partieverlust.

Vor dem eigentlichen Turnier am Sonntag ein Blitzturnier, da sollte man möglichst unter den ersten fünf von zehn landen denn dann bekommt man mit klassischer Bedenkzeit einmal öfter Weiß (schaffen werden es fünf von zehn). Offizieller Livekommentar von Simen Agdestein mit garantiertem Carlsen-Hype. Unterstützt wird er in den ersten drei Runden von einem gewissen Knut Skeie Solberg – wer auch immer das ist, jedenfalls ist er Norweger – und in den restlichen Runden von Anna Rudolf, die inzwischen vor allem über Schach redet und nur noch sporadisch selbst spielt. Das gilt auch für das halbe Duo bei chess24, wobei da neben Jan Gustafsson auch Peter Svidler kommentieren wird – Zugang nur für Premium-Mitglieder.

Nun ein bisschen Norway Chess Geschichte: Ein reines Eliteturnier war es nicht immer, bei den ersten vier Auflagen ab 2013 jeweils auch noch ein Skandinavier (zweimal Hammer, einmal Agdestein, einmal Grandelius). 2016 war gar das halbe Feld nicht ganz top10, dafür gab es diverse Gründe: Sie hatten den Termin so verlegt, dass er mit der US-Meisterschaft kollidierte und sich außerdem aus der Chess Tour verabschiedet, Topalov (glücklicher Vorjahressieger) war elomässig abgestürzt, Karjakin sagte nach Sieg im Kandidatenturnier ab und wurde durch Li Chao ersetzt. Diese Improvisation wiederholten sie nicht, und das obwohl ein gewisser Magnus Carlsen davon profitiert hatte.

Nächster Teil des Rückblicks: Ist Carlsen Favorit? Norway Chess historisch gesehen nicht unbedingt. 2013 und 2014 war jeweils 5.5/9 nicht schlecht, aber jeweils erzielte Karjakin 6/9. 2015 (3.5/9) und 2017 (4/9) war dagegen nicht weltmeisterlich. 2016 hatte ich bereits angedeutet, da gewann Carlsen – da Harikrishna und Grandelius gegen ihn die Eröffnung vergeigten, Kramnik auf einem total falschen Plan bestand, und gegen Eljanov gewinnt er sowieso. So wird er diesmal nicht gewinnen, seine diesjährigen Hoffnungen beruhen vielleicht eher auf So (spielt manchmal grottenschlecht gegen Carlsen, manchmal allerdings auch schamlos-konsequent-erfolgreich auf Remis) und Nakamura (verliert gerne gegen Carlsen, auch mal aus Gewinnstellung heraus – war allerdings zuletzt nicht mehr so lieb zum Norweger). Bei Norway Chess hat allerdings bisher keines von beidem funktioniert – Carlsen-Nakamura dreimal remis, zu Sos Ergebnis anno 2017 komme ich noch.

Der dritte Amerikaner im Turnier Fabiano Caruana war bei drei Auftritten (zwei davon als Italiener) der konstanteste Spieler: 4.5/9, 4/9 und 4.5/9 – ich riskiere mal eine sichere Prognose: so wird man nicht Turniersieger. Aber was nicht war, kann vielleicht werden. Nakamura belegte dreimal Platz zwei bis drei (5.5/9, 6/9 und 5/9). Karjakin zeigte sich bei seinem dritten Auftritt 2017 solidarisch mit Carlsen und wurde da noch hinter ihm mit 3.5/9 Letzter. Ebenfalls stark unterschiedliche Ergebnisse im Laufe der Jahre für Aronian, der zweite Spieler (neben dem, für den das Turnier kreiert wurde) der bisher immer mitspielte – Tiefpunkt 3/9 anno 2015 (damals kriselte er auch anderswo), Höhepunkt 6/9 und Platz eins anno 2017. Damit sind alle vier bisherigen Sieger bei fünf Auflagen erwähnt, nochmals: 2013 Karjakin, 2014 Karjakin (der schon wieder), 2015 Topalov, 2016 Carlsen (geht doch, wenn alles passt), 2017 Aronian.

Und das noch: Immer wenn die Remisquote in Superturnieren “zu hoch” ist wird gemeckert. Bei Norway Chess war es allerdings bisher eher nicht der Fall, und in bisher fünf Jahren hatte nur ein Spieler hatte ein diesbezüglich “perfektes” Turnier: 2017 nicht Anish Giri (zwar 4.5/9, aber +2=5-2) sondern Wesley So (4.5/9, =9). Wenn es dieses Jahr überhand nehmen sollte, kann man eventuell bei der französischen Mannschaftsmeisterschaft TOP12 vorbeischauen, da wird es schon (und nicht nur, weil in Frankreich Remisen völlig ignoriert werden) Partien mit Sieger und Verlierer geben. Mamedyarov will offenbar (semi-)simultan spielen: in Stavanger in eigener Sache, in Brest in Diensten von Baden-Bischwiller (Sponsor nicht etwa Grenke Leasing sondern Grenke Location) – vermutlich müssen Bacrot, Naiditsch und Kollegen auf den Azeri verzichten.

 

 

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